27.08.1984

VIETNAMFeuer und Wasser

Wie in Kambodscha und Laos kämpft nun auch in Vietnam eine „Nationale Befreiungsfront“ gegen die Kommunisten in Hanoi. *
Im Bergland der zentralvietnamesischen Provinz Kong Tum, nahe der laotischen Grenze, überfiel ein Trupp Uniformierter einen Nachschubkonvoi der vietnamesischen Volksarmee und tötete Dutzende von Soldaten.
In der nördlichsten Provinz Ha Tuyen sprengten laut Radio Hanoi von China aufgehetzte "üble Elemente" Brücken und Straßen in die Luft und erschossen Ortskader der Kommunistischen Partei.
Nur fünfzig Kilometer nordwestlich von Ho-Tschi-minh-Stadt, dem ehemaligen Saigon, wurde ein Bus japanischer Geschäftsleute überfallen, die sich über Investitionschancen in Vietnam informieren wollten. Die Ausländer wurden von den Partisanen zu Gespräch und Essen mit ihrem Anführer gebracht, einem Major der "Nationalen Vereinigten Befreiungsfront".
Knapp ein Jahrzehnt nach der Eroberung des vietnamesischen Südens durch den kommunistischen Norden und der Flucht der Amerikaner aus Saigon wird in Vietnam wieder im Untergrund gekämpft - doch diesmal gegen die Roten.
Welches Ausmaß die Gefechte schon angenommen haben und welche Wirkung sie erzielen, ist schwer einzuschätzen. Die von Hanoi gesteuerten Medien melden nur die spektakulärsten Überfälle, stets mit dem Zusatz, die "Banditen" seien bereits besiegt.
Andererseits sind die Widerständler, die auch über einen geheimen Rundfunksender verfügen, darum bemüht, auch den kleinsten Überfall zur Schlacht aufzubauschen, um weitere Anhänger zu gewinnen.
Chinesische Meldungen über militärische Guerilla-Aktionen gegen die Führung aus Hanoi sind aus Propagandagründen zwar übertrieben, haben aber meist einen wahren Kern. Gesichert ist jedenfalls, daß in den unzugänglichen Regionen an der Grenze zu China, in den Provinzen entlang der kambodschanischen und laotischen Grenze, im zentralvietnamesischen Hochland und in der Küstenregion von Thuan Hai gutausgebildete und gutbewaffnete Partisanengruppen in offenbar wachsender Zahl gegen das Hanoi-Regime kämpfen.
Die Zahl der Partisanen wird von ihrem Geheimsender und von Sympathisanten im Westen mit rund 20 000 angegeben; der thailändische Geheimdienst, über die Vorgänge in Indochina in der Regel gut informiert, hält halb so viele für realistisch.
Ihre Waffen bekommen die Dschungelkämpfer zum größten Teil aus China. Aber auch viele der rund eine Million in den Westen geflüchteten Vietnamesen finanzieren den heimlichen Krieg.
Nach dem Vorbild des Vietcong hat die Guerilla ihre Kampfbasen und Waffenlager entlang dem legendären, 16 000 Kilometer langen "Ho-Tschi-minh-Pfad" angelegt, jenem Wegenetz im Urwald, auf dem im Vietnamkrieg die Kommunisten den Nachschub vom Norden in den Süden transportierten.
Der thailändische Geheimdienst ist überzeugt, daß es regelmäßige Kontakte zwischen dem Widerstand in Vietnam und den drei kambodschanischen Befreiungsbewegungen an der thailändischkambodschanischen Grenze unter Führung des Prinzen Sihanouk und zwölf antivietnamesischen Widerstandsgruppen in Laos gibt.
Angeführt wird die "Befreiungsfront" von drei Männern, die zusammenpassen "wie Feuer und Wasser" - so das Urteil eines Geheimdienstlers von der amerikanischen CIA.
Die größte militärische Erfahrung bringt sicher Hoang Co Minh, 53, mit. Minh, der Mitte der fünfziger Jahre mit seinen Eltern aus Hanoi nach Saigon floh, wurde als junger Offizier drei Jahre lang auf der amerikanischen Marineakademie Monterey in Kalifornien ausgebildet und stieg nach seiner Rückkehr zum Vizechef des Admiralstabs in der südvietnamesischen Marine auf.
Nach dem verlorenen Krieg lebte er erneut in Kalifornien und baute - wohl mit Unterstützung der CIA - Anfang der achtziger Jahre eine Widerstandsgruppe auf. Seit 1981, angeblich mit einem Flugzeug abgesetzt, soll er die Aktionen der Befreiungsfront in Vietnam leiten.
Der zweite Mann, Truong Nhu Tang, 61, lebt heute in Paris und gilt als der politische Kopf des Trios. Tang war Mitbegründer des Vietcong und wurde 1975 von den Eroberern Saigons als Justizminister der "Provisorischen Revolutionsregierung Südvietnams" eingesetzt.
Aber schon ein Jahr später mußte Tang das Amt abgeben, weil er sich gegen die Bevorzugung von Nordvietnamesen bei der Verteilung von Staatsämtern wehrte. Im September 1979 glückte ihm mit anderen "boat-people" die
Flucht übers Meer, und nach halbjähriger Irrfahrt durch asiatische Flüchtlingslager gelang ihm die Einreise nach Frankreich.
Tang gilt als Nationalist, der für eine indochinesische Einheitsfront gegen die Kommunisten wirbt und ein von ihm erträumtes neutrales Vietnam weder der Hegemonie der USA noch der Abhängigkeit von China überlassen möchte.
