27.08.1984

FALKLAND-KRIEGWald von Windmühlen

Wollten die Briten den Falkland-Sieg auch mit Atomeinsatz erringen? Presse-Enthüllungen rückten Margaret Thatchers Kriegskabinett ins Zwielicht. *
Von allen 650 Abgeordneten des Unterhauses hat Tam Dalyell, 52, gewöhnlich den höchsten Aktenstapel vor sich aufgehäuft. Hinter seinem Wall von Dokumenten wurde der Labour-Mann zum hartnäckigsten Widersacher von Regierungschefin Margaret Thatcher.
Dalyells Spezialität: In fast jeder Fragestunde drangsaliert er die Eiserne Lady mit seinem Hauptthema - der Versenkung des argentinischen Kreuzers "General Belgrano" durch das britische Atom-U-Boot "Conqueror".
Mit dem Untergang der "General Belgrano" am 2. Mai 1982 begann die verlustreiche Phase des Kriegs im Südatlantik. 368 Argentinier versanken mit dem altersschwachen Kriegsschiff.
Dalyell, der immer die querulatorische These verfocht, die Versenkung der "General Belgrano" sei ebenso vermeidbar gewesen wie der ganze Krieg, erhielt vergangene Woche publizistische Schützenhilfe. Das angesehene britische Magazin "New Statesman" untersuchte nicht nur kritisch die Umstände, die zum Kriegsausbruch geführt hatten, sondern erschreckte die Briten mit einer ungeheuerlichen Behauptung: Die Londoner Regierung habe einen nuklearen Angriff auf eine argentinische Stadt, zumindest aber die Drohung mit einem Atomschlag erwogen, falls der Krieg einen ungünstigen Verlauf nehmen sollte.
Die beiden während des Falkland-Kriegs höchsten Admiräle Ihrer Majestät, Lord Lewin und Sir Henry Leach, widersprachen empört. Lewin: "Das tauchte niemals auch nur in unseren entferntesten Gedanken auf."
Nicht so abenteuerlich wie der angeblich erwogene Nuklear-Einsatz erscheint vielen Briten inzwischen Dalyells These, Frau Thatcher habe die "Belgrano" nur versenken lassen, um einen Friedensplan platzen zu lassen, den der peruanische Präsident Belaunde Terry kurz zuvor mit dem damaligen US-Außenminister Alexander Haig entworfen hatte.
Der Plan sah unter anderem den Abzug der Argentinier und eine zeitlich begrenzte internationale Kontrolle über die Inseln vor.
Im Unterhaus stand Dalyell lange allein mit seinen Ansichten, doch schließlich bekam er sogar aus Tory-Reihen Zulauf. "Tam", meinte ein konservativer Abgeordneter, "ist kein Don Quichotte, der sich in einem Wald von Windmühlen verlaufen hat."
Zunächst hatte Dalyell die Behauptung des ehemaligen Verteidigungsministers John Nott widerlegt, die "Belgrano" sei auf die britische Armada, östlich der Falkland-Inseln, zugelaufen. In Wirklichkeit fuhr die "Belgrano" entgegengesetzten Kurs, Richtung Heimathafen Ushuaia auf Feuerland.
Außerdem war die "Belgrano" außerhalb der von London um die Falklands verhängten Sperrzone angegriffen worden. Und falsch war das offizielle Datum, an dem das Jagd-U-Boot die "Belgrano" aufgespürt haben sollte: am 2. Mai.
Tatsächlich hatte die "Conqueror" ihr Opfer schon am 30. April entdeckt und dann, so Kommandant Christopher Wreford-Brown, "über 30 Stunden lang" beobachtet. Die Versenkung war eine kaltblütige politische Entscheidung, die den Konflikt verschärfte.
In welchem Ausmaß versucht worden war, die Affäre zu vertuschen, erfuhr aber selbst Dalyell nur durch Zufall: Ein anonymer Absender schickte ihm seit Ende April etappenweise Dokumente aus dem Thatcher-Kabinett, die weit über den "Belgrano"-Fall hinausgreifen.
Die Unterlagen betreffen den Gefechtsrahmen, der für die britische Südatlantik-Armada abgesteckt worden war. Dabei steht eine Sitzung des sechsköpfigen Gremiums vom 30. April im Mittelpunkt: Frau Thatcher und ihre Mitstreiter beschlossen an diesem Tag, entscheidende Schläge gegen die Argentinier zu führen.
Als Hauptziel wurde die Versenkung des Flugzeugträgers "25. De Mayo", des Flaggschiffs der argentinischen Flotte, definiert. Das Atom U-Boot "Splendid" sollte das erledigen.
Militärisch blieb die Order zwar ohne Folgen, da die "Splendid" nicht in der Lage war, den Flugzeugträger aufzuspüren. Politisch aber bedeutete der Angriffsbefehl eine schwere Belastung für Außenminister Pym. Denn er hatte vor, am Nachmittag des 1. Mai in die USA zu fliegen, um mit Haig die jüngste Friedensinitiative zu erörtern.
Pym habe denn auch, so berichtete der "New Statesman", vor dem Kriegskabinett gegen den Angriffsplan protestiert. Kurz vor dem Abflug in die USA habe er seine Einwände nachträglich protokollieren lassen. Aber am 1. Mai hatten britische "Vulcan"-Bomber begonnen, den Flugplatz der Falkland-Hauptstadt Port Stanley zu bombardieren. Das Sterben im Südatlantik ging weiter.
Die im "New Statesman" abgedruckten Dokumente widerlegen die Strategie, die Verteidigungsminister Nott nur einen Tag nach der "Belgrano"-Versenkung verkündet hatte: Englands Truppen würden nur "minimale Gewalt" anwenden. Im Unterhaus berief sich Nott auf einen Spruch Admiral Nelsons: "Großmut im Sieg ist unser Ziel", hatte der Trafalgar-Held gesagt.
Genau da lag das Problem: Die Briten waren vom Sieg weit entfernt; einen Anlaß, großmütig zu sein, sahen sie deshalb nicht. Im Gegenteil: Nach der Versenkung des Zerstörers "Sheffield" schien sogar eine Niederlage nicht mehr undenkbar.
In dieser Situation wollten die Strategen um Margaret Thatcher, so der "New Statesman" unter Berufung auf eine "gutplazierte Quelle", mit einer Nuklear-Attacke auf das Festland drohen, falls die argentinische Luftüberlegenheit den Untergang der "Task Force" hätte bedeuten können.
Als Ziel eines Atomraketenangriffs sei Cordoba ausersehen worden, mit einer Million Einwohner Argentiniens zweitgrößte Stadt. Ein "Polaris"-U-Boot, zitierte der "New Statesman" aus Geheimdepeschen an die britische Botschaft in Washington, sei bis auf die Höhe der Atlantikinsel Ascension verlegt worden.
Im Gegensatz zu den Admirälen kommentierte Premierministerin Margaret Thatcher, auf Urlaub am Zuger See in der Schweiz, die Vorwürfe bis vorigen Freitag mit keinem Wort. "Die Sprecher von Frau Thatcher", spottete die Londoner Abendzeitung "The Standard", "ziehen die Köpfe ein und pressen die Lippen zusammen."

DER SPIEGEL 35/1984
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