27.08.1984

„So weit die Armeen Kommen ...“

Wie Osteuropa nach Jalta kommunistisch wurde / Von SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz *
Für den Grafen Edward Raczynski, 92, ist Polen nicht verloren.
Vor prächtigen Bildern der Schlösser seiner Ahnen in Warschau und Posen, in denen heute kommunistische Behörden walten, erzählt der hagere Herr mit der militärischen Haltung, fast blind, geistig aber in vier Sprachen durchaus rege, von seinem Leben und seiner Arbeit.
Sein Leben, das ist fast ein Jahrhundert zuweilen auch mitgestaltete europäische Geschichte, die so sehr zu Lasten seiner polnischen Heimat ging. Seine Arbeit ist mit einem hohen Titel verbunden, ihre praktische Bedeutung gleich Null: Graf Raczynski ist Staatspräsident der Republik Polen im Exil.
Einmal die Woche läßt er sich von seiner Wohnung an Londons vornehmen Lennox Gardens zum "Schloß" fahren - so nennen die traditionsbewußten Polen nach dem ehemaligen Warschauer Königs- und Präsidenten-Palast den Sitz ihrer Exilregierung am Eaton Place.
Die von der weiten Welt draußen längst vergessene Regierung wird zwar von niemandem mehr anerkannt - die _(Stalin küßt das Schwert, das ihm ) _(Churchill (mit dem Rücken zur Kamera) ) _(als Geschenk des englischen Königs für ) _(den Sieg von Stalingrad überreicht ) _(hatte. Rechts: Außenminister Molotow. )
letzten Länder, die ihr auch noch nach 1945 einige Jahre lang die Treue hielten, waren Spanien, Argentinien, Kuba und der Vatikan -, unverdrossen aber hißt das Häuflein standfester Patrioten noch an jedem 23. April, dem Verfassungstag Vorkriegspolens, die weiß-rote Flagge mit dem Adler am Eaton Place.
Die Regierung ohne Land, aus Spenden von Landsleuten im Exil unterhalten, beschließt auf ihren wöchentlichen Sitzungen humanitäre Hilfe für polnische Emigranten sowie für Notleidende in der Heimat, protestiert gegen "Verleumdungen" der polnischen Nation, läßt Pamphlete gegen Jalta drucken, wo im Februar 1945 Polens Schicksal nach den Vorstellungen Stalins besiegelt wurde - damals mit dem Konsens der USA, was Ronald Reagan nun zur Erbitterung Moskaus nicht mehr wahrhaben will.
Die Exilregierung schickte eine Abordnung von Veteranen zum 40. Jahrestag der Schlacht um Monte Cassino, wo im Frühjahr 1944 Tausende Polen unter alliiertem Befehl fielen - wo aber auch am 18. Mai die weiß-rote Fahne des 2. polnischen Korps auf den Trümmern der Abtei gehißt wurde: die Polen waren die ersten auf dem Berg.
Raczynski, von 1934 an Botschafter Polens am Hof von St. James, von 1941 bis 1943 Außenminister der damals noch allgemein anerkannten polnischen Exilregierung in London, ist Exil-Präsident seit 1979.
Wenn, wie die Verfassung von 1935 es vorsieht, seine Amtszeit 1986 endet, wird er einen Nachfolger ernennen, der sich dann für die nächsten sieben Jahre fern von Warschau als einzig legitimes Staatsoberhaupt Polens betrachten wird.
Denn, so der Graf, was vor 40 Jahren mit Polen geschah, das dürfe nicht hingenommen werden. Dafür gäbe es "in der Geschichte wie auch im Völkerrecht kein einziges Beispiel":
Noch nie vorher seien Verfassung, Präsident, Regierung, Verwaltung und Armee eines Staates, der zu den Siegermächten zählte, von einem Verbündeten einfach weggefegt worden.
Polen, vertreten von seiner Exilregierung in London, hatte gegen Ende des Zweiten Weltkrieges eine 250 000-Mann-Armee unter Waffen, die auf den Schlachtfeldern der Alliierten blutete, deren Piloten die legendäre Luftschlacht um England mitgewonnen hatten. Ihre "Heimatarmee" lieferte im Sommer 1944 Hitlers Besatzern in Warschau eine der erbittertsten Schlachten des ganzen Krieges.
Alles vergeblich.
Die meisten Mitglieder der Regierung und Soldaten sahen die Heimat nie wieder. Im Land verbliebene Anhänger und aus deutschen KZs befreite Aufständische wurden, soweit sie sich nicht den neuen Herren fügten, deportiert oder liquidiert.
Denn Polen war nunmehr für den großen Sieger des großen Krieges, für den Generalissimus Josef Wissarionowitsch Stalin, nichts mehr, worüber es etwas zu verhandeln gab, weder mit den Polen selbst noch mit den Alliierten.
Um Polen, das dem großen Rußland stets nur Ärger bereitet, ihm nach der bolschewistischen Revolution die einzige schwere Niederlage zugefügt hatte, um diesen in russischen Augen immer aufsässigen Nachbarn, konnte es keine Kompromisse mehr geben.
Polen, nach einem Wort des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow von 1939 "ein Bastard des Versailler Vertrages", konnte froh sein, wenn es nicht wieder, wie schon mehrmals in der Vergangenheit, einfach von der Landkarte verschwand, sondern nur um einige hundert Kilometer nach Westen hin verschoben wurde.
"Aus Gründen der Geographie ist kaum daran zu zweifeln, daß es die sowjetische Politik in Ost-Mitteleuropa in erster Linie auf Polen abgesehen hatte", schrieb der amerikanische Präsidentenberater polnischer Abstammung Zbigniew Brzezinski, in seinem Standardwerk über die sowjetische Machtergreifung in Osteuropa. Stalin selber sah "historische Gründe" für seinen Zugriff auf Polen - und ein bißchen persönliche mögen es wohl auch gewesen sein: Der Georgier war 1920 Front-Politchef der Armee des legendären Reitergenerals der roten Revolutionsstreitkräfte, Budjonny, gewesen, die an der Weichsel von dem polnischen Marschall Pilsudski geschlagen worden war.
Stalins Operation Polen war aber nur ein Teil der kaltblütig geplanten, gewaltigen Umwälzung, die vor vier Jahrzehnten die Landkarte Ost-Mitteleuropas veränderte. Polen war lediglich das erste Opfer in der größten Landnahme des Jahrhunderts und der Ausdehnung des sowjetischen Herrschaftsbereiches bis an Elbe und Donau.
Drei seit dem Ende des Ersten Weltkrieges unabhängige Republiken - die Baltenstaaten Estland, Lettland und Litauen - verschwanden dabei hinter den Grenzen des Russischen Reiches. Die Hälfte Polens, halb Ostpreußen, die tschechoslowakische Provinz Karpato-Ukraine, die rumänischen Provinzen Bessarabien und Nordbukowina sowie Ostgebiete Finnlands teilten dieses Schicksal: insgesamt 24 Millionen Menschen auf 472 000 Quadratkilometern - zweimal die Fläche der Bundesrepublik.
Weitere hundert Millionen Menschen in nur noch formell selbständigen Staaten auf über einer Million Quadratkilometer wurden unter Moskaus Protektorat gezwungen, ihre Interessen allein jenen des Sowjetreiches untergeordnet; ihre Regierungen und Parteiführer ernannte oder entließ der Kreml.
So erging es nicht nur den geschlagenen und besetzten Deutschen, sondern Feind und Freund gleichermaßen - Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn,
Rumänen, Bulgaren, Albanern, zeitweise auch den Jugoslawen.
