23.01.1984

STÄDTEBAUAnte Einsturz

Aus deutsch-amerikanischer Pietät baut Berlins Senat die seit vier Jahren lädierte Kongreßhalle wieder auf. *
Als "Symbol der Freiheit" stifteten 1957 die Amerikaner die Kongreßhalle in Berlin. Das Bauwerk mit dem geschwungenen Dach aus Spannbeton (Baukosten: 17 Millionen) verkörperte Berlins Politikern fortan jenes "Zeichen unverbrüchlicher Freundschaft", die aus Siegern Alliierte hatte werden lassen.
Aber dann brach es doch. Am 21. Mai 1980, während einer Maklertagung, stürzte das Hallendach ein. Seither ist das einstige Wahrzeichen "für den Überlebenswillen der Stadt" (Willy Brandt) eine Teilruine. Denn wegen der hohen Kosten drückten sich Berliner Regierungen fast vier Jahre lang vor einer Entscheidung über die Reparatur.
Doch nun soll das Symbol wieder auferstehen. Nachdem der deutsch-amerikanische Souvenirbau, notdürftig konserviert, fast vier Jahre vor sich hingegammelt hatte, beschloß der CDU/FDP-Senat vergangene Woche endgültig und formell die Umsetzung seiner Wiederaufbaupläne - zum "kulturpolitischen und ästhetischen Nutzen Berlins", wie Bausenator Klaus Franke formulierte.
Nach Studium zahlreicher Vorschläge internationaler Architekten - darunter Zeltdach oder Begrünung "in den herrlichen Mantel des Efeus" - entschied der Senat sich dann doch lieber für die weitgehende Wiederherstellung des äußeren Erscheinungsbildes; knapp 50 Millionen Mark soll sie kosten.
Der teure Entschluß entsprang der politischen Pietät. Es "ist eine von allen akzeptierte Tatsache", so der Wissenschaftssenator Wilhelm Kewenig, "daß die Kongreßhalle das vielleicht sichtbarste äußere Zeichen der guten fortbestehenden deutsch-amerikanischen Beziehungen" sei. Der Senat könne nicht zulassen, "daß hier eine Ruine an dieses vorzügliche Verhältnis erinnert".
Leute vom Fach waren nicht so rücksichtsvoll. Der Berliner Architektur-Kritiker Wolf Jobst Siedler befand, "das Ding war nie viel mehr als ein Nierentisch im Tiergarten", und stimmte für Abriß. Deutsch-amerikanische Allianz zu demonstrieren, so Siedler, werde "die Stadt schon andere Wege wissen".
Ein halbes Dutzend Fachprofessoren, gleichsam die gesamte Spannbeton-Elite Deutschlands, warb zwar für den Wiederaufbau, forderte aber Neuentscheid "unter gestalterischen, technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten". Der Berliner Architekt Ralf Schüler: "Wenn es früher die 'schwangere Auster' war, so wird es jetzt eine elefantenfüßige Schildkröte."
Daß kein Experte einen originalgetreuen Wiederaufbau anraten mochte, hatte freilich auch handfeste technische Gründe. Denn Einsturzursache war nach Gutachterurteil eine "Mischung aus Korrosionsschäden und Konstruktionsfehlern". Weil beim Bau offenbar geschludert worden war, rissen einige der Stahltrossen, die das flügelhaft gespannte Betongebilde in der Schwebe hielten.
Die konstruktiven Probleme des Neubaus scheinen gelöst: Die funktionsfähigen Reste des alten Daches werden repariert, darüber kommt eine zusätzliche Dachschale aus Leichtbeton, die die Vision einer Kongreßhalle "ante Einsturz", so Kultursenator Volker Hassemer, ermöglichen soll.
Bedarf für die wiederaufgebaute Halle, die schon in der letzten Zeit vor dem Unglück bevorzugt für Teppich-Auktionen genutzt wurde, hat Berlin nicht. Auf der Suche nach einem Verwendungszweck wanden sich die Stadtplaner, die der Halle nacheinander die Funktion als Festspielhaus, als Rockpalast, als Sporthalle, Verkehrsmuseum, Entwicklungshilfe- oder Diskutierzentrum zudachten.
Nun soll der Komplex, wie gehabt, mit neuem Hausherrn als "Kongreß- und Veranstaltungsbau" herhalten - obwohl der einstige Betreiber, die Berliner Messegesellschaft (AMK), schon Mühe hat, das 1979 eingeweihte "Internationale Congress Centrum" am Funkturm rentierlich auszulasten.

DER SPIEGEL 4/1984
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