27.08.1984

BÜCHER„Die Gesellschaft ist ein Irrenhaus“

Walter Boehlich über August Strindberg und sein „Blaubuch“ Walter Boehlich, 62, Experte für skandinavische und lateinamerikanische Literatur, lebt als freier Publizist in Frankfurt. *
Wie Ibsens Großer Krummer liegt August Strindberg seit einem guten Jahrhundert mitten auf dem Weg, und die Versuchung, um ihn herumzugehen, ist unziemlich groß. Von den Modernen hat kaum einer so viele abstoßende Züge - nicht als Person, das wäre relativ gleichgültig -, oder es hat sich doch kaum einer so schonungslos in seiner Erbärmlichkeit selbst bloßgestellt, sich und eben auch andere.
Daß man trotzdem nicht um ihn herumkommt, liegt gerade an seiner Schonungslosigkeit, an den erstaunenden Blicken, die er in die menschliche Seele getan hat, in die eigene und in fremde. Es sieht nicht so aus, als sei er primär an Psychologie interessiert gewesen, sondern eher so, als hätten der blanke Haß und die pure Verachtung ihn hellsichtig gemacht, als habe er sich jeweils zu rechtfertigen und zu retten gesucht, koste es, was es wolle. Die Zeche hat immer er und haben gleichzeitig immer die bezahlen müssen, die ihn dorthin getrieben hatten, wo er es nicht aushalten konnte, zu sich selbst also.
Für die Psychologen ist das alles ganz einfach. Von Jaspers bis Lidz tönt es uns entgegen: Strindberg war geisteskrank. Bald schizophren, bald paranoisch, und man sollte nicht verheimlichen, daß er selbst sich auch gelegentlich für verrückt hielt, in einem altmodischen Sinne, und daß er Anstrengungen machte, Atteste für seine Normalität zu erhalten. Sein Pech, daß er nicht war wie die anderen, die sich bei einem solchen Mangel an Normalität entsetzt abwandten. Schon für den dänischen Kritiker Georg Brandes war Strindberg ein Verrückter, und deswegen schrieb er über "Inferno": "Niemals hat es eine solche Idiotenverehrung gegeben." Strindberg erleichterte sich, indem er an den Rand der Rezension das einzige Wort "Idiot" schrieb. Da waren ein Rationalist und ein Irrationalist aneinandergeraten.
Ein Idiot jedenfalls war Strindberg nicht, und sollte er wirklich klinisch verrückt gewesen sein, so ist es gerade das nicht, was ihn interessant macht, sondern das ist das Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit seinen Störungen und Verstörungen. Auf keine Weise könnte Strindberg unter der Rubrik "Kunst der Geisteskranken" abgelegt werden, denn die dauernde Wirkung seiner Werke beruht nicht auf deren Unbewußtheit, sondern auf deren Bewußtheit. So gleichgültig gegen ästhetische Konventionen sie immer hingeschrieben sein mögen, sie sind so geworden, wie Strindberg sie wollte.
Allerdings zeigte es sich, daß sie nicht alle gleich lebenskräftig zu sein scheinen. Aus dem Riesenwerk sind nur Teile gerettet, und zwar diejenigen, die direkt oder indirekt einen autobiographischen Charakter haben. Nicht die lange Reihe der historischen Dramen, nicht die historisierenden Erzählungen, kaum die Romane, sondern vor allem die vielbändige Lebensgeschichte, die Problemstücke, die Bekenntnisprosa.
Wenn auch Strindbergs Glanzzeit unter den Deutschen längst vergangen ist, so hat er doch in Grenzen nach wie vor seine Konjunktur, weniger auf dem Buchmarkt als auf den Bühnen. Langsam wird die alte, entsetzliche Übersetzung von Emil Schering verdrängt durch Neues, Besseres. Nachdem erst Suhrkamp und dann der Verlag der Autoren sich brockenweise für dieses und jenes Stück eingesetzt haben, ist jetzt in der DDR (und bei Hanser) eine dreibändige Stückauswahl erschienen, und im Insel-Verlag beginnt im Herbst eine zwölfbändige "Frankfurter Ausgabe" zu erscheinen, die uns endlich wieder zwar nicht den ganzen, aber doch den wichtigsten Strindberg zugänglich machen soll, und zwar streng chronologisch geordnet, ohne Rücksicht auf die unterschiedlichen Gattungen, pro Band rund 100 Mark, dafür aber nicht noch einmal ein Zufallsprodukt, sondern verständig geplant: ein Silberstreifen am Horizont, der um so neugieriger macht, als die Schweden selbst mit ihrem großen Autor bislang nicht sonderlich sorgsam umgegangen sind. Die alte 55bändige Gesamtausgabe genügt keinen Ansprüchen, nur die Briefe sind später sorgfältig ediert worden, während die neue historisch-kritische Ausgabe ein Alptraum zu werden verspricht, dessen Vollendung keiner von uns erleben wird.
