26.03.1984

„Das schafft nur ein Stabhochspringer“

Trotz Abbau der Todesautomaten ist die DDR-Grenze undurchdringlich *
Es sah aus wie ein Routinejob. Morgens um sieben Uhr erhielt der Fernmeldetechniker Bernd Enders im Postamt Eisenach die Order, ein Telephonkabel zu reparieren. Dazu bekam der 22jährige DDR-Bürger den "Dienstauftrag Nr. 20", der ihn berechtigte, "Arbeiten zur Aufrechterhaltung des Fernschreib- und Fernsprechverkehrs im Grenzgebiet" durchzuführen.
Denn das Kabel, das durch das Hochwasser der Werra Schaden genommen hatte, liegt nur 70 Meter vom deutschdeutschen Grenzzaun entfernt. Zusätzlich zur Dienstanweisung hatte Enders deshalb noch einen "Passierschein III zum vorübergehenden Aufenthalt in der Sperrzone", Nr. 0269856, dabei.
Mit zwei weiteren Postlern bestieg der Techniker den Lkw vom Typ W 50, Kennzeichen LO 6293, und startete in Richtung Staatsgrenze. In Gerstungen, kurz vor dem Zaun, kauften sie im Konsum-Laden Brötchen und Wurst für das Frühstück, um neun Uhr holten sie in der nahen Kaserne zwei "Grepos" - Grenzpolizisten - ab, die ihnen zur Bewachung zugeteilt waren.
Wenige Minuten später erreichten sie bei Untersuhl den ersten Sperrzaun. Dort stiegen die Grepos aus und meldeten über das Telephon am Tor, daß sie jetzt in den Grenzstreifen einfahren würden. Dazu gaben sie das täglich wechselnde Losungswort durch. Doch als sie gerade das Tor geschlossen hatten und auf den nahen Beobachtungsturm zumarschierten, gab Enders plötzlich Gas.
Der 125-PS-Diesel heulte auf, blitzschnell schaltete Enders in den vierten Gang. Seine Mitfahrer gerieten in Panik. "Bist du verrückt geworden", brüllte der eine, "die schießen doch auf uns."
Doch als Enders nach 70 Metern direkt am Zaun stoppte, war noch kein Schuß gefallen. Er riß die Fahrertür auf, kletterte auf das Autodach und sprang über den nur 50 Zentimeter höheren Zaun in den Westen.
Die Flucht vom 13. Februar ist eine schlimme Schlappe für die DDR-Behörden. Denn der Fernmeldetechniker hat vier Jahre lang an der Grenze gearbeitet, galt als Geheimnisträger und war zu strengstem Stillschweigen verpflichtet. Was er jetzt im Westen in tagelangen Verhören erzählte, ist die erste authentische Schilderung über das seit einem Jahr montierte neue Sicherheitssystem GSZ (Grenzsignalzaun) überhaupt.
Auf 90 Kilometern der 1393 Kilometer langen Grenze zur Bundesrepublik ist das neue Modell mittlerweile installiert, mal nur wenige Meter hinter dem eigentlichen, 3,20 Meter hohen Grenzzaun, mal Hunderte von Metern entfernt. Und überall, wo der GSZ steht, wurde mit dem Abbau der automatischen Selbstschußanlagen vom Typ SM 70 begonnen. Bis heute sind die SM 70 auf einer Länge von 54 Kilometern demontiert.
Das konnte die DDR gefahrlos tun als Gegenleistung zu dem von Franz Josef Strauß eingefädelten Milliarden-Kredit. Denn, so Enders: "Über den neuen Zaun kommt niemand mehr rüber." Tatsächlich ist der GSZ derart raffiniert konstruiert, daß seine Überwindung fast unmöglich erscheint.
Wie ein Fundament sind Betonplatten vom Format ein mal ein Meter 50 Zentimeter tief in den Boden eingegraben. Sie sollen, zusätzlicher Effekt, ein Untergraben des Zaunes verhindern. Damit jede Annäherung entdeckt werden kann, ist ein sechs Meter breiter Streifen zur DDR-Seite hin stets sorgfältig geeggt.
Der eigentliche Zaun besteht aus Streckmetall (offizielle DDR-Bezeichnung), einem verzinkten Metallgitter mit aus Blech gestanzten, zwei Zentimeter großen Rauten und derart scharfen Kanten, daß ein Flüchtling sich beim Hochklettern
blutige Finger holen würde. Die Platten, drei Meter lang, 1,20 Meter hoch und aus der Bundesrepublik importiert, sind in zwei Lagen übereinander verschraubt, so daß eine Zaunhöhe von 2,5 Metern entsteht.
