27.08.1984

US-BANKENForscher Flieger

Nach dem Beinahe-Zusammenbruch einer Großbank ist nun Amerikas größtes Sparinstitut in Gefahr. *
Der Erfolgsmanager sah ringsum nur Neider. "Wir sind glückliche Leute", triumphierte Charles Knapp, Chef des kalifornischen Geldkonzerns Financial Corporation of America (FCA), im Mai auf der Jahreshauptversammlung seines Unternehmens, "und niemand mag glückliche Leute."
Knapps Bilanz war in der Tat glänzend. In nicht einmal zehn Jahren hatte der Finanzstratege seine Firma von einer kleinen Provinz-Sparkasse (Bilanzsumme: 390 Millionen Dollar) zum größten Spar- und Hypotheken-Institut der USA (Bilanzsumme: 32,7 Milliarden Dollar) ausgebaut.
Allein im vergangenen Jahr war der Gewinn um fast 400 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hatte sich die Bilanzsumme durch Kauf einer Konkurrenzfirma und heftiges Wachstum mehr als verdreifacht.
Seit einigen Tagen ist Knapp, 49, jedoch nicht mehr so glücklich wie einst im Mai. Auf Drängen der Börsenaufsichtsbehörde hat er die Gewinn- und Verlustrechnung seines Unternehmens für das zweite Quartal um fast 140 Millionen Dollar nach unten korrigieren müssen. Statt des zunächst gemeldeten Vierteljahres-Gewinns von 31,1 Millionen Dollar weist FCA nun einen Verlust von 107,5 Millionen Dollar aus.
Der Sturz vom Plus ins Minus sei nur "eine Buchungssache", hat Wachstumsfanatiker Knapp zwar sogleich versichert. Aber Großkunden, die Einlagen von mindestens 100 000 Dollar halten, waren schon Wochen vor Bekanntgabe der neuen Zahlen nervös geworden: Bereits im vergangenen Monat hatten diese professionellen Investoren insgesamt 1,4 Milliarden Dollar abgezogen.
Bleiben die Kunden mißtrauisch, wird es für den in Los Angeles beheimateten Sparkassen-Giganten während der nächsten Wochen kritisch. Von insgesamt 25 Milliarden Dollar kurzfristiger Einlagen hat die Firma bis Ende September 15 Milliarden Dollar zurückzuzahlen.
In normalen Zeiten ist ein so hoher Anteil kurzfristig fälliger Verbindlichkeiten für ein Institut wie FCA nicht gefährlich. Denn Kunden, die ihrer Bank vertrauen, ziehen ihr Geld zumeist nicht ab, sondern erneuern ihre Einlagen.
Stehen diese Mittel jedoch nicht mehr zur Verfügung, ist das Unternehmen im Nu am Ende. Amerikas größtes Sparinstitut mit seinen 126 Filialen wäre dann nur noch durch massive staatliche Hilfe zu retten.
Wie verschreckt gerade Großanleger reagieren, sobald Gerüchte über ein Geldinstitut kursieren, hat erst kürzlich die Continental Illinois Bank in Chicago erfahren müssen. Nach Gerüchten über hohe Verluste im Frühjahr dieses Jahres gerieten die Kunden der damals achtgrößten amerikanischen Geschäftsbank so in Panik, daß sie binnen weniger Tage einige Milliarden Dollar abzogen.
Selbst mit einer Kreditzusage von insgesamt 7,5 Milliarden Dollar und einer Garantie-Erklärung für sämtliche Continental-Einlagen - also auch für jene Kundeneinlagen über 100 000 Dollar, die nicht durch die staatliche Einlagen-Versicherung geschützt sind - konnten die Aufsichtsbehörden den Run auf die Konten nur mühsam bremsen. Denn um Continental, so hatte sich rasch herausgestellt, stand es wirklich schlecht.
Durch zu leichtsinnige Kreditvergabe an faule Kunden im In- und Ausland war die Bank so geschwächt, daß sie auf sich allein gestellt keine Überlebenschance mehr hatte. Trotz langer Suche nach einem starken privaten Partner für Continental mußte schließlich die Bankeinlagen-Versicherung selbst einspringen: Das Staatsunternehmen übernahm 80 Prozent der Continental-Aktien.
Mit riskanten Manövern und aggressiven Methoden hatte auch FCA-Chef Knapp auf Expansion gesetzt. Im sonst recht betulichen Spar- und Hypothekargeschäft begnügte er sich nicht damit, das Geld kleiner Sparer hereinzunehmen, sondern ließ über eine schlagkräftige Verkäufertruppe per Telephon sogenannte Einlagen-Zertifikate im Werte von 100 000 Dollar und mehr absetzen.
FCA nutzte das Geld, um Bauherren oder Hauskäufern Kredite zu festen Zinssätzen zu verschaffen. Andere Institute hingegen vergeben diese Darlehen überwiegend zu variablen Sätzen, um auch in Zeiten steigender Zinsen ihre Erlöse über den wachsenden Geldbeschaffungskosten halten zu können.
Knapp dagegen setzte forsch darauf, daß nach einer langen Hochzinsphase die Geldpreise in diesem Jahr fallen würden. Der Wert der zu fixen Zinssätzen vergebenen Hypotheken wäre damit gestiegen, FCA hätte einen Riesengewinn gemacht.
Doch im vergangenen Frühjahr zogen die Zinsen an. Das Sparinstitut mußte daraufhin für seine Kundeneinlagen zum Teil höhere Sätze zahlen, als es an Hypotheken-Zinsen einnahm.
Knapp hätte die sich verschlechternde Geschäftslage seines Unternehmens noch gern ein Weilchen verschleiert. So wies er bereits absehbare Verluste aus Terminverkäufen von Hypotheken in seinem jüngsten Quartalsbericht zunächst nicht aus.
Auch die Börsenaufsicht, die schon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, den allzu quicken Knapp zu bremsen, spielte da nicht mit. Sie zwang den FCA-Chef, die Verlustquellen sogleich offenzulegen.
Die meisten der rund 3500 anderen Sparkassen-Chefs in den USA hoffen nun, daß die Banken- und Börsen-Kontrolleure den einstigen Supermann der Branche demnächst zum Rücktritt zwingen werden. Freizeit-Pilot Knapp, wegen seiner Vorliebe für alte Flugzeugtypen nach dem Weltkrieg-I-Flieger Manfred Freiherr von Richthofen "Roter Baron" genannt, könnte sich dann voll und ganz seinem extravaganten Hobby widmen.
"Wir werden", freut sich der Chef eines großen Spar- und Hypotheken-Instituts bereits, "die größte destruktive Kraft unserer Branche los sein." _(Mit Ehefrau Brooke, die im Februar einen ) _(Geschwindigkeits-Weltrekord für ) _(Rund-um-die-Welt-Flüge von ) _(Zivilmaschinen aufstellte, nach dem ) _(Rekordflug. )
Mit Ehefrau Brooke, die im Februar einen Geschwindigkeits-Weltrekord für Rund-um-die-Welt-Flüge von Zivilmaschinen aufstellte, nach dem Rekordflug.

DER SPIEGEL 35/1984
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