Die Unterwerfung Osteuropas ging einher mit einer radikalen Lösung der Minderheitenprobleme, mit denen es in der Vergangenheit stets Kummer gegeben hatte. Im Rahmen der von den "Großen Drei" in Teheran beschlossenen und in Jalta bestätigten Neugestaltung Europas wurden zwölf Millionen Deutsche aus ihrer angestammten Heimat vertrieben, der größte Flüchtlingstreck der Geschichte. Auch Polen, Slowaken, Ungarn, Rumänen, Bulgaren, Griechen, Albaner mußten zu Millionen umsiedeln.
Vier Monarchen und zwei Diktatoren verloren während dieser Umwälzungen ihre Macht - aber auch Dutzende frei gewählter Regierungschefs, Minister und Parteiführer. Ein Regent und zwei Ex-Diktatoren bezahlten mit ihrem Leben. Andere flohen nächtens aus den Ländern, in denen sie eben noch bestimmt hatten. Manche wehrten sich erbittert gegen die neue Ordnung aus dem Osten - vergeblich bis auf einen: Tito.
Noch vor dem Ende des Krieges, ohne Friedensverträge abzuwarten, zog Stalin willkürlich auch neue Grenzen innerhalb seines neuen Sicherheitsgürtels.
Politik, das war in jenen Jahren zwischen 1944 und 1948 in Osteuropa halb Krimi, halb griechische Tragödie.
Intrigen und Morde, sinnlose Tapferkeit wie schneller Verrat waren politischer Alltag an Weichsel, Moldau und Donau, mit Szenen, wie sie keine Phantasie ersinnen könnte.
Da schmettert der einstige Staatsanwalt der UdSSR Andrej Wyschinski, der seine Kommissar-Allüren auch als Diplomat nicht verleugnen kann, die Palasttür des Hohenzollern-Königs von Rumänien mit solcher Wut zu, daß der Mörtel bröckelt. Als Seine Majestät sich auf das Jalta-Abkommen beruft, brüllt der Abgesandte Stalins: "Jalta, das bin ich!"
Der widerborstige Führer der Mehrheitspartei in Ungarn, der Generalsekretär der Kleinlandwirtepartei und gewählte Abgeordnete Bela Kovacs, verschwindet über Nacht für immer in Sibirien. Ein kommunistischer Minister bedroht seinen bürgerlichen Kollegen in höchster Erregung mit der Pistole - Polens Gomulka den Vizepremier Mikolajczyk.
Prager Minister, die sich KP-Manövern zur endgültigen Machtergreifung widersetzen, erhalten Sprengstoffpakete, einer, der liberale Außenminister Jan Masaryk, Sohn des Staatsgründers der Tschechoslowakei, stürzt aus dem Fenster in den Tod.
Vor einem Volksgericht in Sofia werden im nazistischen Freisler-Stil über 90 politische Gegner - ein Prinz, Minister, Generale, Parteiführer - zum Tode verurteilt, dann mit Maschinengewehren vor Gräben, die sie selber hatten ausheben müssen, niedergemäht. Eine Frau der regierenden Fraktion prahlt danach, sie habe noch nie so gut geschlafen wie nach dieser Massenschlächterei.
Sowjetische Panzerdivisionen rollen an die Grenzen eines widerborstigen Satelliten - Jugoslawien. Der Moskauer Rundfunk fordert zugleich das jugoslawische Brudervolk auf, sich seiner "verbrecherischen Führer" zu entledigen - Kommunisten, deren Freunde dann im ganzen Block über die Klinge springen müssen. Der Hauptakteur der osteuropäischen Tragödie, ihr Drehbuchautor und Regisseur zugleich, Josef Wissarionowitsch Stalin, kümmerte sich persönlich um winzige Kleinigkeiten.
Er mochte, wie er Tito sagte, die roten Sterne nicht, die Jugoslawiens Partisanen an den Mützen trugen, dies könnte die verbündeten Briten verprellen.
Die gefangenen Offiziere der polnischen Armee, die er in Katyn hatte erschießen lassen, seien, so log er kaltblütig, wohl alle geflüchtet, "vielleicht in die Mandschurei". Ungarische Staatsbesucher bedauerte er scheinheilig wegen der Inflation in ihrem verwüsteten Land. Die Magyaren-Währung war 1945, nachdem die Rote Armee das Land leergeräumt hatte, auf 30 000 Billionen Pengö für einen Dollar gefallen.
Dem jugendlichen rumänischen König Michael I. verlieh Stalin als einem von nur fünf Ausländern die allerhöchste sowjetische Kriegsauszeichnung, den Siegesorden - kurz bevor er die Existenz seines Staates in Frage stellte, falls der Monarch nicht binnen Stundenfrist eine im Kreml gefertigte Kabinettsliste unterschreibe. Den polnischen Kommunisten, die eine neue proletarische Nationalhymne einführen wollten, empfahl er, das alte "Noch ist Polen nicht verloren" doch für eine Weile zu behalten, denn "das ist ein gutes Lied".
Der Diktator, der niemandem traute, wußte dabei genau, was er wollte:
"Dieser Krieg", sagte er im April 1945 zum jugoslawischen Partisanenführer und Tito-Freund Milovan Djilas, "ist nicht wie frühere. Wer immer ein Gebiet besetzt, erlegt ihm auch sein eigenes gesellschaftliches System auf. Jeder führt sein eigenes System ein, so weit seine Armeen kommen. Es kann gar nicht anders sein."
Stalin marschierte überallhin, wo seine Interessen lagen, und sorgte dafür, daß ihn keine alliierte Konkurrenz dabei störte.
Schon auf der Konferenz in Teheran 1943 hatte er Pläne des Briten Winston Churchill abgelehnt, die eine westalliierte Landung auf dem Balkan vorsahen - den betrachtete er als seinen ureigenen Hinterhof.
So waren die Weichen für die Sowjetisierung Osteuropas frühzeitig gestellt - und doch war, was dann passierte, nicht
zwangsläufig vorgegeben. Wie diese Staaten unter den Roten Stern gerieten, ist eine Geschichte voller Dramatik, deren Handelnde, wie der eben wieder zu alten Ehren aufgestiegene ehemalige Moskauer Außenminister Molotow, zum Teil heute noch leben.
Dennoch blieb bis heute vieles im Dunkel, was zwischen dem Einmarsch von Stalins Elf-Millionen-Heeren in Mittel- und Südosteuropa seit dem Spätsommer 1944 und dem Februar 1948 in Prag passierte, als die letzte freigewählte Regierung jener Region einem sowjetisch gelenkten Putsch zum Opfer fiel, der so glatt ging, "wie ein Messer durch die Butter schneidet", so prahlte der Prager KP-Chef Gottwald damals.
Ein Weltkrieg, der noch nicht zu Ende war, die Not danach, Neubeginn und Wiederaufbau brachten den verheerten Staaten hinlänglich eigene Sorgen; wen kümmerte es da groß, wer hinten auf dem Balkan, wer im Osten das Sagen hatte.
Erst der Kalte Krieg, die Berliner Blockade, Aufstände, Schauprozesse, Massenhinrichtungen weckten das Interesse an den Ereignissen drüben. Doch da war der Eiserne Vorhang dicht, der Kampf um die Herrschaft entschieden.
Die zur Macht Gekommenen hatten, begreiflich, kein Interesse, die Umstände ihrer Machtergreifung bekanntzumachen. Die um die Macht Gebrachten suchten nach Rechtfertigungen, Schuldzuweisungen.