Die Sicherheit perfekt machen 28 stacheldrahtbewehrte Signaldrähte, 20 in regelmäßigen Abständen zwischen Erde und Zaunoberkante und noch einmal je vier am V-förmigen Abweiser obendrauf. In den Drähten fließt Schwachstrom, schaltbar auf 24 oder 60 Volt - die höhere Spannung ist der Normalfall.
Ist ein Flüchtling tatsächlich bis zum GSZ vorgedrungen und faßt einen der Drähte an, passiert überhaupt nichts. Berührt er allerdings zwei oder mehr Drähte gleichzeitig, entsteht, mit dem menschlichen Körper als Brücke, ein Kurzschluß: In der nächsten Führungsstelle brüllt eine Alarmsirene los, ein Lämpchen am Schaltpult zeigt an, wo der Alarm ausgelöst wurde.
Die Führungsstelle warnt dann über Telephon den nächstgelegenen der rund 750 Beobachtungstürme, die meist 50 Meter von der eigentlichen Grenze entfernt und - je nach Gelände - 500 Meter bis mehrere Kilometer auseinander stehen. Da alle Telephone des Grenzmeldenetzes parallel geschaltet sind, hören auch die Besatzungen aller anderen Türme das Gespräch mit.
Bisher ist es nicht einem DDR-Bürger gelungen, über den neuen GSZ nach Westen zu entkommen. "Das schafft", glaubt Enders, "nur ein Stabhochspringer. Aber wie will der erklären, was er mit seiner langen Stange im ohnehin verbotenen Fünf-Kilometer-Bereich vor der Grenze will?"
Alarm gibt es nur, wenn ein Reh oder eine Kuh gegen die Signaldrähte läuft oder wenn ein schwerer Raubvogel sich eine Leitung als Sitzplatz aussucht.
Der Strom für die Warnanlage kommt von einer oberirdischen Leitung, die, unerreichbar für einen fluchtwilligen DDR-Bürger, zwischen dem GSZ und dem eigentlichen Grenzzaun verläuft. Alle 500 Meter steht eine sogenannte Kabelverzweigung, die aus zwei weißen Eternitgehäusen von gut einem Meter Höhe besteht.
Der eine Kasten enthält einen Transformator, der den Strom von 220 beziehungsweise 380 Volt auf die benötigten 60 Volt herunterbringt. Das andere Gehäuse enthält ein Grenzsignalgerät - das eigentliche Gehirn der Anlage. Es konstatiert automatisch, wenn am Zaun etwas passiert, und es meldet über eine Telephonleitung den Kurzschluß automatisch an die zuständige Führungsstelle. Zusätzlich steht neben dem Gerät oft noch ein Telephonanschluß.
Besonders penibel sind die Tore im Zaun gesichert. Eine spezielle Stromzufuhr sorgt dafür, daß der Stromkreis am Tor nicht unterbrochen ist. Zusätzlich gibt es am Schließer, einem großen Riegel mit Schloß, noch einmal einen elektrischen Kontakt. Öffnet ein Unbefugter diesen Riegel, wird wiederum in der Führungsstelle Alarm ausgelöst.
Zwischen die beiden Zäune darf nur, wer - wie Bernd Enders - eine ausdrückliche Genehmigung hat und von Grenzpolizisten begleitet wird. Über Telephone vor und hinter dem Tor müssen die Grepos ein Kodewort nennen und melden, daß sie jetzt das Tor öffnen wollen beziehungsweise nach dem Passieren wieder geschlossen haben. Auch Landwirte, die oft im Zaunbereich noch ein paar Felder zu beackern haben, dürfen mit ihrem Trecker nur in Grepo-Begleitung zum Pflügen fahren.
Wie ernst es die DDR mit der Überwachung ihrer Bürger im Grenzgebiet nimmt, belegen die Anweisungen auf der Rückseite des Passierscheins, den Enders mit in den Westen gebracht hat. Da ist "innerhalb der Sperrzone der kürzeste Weg zu benutzen", der Bürger hat sich "innerhalb von zwölf Stunden nach Einreise ... bei der Meldestelle der Volkspolizei oder beim zuständigen Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei anzumelden", und schließlich ist das Papier nach Ende der Fahrt "unverzüglich zurückzugeben".
Andrang an der Grenze herrschte, als die ostdeutschen Sicherheitsfanatiker vor einem Jahr mit der Installation des neuen GSZ begannen. Allein im DDR-Bezirk Erfurt wurden etliche Hundertschaften Pioniere eingesetzt, Mitglieder der Grenztruppen, die Gräben für Leitungen ausschachten, Pfosten setzen und die Streckmetallplatten montieren mußten. Jeden Morgen wurden sie per Lkw aus dem Hinterland herangeschafft und abends wieder in ihre Kasernen zurückgebracht. "Ein Abhauen", erinnert sich Enders, "war da unmöglich. Da waren überall Streifen und in jedem Gebüsch noch zusätzliche Bewacher."
