27.08.1984

Entblößungen, fromm gemalt

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Schockierend auszusprechen, doch nicht zu leugnen: Religiöse Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts zeigt den Herrn Jesus oft in ausgeprägt exhibitionistischer Weise. "Ostentatio genitalium" nennt das der amerikanische Kunsthistoriker Leo Steinberg, der in einem Buch ("The Sexuality of Christ"; Pantheon; 19,95 Dollar) unter anderem reichlich Belege dafür beibringt, wie das Glied des gemalten Christkindes von der Hand der Mutter demonstrativ geschützt, aber auch entblößt oder liebkost wird. Das kann, so der Autor, weder Zufall noch sinnenfroher Naturalismus sein. Hinter den befremdlichen Bildern stehe vielmehr eine Theologie, die eine volle Menschwerdung Gottes auch anatomisch bewiesen sehen wollte und die beispielsweise die Beschneidung Jesu als erstes Blutopfer, als Beginn der Passion, diskutierte. Folgerichtig legt der tote Christus häufig mit gleicher Gebärde wie der neugeborene die Hand in den Schoß. Ja, Steinberg forscht noch unter dem Lendentuch des Schmerzensmannes nach Erektionen, die gewagt, doch buchstabengetreu die Auferstehung des Fleisches sichtbar machen.

DER SPIEGEL 35/1984
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