27.08.1984

FUSSBALLBis zur Erblindung

Tote beim Kopfballspiel der Fußballer hat es schon gegeben. Der Deutsche Fußball-Bund zählt sie nicht. Nun kümmern sich Ärzte und Trainer um die Verringerung des Risikos. *
Wenn sich Fußballspieler schwer dabei tun, kompliziertere Sachzusammenhänge zu begreifen, wird im Kollegenkreis schon mal gefrozzelt: "Mensch, du hast wohl ne Bombe geköpft." Schwarzer Humor? Durchaus nicht, Kopfballspiel hat mitunter fatale Folgen.
Im strömenden Regen kickte TuS Kinzigtal gegen SV Hausach, der Lederball hatte Wasser aufgesogen und war um etliches schwerer als normal (400 Gramm). Als der Stürmer Richard Koch einen Kopfball riskiert hatte, verzog er das Gesicht und jammerte: "Mein Gott, war der Ball schwer." Drei Minuten darauf brach er tot zusammen. Ärztlicher Befund: Gehirnblutung.
Der Schiedsrichter vermerkte im Spielbericht: bedauerlicher Unglücksfall. Die Mannschaft trug den Germanistik-Studenten zu Grabe, und der Vorsitzende gelobte: "Wir werden Dich nie vergessen, Richard."
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vergaß ihn schnell. Es gibt bis heute keine Unfallstatistik.
"Mir ist schon längst klar", so der Mediziner Martin Schönberger, "wie gefährlich Kopfbälle sind. Gehirnzellen reagieren auf Erschütterungen sehr empfindlich, zarte Blutgefäße reißen schnell ein."
Schönberger kam bei seinen Untersuchungen zu verblüffenden Erkenntnissen. _(Rolf Rüßmann, Borussia Dortmund. )
Als Arzt an einem Erholungsheim betreute er jährlich 80 Kinder, zur Hälfte Jungen und Mädchen. "Bei den Jungen stellte ich häufig Störungen der Kopfdurchblutung, Halswirbelblockierungen und auch Lernstörungen fest", berichtet er. Bei den Mädchen gab es das fast nie.
Wenn Jungs mit markigen Sprüchen daherkamen wie: "Ja, die Birne tat mir ein bißchen weh beim Kopfball, aber ein Tor war''s auch", konnte Schönberger davon ausgehen: Erste Gesundheitsschäden lagen bereits vor. "Besonders die oberen beiden Halswirbel sind beim Kopfballspiel gefährdet," ermittelte der Mediziner.
Ähnliches haben auch britische Ärzte festgestellt. "Kopfbälle können schwere Migräne, starke Kopfschmerzen und sogar Schwindelanfälle mit Erbrechen verursachen", erkannte Professor Walter Matthews, Neurologe an der Universität Oxford, nach Untersuchungen von Fußballspielern.
Matthews berichtet von einem Patienten, der nach einem Kopfballstoß so starke Sehstörungen erlitt, daß er nur noch "wie durch einen Tunnel sah". Der Ball erreicht mitunter beim Zusammenstoß mit dem Kopf des Spielers 100 km/h. Einer der größten Kopfballspezialisten des englischen Fußballs, Jack Stamps, Mittelstürmer von Derby County, mußte am Ende seiner Karriere 20mal operiert werden, vorwiegend an den Augen. Als er 51 Jahre alt geworden war, erblindete Stamps.
"Leider bleibt meinen Kollegen nur noch die Schadensbekämpfung übrig", klagt Schönberger. Er fordert, daß bereits bei jugendlichen Fußballern die Stärkung der Nackenmuskulatur intensiv trainiert wird.
Denn: Wer ungeübt nach Kopfbällen hechtet, wird schnell ein Opfer von "Verschiebungen im Bereich der oberen zwei Halswirbel." Dauerschäden wie Schleudertrauma und Verengung des Gesichtsfeldes sind keineswegs ungewöhnlich.
Doch so düster sehen es Ärzte wie Professor Hanns Schoberth, jahrelang Betreuer der Nationalmannschaft, keineswegs. Den Opfern des kühnen Kopfballspiels stellt er als Beispiel Uwe Seeler gegenüber, "Europas größter Kopfballspezialist". Seeler, so Schoberth, habe "die Wirkung des Aufpralls für das Gehirn durch geschickte Kopfhaltung ausgeglichen". So kam es, daß bei Uwe Seeler noch heute das "Gehirn so gesund ist wie bei einem normalen Menschen".
Seeler hatte früh mit dem Kopfballtraining begonnen. Er war sehr sprungkräftig und meist in der Luft eher am Ball als seine Gegner. Er köpfte technisch einwandfrei, mit der Stirn. Tägliches Kopfballtraining härtete schon den jugendlichen Seeler in der Nackenmuskulatur so sehr, daß die Nackenwirbel genügend entlastet wurden.