Doch technisch waren die Pioniere, zwangsverpflichtete Handwerker oder Mitglieder von LPGs, ziemlich unbedarft. Bei der Verlegung der 28 Drähte mit den Plastikisolatoren an den Betonpfählen half deshalb ein spezieller Energietrupp von der Grenztruppe. Die elektrischen _(Nördlich von Herleshausen. )
Schaltungen, den Aufbau des Meldenetzes und vor allem die Installation der Grenzsignalgeräte übernahmen Fernmeldetechniker der DDR-Post.
Der geflüchtete Techniker Enders war auch dabei, als zwischen GSZ und Grenzzaun neue Signalgeräte installiert wurden. Das sind Abschußgeräte für bis zu 15 Leuchtkugeln, die durch sogenannte Stolperdrähte ausgelöst werden. Die Drähte bestehen aus ganz normaler Angelschnur von der Stärke 0,7 Millimeter, in unterschiedlicher Höhe verlegt.
Sollte ein Flüchtling tatsächlich einmal den GSZ überwunden haben und schnell auf den letzten Zaun zulaufen, reißt er mit ziemlicher Sicherheit einen der unsichtbaren Drähte mit - Auslösung für die Leuchtgeschosse. Auch damit strebt die DDR offenbar ein Grenzsystem an, das nicht mehr so tödlich sein soll wie bisher, aber viel undurchdringlicher.
Das Verfahren macht Sinn. Denn mit über 50 000 Selbstschußanlagen SM 70, 190 Kilometern Minenfeldern, 84 Kilometern Hundelaufanlagen, gut 800 Kilometern Sperrgräben und 800 Erdbunkern galt der "antifaschistische Schutzwall" (DDR-Bezeichnung) bei den westlichen Brüdern stets nur als "Todesgrenze", machten von SM 70 zerrissene oder von Grepos erschossene Flüchtlinge stets Negativ-Schlagzeilen.
Dabei wurde allenfalls ein halbes Dutzend Grenzbrecher jährlich Opfer der Selbstschußanlagen, ein groteskes Mißverhältnis zum Installationsaufwand und zur Negativwirkung auf bundesdeutsche Politiker und Medien. Das hat offenbar auch die politische Führung der DDR eingesehen, die jetzt auf weniger tödliche Sperren setzt.
Dazu paßt, daß westdeutsche Grenzspezialisten immer seltener von gezieltem Schußwaffengebrauch am deutschdeutschen Zaun berichten. "Ich hatte den Eindruck", berichtet ein Flüchtling, der im letzten Jahr beim Überklettern der letzten Sperre entdeckt und beschossen worden war, "daß die regelrecht danebengezielt haben."
Eine stille Aufhebung des Schießbefehls, über den Honecker & Co. bisher nicht verhandeln wollen? Angesichts von nur noch 228 Sperrbrechern 1983 (1982: 283 Personen, 1981: 298) wäre das nur vernünftig, wenn die DDR gleichzeitig täglich ein paar hundert ihrer Bürger in die Bundesrepublik ausreisen läßt.
Ganz unüberwindlich ist allerdings, glaubt Enders, auch der neue Sicherheitszaun nicht. Mit ein paar langen Elektro- oder Telephonkabeln ließe sich eine Überbrückung schalten - dann könnten die Signaldrähte und danach das Streckmetall ohne Alarmmeldung in der Führungsstelle durchschnitten werden.
Das dauert indes einige Zeit und birgt daher Risiko. Sicherer ist es, bis zu einem ordentlichen Gewitter zu warten. Dann müssen die DDR-Grenzer die Anlage wegen Blitzschlaggefahr abschalten.
[Grafiktext]
"ÜBER DEN KOMMT NIEMAND MEHR" Mit neuen Sicherungsanlagen macht die DDR ihre Grenze nach Westen unüberwindbar BUNDESREPUBLIK Stromversorgung 220 oder 380 Volt äußerer Grenzzaun 3,20 Meter hoch befestigter Kolonnenweg Stromversorgung 220 oder 380 Volt Signalgerät, bis zu 15 Leuchtkugeln Grenz-Signalgerät und Transformator Stolperdraht (Angelsehne, Durchmesser 0,7 Millimeter) Tor-Telephon Signaldrähte Stromversorgung für den Zaun, 60 Volt Beobachtungsbunker Stromversorgung für das Sperrtor Tor-Riegel mit elektrischem Kontakt neuer Elektro-Zaun Beobachtungsturm und Führungsstelle Tor-Telephon DDR Streckmetall, 2,50 Meter hoch
[GrafiktextEnde]
Nördlich von Herleshausen.

DER SPIEGEL 13/1984
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