23.04.1984

LUFTFAHRTSchwanz ab

Ungewöhnliche Flugzeugkonstruktionen reifen heran: Die „Enten“ sind im Anflug. Das Prinzip stammt aus den Pioniertagen des Flugwesens. *
Zwei Jahrzehnte lang gab's nichts Neues bei der Beech Aircraft in Wichita, Kansas. Die überalterten Manager des führenden Herstellers von Geschäftsreise-Flugzeugen (Vorsitz: Olive Ann Beech, 78) scheuten jedes Risiko, der Gewinn sank von 124 Millionen Dollar (1981) auf magere 14 Millionen im vergangenen Jahr.
Die Altersriege mußte vor Jahr und Tag weichen. Das neue Management unter Vorsitz des Sportpiloten Linden Blue, 47, ließ endlich wieder ein neues Beech-Flugzeug entwickeln - setzte dabei aber zum risikoreichsten Turbulenzflug der Firmengeschichte an:
Mitten in der schwersten Absatzkrise der Branche seit 30 Jahren fand bei Beech ein so radikal anders geartetes Reiseflugzeug seine Form, daß nach Ansicht von Marktkennern die Gefahr besteht, viele potentielle Käufer würden es allein wegen seines Aussehens verschmähen.
Das "Starship" genannte Flugzeug sieht aus, als flöge es rückwärts. Es hat keinen Schwanz. Seine seltsam geschwungenen Tragflächen, an denen zwei Turbo-Prop-Triebwerke mit hinten montierten Propellern befestigt sind, enden in über zwei Meter hoch ragenden abgeknickten Flügelspitzen. Ganz vorn, schräg unter der Pilotenkanzel, hat Starship noch ein weiteres, viel kleineres Paar Tragflächen.
Die futuristische Form wird bedingt durch eine Technologie, die dem Starship einzigartige Chancen bieten soll. Mit diesem Flugzeug, befand Marktanalytiker Wolfgang Demisch, Boston, könnte Beech allen Konkurrenten "um eine volle Generation voraus sein".
Als erster ziviler Großserienhersteller hat sich Beech mit einem Entwicklungsaufwand von über 250 Millionen Dollar an die Entenflügler-Bauweise herangewagt. Und die flugtechnische Zwischenbilanz sieht gut aus. Erste Flüge mit einem auf 85 Prozent verkleinerten Voraus-Modell zeitigten ermutigende Ergebnisse: Der Erstflug des fertigen Zehnsitzers ist für Ende des Jahres vorgesehen.
Beim Entenflügel-Prinzip, so genannt wegen des hinten liegenden und damit an das Entenflugbild erinnernden Hauptflügels, nutzen die Aerodynamiker ein schwierig beherrschbares strömungstechnisches Phänomen. Da beim herkömmlichen Flugzeug die am Heck angeordnete Höhenleitwerk-Fläche den über die Tragflächen erzeugten Auftrieb teilweise wieder aufhebt, ließen die Ingenieure die beiden Flächen gleichsam ihre Plätze tauschen.
Dabei sorgt, umgekehrt, die nach vorn gewanderte kleinere Fläche für bis zu 40 Prozent Leistungszuwachs an Auftrieb (und damit auch für einen geringeren Kraftstoffverbrauch). Zusätzlich gewährt der kleine Entenflügel ein entscheidendes Plus an Sicherheit: Er verhindert offenbar zuverlässig den gefürchteten "Stall"-Zustand, ein verhängnisvolles Abreißen der Luftströmung an der Haupttragfläche.
Ein Boom in Entenflüglern, wie ihn manche Fachleute angesichts derart günstiger Auswirkungen schon heraufziehen sehen, wird aber wohl noch auf sich warten lassen, dazu sind die Entwicklungen zu langwierig.
Zwar haben, von Boeing bis McDonnell Douglas, Lockheed und Airbus Industrie, fast alle Hersteller von Großraumflugzeugen mit Untersuchungen über den möglichen Nutzen des Entenflügels für Verkehrsmaschinen begonnen. In der Militärluftfahrt ist der Durchbruch sogar schon erkennbar, allerdings nutzen die Betreiber solcher Flugzeuge, etwa der israelischen Kfir C. 2, der französischen Super Mirage 4000, des Schweden-Jet Saab 37 Viggen oder Saab Jas 39 Gripen den Entenflügel hauptsächlich, weil er ihre Kurzstarteigenschaften verbessert und ihnen aggressive, wendigere Flugmanöver ermöglicht.
Besonders eifrig haben sich die Erbauer von Kleinflugzeugen, so etwa der
amerikanische Konstrukteur Bert Rutan mit seinem "Defiant" und der deutsche Hersteller Gyroflug mit seinem "Speed Canard", der neuartigen Aero-Technik angenommen. Aber als Novität kann der Entenflügel bestenfalls in Verbindung mit neuen Werkstoffen wie der Kohlefaser und neuen Fertigungsverfahren wie der Sandwichbauweise gelten.
Alle Entenflügel-Verwerter folgen einem Prinzip, das so alt ist wie die Fliegerei. Denn schon Orville und Wilbur Wright nutzten bei ihrem ersten Motorflug im Jahre 1903 den zusätzlichen Auftrieb weit nach vorn ragender kleiner Extra-Flächen. Genauere Erkenntnisse suchten nach dem Ersten Weltkrieg die Bremer Konstrukteure Henrich Focke und Georg Wulf mit einem F 19 genannten zweimotorigen Versuchs-Entenflugzeug zu sichern. Wulf stürzte mit diesem Aeroplan 1927 tödlich ab. Ein Nachfolgetyp (F 19 a) flog bis 1939 und erbrachte eindrucksvolle Flugdaten.
Die Flugpioniere scheiterten an aerodynamischen Nachteilen, die sich teils auch heute noch nicht einfach meistern lassen. So treten beispielsweise Detail-Probleme im "Schiebeflug" (bei Seitenwind) auf, auch bewirkt gerade der vorn angebrachte Entenflügel nun seinerseits veränderte Strömungsverläufe am Hauptflügel und erzwingt dadurch Konstruktions-Kompromisse.
Die Verkaufsmanager von Beech haben schon begonnen, den besonders wirtschaftlichen Flugbetrieb ihres Ungeborenen werblich zu nutzen. Obwohl praktische Vergleiche fehlen, verweisen sie darauf, daß ihr Entenflügel-Starship mit seinen beiden Druckpropellern etwa genausoviel kostet (2,75 Millionen Dollar), den gleichen Flugkomfort, fast die gleiche Geschwindigkeit (über 740 Stundenkilometer) und gewiß die gleiche Reichweite (über 3300 Kilometer) hat wie ein vergleichbares herkömmliches Manager-Flugzeug mit Düsenantrieb - aber bei alledem rund 40 Prozent weniger Treibstoff verbraucht.
Ob die großen Bosse das skurrile Starship in so großer Anzahl ordern, wie es sich Beech Aircraft erhofft, verspricht ein interessanter Test zu werden. Fred Weisman, Flugzeug-Kaufberater zahlreicher US-Konzerne, sprach schon ahnungsvoll von einem "verständlichen Konservativismus".
Aus was für Gründen auch immer: Die Beech-Konkurrenten Gates Learjet/ Piaggio (GP-180) und Avtek 400, die für den Managertransport ähnliche Entenflügler wie Beech auflegten, haben ihren Flugzeugen wenigstens die Schwänze gelassen.

DER SPIEGEL 17/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LUFTFAHRT:
Schwanz ab

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht