27.08.1984

BÜCHERDeliriumsübermut

Wolfgang Hegewald: „Das Gegenteil der Fotografie“. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt; 144 Seiten; 14,80 Mark. *
Innere und äußere Grenzen, Annäherungen, Überschreitungen - mit diesen Begriffen faßt der erste Text des aus der DDR kommenden Autors Wolfgang Hegewald, 32, sein Thema. Das Gegenteil der Photographie ist für ihn das Gegenteil der herkömmlichen Parabel.
Das "Vexierbild" fordert er, den "beweglichen Sinn", und die Sprache ist ihm der "einzige Ort der möglichen Handlungen auf Widerruf". Die "Endgültigkeit" der Photographie vergleicht er mit der Beschaffenheit eines unverrückbaren "Metaphernhaufens": Auch seine Geschichte ist immer schon erzählt, am Ende angekommen, unter eigenem Bedeutungsmüll erstickt. "Oftmals war die bestmögliche Wendung einer Geschichte ihre Umkehrung oder das Gegenteil der Umkehrung; aber es mußte erzählt werden."
Die Wirklichkeit, die Hegewald entdecken (und beschreiben) will, gehört in jene Dimension der Erfahrung, wo die Erfüllung der Zeit sich als Verlust offenbart - wenn Ereignisse im Zenit stehen und der Lauf der Dinge sich umkehrt. In Hegewalds Geschichte geht es um einen auf vierundzwanzig Stunden begrenzten Zeitverlust, um einen von der Staatssicherheitsbehörde gestohlenen Tag.
Die Ich-Erzähler - Friedrich (Pathologe), Anja (Photographin), DDR-Bürger auf Urlaub in Süd-Böhmen - sind bei einer Wanderung zu nahe an die Ost-West-Grenze geraten. Während der Untersuchungshaft, zwischen den Verhören in getrennten Räumen, kreisen ihre Gedanken um vergangene und gegenwärtige Hoffnungen und Wünsche. "Nur jenes Erinnern ist fruchtbar", schreibt Hegewald, "das zugleich an das erinnert, was noch zu tun ist" - dem "grassierenden Wirklichkeitsdiebstahl" Einhalt gebieten, dem "Gloria der Banalität" widerstehen, der "Chimäre Wirklichkeit" den unbedingten Gehorsam verweigern.
Hegewalds Buch ist das bestechende Protokoll eines auf vierundzwanzig Stunden zusammengedrängten Lebensexperiments - des Versuches seiner Protagonisten, mit der Lüge ("die aus Gründen der Selbsterhaltung gefesselte Hoffnung") wahrhaftig umzugehen. Hegewalds Konzentrat eines Bewußtseinsromans erschöpft sich dabei nicht im protokollarischen Stenogramm. Dazu ist seine Sprache (wo sie nicht ihre Bedeutung gleich miterzählt) zu offen, zu sehnsüchtig und sinnsüchtig. Es ist die Sucht nach dem immer möglichen Umkehrschluß, der sie in Bewegung hält. Denn zweierlei wenigstens, so Hegewald, bleibt zu tun: "Unermüdlich Utopien aufzurichten und sie, schon im Moment ihres Entstehens, zu denunzieren."

DER SPIEGEL 35/1984
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