Die Westalliierten mühten sich, ihr Versagen zu bemänteln, ihre Fehleinschätzungen der Entwicklung nach dem Krieg, die so sehr ihren in der Atlantik-Charta feierlich beschworenen Absichten von freien Völkern in einer freien Welt widersprach.
Sieger und Nachkriegsgewinnler Stalin aber mauerte sich hinter seinen Eroberungen ein. Aufschlüsse darüber, was die Sowjet-Union in jenen Jahren im einzelnen getan hat, um sich einen halben Kontinent zu sichern, sind allenfalls von Überläufern zu erhalten.
Seit Ende der 70er Jahre erst werden im Westen Archive geöffnet, geheime Akten aus jener Zeit deklassifiziert. Es meldeten sich Zeit-Zeugen, denen mehr an historischer Wahrheit als an Rechtfertigung gelegen ist.
Der Prager Frühling von 1968, die Liberalisierung in Ungarn, Polens "Solidarität"-Bewegung haben Material zugänglich gemacht, das jahrzehntelang unter Verschluß war.
40 Jahre nach jenem Geschehen, das Osteuropa schließlich unter das Kommando des Kreml zwang, läßt sich die Tragödie von Polen und Tschechoslowaken, Ungarn und Rumänen, Bulgaren und Albanern im einzelnen nachzeichnen.
Der dramatische Abfall Jugoslawiens, des damals linientreuesten aller kommunistischen Staaten, der erfolgreiche Widerstand Finnlands, Österreichs und Griechenlands gegen eine Sowjetisierung zeigen, daß die Entwicklung nicht so schicksalhaft-zwangsläufig war, wie sie oft geschildert wurde.
Aus den neuen Quellen ergeben sich Fakten, die nicht nur die für die betroffenen Völker so leidvolle Vergangenheit aufhellen. Sie erlauben Erkenntnisse und Schlußfolgerungen auch für die Gegenwart:
Es gibt, von Polen und Teilen der an die Sowjet-Union angrenzenden Balkan-Gebiete abgesehen, kein Anzeichen dafür, daß Stalin von Anfang an geplant oder auch nur im Ernst gehofft hätte, ganz Osteuropa zu kassieren.
Brzezinski: "Die Politik, auf die sich die UdSSR im Kriege festlegte, sah vermutlich Minimal- und Maximalziele vor - Minimalziel war eine Volksfront."
Als sich seine Militärmaschine jedoch unaufhaltsam in Richtung Westen bewegte, nützte Stalin jede Gelegenheit, die ihm der Vormarsch bot, mit "großer Entschlossenheit und absoluter Sicherheit", so der Saarbrücker Historiker Jörg K. Hoensch; ab Sommer 1944 machte sich auch eine "weite Vorausplanung" (Hoensch) bemerkbar.
Nicht erst Jalta - gemeinhin heute Schlagwort für die Teilung Europas in festzementierte Einflußsphären - war primär schuld am Schicksal Osteuropas. Dort stritten sich die Sieger fast ausschließlich um Polen, wurde sonst - zumindest nach westlichem Verständnis - nichts endgültig entschieden.
Die Weichen waren schon früher gestellt - bei den Treffen der künftigen Sieger in Teheran Ende 1943 und in Moskau ein Jahr später.
Damals hatte die Rote Armee bereits Rumänien und Bulgarien besetzt und begann, die politischen Strukturen in ihrem Sinn zu ordnen. Winston Churchill,
um britischen Einfluß auf dem Balkan, am Mittelmeer, vor allem aber in Griechenland besorgt, wo kommunistische Partisanen auf dem Vormarsch waren, drängte auf ein Treffen mit Stalin, um die Balkan-Probleme zu besprechen.
Amerikas Präsident Roosevelt war wegen der bevorstehenden Präsidentenwahlen verhindert - er ließ sich durch Botschafter Harriman vertreten. Über die Moskauer Verhandlungen im Oktober 1944, die zehn Tage dauerten, erschien später eine nichtssagende Erklärung: "Die Entwicklung der Geschehnisse in Südosteuropa wurde sorgfältig behandelt."
Wie sorgfältig, das enthüllt ein noch im Original in London vorhandenes Blatt Papier, das den Zynismus von Macht und Mächten in beispielloser Weise darstellt.
Churchill, der Griechenland wegen der verwandtschaftlichen Beziehungen der beiden Königshäuser und dessen strategischer Lage am Mittelmeer unbedingt unter britischem Einfluß halten wollte, schlug Stalin offenbar ohne große Skrupel und Gedanken an die Folgen die Aufteilung des gesamten Balkanraumes in Einflußsphären vor.
Auf einem Zettel kritzelte der Brite - wie Augenzeugen sich erinnern, merkbar alkoholisiert - die Namen der Staaten und die Prozente an Einfluß, die er den Russen sowie "the others", den anderen, also den Westalliierten, dort einräumen wollte:
Rumänien 90 Prozent - 10 Prozent
Bulgarien 75 Prozent - 25 Prozent
Ungarn 50 Prozent - 50 Prozent
Jugoslawien 50 Prozent - 50 Prozent
Griechenland 10 Prozent - 90 Prozent.
Enthüllend auf diesem schäbigen Fetzen Papier, der über das Schicksal eines halben Kontinents entschied, sind nicht nur Churchills schludrige Krakel mit allerlei Nachbesserungen. Er schrieb Jugoslawien "Yugo Slavia". Bei Griechenland ließ er - nachträglich - auch noch Frankreich und die USA an seinen 90 Prozent teilhaben.
Stalin, dem dies als Freifahrtschein für sein Vorgehen im Südosten erscheinen mußte, zögerte nicht, dieses makabre Dokument augenblicklich zu sanktionieren, indem er es mit einem großen Haken abzeichnete.
In einem hellen Moment kamen Churchill dann doch noch Bedenken - er sagte zu Stalin: "Könnte man es nicht für ziemlich frivol halten, wenn wir diese Fragen, die das Schicksal von Millionen Menschen berühren, in so nebensächlicher Form behandeln? Wir wollen den Zettel verbrennen." Stalin widersprach: "Behalten Sie ihn."
Wie froh er über den "zynischen Tauschhandel" (so der US-Historiker Ulam) war, zeigte eine Rede, in der er seine Gespräche mit den Briten pries: Sie seien "im Geist völliger Einmütigkeit verlaufen".
Für sowjetische Geschichtsschreiber existierte das Papier allerdings nicht, bis 1958 - fünf Jahre nach dem Tod des Diktators -, als Moskauer Schreiber die darin enthaltene Aufteilung Jugoslawiens zum "Phantasieprodukt", das Papier zum "ziemlich schmutzigen Dokument" erklärten.
Jugoslawen, die damals in Moskau waren, erinnerten sich, daß Außenminister Molotow in der Nacht, als Churchill den Teilungsvorschlag machte und Stalin zustimmte, ihnen freudig mitteilte: "Die Sache Jugoslawiens steht gut."
Derselbe Molotow eilte am anderen Morgen zu seinem britischen Kollegen Eden und wollte das Teilungs-Dokument zugunsten der Sowjet-Union verbessern: In Ungarn und Jugoslawien, forderte er, müßten die Russen statt halbe-halbe doch 75 Prozent Einfluß haben.
Eden, dem die Sache offenbar peinlich war, verweigerte jeden Handel.
Die Sowjetführung aber betrachtete Churchills Vorgabe fortan als verbrieftes Recht - auch wenn die USA Churchills Prozenten niemals zustimmten, angeblich lange davon gar nichts wußten. Moskau aber hielt sich sogar daran, was Griechenland betraf: Dort ließ Stalin den Briten freie Hand, selbst als die massiv militärisch in den Bürgerkrieg der Hellenen eingriffen, in dem sonst wohl die Kommunisten die Oberhand gewonnen hätten.
In den übrigen betroffenen Staaten gingen die Russen zunächst, formal gesehen, vorsichtig vor, um den Briten keinen Vorwand zur Beschwerde zu liefern und vor allem die amerikanischen Verbündeten nicht zu provozieren.
Die Sowjets erfanden sogar einen neuen Begriff für die Ordnung in jenen Staaten, die sie zu ihrem Sicherheitsgürtel zählten - der paradoxerweise ziemlich genau dem entsprach, was Karl Marx fast ein Jahrhundert davor als die "natürliche Grenze" Rußlands angesehen hatte - eine Linie von Stettin nach Triest: "Volksdemokratien".
Dieser Pleonasmus, der ideologisch den Vorkriegsbegriff der "Volksfront" ersetzte, wie sie etwa in Frankreich praktiziert worden war, stiftete nicht nur bei den westlichen Alliierten Verwirrung. Er verstörte vor allem die eigenen Genossen der Russen, die ihr Leben lang darauf gedrillt waren, für die reine Diktatur des Proletariats zu kämpfen und nun plötzlich auf Moskaus Order hin die Macht für unbestimmte Zeit mit Bürgerlichen und Bauern teilen sollten. Vielen führenden Funktionären orthodoxer Schule mußte diese neue Ordnung erst als "notwendiger Übergang zum wahren Sozialismus" mühsam eingebleut werden.
Parteiamtliche Definition: "Die Volksdemokratie ist eine besondere Form der revolutionären Staatsmacht, die unter neuen Klassenverhältnissen in der internationalen Arena entstanden ist."
Stalin sah die Lage 1945 realistisch. Überall waren die Kommunisten allein viel zu schwach, als daß sie sofort die ganze Macht erobern konnten. Reine sowjetische Besatzungsregime hätten Amerika alarmiert. Für Moskau aber schien es lebenswichtig, sich langfristig den gesamten osteuropäischen Raum zu sichern.
Denn vor dem Zweiten Weltkrieg waren die im sogenannten "Cordon sanitaire" gegen den Bolschewismus organisierten osteuropäischen Staaten mit Ausnahme der Tschechoslowakei strikt antisowjetisch gewesen.
Eine erneute antisowjetische Orientierung dieser Länder - diesmal unter anglo-amerikanischem, also "kapitalistischem" Einfluß - mußte Stalin als gefährliche Bedrohung ansehen, die es ein für allemal auszuschalten galt. Jalta hatte ihm in dieser Hinsicht nicht genügend Garantien gegeben, also mußte er selbst für einen hinreichenden Sicherheitsgürtel an seiner Westgrenze sorgen.
Er handelte, wie es die jeweilige Situation erlaubte. Polen, den traditionellen antirussischen und antisowjetischen Unruheherd, schloß er sofort und brutal dem eigenen System an. Bulgarien, wo es eine lange prorussische Tradition gab, und Rumänien, beide sowjetisch besetzt, folgten als nächste - Churchill hatte Stalin den Weg geebnet.
In Ungarn und der Tschechoslowakei, wo die Verhältnisse komplizierter waren, erlaubte die jeweilige Variante der "Volksdemokratie" sogar für einige Jahre eine demokratische Scheinblüte, die an westlichen Parlamentarismus erinnerte. An den Jugoslawen scheiterte Stalin schließlich.
Ursprünglich war, das geht aus vielen Dokumenten und Äußerungen prominenter Osteuropäer hervor, der Zeitraum, in dem Osteuropa nach Moskaus Plänen "sozialistisch" werden sollte, viel länger gespannt, als es dann dauerte. Tschechische und ungarische Kommunisten rechneten mit einer Entwicklung von mindestens einem Jahrzehnt.
Doch dann verselbständigte sich die Entwicklung. Westalliierte Reaktionen auf die ersten gewaltsamen Umstürze im Osten trieben Stalin zur Eile.
Der rasche Zerfall der Anti-Hitler-Koalition, die Zuspitzung der Ost-West-Konfrontation um die Teilung Europas, der daraus resultierende Kalte Krieg, der Marshallplan, das Wiedererstarken Westdeutschlands und Amerikas Atomwaffen-Monopol veranlaßten Stalin, die zuvor so sorgsam propagierte Idee der "Volksdemokratie" eilends zu begraben und die Satelliten an seinen Westgrenzen sofort in "sozialistische Volksrepubliken" zu verwandeln.
Vor allem den Marshallplan, der nach dem Willen Washingtons auch für Osteuropa gelten sollte, sah Moskau im Sommer 1947 als direkten kapitalistischen Angriff nicht nur auf seine Kriegsbeute, sondern auf seine eigene Sicherheit. Damit wurde der Rubikon überschritten, Europa endgültig in zwei Blöcke geteilt.
In den Hauptstädten Osteuropas waren dies dramatische Monate und Jahre. Die Westalliierten sahen fast überall tatenlos zu, wie ihre Freunde von den Russen ausmanövriert wurden, oder sie flüchteten sich in Illusionen: Die britischen Gesandten in den osteuropäischen Hauptstädten waren sich Anfang 1946 in der Lagebeurteilung einig, das "Verschwinden" der prosowjetischen Regierungen in diesen Ländern sei "angesichts der antikommunistischen Stimmung nur eine Frage der Zeit".
Rafften sie sich mal zu einer Gegenverschwörung auf, scheiterten sie: Wie aus erst jetzt deklassifizierten geheimen US-Dokumenten hervorgeht, die dem SPIEGEL vorliegen, konspirierten die amerikanischen Mitglieder der Alliierten Kontrollkommission in Bukarest 1945 mit König Michael, um den auf sowjetischen Druck hin eingesetzten prokommunistischen Premier Groza zu stürzen.
Der Plan mißlang, der König bezahlte für seinen hinhaltenden Widerstand schließlich mit seinem Thron. Er wurde ins Exil getrieben.
Die US-Botschaft in Sofia forderte in dem Geheimtelegramm Nr. 72 vom 31. Dezember 1947 Aktionen "knapp unterhalb der Kriegs-Schwelle" ("something short of war"), um die Verhältnisse in "dieser strategisch wichtigen Sowjet-Provinz Bulgarien" zu ändern: Gründung einer Exilregierung, Sabotageakte, Anrufung der Uno - "sonst gefährden wir unsere eigene Sicherheit".
Beim Prager Putsch vom Februar 1948, dem die letzte demokratische Regierung Osteuropas zum Opfer fiel, ist bis heute die Rolle des Präsidenten Benesch, eines überzeugten Demokraten, umstritten, vor allem die Frage, warum er damals den verhängnisvollen Rücktritt der bürgerlichen Minister annahm und eine neue Regierungsliste des KP-Premiers Gottwald unterschrieb.
Aufgrund neuer Dokumente, die Prager Emigranten in den Westen brachten, steht jetzt außer Zweifel, daß Benesch damals unter dem ultimativen Druck einer russischen Intervention stand.
Gottwald drohte im Auftrag Stalins mit russischen Divisionen, die nicht nur in der UdSSR, sondern auch in Ungarn sowie in den Sowjetzonen Österreichs und Deutschlands zum Eingreifen bereitstanden.
