27.08.1984

BÜCHERJiddische Legende

Mendele Mojcher Sforim: „Die Mähre“. Aus dem Jiddischen von Freed Weininger. Edition Weitbrecht in K. Thienemanns Verlag, Stuttgart; 204 Seiten; 29 Mark. *
Deutschen Lesern fallen zur jiddischen Literatur vor allem die Romane Isaac B. Singers oder Scholem Alejchems "Tewje der Milchmann" ein. Die Werke anderer Autoren sind fast nur noch in Antiquariaten zu finden. Nun aber hat der Thienemanns Verlag mit dem zuerst 1873 veröffentlichten Roman "Die Mähre" von Mendele Mojcher Sforim eine Reihe mit Übersetzungen jiddischer Literatur eröffnet.
"Die Mähre" ist ein phantastischer Roman: Isrulik, ein russischer Jude in der Mitte des 19. Jahrhunderts, möchte aus der Enge des Gettos ausbrechen und Medizin studieren. Bei seinen Glaubensgenossen steht Isrulik in schlechtem Ruf, denn er hat es, obwohl bereits älter als
20 Jahre, immer noch nicht zu einer Ehe gebracht und verschmäht auch die sichere Laufbahn eines Rabbiners.
Der melancholische Sonderling bereitet sich vielmehr so sorgfältig auf sein Studium vor, daß er an Nervosität zu leiden beginnt und die Ärzte ihm Spaziergänge empfehlen, damit die frische Luft ihm die Flausen aus dem Kopfe wehe. Sie ahnen nicht, daß sie den Teufel mit Beelzebub austreiben. Unter einem Baum liegend, gibt Isrulik sich wilden Fieberträumen hin - und begegnet einer abgemergelten und geschundenen Mähre, die sich dem Leser bald als Allegorie des Volkes Israels offenbart.
Der Träumer liebt das Tier, aber er ist auch empört. Denn trotz ihrer zahlreichen Wunden fügt sich die Mähre widerstandslos in ihr Schicksal. Auf einer abenteuerlichen gemeinsamen Reise, die durch das Universum jüdischer Legenden und Phantasmagorien führt, versucht Isrulik die Mähre zu überzeugen, daß die Zeit der Befreiung gekommen sei.
Mendele Mojcher Sforim hat das Schtedtl nicht romantisch verklärt, sondern die intellektuelle Borniertheit und den religiösen Fanatismus zur Schau gestellt. Zugleich setzt er dem Enthusiasmus seines Helden die bittere Not entgegen, welche die Verwirklichung der hehren Ideale sabotiert. Dies unternimmt Mendele mit den Mitteln subtiler Ironie, über den scharfen Ton der Satire siegt in seinem Roman die Anmut des Märchens.
Mendele Mojcher Sforim war der erste bekannte Schriftsteller, der in jiddischer Sprache schrieb. Der Jargon des einfachen Volkes wurde bis zu seiner Zeit von den meisten gebildeten Juden verachtet. Auch Mendele hat seine ersten Arbeiten in hebräisch verfaßt.
Mit Mendeles Romanen begann die kurze Blütezeit der jiddischen Literatur in Rußland, die bereits in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts wieder endete, als sich immer mehr Autoren dem Neu-Hebräischen zuwendeten. Die Vernichtung der ostjüdischen Kultur aber hat Mendele Mojcher Sforim nicht mehr erlebt. Er starb 1917 in Odessa.

DER SPIEGEL 35/1984
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