27.08.1984

Auf Bibelpapier

Neues über die Exil-Jahre des SPD-Vorsitzenden Willy Brandt zeigt ein Dokumentarfilm des ZDF. *
Der Zöllner in Travemünde inspiziert den Fischkutter TRA 10 nur kurz. Den jungen Mann aus Lübeck, der sich unter Tauen und Netzwerk verkrochen hat, entdeckt er nicht. Herbert Ernst Frahm, 19, ist, vom Großvater mit 100 Mark Zehrgeld versehen, im Morgengrauen dieses Apriltages 1933 unterwegs zur dänischen Insel Lolland - auf der Flucht vor den Nazis.
In einer Filiale der Berliner Reichsbank hebt der norwegische Student Gunnar Gaasland - die Olympischen Spiele 1936 sind wenige Wochen zuvor zu Ende gegangen - wie jeden Monat sein Studiengeld ab. Ein Landsmann aus Oslo bedrängt Gaasland, doch mal zu einem Treffen skandinavischer Nazis mitzukommen. Doch der wimmelt den Kommilitonen ab, muß seine Tarnung wahren: Gaasland organisiert im Untergrund die Berliner Gruppe der "Sozialistischen Arbeiterpartei" (SAP).
Gestapo-Beamte haben in Paris das Postfach 453, Poste Centrale, Rue du Louvre, ausgenommen. Es wurde von Antifaschisten benutzt, Sicherheitsleute an der deutschen Botschaft werten das Material aus. Unter der Überschrift "Umtriebe Deutscher Emigranten. Geheim" berichten sie über Verdächtige, die angeblich zwischen Norwegen und Frankreich hin und her pendeln. Im Mai 1937 wird der deutsche Gesandte in Oslo, Heinrich Sahm, um Stellungnahme ans Auswärtige Amt gebeten. Seinem Report fügt er den Artikel eines gewissen Felix Franke bei, der im norwegischen "Arbeiderbladet" zur Bildung einer Volksfront gegen die Nazis aufgerufen hat.
Frahm, Gaasland und Franke sind Willy Brandt. Über seine Stationen in Widerstand und Exil von 1933 bis 1945 hat das ZDF, nachdem zwei ARD-Anstalten das Projekt ablehnten, einen Dokumentarfilm drehen lassen.
Regie führte Heinrich Breloer, preisgekrönter Spezialist für historische Fährtensuche und anschauliche Geschichtsstunden ("Das Beil von Wandsbek", "Mein Tagebuch"). Produziert wurde der 65-Minuten-Streifen, den das ZDF am 9. September ausstrahlt, von einem SPD-Insider: Jörg Richter, lange Jahre Leiter des Referats "Politische und gesellschaftliche Analysen" in der Planungsabteilung des Kanzleramtes, danach Chef der Abteilung Presse und Information im Ollenhauer-Haus. Er hat sich vor zwei Jahren aus der Bonner Politik abgeseilt und versucht sich seither als Geschäftsführer der Hamburger "Freien Fernseh-Film Produktion".
Der Film fügt sich, 40 Jahre nach dem Attentat auf Hitler, in die Beiträge vieler Historiker ein, die Geschichte des deutschen Widerstands vor 1944 besser aufzuarbeiten. Brandt: "Das, was vorher war, ist nicht richtig gewürdigt worden." Der SPD-Vorsitzende warnt freilich davor, das eine gegen das andere zu stellen - sein journalistischer und politischer Ziehvater Julius Leber, der den Gymnasiasten Frahm auf der Jugendseite des "Lübecker Volksboten" schreiben ließ, wurde im Januar 1945 hingerichtet.
Doch während die Männer des 20. Juli in der Nachkriegs-Demokratie willkommene Symbole für das anständige Deutschland abgaben und im Überschwang als Nationalhelden verehrt wurden, mußten sich Emigranten wie Herbert Wehner oder Brandt gegen Vorwürfe verteidigen, sie hätten ihr Vaterland im Stich gelassen.
So ereiferte sich der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß, der im "NS-Kraftfahrerkorps" seiner Motorradleidenschaft frönte und in der Hitler-Armee als wehrgeistiger Führungsoffizier hinhaltenden Widerstand leistete, über die im Exil. Man werde doch wenigstens "fragen dürfen: Was haben Sie in den zwölf Jahren draußen gemacht, wie man uns gefragt hat, was habt ihr in den zwölf Jahren drinnen gemacht".