So zwang Stalin mit der Macht der Gewehre jenen Mann zur Kapitulation, der ihm schon Ende 1943 sein Land als erstes in Europa sozusagen auf dem Tablett dargereicht hatte, der von Moskau dafür gehätschelt und mit beschwörenden Versprechungen umworben worden war - wenn es dem sowjetischen Diktator aber in seine Pläne paßte, auch brutal belogen und geduckt wurde: die wohl tragischste Figur im Ringen um Osteuropa.
Wie schierer Hohn liest sich heute, was der sowjetische Diktator im März 1945 dem Präsidenten Benesch, dem er gerade eine weitgehend kommunistisch beherrschte Regierung aufgezwungen
hatte, auf dessen Weg heim in die teilweise befreite Tschechoslowakei mitgab:
Stalin brachte vor den Tschechen einen Toast auf den "Neo-Slawismus", die Gemeinschaft aller slawischen Völker, aus - ein zeithistorisches Dokument, ein echter Stalin: _____" Ich erhebe mein Glas auf das Wohl aller Neo-Slawen. " _____" Ich betone besonders dies - die neuen Slawen -, um den " _____" Unterschied zum alten, zaristischen Slawismus " _____" hervorzuheben. " _____" Wie bekannt, sah dieser Slawismus die Vereinigung " _____" aller Slawen unter dem zaristischen Regime vor. Dies " _____" hätte bedeutet, daß jede slawische Nation die russische " _____" Verfassung akzeptieren müßte und jede staatliche " _____" Autorität dem russischen System unterwerfen sollte, " _____" unabhängig von ihren nationalen Eigenheiten. " _____" Wir Bolschewiken oder Kommunisten haben eine andere " _____" Vorstellung von Slawismus. Wir wollen, daß alle, ob groß " _____" oder klein, verbündet sein sollen, aber jede Nation soll " _____" ihre Unabhängigkeit bewahren und ihr Leben nach ihren " _____" eigenen Ideologien oder Traditionen ausrichten, mögen sie " _____" nun gut oder schlecht sein. Es bleibt jedem einzelnen " _____" Staat überlassen, unter welchem System er leben möchte. " _____" Ich hasse die Deutschen. Die Slawen bezahlten die " _____" Rechnung für den Ersten Weltkrieg, und auch der Zweite " _____" geht auf ihre Kosten. " _____" Die Franzosen öffneten den Deutschen die Tür; Belgien " _____" und Holland haben gleichfalls versagt. England ist eine " _____" Insel, deshalb konnte es durchhalten. " _____" Aber wer litt wieder einmal? Die Deutschen warfen " _____" sich auf die Slawen, und die Tschechen, Slowaken, " _____" Ukrainer, Russen und Jugoslawen zahlten teuer dafür. " _(Bezeichnend, daß Stalin jene Slawen, die ) _(am meisten unter den Deutschen (und den ) _(anfangs noch denen verbündeten Russen) ) _(litten, nicht erwähnte: die Polen. ) _____" Nur die Bulgaren dachten, wenn sie neutral blieben, " _____" könnten sie dem Sturm entgehen. Das war weder ehrenhaft, " _____" noch ging die Rechnung auf. Aber dieses Mal werden wir " _____" die Deutschen so aufs Haupt schlagen, daß sie niemals " _____" wieder die Slawen angreifen können. Wir werden sie völlig " _____" ungefährlich machen. " _____" Die Sowjet-Union selbst will nichts anderes als " _____" Verbündete gewinnen, die jederzeit bereit sind, der " _____" deutschen Gefahr zu widerstehen. Die Sowjet-Union will " _____" sich nicht in die inneren Angelegenheiten ihrer " _____" Verbündeten einmischen. " _____" Ich weiß, daß sich unter Ihnen Leute befinden, die " _____" das anzweifeln. Vielleicht (Stalin wandte sich direkt an " _____" Benesch) haben selbst Sie Bedenken, aber ich versichere " _____" Ihnen, wir werden uns niemals in die inneren " _____" Angelegenheiten unserer Verbündeten einmischen. " _____" Das ist der Leninsche Neo-Slawismus, dem wir " _____" bolschewistische Kommunisten folgen. Von einer "Hegemonie " _____" der Sowjet-Union" kann keine Rede sein. "
Als Stalin diese hehren Worte zu Benesch sprach, hatte er den Tschechoslowaken eben unter Bruch feierlicher Versprechen, die der CSR ihre Vorkriegsgrenzen garantierten, die Karpato-Ukraine abgenommen.
In Polen hatte er gegen den Willen des Volkes, das seiner nach London emigrierten Regierung vertraute, eine zum größten Teil aus Moskau importierte kommunistische Regierung eingesetzt. In Bulgarien massakrierte in jenen Wochen eine sowjetkommunistische Regierung jede Opposition.
Den Rumänen zwang Vizeaußenminister Wyschinski, der Inquisitor aus den blutigen Säuberungen im Moskau der 30er Jahre, fäusteballend eine kommunistisch beherrschte Regierung auf.
In Ungarn begann die Salami-Taktik der KP zur Liquidierung der bürgerlichen Kräfte, hinter denen die große Mehrheit der Bevölkerung stand.
Jugoslawien, das sich aus eigener Kraft der Besatzer entledigt hatte, sollte über gemeinsame Gesellschaften wirtschaftlich an die Sowjet-Union gebunden werden. "Wozu braucht ihr eine Schwerindustrie", fragte Stalin in jenem Frühjahr 1945 scheinheilig die Jugoslawen. "Alles, was ihr braucht, haben wir im Ural für euch."
Stalin der uneigennützige Panslawist, das war eine der vielen Rollen, die der Georgier im Kreml so meisterhaft spielte, daß viele Gesprächspartner voll darauf reinfielen.
Er, der tagelang handlungsunfähig, ja verschwunden war, als Pakt-Partner Hitler ihn im Juni 1941 überfiel, wuchs während des Krieges, dessen Hauptlast sein Volk trug, zur überragenden Figur der Anti-Hitler-Koalition, der mit seinen Verbündeten je nach Laune spielte, jede Möglichkeit, die ihm der Hitler-Krieg bot, konsequent nutzte.
Seinen Willen und seine Ziele setzte er stets durch, ob mit einem gewissen grobschlächtigen Charme oder Terror. Der mächtigste Verbündete, US-Präsident Roosevelt, war bis zu seinem Tod davon überzeugt, daß "Uncle Joe" kein Imperialist sei, sondern "Fortschritt und Frieden liebe".
Winston Churchill, der, selber Imperialist, Stalin wohl eher durchschaute, konnte als Schwächster des Anti-Hitler-Triumvirats wenig gegen den sowjetischen Diktator ausrichten und wurde von ihm - siehe Balkan-Teilung - ausgetrickst.
Mit minder wichtigen Partnern hatte Stalin leichtes Spiel. Den Tschechen Benesch, der ihm mitten im Krieg freiwillig und gegen den Rat der Westalliierten sein Land vertraglich als ersten
Nachkriegspartner in Europa anbot, behandelte er bei dessen Besuch in Moskau im Dezember 1943 mit ausgesuchter Höflichkeit und Jovialität.
Er sagte sofort zu allem ja, was Benesch ihm vorschlug, lobte das holprige Russisch des Gastes, war nur enttäuscht, als der Tscheche kein Stück Deutschland für die CSR haben wollte: Stalin hatte Benesch einen Bleistift gegeben, mit dem er auf einer ausgebreiteten Landkarte seine Gebietswünsche einzeichnen sollte - aber Benesch weigerte sich, denn "wir wollen keine Deutschen haben, wir wollen sie loswerden".
