27.08.1984

ZEITGESCHICHTEEhrenname „Ben Wisch“

Der Legende nach war Adenauers CDU-Staat eine Gesellschaft ohne Radikale. Ein Buch über die „Kofferträger“, die Sympathisanten des algerischen Freiheitskampfes, zerstört das Biedermeier-Bild. *
Ein Bild wie aus einem Gangsterfilm von Jean-Pierre Melville: Regnerische Winternacht, Tropfen und Lichtreflexe auf der Frontscheibe, die Scheibenwischer arbeiten unermüdlich. Eine Mittelklasselimousine durchquert bei spärlichem Verkehr den östlichen Stadtrand von Paris, rollt via Chalons-sur-Marne und Metz über die Route Nationale in Richtung deutsche Grenze.
Am Steuer des Mietwagens, der in jener unwirtlichen Februarnacht des Jahres 1961 unterwegs ist, sitzt die Soziologiestudentin Walmot Falkenberg. Die Passagiere, die von der jungen Frau nicht ohne Nervosität nach Frankfurt am Main chauffiert werden, könnten in der Tat für die kunstvoll stilisierten Ganovenfiguren des "film policier" Modell gestanden haben: Sie sind Wochen zuvor aus dem Gefängnis "La Rocquette" geflohen und werden von der französischen Polizei per Steckbrief gesucht.
Wie aber konnte eine deutsche Studentin aus gutem Hause Anfang der sechziger Jahre in solche Situation und Gesellschaft kommen? Die entflohenen Häftlinge, die damals bei Forbach über die grüne Grenze geschafft wurden, waren Mitglieder der algerischen Befreiungsfront FLN. Und Walmot Falkenberg gehörte zu einem Zirkel konspirativ arbeitender Deutscher, die die Algerier in ihrem Kampf gegen die französische Kolonialherrschaft unterstützten. "Kofferträger" nannte man diese Leute. Von ihnen erzählt nun ein Buch von Claus Leggewie. _(Claus Leggewie: "Kofferträger". Das ) _(Algerien-Projekt der Linken im ) _(Adenauer-Deutschland. Rotbuch Verlag, ) _(Berlin; 208 Seiten; 16 Mark. )
Der Begriff "Kofferträger" (porteurs de valises) ist in Frankreich von Jean-Paul Sartre geprägt worden. Dort bildeten sich im Verlaufe des Algerienkrieges (1954 bis 1962) Gruppen, die den Revolutionären um Ahmed ben Bella, Houari Boumedienne und Belkassim Krim mit mancherlei Liebesdiensten unter die Arme griffen: Empörte Intellektuelle, abtrünnige Kommunisten, engagierte Katholiken und fahnenflüchtige Soldaten besorgten für die FLN (Front de Liberation Nationale) gefälschte Pässe, Waffen, Ersatzteile, schleusten Deserteure der französischen Armee außer Landes und vermittelten Kontakte zur Presse.
Die Sympathisanten trugen Koffer im eigentlichen Wortsinn. In ihnen war das Geld versteckt, das die Befreiungsfront als Kriegs-"Steuer" bei den in Frankreich lebenden Algeriern abkassierte. Die FLN sammelte damals Millionensummen und half, wenn es denn sein mußte, der Moral säumiger Zahler auch mit der Maschinenpistole auf.
Dem risikoträchtigen Metier der Kofferträgerei hatte sich auch Francis Jeanson verschrieben. Der ehemalige Sekretär Jean-Paul Sartres und Mitherausgeber der Zeitschrift "Les Temps Modernes" arbeitete seit 1956 im Untergrund für die FLN - also zu einer Zeit, in der die Algerienfrage die französische Nation in zwei Lager spaltete. Jeanson, ein Prototyp des engagierten romanischen Intellektuellen, ergriff mit seinem Buch "L''Algerie hors la loi" (Das gesetzlose Algerien) Partei für einen von Frankreich unabhängigen Staat.
Doch mit dem politisch-literarischen Angriff auf das koloniale Unterdrückungssystem der Franzosen, das in den Jahren 1954 bis 1958 von den sozialistischen Regierungen Mendes-France und Mollet verantwortet wurde, sollte es nicht sein Bewenden haben. Jeanson knüpfte in der Illegalität ein weit verzweigtes Netz von FLN-Sympathisanten, das "Reseau Jeanson". Im "Manifest der 121" schlugen sich Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Nathalie Sarraute und Francois Truffaut auf die Seite dieser neuen Resistance.
Den Verbindungen, die die algerischfranzösischen Kofferträger mit der linken Polit-Szene des benachbarten Rest- und Restaurationsdeutschland unterhielten, ist Claus Leggewie, Politologe und Algerien-Spezialist, in seinem Buch nachgegangen. Der Autor hat auf einem Feld recherchiert, das deutsche Wissenschaftler ansonsten lieber Thriller-Autoren
vom Schlage eines Eric Ambler oder John Le Carre überlassen:
Im Kofferträger-Milieu übten Falschmünzer und Agenten ihr Gewerbe aus, detonierten Plastikbomben unter den Autos von Exportkaufleuten, die ihr Sortiment an Schnellfeuergewehren und Granatwerfern zum Mißfallen des französischen Geheimdienstes der algerischen Seite angedient hatten. Mit etlichen Feuerstößen durchsiebte die "Rote Hand", eine Terrororganisation, die an der langen Leine des "Deuxieme Bureau" lief, mitten in Bad Godesberg den Peugeot 203 des algerischen "Botschafters" Ameziane Ait Ahcene, der bei diesem Attentat tödlich verletzt wurde.
Der bekannteste deutsche Kofferträger hieß Hans-Jürgen Wischnewski. Wischnewski, damals noch ein junger Bundestagsabgeordneter der oppositionellen SPD, hatte eines Tages unversehens 1,8 Millionen Mark aus der Kriegskasse der FLN auf seinem Privatkonto. Die Weitergabe dieser Summe an FLN-Kuriere war einer der Hilfsdienste, die ihm den Bei- und Ehrennamen "Ben Wisch" eintrugen.
Solche Räuberpistolen passen nicht zu den Vorstellungen, die über die pubertäre Phase dieser unserer Republik im Schwange sind. Nach landläufiger Meinung war Westdeutschland in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren eine befriedete Gesellschaft, in der politische Kirchhofsstille herrschte: Adenauer hatte die Bundesrepublik auf Westkurs getrimmt; die parlamentarische Diskussion um die Wiederbewaffnung war beendet. Die KPD hatte man 1956 verboten, und die Studentenschaft wurde allenfalls unruhig, wenn sich das Mensa-Essen mal wieder als zu schlecht und zu teuer erwies.
Lediglich ein paar linksintellektuelle Non-Konformisten (so hießen sie damals) versuchten durch Kritik an Wiederbewaffnung und Wohlstandsdenken den Bundesdeutschen den unbeschwerten Genuß des Wirtschaftswunders zu vergällen, das der stets Zigarren rauchende Ludwig Erhard seinen Landsleuten beschert hatte. Die Kontrapunkte der Graß, Böll, Enzensberger aber richteten nicht viel aus - Konrad Adenauer und sein CDU gewannen unverdrossen Wahlkampf um Wahlkampf mit dem Slogan: "Keine Experimente!"
An diesem Biedermeier-Bild wird in Leggewies Buch kräftig herumkorrigiert. Daß nämlich der CDU-Staat jeden Hauch von Widerstand und Abweichung erstickt hätte, ist eine Legende. Wie hinfällig sie ist, beweist Leggewies Darstellung. Sie zieht Verbindungslinien aus der Adenauer-Ära zur Studentenbewegung der 60er und 70er Jahre und dokumentiert erste Ansätze zur Beschäftigung von Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und autonomen Gruppierungen mit den Problemen der Dritten Welt und der Dekolonisierung.
Leggewie: "Algerien war für die meisten gar nicht der Hauptschauplatz, sondern die Fortsetzung der ersten deutschen Friedensbewegung mit anderen Mitteln, eine Nadel, mit der man die verkalkende Sozialdemokratie ein wenig pieksen konnte, und die Partitur, mit der man in den pathetischen Orgelton der verordneten deutsch-französischen Aussöhnung ein paar kakophone antikoloniale Töne einmischen konnte."
