23.01.1984

ISLAM-GIPFELKlarer Sieger

Die Islamische Gipfelkonferenz in Casablanca ebnete den Weg zur Aussöhnung mit Ägypten - und bestätigte den Führungsanspruch von PLO-Chef Arafat. *
Wenn ihr Männer seid", rief Libyens zweitstärkster Mann, Abdessalam Dschallud, "dann soll jetzt jeder aufstehen und sagen, ob er dafür oder dagegen ist."
Doch Saudi-König Fahd lehnte ab, weil er die Entscheidungsfreiheit des Plenums nur durch geheime Wahl gewährleistet sah. Das Resultat gab ihm recht: Am Ende einer langen Nacht entschied die Islamische Gipfelkonferenz in Casablanca mit 31 gegen 7 Stimmen, die Ägypter, die nach dem mit Israel und den USA geschlossenen Vertrag von Camp David ausgestoßen worden waren, zur Rückkehr "in die islamische Familie" aufzufordern.
Syrer und Libyer nahmen an der Abstimmung nicht teil. Dschallud knüllte nur wütend seinen Notizblock zusammen, warf ihn in die Urne und verließ schimpfend den Saal.
Vor allem Pakistans Sia-ul Hak und Guineas Sekou Toure hatten sich für eine bedingungslose Rehabilitierung Ägyptens stark gemacht. Man könne Kairo nicht länger für seine Kontakte mit Israel strafen, nachdem die Araber-Liga in ihrem Fes-Plan den Judenstaat indirekt anerkannt habe. Nur Syrien, Libyen und der Südjemen bestanden darauf, daß Kairo erst das Camp-David-Abkommen widerrufen müsse, bevor Versöhnungsgespräche mit den Ägyptern stattfinden könnten.
Als Dschallud dann noch die Ägypter des "Verrats an der Sache der Palästinenser" bezichtigte, stand Sia auf und rief PLO-Chef Arafat zu: "Sagen Sie diesem Mann, wer die palästinensische Sache verraten hat."
Mit den Radikalen stimmten auch die sonst moderaten Tunesier - weniger aus weltanschaulichen Gründen als aus Furcht, das Hauptquartier der Araber-Liga werde von Tunis nach Kairo umziehen, wenn die Ägypter wieder hoffähig werden.
Die Aussöhnung der islamischen Welt mit Ägypten war das wichtigste Ergebnis des 30 Millionen Dollar teuren Gipfelpalavers in Casablanca. Für die ersten drei Konferenztage verzeichnet das Protokoll sonst nur intrigantes Gezänk auf allen Rängen - vor allem auf den arabischen.
Sia-ul Hak artikulierte stellvertretend für die Kollegen den Groll der Afrikaner und Asiaten über die tönende Egozentrik der Araber: "Sie versuchen, mit Ihren Streitereien die islamische Einheit zu zerstören."
Doch da war nicht viel zu zerstören. Casablanca hat erneut bewiesen, daß Staaten wie das schwarzafrikanische Guinea, der südarabische Jemen und das südostasiatische Indonesien außer dem Glauben nichts miteinander gemein haben. Das zeigte schon die Agenda. Islamischer Fundamentalismus, Hunger in Bangladesch und Tschad-Konflikt hatten auf der Tagesordnung keinen Platz. Golfkrieg und Palästinenserfrage wurden nur am Rande erörtert.
Der Dialog, zu dem der Gastgeber, König Hassan von Marokko, aufgerufen
hat, konnte schon deshalb nicht stattfinden, weil die wichtigsten Dialogpartner nicht erschienen waren. Der syrische Kriegsherr Hafis el-Assad ließ sich durch seinen Außenminister, Abd el-Halim el-Chaddam, vertreten. Persiens Ajatollah Chomeini hatte nicht einmal einen Vertreter geschickt.
Der Libanon-Präsident Amin Gemayel hielt das Forum in Casablanca für ungeeignet, libanesische Probleme zu erörtern. "Es ist nicht erforderlich", sagte Libanons Außenminister Elie Salim, "daß Dschibouti und Mauretanien auch noch um ihre Meinung gefragt werden."
Klarer Sieger der Konferenz war Palästinenser-Chef Jassir Arafat. Der PLO-Vorsitzende, der sein Amt gegen die von Libyen und Syrien gestützten PLO-Rebellen verteidigen muß, thronte in der Konferenzrunde als gleichwertiger Delegationsleiter zwischen Scheichs, Königen und Präsidenten. Er wurde auch noch zu einem der drei Vizepräsidenten des Kongresses gewählt.
Für Arafat war Casablanca die Qualifikationsrunde vor dem Kongreß des Palästinensischen Nationalrates, der im Februar in Algier über den neuen PLO-Kurs entscheiden soll. Sein Auftritt in Marokko hat diesem Kurs sichtbar Schubkraft gegeben.
Arafat hatte schon im Vorfeld der Gipfelkonferenz wichtige Weichen gestellt. Er war - ganz Staatsmann - in Amman mit Jordaniens König Hassan über die Autonomie Westjordaniens ins Gespräch gekommen und hatte in Kairo - wenngleich ohne Auftrag - einen fast historischen Frieden mit dem von der PLO bis dahin verteufelten Präsidenten Husni Mubarak geschlossen.
Das arabische Lager hat diesen Kurs nun gebilligt. Der PLO-Chef braucht jetzt nur noch das Einverständnis von zwei Dritteln des 385 Mitglieder starken Palästinensischen Nationalrates, um den eingeschlagenen Weg fortsetzen zu können.
Der benötigten Mehrheit kann Arafat allerdings nur sicher sein, wenn die israelische Regierung die 180 Delegierten aus dem Westjordanland ausreisen läßt, die fest zu Arafat stehen. Wenn diese hundert Stimmen fehlen, könnte es knapp werden in Algier.
Doch Israel-Premier Jitzchak Schamir, der seinerzeit schon gegen Camp David und gegen den Sadat-Besuch in Jerusalem war, hat mitteilen lassen, seine Regierung werde der Arafat-Lobby keine Ausreisevisa erteilen.
Am Freitag schob die - formell bereits aufgelöste - Islamische Gipfelkonferenz noch eine Freundlichkeit für den neuen Arafat-Protektor Mubarak nach. Nachdem der Ägypter erklärt hatte, er werde keinerlei Bedingungen für die Wiederaufnahme akzeptieren, kam aus Casablanca eine Zusatzresolution. Sie billigte Kairos Festhalten am Camp-David-Vertrag ausdrücklich.

DER SPIEGEL 4/1984
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