Benesch glaubte denn auch alles, was er glauben sollte. Er erzählte seinem skeptischen Außenminister Jan Masaryk nach Abschluß des Freundschaftsvertrages, die Sowjet-Union habe sich in eine wahre Volksdemokratie verwandelt, die dauernde Zusammenarbeit mit dem Westen anstrebe. Aus dem Krieg werde "eine völlig neue Sowjet-Union hervorgehen".
Die Tschechoslowakei werde, so Beneschs Visionen, nach dem Krieg mit sowjetischer Hilfe zu einem "Bollwerk der Demokratie in Mitteleuropa werden". Er zweifle nicht im mindesten an Stalins Zusicherungen, daß die Sowjet-Union sich nicht in die inneren Angelegenheiten Prags einmischen werde. Alle Drohungen eines "Bolschewismus" seien "lächerliche Gerüchte".
Er, so Benesch, glaube Stalin - und er beschwor auch Briten und Amerikaner, doch dem sowjetischen Führer zu vertrauen. Ihn kränkte nur, wie er einem Vertrauten einmal berichtete, daß er den Eindruck hatte, Stalin glaube ihm nicht alles.
Als während seines Besuches in Moskau eine neue sowjetische Nationalhymne - anstelle der "Internationale" - gesungen wurde, nahm es Benesch als Indiz dafür, daß die Sowjets allen weltrevolutionären oder expansionistischen Ideen endgültig abgeschworen hatten. Daß Stalin gerührt von seinem Freund "Winston" erzählte, der ihm in Teheran ein Schwert für den Sieg von Stalingrad geschenkt hatte, daß er die Zusammenarbeit mit Roosevelt lobte, bestärkte Benesch in seinem Glauben an die gewandelte Sowjet-Union, die ein freundlicher, verläßlicher Nachbar sein würde.
Daß die Russen, ohne die Tschechen auch nur zu fragen, den eben ausgehandelten Freundschaftsvertrag in der Niederschrift eigenmächtig von 5 auf 20 Jahre Laufzeit verlängerten und eine Klausel, die eine Ratifizierung durch das künftige Parlament in Prag verlangte, ersatzlos strichen, nahm Benesch als unbedeutende Schönheitsfehler kommentarlos hin.
Demselben Benesch kam dreieinhalb Jahre später, auf seinem Totenbett, die Erkenntnis: "Mein größter Fehler war, daß ich mich bis zuletzt weigerte zu glauben, Stalin hätte mich kaltblütig und zynisch belogen."
Lügen beherrschte Stalin in der Tat mit machiavellistischer Meisterschaft. Während er dem Bürgerlichen Benesch gegenüber "seinen Freund Winston" in höchsten Tönen pries, bezeichnete er den gleichen Churchill dem Kommunisten
Milovan Djilas gegenüber als "einen Typen, der einem die letzte Kopeke aus der Tasche klaut, wenn man nicht aufpaßt".
Bei den Tschechoslowaken entschuldigte er sich persönlich für Plünderungen und Vergewaltigungen durch die vorrückende Rote Armee, die "nicht aus lauter Engeln besteht".
Vor einer jugoslawischen Delegation aber vergoß er Tränen darüber, daß "eine solche Armee so verleumdet wurde". Tito-Freund Djilas hatte sich beim Sowjet-Befehlshaber in Jugoslawien über Ausschreitungen von Soldaten beschwert, worauf Stalin die Wut packte und er theatralisch ausrief: "Kann der es denn nicht verstehen, wenn ein Soldat, der Tausende von Kilometern durch Blut und Feuer gegangen ist, an einer Frau seine Freude hat oder eine Kleinigkeit mitgehen läßt?"
Da gab es den Stalin, der versuchte, Verhandlungspartner mit Wodka auszuschalten. Bei einem Dinner für eine jugoslawische Delegation befahl er, alle Anwesenden sollten raten, wie viele Grad unter Null es draußen habe. Jeder mußte dann so viele Glas Wodka trinken, wie er Grade danebengeraten hatte.
Trumans Außenminister Byrnes berichtete von einem Stalin, der mit ihm ein kindisches Spiel trieb: Die US-Regierung hatte, da ihren Mitgliedern der Alliierten Kontrollkommission in Bukarest Reisen durch das Land von den Russen verwehrt wurden, den liberalen Chefredakteur Mark Ethridge vom "Courier-Journal" aus Louisville auf Erkundungsreise durch Rumänien geschickt. Der berichtete vom Terror roter Aktionskomitees gegen alle Nichtkommunisten, von der Mißachtung der Abkommen von Jalta und Potsdam sowie der Waffenstillstandsbedingungen.
Byrnes warnte Stalin, Washington werde für eine Veröffentlichung dieser Berichte sorgen.
Stalin antwortete mit verächtlicher Handbewegung: "Dann schicke ich Ilja Ehrenburg nach Rumänien und lasse ihn berichten, was er sieht; sein Wort wird mehr gelten als das eures Mannes."
Das war jener Stalin, der Truman in Potsdam durch seine Obstruktion und das geringschätzige Abtun aller westlichen "Märchen" so in Rage trieb, daß der US-Präsident den guten "Onkel Joe" seines Vorgängers Roosevelt hinterher "son of a bitch" - Hurensohn - nannte.
Stalin konnte aber auch überzeugend väterliche Güte ausstrahlen - etwa als er dem bürgerlichen ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Nagy ein Jahr vor dessen gewaltsamem Hinauswurf versicherte, die Sowjet-Union sei "sich bewußt, daß jede Nation, sei sie auch noch so klein, ihren eigenen Beitrag zu den Errungenschaften der Menschheit leistet", weshalb Moskau niemals eine andere Nation unterdrücken würde.
Den ehemaligen ungarischen Reichsverweser und Waffengefährten Hitlers, Admiral Horthy, sagte Stalin zum Entsetzen der Kommunisten in der ungarischen Delegation, brauchten die Ungarn nicht zu bestrafen. Sie sollten ihn in Ruhe sterben lassen, er sei ein alter Mann und habe immerhin einen Waffenstillstand mit Rußland gewollt.
Der Generalissimus konnte aber ebenso überzeugend toben, etwa gegenüber dem polnischen Exil-Premier Mikolajczyk, den er anbrüllte, er denke nicht daran, den Polen zu trauen. Mit wilder
Wut verfolgte er den Genossen und Marschalls-Kameraden Tito, als der partout nicht so wollte, wie der allmächtige Kreml-Gebieter es befahl.
Da war der bislang treue Verbündete plötzlich eine "Wanze", ein "imperialistischer Spion", ein "Nichts", gegen das er, Stalin, "nur mit dem kleinen Finger zu schnipsen braucht, dann ist er weg".
Als führende Marschälle vorschlugen, die Jugoslawen per Militäraktion wieder zur Räson zu bringen, antwortete Stalin, das sei gar nicht notwendig, denn "die werden bald auf allen vieren wieder angekrochen kommen".
Stalin machte so maßlos wütend, daß, gerade als er sich am Ziel seiner maximalen Erwartungen sah, alles Erreichte ausgerechnet durch einen Genossen wieder gefährdet schien.