Den SPD-Vorsitzenden hat selten jemand gefragt. Rechtsradikale, auch Konservative, versuchten statt dessen, vor allem zu Wahlkampfzeiten, dem Berliner Regierenden Bürgermeister, dem SPD-Vorsitzenden, dem Bundeskanzler Brandt als Vorwurf anzukleben, daß er gegen Hitler Widerstand von außen geleistet hat.
Da wurden, mit absurden Gerüchten, dumpfe Vorurteile gegen vaterlandslose Gesellen wiederbelebt. Brandt sei, so eine der Behauptungen, in einen Mordfall verwickelt gewesen und habe deshalb 1933, unter falschem Namen, aus Lübeck fliehen müssen. Er sei kein Deutscher, sondern Norweger, und habe in der Uniform eines norwegischen Majors gegen Deutsche gekämpft.
Mehrmals wehrte sich der SPD-Vorsitzende vor Gericht. Brandt: "Ich habe nie Antworten verweigert." Doch die ersten autorisierten Antworten gab es erst 1982 in dem Buch "Links und frei", in dem er seinen Weg von 1930 bis 1950 beschrieb.
Noch im Frühling dieses Jahres, als Breloer den SPD-Vorsitzenden in Bonn _(Mit Genossen in Norwegen. )
zweimal drei Stunden lang mit Material aus den Archiven konfrontierte, mußte Brandt, so bekennt er, "eine gewisse Schwelle überwinden". Unterkühlt charakterisiert der Ex-Kanzler seinen Werdegang: "Das wich sehr stark ab von einem deutschen Normalleben."
Breloer hat an Brandts Exil-Stationen Oslo und Stockholm, Paris und Barcelona Zeitzeugen gefunden, die den unnormalen Lebenslauf eines Widerstandskämpfers schildern.
Günther Kuhlmann erinnert sich an den Gestapo-Überfall auf die Wohnung der Eltern, nachdem sein Halbbruder Herbert Frahm, ein stadtbekannter radikaler Linker, Lübeck verlassen mußte. Hätte nicht die Reichsleitung der SAP, der Frahm nach anfänglicher SPD-Mitgliedschaft seit 1931 angehörte, den jungen Mann auf geheime Mission nach Oslo geschickt, er wäre von den Nazis festgesetzt worden. Kuhlmann: "Ja, es gab keine andere Lösung."
Mutter Martha Frahm und Stiefvater Emil Kuhlmann wurden wochenlang eingesperrt. Frahms Schulkamerad Werner Häuer erinnert sich, wie die Nazis damals Rote und Demokraten in Lübeck behandelten: "Bis es nicht mehr ging, bis sie nicht mehr konnten, so lange haben sie auf mir rumgeprügelt."
Frahm bekam von der SAP-Reichsleitung für seine Norwegen-Mission einen neuen Namen verpaßt: Willy Brandt. Damit wollten sich die Genossen gegenseitig schützen: In Verhören, unter der Folter sollte niemand den anderen verraten können. Der Frankfurter Rentner Max Diamant, damals Leiter der SAP-Zentrale in Paris: "Das sind Kampfnamen, nicht Pseudonyme, Kampfnamen, die in dieser Zeit des Exils geläufig waren."
Die SAP, die damals noch 14 000 Mitglieder zählte, hat dem jungen Sozialisten nichts erspart. Das süße Leben im bequemen Exil, das ihm angedichtet wurde, hat nicht stattgefunden. Der "Kampfname: Willy Brandt", so der Titel des Breloer-Films, taugte als Autorenzeile für Bücher und Artikel im norwegischen "Arbeiderbladet", für auf Bibelpapier gedruckte Flugblätter und Pamphlete, die ins Reich geschmuggelt wurden.
Doch auf den Reisen durch besetzte Gebiete, etwa zu Tagungen der Exil-Zentrale in Paris, mußte Brandt einen gefälschten norwegischen Paß auf den Namen Gunnar Gaasland benutzen.
1936 schickt ihn die SAP-Führung auf ein Himmelfahrtskommando. Er soll nach Nazi-Deutschland, dessen Behörden er durch Hilfsaktionen für die Oppositionellen Stefan Szende und Carl von Ossietzky ein Begriff ist, um in Berlin die Parteigruppe im Untergrund zu leiten. Seine Angst bekämpft er auf der Reise, berichtet Brandt in die Kamera, mit einer Flasche Kirschwasser.
Den Auftrag abzulehnen wäre ihm - trotz Skepsis über die Weisheit seiner Partei - nicht eingefallen: "Ich wär'' mir schäbig vorgekommen, wenn ich gesagt hätte, ich mach'' das nicht."
