27.08.1984

BÜCHERIndianisches Gelübde

Elisabeth Burgos: „Rigoberta Menchu. Leben in Guatemala“. Aus dem guatemaltekischen Spanisch von Willi Zurbrüggen. Lamuv Verlag, Bornheim-Merten; 244 Seiten, 16,80 Mark. *
Felipe starb auf der Finca, "als sie vom Flugzeug aus die Kaffeeplantage besprühten, während die Leute noch bei der Arbeit waren. Er hat das Pflanzenmittel nicht vertragen".
Nicolas starb zweijährig an Unterernährung, ebenfalls auf der Finca. Irgend jemand schenkte Nicolas' Mutter einen Pappkoffer, in dem sie das Kind begrub. Dadurch verlor sie einen Tag bei der Arbeit. Da warf sie der Aufseher raus.
Den Tod ihres Brüderchens schildert Rigoberta Menchu in Kapitel sieben ihrer Lebensgeschichte, die "lebendiges Zeugnis ablegen soll vom Schicksal meines Volkes", wie sie sagt. Der Tod ist der heute 26jährigen Quiche-Indianerin aus Guatemala vertraut.
Eine Freundin Rigobertas gefiel dem Sohn des Großgrundbesitzers. Als sie sich dem verwöhnten Gockel verweigerte, rief er seinen Leibwächter. Dieser "zerhackte die Senora mit der Machete. Nur kleine Stückchen blieben von der Senora übrig".
Vier Jahre später verschleppten Soldaten Rigobertas 16jährigen Bruder. Sie rissen ihm die Fingernägel aus, zogen ihm die Kopfhaut ab, banden ihm die Hoden fest und zwangen ihn, zu laufen. Dann wurde er mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt. "Der Hauptmann sagte: 'Ihr Indios laßt euch von den Kommunisten beeinflussen. Das ist nun mal so mit den Indios ...'"
Dann starben Rigobertas Vater und Mutter. Der Vater hatte mit einigen anderen Campesinos die spanische Botschaft besetzt, um "die ganze Welt davon in Kenntnis zu setzen, was in Guatemala vor sich ging". Das Militär stürmte die Botschaft ... Die Mutter wurde Wochen später verhaftet und tagelang vergewaltigt und gefoltert. Dann band man sie an einen Baum; sie starb fünf Tage lang.
Rigoberta Menchus' Erzählungen, aufgeschrieben von Elisabeth Burgos, sind eine Anklage, die fatal an Bartolome de Las Casas' berühmten "Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder" durch Kaiser Karl V. erinnert.
"Der Arme hat nichts denn ein wenig Brot; wer ihn darum bringt, der ist ein Mörder." Unter dieses Motto aus dem "Buch Jesus Sirach" stellte Las Casas 1514 seine Pfingstpredigt und begann seinen vergeblichen Feldzug gegen "das Würgen und Wüten" der spanischen Eroberer unter den Eingeborenen.
Doch die Maya-Nachfahren Guatemalas sind immer noch vogelfrei. Selbst das "Brot", das in Guatemala im Überfluß gedeiht, wird ihnen oftmals verwehrt. "Der Großgrundbesitzer verbot uns, die Bananen von den Stauden zu pflücken, weil sie der Schatten für den Kaffee waren. Die Bananen verfaulten an den Stauden, und wir waren alle hungrig."
Rigoberta Menchus' Geschichte schildert das Leben in der dörflichen Gemeinschaft, aus der die Indianer Kraft schöpfen. Sie beschreibt alte, überlieferte Riten und Traditionen, deutet Geheimnisse indianischer Bräuche, die den Weißen verborgen bleiben sollen.
Aber Rigoberta erzählt auch vom Widerstand der Indianer, die jahrhundertelang in der Abgeschiedenheit des Dschungeldepartements Peten oder der Berge gelebt haben und heute, wo sie aus ihren letzten Zufluchten vertrieben werden (im Peten wird nach Öl gebohrt), um ihr nacktes Dasein kämpfen.
Bei den Hochzeitsfeierlichkeiten legen diese Menschen ihr indianisches Gelübde ab: "Unseren Vätern wurde Gewalt angetan durch die Weißen, die Sünder, die Mörder ... Wir wollen töten, wollen ein Ende machen mit dem schlechten Beispiel, das sie uns gegeben haben."
In den letzten Jahren schließen sich immer mehr Indios der Guerilla-Bewegung Guatemalas an, so wie Rigoberta Menchu, die heute in diplomatischer Mission für die Befreiung ihres Landes unterwegs ist.

DER SPIEGEL 35/1984
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