27.08.1984

Mythen haben kurze Beine

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Werner Herzogs Australien-Film „Wo die grünen Ameisen träumen“ *
Die Wüste, über der die trockene Hitze flimmert, erscheint endlos, und der Dichter Werner Herzog beschwört sie mit pathetischen Worten: "Der Himmel, unbußfertig wie sonst nirgends, starrt wolkenlos heiß auf das langsam verbrennende Land. Das Land ist groß und so weit, daß es einem weh tut. Und der Himmel ist überall größer, größer noch als das Land." _(Werner Herzog: "Wo die grünen Ameisen ) _(träumen". Filmerzählung. Carl Hanser ) _(Verlag, München; 112 Seiten; 22 Mark. )
Den Menschen, die in dieser Wüste dahinleben - dunklen, gedrungenen Gestalten mit platten Nasen und staubigem Kraushaar -, verdankt unsere schlappe Europäer-Sehnsucht nach dem ganz Anderen das Verheißungswort "Traumzeit". "Lalai Dreamtime" hieß der Film, der das Wort aus Steinzeiten zu uns herüberbrachte, eine Dokumentation des Ethno-Filmers Michael Edols (der nun, als Darsteller, auch in Herzogs Film auftritt) über die Mythen der australischen Aborigines.
"Dreamtime" ist auch für den deutschen Mythomanen Werner Herzog, von dessen mittlerweile zwölf Spielfilmen nur drei in Deutschland gedreht wurden, zu einem Fernweh-Ziel geworden: Er hat sich einen eigenen Traumzeit-Mythos erfunden.
Er lautet: Die ganze Welt ist ein Traum der grünen Ameisen, die irgendwo tief in der Erde Australiens schlafen. Wenn man sie aufstört und weckt, zerfällt ihr Traum. Von dieser Bedrohung unserer Welt handelt Herzogs Film.
Herzog läßt aber auch einen Zoologen auftreten, der mit leicht irrer Begeisterung von dem erstaunlichen Fortpflanzungs- und Verdauungssystem der grünen Ameisen berichtet und besonders von ihrer einzigartigen Empfindlichkeit für den Erdmagnetismus: Wie im Traum ordnen die Ameisen sich auf den Kraftlinien eines Magnetfelds zu wohlausgerichteten Kolonnen.
Natürlich ist diese Zoologie wie die Mythologie eine Herzog-Erfindung, doch da er als Filmer erst angesichts des Unmöglichen zu Hochform aufläuft, hat Herzog versucht, diese magnetisierten Ameisen-Kolonnen tatsächlich zu inszenieren. Seine Regiekünste, von der Hypnose bis zur Morddrohung, mit denen es ihm anderswo gelungen ist, widerspenstige Akteure zu bändigen, versagten vor der kleinen Komparsenschar. Auch der Versuch, die Ameisen durch Unterkühlung zu lähmen und dann auf Linie zu ordnen, schlug vor der Kamera fehl: Durch die Wärme der Filmscheinwerfer tauten die Tierchen auf und krabbelten schleunigst davon. So mischt er Erfundenes, Behauptetes und Dokumentarisches zu einem Plädoyer gegen den Raubbau des technischen Fortschritts an der Erde.
So muß Herzogs Film ohne Bild-Beglaubigung der träumenden Ameisenarmee auskommen; der poetischen Sinnfälligkeit seiner Erfindung - wir alle nur Traumgeschöpfe der grünen Ameisen - nimmt das nichts. Die geheiligten Kulthölzer der Aborigines, die im Film als Beweisstücke gelten sollen, werden vor dem profanen Kameraauge auch nicht aus ihren Schutzhüllen gewickelt; und in der glühenden Wüste, in der Herzog seinen Film gedreht hat, leben in Wirklichkeit gar keine Eingeborenen - er hat seine Darsteller aus einem mehr als 2000 Kilometer entfernten Gebiet dorthin schaffen müssen.