Von Liebhaber-Seite kommt jetzt ein neuer Anstoß, um diesen Großen Krummen doch nicht herumzugehen, sondern sich auf ihn einzulassen, und es ist wohl kein Zufall, daß die Wahl der Liebhaber in einem der Vernunft und dem aufgeklärten Geiste nicht eben gewogenen Augenblick gerade auf das "Blaubuch" gefallen ist.
Petra und Uwe Nettelbeck haben in ihrer "Republik" eine fast vierhundertseitige Auswahl veröffentlicht und keiner Menschenseele verraten, was dieses "Blaubuch" ist, was sie aus ihm ausgewählt haben und was nicht, warum sie es überhaupt für lesenswert halten, sondern einfach diesen Stein des Anstoßes kommentarlos auf den Markt geworfen, wie das so ihre Art ist. Sie scheinen damit zu rechnen, daß die Freunde und Leser ihrer Zeitschrift Unterweisung oder Hilfe nicht brauchen, sondern lesen, was ihnen geboten wird, und etwas damit anzufangen wissen.
Ich habe da meine Zweifel, obgleich überhaupt nichts dagegen spricht, die Bücher selbst wirken zu lassen und den subjektiven Anteil des Lesers an ihnen nicht durch umständliche oder geschwätzige Beiwerke zu lähmen. Ein Buch, das man als Droge genutzt sehen will, muß man nicht erklären, aber ich habe nicht den Eindruck, daß die Nettelbecks das "Blaubuch" als eine Droge ansehen. Sie scheinen nur eine bemerkenswert hohe Meinung von ihren Lesern zu haben. Jedenfalls haben sie an anderer Stelle erklärt, es sei eine Form der Höflichkeit, den Leser für intelligent zu halten und ihm zuzutrauen, auch ohne jeden Kommentar zurechtzukommen.
Wenigstens haben sie ihre Auswahl mit der Vorrede zur 3. Auflage eröffnet, der man entnehmen kann, wann Strindberg seine Notizen verfaßt hat. Wann,
und unter welchen Umständen. Kann das genügen? Wäre es nicht besser, man wüßte, daß Strindberg das "Blaubuch" geschrieben hat, nachdem seine dritte Ehe (mit Harriet Bosse) geschieden war und nachdem er die Arbeit an den "Schwarzen Fahnen", vor deren Publikation selbst ihm bange war, abgeschlossen hatte? Sollte man nicht besser wissen, daß Strindberg das "Blaubuch" ausdrücklich als Kommentar zu den "Schwarzen Fahnen" bezeichnet hat? Und hülfe es dem Verständnis gar nichts, wenn man erführe, daß das "Blaubuch" dem "Lehrer und Leiter" Emanuel Swedenborg gewidmet ist?
Die "Schwarzen Fahnen" waren eine vernichtende Abrechnung mit dem jungen literarischen Schweden, voller Verachtung, voller Haß, voller Ungerechtigkeit, ein Blick auf das, was Strindberg für den Sumpf hielt. Diesem Sumpf ist das Kloster gegenübergestellt, eine Art Turmgesellschaft, die sich der Erklärung der Welt widmet.
Das "Blaubuch" ist bis zu gewissem Grade eine Fortsetzung der Klostergedanken, wieder einmal ein Rettungsversuch, ein Versuch, aus dem Sumpf in die Welt der Klarheit und der Offenbarung vorzudringen. So jedenfalls mag es geplant gewesen sein, aber mit der Zeit tritt der Swedenborg-Lehrling, der stille und freundliche und wißbegierige, ebenso in den Hintergrund wie der allwissende Lehrer selbst, und in den Vordergrund rückt der alte rechthaberische, unbeherrschte Alleswisser August Strindberg.
Was für ihn einnimmt, ist seine fast unbegrenzte Neugier, sein Unwille, sich mit überlieferten Lehrmeinungen abzufinden, seine Aufmerksamkeit auf die Natur wie auf die Geschichte. Was gegen ihn einnimmt, ist die Flucht in die schnelle Analogie, seine Weigerung, sich der Logik anzuvertrauen, sein Bestehen auf unerhörten Vorurteilen. Dann wieder versöhnt er durch das Geständnis, auch nicht weiterzuwissen, eine Erklärung für seine Beobachtungen auch nicht finden zu können, eine fast pietistische Form des Du Bois-Reymondschen Ignorabimus.