Denn damals, 1948, hatte er weit mehr erreicht, als er zu Beginn des Marsches seiner Armeen ins Herz Europas je erträumen konnte. Er dachte, wie jugoslawische Gesprächspartner berichten, sogar daran, ganz Osteuropa direkt der Sowjet-Union anzugliedern.
Seine ersten Wünsche nach einer Ausdehnung gen Westen waren eher bescheiden gewesen. Sein Außenminister Molotow hatte sie bereits vor dem Krieg, 1939 bei den Verhandlungen über den Pakt mit Hitler, geäußert - und in geheimen Abmachungen, die selbst den Betroffenen bis nach dem Krieg verborgen blieben, durchgesetzt.
Stalin verlangte und erhielt damals Ostpolen, die Baltenrepubliken, Bessarabien und einen Teil der Bukowina von Rumänien.
Bloß das von Hitler ebenfalls den Russen zugestandene Finnland wehrte sich gegen dieses Schicksal und entging damit der Annexion. Und auf dem Balkan, wo Außenminister Molotow in Berlin später weitgehende sowjetische Interessen, etwa auf Rumänien und Bulgarien, aber dann auch noch auf Ungarn, Jugoslawien und Griechenland anmeldete, mochte Hitler nichts mehr versprechen. Er suchte den sowjetischen Appetit auf britisches Einflußgebiet, Persien und Indien, abzulenken.
Dem setzten damals schon die Briten ihrerseits eine großzügige Balkan-Offerte entgegen. Botschafter Sir Stafford Cripps übermittelte im Juli 1940 der Sowjetregierung die Ansicht Londons, "daß der Sowjet-Union die Zusammenfassung und Führung der Balkanstaaten zum Zweck der Erhaltung des Status quo gebühre. Diese Aufgabe könne nur die Sowjet-Union erfüllen".
Davon waren viele Russen freilich längst selber überzeugt. Bereits während des deutschen Überfalls auf Polen, als die Sowjet-Union sich prompt ihres Teiles der Beute bemächtigte, versicherte ein sowjetischer Oberst dem in Ostpolen internierten deutschen Journalisten Wolfgang Bretholz: "Ehe dieser kapitalistische Krieg zu Ende ist, werden wir in Warschau, Prag, Berlin, Wien, Budapest, Bukarest, Belgrad und Sofia stehen."
Hitlers Überfall auf die Sowjet-Union und der Kriegsverlauf in den ersten Jahren machten solche Pläne freilich erst einmal zu Makulatur. Das Sowjetreich war voll damit beschäftigt, zu überleben.
Doch nach Stalingrad gewannen die sowjetischen Absichten Konturen, klagte Stalin bei den Alliierten, insbesondere den Briten, alte Ansprüche ein.
Stalins langfristige politische Ziele in Osteuropa definierte Präsident Carters späterer Sicherheitsbeauftragter, Zbigniew Brzezinski, in seiner Studie "Der Sowjetblock" so:
1. Osteuropa für alle Zeit dem Einfluß Deutschlands zu entziehen, das immer wieder Rußlands Sicherheit bedroht hatte.
2. Nicht nur deutschfreundliche, gleichzeitig auch antisowjetische Strömungen, etwa in Polen, für alle Zukunft auszumerzen und das Gebiet mit Hilfe freundlich gesinnter Regierungen unter den unwiderruflichen Einfluß der Sowjet-Union zu bringen.
3. Durch Demontagen, Reparationsforderungen und enge ökonomische Beziehungen, die sich an den Bedürfnissen der von Hitler verwüsteten Sowjet-Union orientierten, so viele wirtschaftliche Vorteile wie möglich aus diesem Raum zu holen.
4. Osteuropa ein für allemal auch kapitalistischen Einflüssen zu entziehen.
5. Daraus eine Ausgangsbasis für die weitere Verbreitung des Kommunismus, die Fortführung des laut Lenin unvermeidlichen historischen Prozesses der Weltrevolution zu machen.
Einer von Stalins treuesten Vasallen, der ungarische KP-Chef Matyas Rakosi, skizzierte im Mai 1945 vor Genossen die Weltlage und was sich daraus für die Kommunisten ergäbe. Rakosi: Das britische Empire werde zusammenbrechen, die Bande zwischen Amerika und England würden sich lockern. Das werde eine allmähliche Ausdehnung des kommunistischen Herrschaftsbereichs ermöglichen. Um jedoch eine Mobilisierung kapitalistischen Widerstands zu verhindern, dürfte diese Expansion keinen radikalen, revolutionären Charakter haben.
Die Dauer der volksdemokratischen Übergangsperiode, des nötigen Kompromisses mit dem Bürgertum und der Bauernschaft schätzte der ungarische KP-Chef damals auf mindestens zehn Jahre - in Wahrheit war er bereits zwei Jahre später unumschränkter Herr Ungarns.
Dazu Brzezinski: "Die maximalen Erwartungen der Sowjet-Union gewannen Gewicht, als sich herausstellte, daß der Westen im Grunde an Osteuropa nicht interessiert war und als der Vormarsch der Sowjet-Armeen nach Westen so die Möglichkeit bot, vollendete Tatsachen zu schaffen."
Der Prager Außenminister Jan Masaryk sah die Lage der Osteuropäer nach dem Krieg illusionslos so: "Die Angelsachsen
sind weit weg, müde und zu jeder Konzession bereit, um den Frieden zu erhalten. Die Russen sind nahe, kampfeslustig und zu allem entschlossen, ihr Ziel zu erreichen."
Wie wenig der Westen wirklich am Schicksal Osteuropas interessiert war, oder wie wenig er tun konnte oder wollte, um die Sowjetisierung des halben Kontinents aufzuhalten, zeigt ein Vorschlag des US-Botschafters in Prag, Steinhardt, während des kommunistischen Putsches an der Moldau im Februar 1948: Steinhardt empfahl seiner Regierung lediglich, Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei aufzunehmen - dann demissionierte er.
Dabei waren bei Kriegsende die Aussichten der Kommunisten auf eine Machtergreifung in den meisten Ländern mehr als dürftig gewesen - in einigen der betroffenen Staaten gab es damals gar keine organisierte KP.
Vor dem Einmarsch der Roten Armee hatte die Kommunistische Partei in Rumänien etwa 2000 Mitglieder, in Bulgarien um 1000, in Ungarn einige hundert, davon die Mehrheit abtrünnige Trotzkisten, in Polen 20 000 und in der Tschechoslowakei um 30 000. Nur in Jugoslawien und Albanien, wo kommunistische Befreiungsorganisationen kämpften und siegten, verfügten die Kommunisten über starke und wohlorganisierte Kader.
Für eine sofortige Machtübernahme waren diese Splittergruppen fast überall zu klein - zumal ihnen oft mächtige bürgerliche oder bäuerliche Parteien gegenüberstanden.
Im Gefolge der Roten Armee und ihrer zielbewußten politischen Arbeit, durch die Rückkehr von Emigranten-Kadern aus der Sowjet-Union sowie durch den Opportunismus der vom Krieg demoralisierten Menschen vermehrten sich die Kommunisten in den meisten Ländern in atemberaubendem Tempo.
1948, drei Jahre nach dem Einmarsch der Sowjetmacht, hatten die Kommunistischen Parteien überall die Macht fest in der Hand - und ihre Mitgliederzahlen sahen so aus:
Rumänien: 940 000, Bulgarien: 500 000, Ungarn: 900 000, Polen: 1 370 000, Tschechoslowakei: 2 Millionen.
