27.08.1984

Der frühe Tod des Leutnants Tinker

Aus den Briefen eines vor den Falklands gefallenen britischen Marine-Offiziers Der britische Leutnant zur See David Tinker, 25, fiel am 12. Juni 1982. Sein Vater gab Davids Briefe von der Front an seine Familie als „Kriegstagebuch“ heraus. _(Hugh Tinker (Hg.): „Das kurze Leben des ) _(Leutnants zur See David Tinker ) _(1957-1982“. rororo aktuell, Reinbek bei ) _(Hamburg; 221 Seiten; 9,80 Mark. ) Auszüge: *
2. April 1982
Danke für Euren langen Brief. Das hier wird nur ein kurzer, um Euch zu sagen, daß wir heute erfahren haben, daß wir zu den Falklands geschickt werden, um den Argentiniern eins auf den Hut zu geben. Das macht ja nun mal richtig Spaß, und es ist mal wieder ganz Maggie Thatcher, mit einer Demonstration der Stärke klarzustellen, daß wir an unseren paar restlichen Kolonien festhalten werden!
7. April 1982
Laß Dir versichern, daß ich an einem der besten Plätze des Schiffs postiert bin, sogar wenn das Schlimmste passieren sollte. Ich werde die ganze Zeit entweder im Hangar oder auf dem Flugdeck sein. Der Hangar ist der am besten geschützte Platz auf dem Schiff mit dicken Doppeltoren.
10. April 1982
Zuzeiten scheint die Situation absolut idiotisch: Da wären wir also, im Jahr 1982, und fechten auf der anderen Seite der Welt einen Kolonialkrieg aus - 28 000 Mann, die drauf und dran sind, um ein ziemlich trostloses Stück Land mit 1800 Einwohnern zu kämpfen. Wenn alles vorbei ist und Millionen Pfund ausgegeben sind, wird man sie wieder in Frieden lassen, und die 28 000 Mann werden wieder verschwinden.
Dennoch ist es interessant, sich auf den Krieg vorzubereiten, selbst wenn hoffentlich alle über kurz oder lang endlich Vernunft annehmen.
Gerade darüber habe ich mir auch schon früher häufig Gedanken gemacht; und die Erziehung unserer Jungen kreist zu einem gewissen Maß ja auch um kriegsähnliche Aktivitäten und Kriegsgeschichten. Wenn wir ein paar Schüsse vor den Bug abfeuern dürfen, reicht das voll und ganz, und die Ehre ist gerettet. Ich persönlich will keinen einzigen Argentinier umbringen und auch sonst niemanden.
Es ist eine sehr unwirkliche Zeit. Alle Vorbereitungen auf den Krieg werden getroffen, von denen man immer meint, es gäbe sie nur in Kriegsfilmen - aber jetzt werden sie tatsächlich getroffen. Man könnte fast meinen, es wäre ein gigantischer Humbug.
16. April 1982
Ich kann nicht glauben, daß die Argentinier kämpfen wollen, wo das alles gegen sie aufgeboten wird. Sie werden bestimmt schon bald nachgeben müssen - hoffen wir schon übers Wochenende. Und dann können wir alle nach Hause.
Ich denke, Dir kommen die Falklands schon zu den Ohren heraus, aber es ist schon ziemlich spannend, an so einem Punkt zu sein, auf den sich alle Schlagzeilen der Zeitungen konzentrieren - etwas, was ich nie wieder erleben werde.
Hier kann man erleben, wie die Kräfte der Regierung und des Staates dem Individuum diktieren, etwas zu tun, was es überhaupt nicht tun will. Ganz faszinierend.
6. Mai 1982
Ich kann nur wünschen, daß die britische Regierung von den Vereinten Nationen, den USA und der EG unter Druck gesetzt wird, den Krieg zu beenden. Es sind die britischen Angriffe, die die wirklichen Kämpfe verursachen; die Argentinier vergelten lediglich Gleiches mit Gleichem ... Ich hoffe, daß die Regierung bald über einen Mißtrauensantrag stürzt oder daß sie Vernunft
annimmt und einem Waffenstillstand zustimmt.
16. Mai 1982
Wir leben hier in ständiger Anspannung, schlafen nicht, sondern dösen bloß im kompletten Kampfanzug und warten darauf, daß die Klingel den nächsten Luftangriff meldet und wir auf Gefechtsstation müssen. Das Bild, das (Verteidigungsminister) Nott und Konsorten entwerfen, ist nicht richtig. Die argentinische Luftwaffe hat die neuesten Kampfflugzeuge und Raketen, die wir einfach nicht haben.
Was hier geschieht, ist barbarisch und völlig unnötig. Es ist widerwärtig, daß zwei christliche und aufgeklärte Länder (oder doch wenigstens eines davon!) zu solchen Mitteln greifen, und alles aus einem kleinkarierten Grund.
22. Mai 1982
Ich frage mich manchmal, ob ich denn damit, daß ich dieses ganze Blutvergießen um einer Flagge willen aufs äußerste ablehne, ganz allein dastehe.