Sein Nachfolger auf dem gefährlichen Berliner Posten, Walter Pöppel, über das Risiko der SAP-Untergrundarbeit in der Reichshauptstadt: "Ja, also, wenn man mich erwischt hätte, das wäre ganz einfach gewesen, da hätte ich ''nen Prozeß bekommen, und wahrscheinlich hätte ich den Kopf verloren."
Brandt kommt davon und berichtet 1937, als Journalist, aus Spanien über den Bürgerkrieg. Er schreibt über den "grotesken Kampf um eine Anhöhe, auf der sich die Ruinen eines Irrenhauses befinden" - ein Stoff, den George Orwell später aufgegriffen hat. Er muß zusehen, wie die Spanier einem Priester "mit dem Bajonett den Bauch aufschlitzen".
Zurück in Oslo, flieht Brandt ein zweites Mal vor den Deutschen - Hitlers Truppen besetzen Norwegen. Seine sozialistische Gruppe beschließt, den Deutschen im Mai 1940 auf dreiste Weise zu retten: Brandt soll sich eine norwegische Uniform anziehen und mit anderen zusammen von den Deutschen in ein Kriegsgefangenenlager stecken lassen.
Breloer hat den Mann aufgetrieben, der den verwegenen Plan ins Werk setzte: Johan Cappelen, später norwegischer Diplomat. Cappelen über die Lage seines deutschen Genossen: "Wir sahen seine Situation sehr gefährlich." Der Norweger beschwatzt den Enkel des französischen Malers Paul Gauguin, der bei einer improvisierten norwegischen Einheit Dienst tut und sich auf eigene Faust durchschlagen will, Brandt eine Uniform auszuleihen.
Die Deutschen fallen auf das Bubenstück herein. Brandt wird, nach etwa sechs Wochen, aus dem Lager in der Nähe von Dovre als kriegsgefangener norwegischer Soldat regulär entlassen - "mit dem Ausweis, von einem Hauptmann Nippus unterschrieben, daß ich Löhnung bis zum Ersten empfangen hätte und mich nunmehr frei in meinem Heimatort Oslo bewegen könnte".
Denn längst darf Brandt nicht mehr Deutscher sein. Am 11. Mai 1938 übersendet _(Oben: Im Osloer "Arbeiderbladet", ) _(Schlagzeile: "Wie sieht es aus in ) _(Hitler-Deutschland?"; ) _(unten: mit norwegischer ) _(Studentenmütze. )
die Dienststelle des Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, dem Auswärtigen Amt den Ausbürgerungsantrag. Unterzeichnet hat das Schreiben der spätere Juden-Deporteur und Stellvertretende Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Frankreich, Kurt Lischka.
Bald schon entscheidet sich Brandt, der norwegischer Staatsbürger geworden ist, das besetzte Land zu verlassen. In Stockholm eröffnet er ein Pressebüro, hält über Seeleute den Kontakt zu illegalen Gruppen in Deutschland, trifft andere emigrierte Genossen, zum Beispiel Bruno Kreisky.
Zusammen mit ihnen arbeitet er in einer internationalen Gruppe an einem Programm für das Europa nach dem Krieg. Brandt in einer Stockholmer Rede 1943, die Breloer ausgegraben hat: "Wir erwarten nichts anderes als eine Chance, durch Taten beweisen zu könne, daß wir nichts mit dem Deutschland zu tun haben, das ihr von der widerwärtigen Seite kennengelernt habt, und daß wir kein höheres Interesse kennen, als mit euch zusammen am friedlichen Wiederaufbau Europas zu wirken."
Als "War Correspondent", den Vorschriften der Siegermächte entsprechend in Uniform, reist Brandt 1945 zum Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, seit 1947 hat er wieder einen deutschen Paß.
Daß er vielen aus seiner Nation noch immer nicht willkommen ist, hat Breloer bei den Recherchen für den Film gespürt. Ein Klassenkamerad Brandts, ein angesehener Lübecker Bürger, verweigerte am Telephon die Auskunft mit den Worten: "Willy Brandt, nein danke."
Mit Genossen in Norwegen. Oben: Im Osloer "Arbeiderbladet", Schlagzeile: "Wie sieht es aus in Hitler-Deutschland?"; unten: mit norwegischer Studentenmütze.

DER SPIEGEL 35/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Auf Bibelpapier

  • Neue Kommissionspräsidentin: EU-Parlament stimmt für von der Leyen
  • Unglück auf Baustelle: Kran bricht zusammen
  • So groß wie ein Mensch: Taucher filmen Riesenqualle
  • Trumps neue Angriffe auf Kongressfrauen: "Diese Leute hassen unser Land"