Deutsche Kontakte zu Vertretern der FLN, die zu jener Zeit in der tunesischen Botschaft in Bonn saßen, gab es nur im stillen: Offiziell wurde ein Repräsentant der Befreiungsfront wie Hafid Keramane (Deckname: Malek), der es später zum ersten Botschafter des unabhängigen Algerien in der Bundesrepublik brachte, als Terrorist angesehen. Er war damit nicht besser dran als heutzutage ein Emissär der PLO.
Der alerte SPD-Youngster Hans-Jürgen Wischnewski agierte am Rande dieser Szenerie sozusagen als Ausputzer, der immer dann zum Einsatz kam, wenn es für die Algerier oder ihre deutschen Kofferträger-Freunde kritisch wurde: Er verhinderte durch Intervention beim Auswärtigen Amt die Ausweisung von FLN-"Diplomaten", die im Mai 1961, kurz vor einem Besuch de Gaulles in Bonn, auf Betreiben der Bundesanwaltschaft hinter Schloß und Riegel verschwunden waren; und Wischnewski war es auch, der den in der Kolonialfrage recht behäbigen SPD-Vorstandsgenossen um Erich Ollenhauer und Carlo Schmid Dampf machte.
Ursprünglich wollte "die deutsche Sozialdemokratie" in ihrer Parteitags-Entschließung nämlich auch "die Gewalttaten der algerischen Aufstandsbewegung" verurteilen, die "die Möglichkeiten einer friedlichen Verständigung aufs schwerste gefährdet" hätten. Die Fraktion der "Jungalgerier" las dem Parteivorstand die Leviten - und drängte erfolgreich auf Änderung des Textes, "damit nicht der Eindruck entsteht, daß wir die Opfer mit dem gleichen Maß messen wie die Mörder".
Wischnewskis Beziehungen zu Ländern der Dritten Welt sind solche Aktionen gut bekommen. Für das Auswärtige Amt wurde er zum Gesprächspartner in
vielen Fragen, die das Verhältnis zu Algerien betrafen. Wenn aber tatsächlich mal etwas anbrannte - wie bei jener Osnabrücker Falschmünzenaffäre, als die FLN auf deutschen Boden Blüten drucken ließ, mit denen die französische Wirtschaft unterminiert werden sollte -, dann konnte die CDU-Administration kühl darauf verweisen, daß mal wieder ein junger Oppositionspolitiker die Hände im Spiel gehabt haben müsse.
Adenauer soll dem französischen Botschafter, der zu solchen Gelegenheiten protestierend bei ihm vorstellig wurde, erklärt haben: "Da sin se bei mir janz verkehrt. Da müssen Se zur SPD jehen, ich kann da jar nix machen."
Die Kofferträgerei brachte aber auch Episoden mit sich, die heute so manchem Lebenslauf ein ironisches Glanzlicht aufsetzen. Klaus Vack etwa, einer der Organisatoren der heutigen westdeutschen Friedensbewegung, baute in den 50er und 60er Jahren einen Rückholdienst für desertionswillige Fremdenlegionäre deutscher Herkunft auf, die vom Morden und Foltern in der Kasbah und den Dörfern der Kabylei die Nase voll hatten.
Vack geriet dadurch auf die Abschußliste der "Roten Hand" und in eine Situation, die einen gestandenen Pazifisten und Uniformverächter seltsam anmuten mag: Ein Photo in Leggewies Kofferträger-Buch zeigt ihn im Kampfanzug der algerischen Grenzarmee, einen Drahtverhau an der marokkanisch-algerischen Grenze durchquerend. _(Beim triumphalen Einzug in Algier im ) _(September 1962. )
Claus Leggewie: "Kofferträger". Das Algerien-Projekt der Linken im Adenauer-Deutschland. Rotbuch Verlag, Berlin; 208 Seiten; 16 Mark. Beim triumphalen Einzug in Algier im September 1962.

DER SPIEGEL 35/1984
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