Herzog erzählt vom Widerstand eines armseligen Eingeborenen-Clans gegen einen mächtigen Minen-Konzern, der im Land der grünen Ameisen mit Bohrungen und Sprengungen nach Uran suchen läßt. Es geht um kein Terrain, in dem die Eingeborenen leben könnten, denn bis zum Horizont erstreckt sich nichts als diese staubige, baumlose Einöde - doch genau dieses Nichts ist das Alles, das dem Kampf Sinn gibt: Es geht um die Wahrheit des Mythos.
Die erste Runde findet in dieser trostlosen Wüste statt: Ein kleines Grüppchen von Eingeborenen sitzt da im Sand - keine Steinzeit-Wilden, sondern Menschen in T-Shirts und Jeans, ein Transistorradio neben sich im Staub -, sie sitzen da, unbeirrbar vor den bedrohlich riesig heranrückenden Bulldozern und Bohrgeräten der weißen Erd-Ausbeuter, und schützen den welterhaltenden Ameisenschlaf.
Die zweite Runde spielt vor einem Gericht in Melbourne. Da hat man die Wortführer der Aborigines in Anzüge, weiße Hemden und Schlipse gesteckt und konfrontiert sie mit den Stammesbräuchen einer ganz anderen Rasse, mit Richterroben und bezopften Allongeperücken, mit einem Prozeß nach angelsächsischem Ritual, bei dem jeder Mythos erst einmal als bloßes "Hörensagen" in Zweifel gezogen wird. Nur Ohnmacht spricht aus dem altklugen Eingeborenen-Argument: "Was würden Sie sagen, wenn wir mit Bulldozern in Ihre Kirche kämen und anfingen zu graben?"
Dieses große Prozeß-Mißverständnis hat Momente von Verzweiflung wie von bizarrer Komik - aber weil der Kampf der Eingeborenen für ihr Ameisenreich so sanft, gewaltlos und im voraus verloren ist, wirkt auch Herzogs Film weich, schwach und geheimnislos sentimental. Seine traurigen kleinen Helden läßt er mit einem Flugzeug, das ihnen die Minen-Gesellschaft geschenkt hat, davonfliegen ins bessere Ameisen-Jenseits, und am Ende, einzige Hoffnung, hat einer der weißen Techniker die Front gewechselt und entschwindet hinaus in die endlose Wüste, hinüber in die ewige Ameisen-Traumzeit.
Als Mitarbeiter hat Herzog einen der angesehensten Zeremonienmeister und Traditionshüter der Aborigines gewonnen, den Musiker, Maler, Publizisten und Politiker Wandjuk Marika. Er spielt auf dem "Dröhnrohr" oder "Didjeridu" - einem armdicken, etwa zwei Meter langen Blasinstrument, das dunkel vibrierende, langhingezogene Tonfolgen hervorbringt - einen Teil der Filmmusik, und er spielt als Wortführer des Clans eine Hauptrolle.
Durch die feierliche Würde, mit der dieser kleine Mann mit wildem Kraushaar und weißem Bart sich präsentiert, wird freilich erst recht absurd, daß er, in seiner Sprache, gar nicht von den Mythen des eigenen Volkes spricht, sondern sich ein Ameisenmärchen hat eintrichtern lassen, das der europäische Kunstkopf Werner Herzog ersonnen hat.
Trauermusik, der große Sog der Wüstenbilder, Traumzeit-Ende: diesmal nichts von Herzogschem Wahnsinn, nichts von der Hybris der Konquistadoren. Mit kurzen Beinen und franziskanischer Demut bittet Herzog um Schonung für die geschundene Welt. Doch den Kunst-Hochmut, mit dem er die Aborigines als seine Sprecher einsetzt, macht das schlichte Gewand nicht geringer: Erst wenn man der Welt einen selbstgemachten Schöpfungsmythos untergejubelt hat, ist sie der Rettung wert.
Werner Herzog: "Wo die grünen Ameisen träumen". Filmerzählung. Carl Hanser Verlag, München; 112 Seiten; 22 Mark.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 35/1984
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