Im Grunde sucht er, der Atheist, wieder einmal Gott und auf dem Wege über die Swedenborgsche Korrespondenzlehre die Einheit der Welt. Er ist davon überzeugt, daß alles mit allem zusammenhänge, Kunstformen mit Naturformen (Gott also als Künstler), die Pflanzen mit den Menschen, alle Sprachen miteinander. Er ist ein Produkt des humanistischen Gymnasiums, auf dem man alles lernen konnte und für alles vorgebildet war. Die Quadratur des Zirkels? Lösbar! Die universale Sprachverwandtschaft? Lösbar! Das Perpetuum mobile? Lösbar! Man muß nur Offenbarungen haben, Erweckungserlebnisse, Visionen, man muß hinter den Urgrund kommen, dann kann man auch Gold machen.
Das "Blaubuch" ist voll von naturwissenschaflichen Überlegungen, die allesamt nicht das mindeste mit den Methoden der modernen Naturwissenschaft zu tun haben, mehr mit dem Okkultismus und manchmal einiges mit einer selbstgemachten Kabbalistik. Das meiste davon haben die Herausgeber ausgeschieden, wie auch so gut wie alles, was mit Spracherforschung zu tun hat. Das scheint verständig, da sie ja für ihren Fund einnehmen wollten.
Auf der andern Seite haben sie auch einiges unterdrückt, was unterdrückt oder verborgen werden nicht sollte. Strindberg hat die schlimmsten Vorurteile seiner Zeitgenossen geteilt. Er konnte ein blinder Antifeminist so gut sein wie ein blinder Antisemit (und dann gleich wieder für die Frauen und für die Juden reden); er konnte auch ein Rassist sein. Derselbe Mann, der an wirklich allem zu zweifeln geneigt war, war vollkommen unfähig, dem abscheulichsten Unsinn zu widerstehen. Blind tappte er in jede Falle, mochte die Nietzsche heißen oder Weininger oder Lanz von Liebenfels, dem, wie man weiß, Hitler seine Rassenlehre verdankte. Von alldem findet sich in dem Bande der "Republik" nichts. Aus Höflichkeit?
Dafür Harmloseres, wie die Geschichte vom Wachtelkönig, den man bekanntlich nicht fliegen sieht. Grund genug für Strindberg, schlicht zu leugnen, daß es sich da überhaupt um einen Zugvogel handle. Er ist sicher, daß er auf irgendeine
Weise in Schweden überwintere. In einem Brief aus dem Jahre 1907, mitten in der Zeit des "Blaubuchs", fordert er Carl Larsson auf, diesen Dingen einmal auf den Grund zu gehen, denn sicherlich blieben auch die Störche und die Schwalben zu Hause.
Daß einer die herrschende Lehre um keinen Preis anerkennen will, kann seinen Reiz haben, bei Strindberg aber steckt weniger der Wille nach Erkenntnis als das Verlangen nach geoffenbartem Wissen hinter der Frondeursstirn. Daß Erkenntnis fortschreitet (und bisweilen auch zurück), erscheint ihm unannehmbar. Es soll die eine Wahrheit für immer geben.
Er ist intelligent genug zu sehen, daß "die Ansichten der Menschen aus Interessen und Leidenschaft geboren" werden, aber er pfeift auf eine Geschichtsschreibung, in der der Held des einen der Schuft des anderen ist, und in der man heute dies und morgen jenes für erwiesen hält. Er selbst sucht in der Geschichte nichts anderes als in der Natur: Gott, mit dem er sich auf seltsame Weise einig und eins glaubt. Neben Gott allenfalls absurde Zahlengesetze, deren Beweiskraft um so dünner ist, als seine Zahlen nicht immer korrekt sind. Man wird das als Rückzugsgefechte einer verspäteten Gegenaufklärung beiseite tun müssen.
Das "Blaubuch" lesen, im "Blaubuch" lesen, lohnt sich anderer Passagen wegen, zum Beispiel: "Die Gesellschaft ist ein Irrenhaus, dessen Wärter Beamte und Polizisten sind; die Familie ein Konkubinat; die Wissenschaft eine Camorra; die Kapitalisten Wucherer; die Industrie unnötiger Luxus." Das ist der Strindberg, der seine Zeitgenossen skandalisiert hat, der auch uns in seiner Raserei zu beunruhigen noch immer fähig ist.
Von Walter Boehlich

DER SPIEGEL 35/1984
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