Es scheint daher nur gerecht, wenn der ungarische Parteichef Matyas Rakosi nach gelungener Machtergreifung "die unvergänglichen Verdienste" sowie die "entscheidende Unterstützung der Sowjet-Union und ihrer Armee" bei der Schaffung des neuen Systems pries.
Noch präziser formulierte das ungarische ZK-Mitglied Joszef Revai das vom Großen Bruder bewerkstelligte Wunder: _____" Wir waren eine Minderheit in Parlament und Regierung, " _____" aber zur gleichen Zeit repräsentierten wir doch die " _____" führende Macht. Wir hatten die entscheidende Kontrolle " _____" über die Polizei. Unsere Macht, die unserer Partei und " _____" der Arbeiterklasse, wurde noch vervielfacht durch die " _____" Tatsache, daß die Sowjet-Union und die Sowjet-Armee " _____" allzeit bereit waren, uns zu helfen. "
Fast in allen Staaten gingen die Kommunisten nach einem einheitlichen, von Moskau diktierten Stufenplan vor, der sie in fünf - je nach Land unterschiedlich langen - Etappen an die Macht bringen sollte.
1. Schaffung einer wirksamen kommunistischen Organisation.
2. Schwächung, Spaltung und Zerschlagung der legalen Opposition.
3. Organisation der Wirtschaft unter Berücksichtigung der eigenen Machtkonsolidierung.
4. Populäre soziale Reformen.
5. Identifizierung von Kommunismus und Nationalismus.
Dabei scheuten sich die Kommunisten nicht, auch nützliche alte Strukturen zu übernehmen - etwa die vorher halbfaschistischen Geheimpolizeien in Ungarn, Rumänien und Bulgarien, die unter dem roten Stern weitermachten wie zuvor.
So schufen von Moskau ausgebildete und im Troß der Roten Armee mitgebrachte KP-Kader bereits in den ersten Monaten nach dem Einmarsch die Grundpfeiler für die spätere totale Übernahme Osteuropas - eine Entwicklung, die Winston Churchill, der sie persönlich mitzuverantworten hatte, schon wenige Tage nach Kriegsende in Europa, am 12. Mai 1945, zu folgendem alarmierenden Telegramm an den neuen amerikanischen Präsidenten Truman veranlaßte: _____" Die Lage in Europa bereitet mir allergrößte Sorge. " _____" Ein Eiserner Vorhang hat sich niedergesenkt. Es scheint " _____" durchaus wahrscheinlich, daß das gesamte Gebiet östlich " _____" der Linie Lübeck-Triest-Korfu bald völlig in die Hände " _____" der Russen übergeht. "
Ein anderer, direkt Betroffener, der damals nicht mehr lebte, hatte dies alles schon viel früher kommen sehen, aber vergebens davor gewarnt.
Bei einem Besuch in Washington im Dezember 1942 hatte der Chef der polnischen Exilregierung, General Sikorski, die Amerikaner beschworen, die deutsche Vorherrschaft in Osteuropa dürfe nicht durch eine sowjetische ausgewechselt werden. Wenn man der UdSSR die Führung in diesem Teil Europas überlasse, bedeute dies "den totalen Verlust der Unabhängigkeit dieser Staaten".
Washington würdigte den General nicht einmal einer Antwort. Zwei Jahre später war Sikorskis Polen das erste Opfer jener Entwicklung, die der 1943 über Gibraltar abgestürzte General so prophetisch vorausgesagt hatte.
Im nächsten Heft
Polen geteilt zwischen Hitler und Stalin - Der Massenmord von Katyn und die Folgen - Stalin: "Wegen der Wahl wird es keinen Krieg geben" - Ein Sowjetmarschall im Warschauer Politbüro _(Churchill, Truman, Stalin. )
[Grafiktext]
OSTEUROPA VOR UND NACH DEM KRIEG Grenzen von 1937 Deutsches Reich bei Kriegsausbruch 1939 Grenze des "Großdeutschen Reichs" 1942 Deutsch-russische Interessengrenze 1939 bis 1941 Sowjet-Union 1939/41 weitere Grenzänderungen bis 1941 FINNLAND SCHWEDEN NORWEGEN EST-LAND LETT-LAND Moskau SOWJET-UNION LITAUEN Memelland Danzig DÄNE-MARK Berlin DEUTSCHES REICH Warschau POLEN TSCHECHO SLOWAKEI ÖSTERREICH UNGARN Siebenbürgen RUMÄNIEN JUGOSLAWIEN SCHWEIZ ITALIEN ALBA-NIEN BULGARIEN GRIE-CHEN-LAND TÜRKEI 1. Karpatho-Ukraine: 1938 autonom, 1939 von Ungarn besetzt 2. Teschen: 1938/39 an Polen 3. Kroatien: 1941 bis 1945 selbständig 4. Montenegro: 1941 bis 1944 selbständig OSTEUROPA VOR UND NACH DEM KRIEG Grenzen nach 1945 zum Vergleich: Grenzen von 1937 (soweit sie von den Grenzen 1945 abweichen) von der Sowjet-Union 1944/45 besetzte Staaten FINNLAND SCHWEDEN NORWEGEN Moskau SOWJET-UNION DÄNE-MARK Berlin BUNDES-DDR Warschau POLEN TSCHECHOSLOWAKEI REPUBLIK ÖSTERREICH SCHWEIZ ITALIEN JUGOSLAWIEN UNGARN RUMÄNIEN BULGARIEN ALBA-NIEN GRIE-CHEN-LAND TÜRKEI 1. Triest: 1947 - 1954 Freistaat. 1954 nördl. Teil italienisch, südl. Teil jugoslawisch
[GrafiktextEnde]
Stalin küßt das Schwert, das ihm Churchill (mit dem Rücken zur Kamera) als Geschenk des englischen Königs für den Sieg von Stalingrad überreicht hatte. Rechts: Außenminister Molotow. Bezeichnend, daß Stalin jene Slawen, die am meisten unter den Deutschen (und den anfangs noch denen verbündeten Russen) litten, nicht erwähnte: die Polen. Churchill, Truman, Stalin. Ich erhebe mein Glas auf das Wohl aller Neo-Slawen. Ich betone besonders dies - die neuen Slawen -, um den Unterschied zum alten, zaristischen Slawismus hervorzuheben. Wie bekannt, sah dieser Slawismus die Vereinigung aller Slawen unter dem zaristischen Regime vor. Dies hätte bedeutet, daß jede slawische Nation die russische Verfassung akzeptieren müßte und jede staatliche Autorität dem russischen System unterwerfen sollte, unabhängig von ihren nationalen Eigenheiten. Wir Bolschewiken oder Kommunisten haben eine andere Vorstellung von Slawismus. Wir wollen, daß alle, ob groß oder klein, verbündet sein sollen, aber jede Nation soll ihre Unabhängigkeit bewahren und ihr Leben nach ihren eigenen Ideologien oder Traditionen ausrichten, mögen sie nun gut oder schlecht sein. Es bleibt jedem einzelnen Staat überlassen, unter welchem System er leben möchte. Ich hasse die Deutschen. Die Slawen bezahlten die Rechnung für den Ersten Weltkrieg, und auch der Zweite geht auf ihre Kosten. Die Franzosen öffneten den Deutschen die Tür; Belgien und Holland haben gleichfalls versagt. England ist eine Insel, deshalb konnte es durchhalten. Aber wer litt wieder einmal? Die Deutschen warfen sich auf die Slawen, und die Tschechen, Slowaken, Ukrainer, Russen und Jugoslawen zahlten teuer dafür.
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 35/1984
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