Der Stürmer Horst Hrubesch übte die Treffsicherheit mit dem Kopf früher ein als die mit dem Fuß. Seine draufgängerische Art bei Luftduellen brachte ihm in der Branche den Namen "Ungeheuer" ein. Hrubesch über das Geheimnis seines sicheren Kopfstoßes: Augen auf beim Kopfball, denn "wasse nich siehst, kannze nich reintun".
Als Hrubesch zum Hamburger SV wechselte, brachte ihm Trainer Branko Zebec erst einmal "Fußball am Boden" bei. Zebec: "Wenn einer nur oben schießt, ist er schnell kaputt." Tatsächlich erlitt Hrubesch zuletzt beim HSV in einem Jahr mehrere Gehirnerschütterungen. Die Hamburger verkauften den empfindlich gewordenen Kopfballkönig an Standard Lüttich.
Aufstieg und Fall der Kopfballspezialisten im Fußball erschüttert sogar Ärzte, die vorwiegend Boxer zu betreuen haben. "Ein k.o. geschlagener Boxer muß vier Wochen pausieren", sagt der Mediziner Paul Schmidt vom Bund Deutscher Berufsboxer. "Aber ein Fußballer, der eine Gehirnerschütterung auskuriert, spielt meist acht Tage später schon wieder."
Bundesligatrainer nehmen die Warnungen der Ärzte zunehmend ernst. "Wir müssen mit jungen Spielern viel früher das Kopfballspiel einüben", erklärt Dietrich Weise von Eintracht Frankfurt. Weise schlägt monatelanges Training mit weichen Bällen vor, um die Technik und die Präzision des Kopfballstoßes risikolos zu proben.
Ebenso wie Weise haben die Trainer Dettmar Cramer von Bayer Leverkusen und Timo Konietzka von Borussia Dortmund bei ihren Klubs ein lange als veraltet abgelehntes Übungsgerät hervorgeholt: das Kopfballpendel. Der Fußball ist an einer Schnur befestigt und muß immer wieder im Sprung möglichst mit der Stirn getroffen werden.
Der Dortmunder Trainer Konietzka kommandiert seine Spieler wöchentlich mehrmals unter den "Galgen", wie das Kopfballpendel im Fachjargon heißt, "damit sie erst einmal lernen, was Springen heißt". Weise in Frankfurt hält die Pendelarbeit vor allem im Winter in der Halle für unerläßlich. "Draußen haben wir dann Morast", sagt Weise, "und die Bälle saugen sich voll, daß sie so schwer wie Eisenkugeln sind, das fördert nicht den Mut zum Kopfballspiel."
Das Härtetraining für Kopfballspezialisten wird schon deshalb immer notwendiger, weil längst in allen Bundesligamannschaften die geeigneten Gegenspieler ausgebildet worden sind. Recken wie der Hamburger Ditmar Jakobs, der Bremer Bruno Pezzey oder der Dortmunder Rolf Rüßmann springen meist zur selben Zeit in die Höhe wie die Angreifer.
Nicht selten bleibt im Luftkampf der Ball unbehelligt, aber die Köpfe von Angreifer und Verteidiger stoßen so hart zusammen, daß beide benommen zu Boden fallen. Im deutschen Pokalendspiel 1982 gegen den 1. FC Nürnberg mußte Bayern Münchens Kopfballspezialist Dieter Hoeneß ab der 13. Minute mit einem Kopfverband weiter auf Torjagd in die Luft gehen. Denn ähnlich wie einst Hrubesch besaß der zwar lange, aber auch langsame und schwerfällige Hoeneß vorwiegend bei Kopfbällen Chancen, Tore zu erzielen.
Der Hamburger Neurologe und Psychiater Hellmuth Wurm rät den Fußballspielern, wie die Boxer "mit einem Kopfschutz anzutreten". Doch in diesem Punkt ist sogar der vom Fußball "keineswegs beeindruckte" Kollege Schönberger nicht gleicher Meinung. "Gerade der Kopfschutz sitzt am Kopf nicht stabil genug", erklärt Schönberger. "Durch Verrutschen können seine Ränder zusätzlich die Gehirnzellen erschüttern."
Vor dem Kampf mit Kopfschützern bei Flugbällen im Strafraum warnt auch Trainer Weise: "Das erhöht die Verletzungsgefahr beträchtlich." Notwendig erscheint die Vorsorge, die bessere Vorbereitung auf das Kopfballspiel. "Ein in der Nackenmuskulatur gestärkter Athlet", glaubt Schönberger, "hat noch die besten Chancen, einigermaßen heil zu bleiben."
Rolf Rüßmann, Borussia Dortmund.

DER SPIEGEL 35/1984
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