23.04.1984

TIEREWie Fische

Amerikanische Forscher wollen den Wasserbüffel in den USA ansiedeln - um Drittweltstaaten zu demonstrieren, wie nützlich er ist. *
Ein "braunes Meer" hätten sie gesichtet, meldeten Mitte des 17. Jahrhunderts spanische Eroberer nach Europa, die von Süden her in die nordamerikanische Weite vorgedrungen waren: Bisons, so weit das Auge blicken konnte, "zahlreich wie die Fische in der See".
Mindestens 75 Millionen Stück dieses uramerikanischen Hornviehs bevölkerten Mitte des vorigen Jahrhunderts noch die nordamerikanische Prärie zwischen Atlantik und Rocky Mountains, Mexiko und der Subarktis - weit mehr, als es dort damals Menschen gab.
Um die Jahrhundertwende waren es nur noch 2500 - ausgerottet durch so schießwütige Kerle wie den legendären Buffalo Bill, dem der fälschlich Büffel genannte Bison seinen Namen gab.
Dem Aufbruch nach Westen, den neuen Eisenbahnen stand das wuchtige Großtier buchstäblich im Wege. Wichtiger noch: Wer den Buffalo tötete, entriß den verhaßten Rothäuten die Existenzgrundlage. Denn er, nach Indianerglauben ein Geschenk des Großen Geistes, lieferte den Eingeborenen fast alles, was sie zum Leben brauchten: Fleisch, Felle und Leder sowie Knochen und Horn für Waffen und Hausrat.
Zoos, Wildparks und Liebhaber halten den Bison-Bestand in den USA heute _(Holzstich aus dem Jahr 1882. )
bei etwa 30 000 Exemplaren - zuwenig, finden Wissenschaftler der University of Florida in Gainesville.
Sie möchten, daß Büffelherden bald wieder zum Bild Amerikas gehören. Allerdings fiel ihre Wahl nicht auf den Bison, sondern auf seinen mit bis zu 1,80 Meter Höhe und 2,80 Meter Länge fast ebenso imposanten asiatischen Verwandten, den Wasserbüffel (Bubalus bubalis).
Die Florida-Zoologen Wyland Cripe und Hugh Popenoe arbeiten an einer Methode, Wasserbüffel-Embryos von Hauskühen austragen zu lassen. Für Cripe ist das Gelingen nur "eine Frage der Zeit, von einem Jahr vielleicht".
In den USA ist die Aussicht, daß sich nun bald, in den Sümpfen Floridas etwa, der breitgehörnte Bubalus suhlt, vorrangig von kulinarischer Bedeutung. Gourmets schätzen den Geschmack von Büffelfleisch höher ein als den des gemeinen Ochsen. Auch vom Nährwert her ist ein Büffelsteak nicht zu verachten: Es enthält im Vergleich zum Rind weit mehr Phosphor und Eisen.
Aber es geht den Forschern aus Florida auch gar nicht so sehr um die US-Speisekarte, sondern um das Wohl der Länder der Dritten Welt, wo der robuste, tropenharte Wasserbüffel, dieses laut Cripe "ganz wunderbare Tier", noch "große Möglichkeiten" habe.
Das mag paradox klingen, schließlich ist der bereits vor 5000 Jahren gezähmte Wasserbüffel in der Dritten Welt zu Hause. 97 Prozent der weltweit 130 Millionen Tiere leben allein in Asien, in Südostasien sorgt ihre Muskelkraft für 90 Prozent der in der Landwirtschaft gebrauchten Energie.
Doch dieses Energiepaket, im Vergleich zum Hausrind Spender einer weitaus eiweiß-, vitamin- und kalorienreicheren Milch, wird nach Ansicht der amerikanischen Wissenschaftler noch längst nicht ausreichend genutzt.
"Die meisten Menschen", sagt Noel Vietmeyer, wissenschaftlicher Direktor an der National Academy of Sciences in Washington, "halten den Wasserbüffel für ein zweitrangiges Tier. Er genießt nicht die gebührende Aufmerksamkeit."
In den Augen der Landwirtschaftsplaner etlicher Drittweltstaaten ist der Büffel Symbol für Plackerei und Rückständigkeit, der von seiner Arbeit - Pflügen und Wagenziehen, Dreschen oder Drehen von Wasserrädern und Ölmühlen - abgelöst werden sollte, da es ja Motoren und Traktoren gibt.
Dieses Negativ-Image des Jahrtausende getreuen Arbeitsgefährten des Menschen will Vietmeyer im Verein mit den Forscherkollegen aus Florida aufpolieren. Ihr Kalkül: Wird der Wasserbüffel in den USA populär, könnte der Trend zurückschwappen. "Der schnellste Weg, etwas in Entwicklungsländern annehmbar zu machen, ist, es in Amerika zu akzeptieren", glaubt Vietmeyer.
Daß der Wasserbüffel als Arbeitsmaschine selbst im 20. Jahrhundert noch entwicklungsfähig ist, bewiesen kürzlich Experten der Weltbank, welche die Brasilianer im Umgang mit ihren am unteren Amazonaslauf angesiedelten Wasserbüffel-Herden unterweisen. Statt des seit 15 Jahrhunderten verwendeten Holzjochs konstruierten sie ein ledernes, das die PS-Leistung des Muskelprotzes mit der doppelten Kraft eines Stiers noch einmal um bis zu 70 Prozent erhöht.
Indien kann als Beispiel gelten für die mustergültige Nutzung des Tieres. Büffelkühe liefern hier die Hälfte der Milch, 19 Millionen Tonnen pro Jahr. An den Ufern des Irawadi in Burma werden Wasserbüffel vor schwere Lkw gespannt, die ihrerseits schwere Teakholzstämme aus dem Fluß ziehen.
Sollte den Forschern in Florida der Embryo-Transfer gelingen, der Wasserbüffel in der Heimat des Indianerbüffels heimisch und sein Ansehen rund um den Globus gehoben werden, winkt Profit im Handel mit befruchteten Büffeleiern zwei Ländern, die seit Jahren am Nutzen des Bubalus bubalis nicht mehr zweifeln: Ägypten und Bulgarien. Beide unterhalten große Zuchtstationen.
Mit Interesse auch verfolgt die Volksrepublik China, selbst ein klassisches Wasserbüffel-Land, die amerikanischen Experimente. Zehn Millionen Dollar will Peking investieren, wenn der Transfer auch andersrum Erfolg verspricht: Die Chinesen hätten''s lieber bunt, sie wollen Embryos von amerikanischen Holstein-Kühen, um sie Wasserbüffel-Müttern einzupflanzen.
Holzstich aus dem Jahr 1882.

DER SPIEGEL 17/1984
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