Auf die chinesische Karte aber hat der dritte Mann, Hoang Van Hoan, 79, gesetzt. Der politische Veteran, einst persönlicher Freund von Ho Tschi-minh, mit dem zusammen er 1930 die KP Indochinas gründete, war bis 1976 Mitglied des Politbüros der KP von Hanoi.
Als Anführer und Sprecher des prochinesischen Parteiflügels wurde er von seinem Widersacher, dem Parteichef Le Duan, politisch kaltgestellt und konnte 1979 auf dem Flug zur ärztlichen Behandlung in der DDR bei einem Zwischenstopp in Pakistan fliehen - er ging nach Peking.
Der inzwischen in Abwesenheit zum Tode verurteilte Spitzengenosse wird - ähnlich wie Kambodschas Sihanouk - von den Chinesen gern als politische Alternative zum herrschenden Regime vorgeführt. Im Exil wirft der Greis der KP-Führung in Hanoi vor, sie habe den Sieg der Revolution an die Sowjet-Union verkauft. Er hofft auf eine Parteirevolte, bei der angeblich 300 000 chinafreundliche Kader der vietnamesischen KP, die 1979 aus der Partei ausgeschlossen wurden, das Kommando übernehmen wollen.
Unter Anführern so unterschiedlicher Herkunft bleibt das Programm der "Befreiungsfront" zwangsläufig vage. Ihr Geheimsender, vermutlich in den Bergen Zentralvietnams versteckt, setzt denn vorerst auch unverbindliche Ziele: "Wir kämpfen unter dem Banner der Stärke und der Solidarität aller Menschen, um das Vaterland zu befreien und unsere Heimat wiederaufzubauen."
Womöglich noch mehr Sorge als die Propaganda der "Befreiungsfront" machen dem Regime in Hanoi die unberechenbaren ethnischen Minderheiten.
Von den 53 Millionen Einwohnern Vietnams sind sieben Millionen, also rund 15 Prozent, keine Vietnamesen. Die Fremden gehören zu den insgesamt 54 Völkern und Stämmen, die, überwiegend mit eigener Sprache und Kultur, diesseits und jenseits der Grenzen zu China, Laos und Kambodscha leben.
Von den Chinesen schon seit Hunderten von Jahren als Fünfte Kolonne gegen den vietnamesischen Erbfeind genutzt, waren die Bergvölker an den Grenzen auch für die französischen Kolonialherren und später für die amerikanischen Truppen nützliche Verbündete.
Mit Geldspenden, mehr noch mit dem Versprechen auf spätere Autonomie, konnten sie die Dörfler auf ihre Seite bringen. Der Pekinger Führung ist die Unterstützung so viel wert, daß sie für die verwandten Stämme in ihrem eigenen Machtbereich die Nationalitätenpolitik großzügig änderte. Noch vor ein paar Jahren soll China den Laoten ein neues Königreich versprochen haben, zu dem Teile Nordvietnams, Nordthailands und Nordburmas gehören sollten.
Inzwischen haben auch die Partisanen der "Befreiungsfront" bei den Bergvölkern Unterschlupf gefunden und leben - gemäß der Revolutionsstrategie Maos - "unter der Bevölkerung wie der Fisch im Wasser".
Denn die Minderheiten sind von den Kommunisten in Hanoi enttäuscht. Der versprochene Wohlstand ist ebenso ausgeblieben wie die versprochene kulturelle Autonomie, viele der politisch unzuverlässigen Grenzbewohner wurden aus strategischen Gründen umgesiedelt.
Inzwischen ist auch eine Widerstandsgruppe, die es schon im Vietnamkrieg gab, wieder aktiv: Die "Vereinigte Kampffront der unterdrückten Rasse" (Fulro), ein Zusammenschluß von 16 Völkerschaften im Norden Vietnams und im Zentralen Hochland, widersetzt sich mit Waffen den Kommunisten - angeblich finanziert von der CIA.
Als bei einem Überfall auch drei Sowjetberater von Fulro-Kämpfern getötet wurden, richtete die Führung in Hanoi ein "Hauptquartier der Vereinigten Kräfte zur Bekämpfung der Fulro" ein, eine Koordination von Geheimdienst, Armee und Miliz.
Bislang versuchen die Machthaber in Hanoi die Bedeutung des Widerstands im eigenen Land propagandistisch herunterzuspielen. Die Aktionen der "vom Imperialismus und der internationalen Reaktion irregeleiteten Banditen" seien "eine Hautkrankheit, aber kein Herzleiden".
Gleichwohl rufen die Funktionäre ständig zu mehr Wachsamkeit auf gegen "innere Feinde", zu denen nach der Lesart Hanois seit kurzem auch Priester gehören, "die in grausamer Weise die Gottesautorität ausnutzen, um die Revolution zu bekämpfen".
Für die Ankündigung des Guerillachefs Hoang Co Minh, "spätestens in zehn Jahren" werde er "als Sieger in Saigon einziehen" spricht zur Zeit wenig. Aber dem Ansehen der Vietnamesen, die noch vor wenigen Jahren in Asien als unbesiegbar galten, ist die "Hautkrankheit" sehr abträglich.
[Grafiktext]
VOLKSREPUBLIK CHINA Hanoi LAOS Vientiane Mekong VIETNAM THAILAND ehemaliger Ho-Tschi-minh-Pfad 300 km KAMBODSCHA Pnom Penh Aktionsbasen der Widerstandsgruppen Ho-Tschiminh-Stadt (Saigon)
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 35/1984
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