Es ist ganz leicht zu sehen, wie es zu diesem Krieg gekommen ist - Mrs. Thatcher glaubte, sie sei Churchill, der einem Hitler trotzt, und die Navy riet zu einem Blitzkrieg, bevor der Winter einsetzt; die Navy-Chefs wollten außerdem einen maximalen Einsatz der Flotte mit maximaler Werbewirkung, um die vorgesehene Verkleinerung der Navy abzuwenden, was auch passiert ist. Im äußersten Fall hätten Sieg und Niederlage dasselbe Ergebnis gehabt - Werbewirkung und Unterstützung durch die Öffentlichkeit, entweder Jubel oder Mitleid.
Gestern war der Tag der Landung, als fünf Schiffe schwer beschädigt wurden, weil sie vom Admiral mitten zwischen die Inseln geschickt worden waren und die angreifenden Flugzeuge erst im Abstand von einer oder zwei Meilen erfassen konnten (was einer Reaktionszeit von etwa zehn bis fünfzehn Sekunden entspricht). Sie lagen einfach da und spielten Ziel für die Wellen angreifender Maschinen, die immer zu viert kamen. Sie hatten gerade Zeit, vielleicht vier Seacat-Raketen abzufeuern, und holten damit eines oder zwei von den vier Flugzeugen runter. Wie dem auch sei - jedenfalls wurden alle Schiffe beschädigt.
Wir sind alle auf das Gefecht auf offener See eingerichtet ... Dicht unter Land zu gehen, wo man die Flugzeuge erst sehen kann, wenn sie auf eine Meile heran sind, ist der reine Selbstmord.
26. Mai 1982
Ich glaube nicht, daß bis in die Heimat durchdringt, wieviel Prügel die Navy wirklich bezogen hat, sonst - da bin ich mir sicher - hätte es mehr Empörung gegeben. Vier von unseren Schiffen sind versenkt worden, vier abgeschrieben und ungefähr sieben schwer beschädigt - und um die hundert Leute sind umgekommen. Das ist wirklich und wahrhaftig teuer. Wenn sie jeder falkländischen Familie eine Million Pfund gegeben - und alle ihre jungen Männer exekutiert hätten! - hätten wir letztlich dasselbe Resultat wie jetzt erreicht.
Ich frage mich oft, worum wir kämpfen. Vielleicht, weil die Argentinier Antimonetaristen sind? Jedenfalls nervt es uns ungeheuer, daß wir für ein Prinzip verheizt werden sollen.
Sie (die Mirages - d. Red.) kamen direkt von achtern und flogen so tief, daß wir die Raketen nicht einsetzen konnten, aber die an ihre exponierten 20-mm-Kanonen geschnallten Marines hatten ihren großen Tag. Sie schossen mit Leuchtspurmunition durch die Gegend, und einer von ihnen brüllte: "Komm her, daß ich es dir besorgen kann, du Bastard!"
30. Mai 1982
Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn man angegriffen wird - eine Mischung aus "Adieu, du böse Welt", während du mit deinem Stahlhelm daliegst und ihn festhältst, und dabei denkt man sich gleichzeitig: "Die müssen ja verrückt sein! Wissen die denn nicht, daß es wahnsinnig gefährlich ist, mit diesen Dingern auf andere Leute zu schießen?"
Normalerweise ist man ja so sehr auf Sicherheit bedacht, und da kann man sich einfach nicht vorstellen, daß jemand bewußt so etwas Gefährliches tut, wie auf jemanden zu zielen - und tatsächlich auf den Knopf zu drücken. Das beste, was man machen kann, ist, wenn man sich vor einem Angriff ein paar Schluck genehmigt. Vor dem Exocet-Angriff hatte ich etwas getrunken, und der Puls blieb ziemlich normal, als der Ruf "Festhalten, festhalten, festhalten!" über die Lautsprecher kam.
8. Juni 1982
Die meisten Informationen über die Truppenbewegungen an Land hören wir von der BBC, obwohl die genaue Lage schließlich auch zu uns durchsickert. Was mich aber wirklich ärgerlich macht, das ist, wenn Mr. Nott oder die Herren Reporter von der Presse etwas als passiert hinausposaunen, während es passiert, noch im gleichen Augenblick - und sich die Lorbeeren der armen Hunde in einem Schützengraben aneignen, die dann wie Verrückte zu kämpfen haben, bis alles auch wahr wird.
Alles Liebe einstweilen; ich werde bald wieder schreiben.
Die "Glamorgan" wurde am 12. Juni von einer Exocet-Rakete der Argentinier getroffen, die zuerst auf dem Flugdeck aufschlug, ehe sie in der Kombüse des Schiffes explodierte. David Tinker und seine Kameraden auf dem Hubschrauberlandeplatz des Kriegsschiffes waren auf der Stelle tot. Zwei Tage später kapitulierte der argentinische Kommandeur der Falkland-Inseln. _(Beim Abtransport gefallener Kameraden. )
Hugh Tinker (Hg.): "Das kurze Leben des Leutnants zur See David Tinker 1957-1982". rororo aktuell, Reinbek bei Hamburg; 221 Seiten; 9,80 Mark. Beim Abtransport gefallener Kameraden.

DER SPIEGEL 35/1984
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