27.08.1984

VOLKSKUNDEMärchen über Märchen

Gehen die Grimmschen Märchen tatsächlich auf Erzählungen zurück, die nur mündlich überliefert worden waren? Ein Freiburger Wissenschaftler spürte den Vorlagen des vermeintlichen Volksguts nach. *
Es war einmal" - so begannen alle 210 Stücke einer Prosa-Sammlung, die 1812 in der Realschulbuchhandlung Berlin erschien. Die "Kinder- und Hausmärchen", von Jacob und Wilhelm Grimm "nach mündlicher Überlieferung" zusammengetragen, sollten einen literarischen Welterfolg erleben:
Mit ihrer Sammlung von "Naturpoesie" hatten die Gelehrten aus dem hessischen Hanau den Nerv ihrer Zeit getroffen. Der Literaturauffassung von Aufklärung und Sturm und Drang stellten die romantischen Brüder ihr Ideal archaischer Kollektivdichtung entgegen. Die "unschuldigen Hausmärchen", so glaubten die Grimms, könnten der überzivilisierten eigenen Zeit "Nahrung, vielleicht auch der einzige Samen für die Zukunft" sein.
Daß die Geschichten, die ihnen in den Spinnstuben erzählt wurden, aus ältesten Zeiten stammen mußten, war den Brüdern Grimm selbstverständlich. Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende vor der Christianisierung, so meinten sie, sei dies deutsche Volksgut entstanden.
Doch darin irrten die Grimms, und mit ihnen Märchenforscher bis in die Gegenwart: Die Mündlichkeit der Märchen ist selbst ein Märchen, hat der Freiburger Volkskundler Dietz-Rüdiger Moser nachgewiesen, und oft ist das vermeintliche Nationalgut weder alt noch deutsch: Ob "Rotkäppchen" oder "Rapunzel", ob "Hänsel und Gretel", "Das Marienkind" oder "Das junggeglühte Männlein" - sie alle entspringen keineswegs mythischen Wurzeln, sondern lassen sich auf Quellen aus gar nicht so fernen Zeiten zurückführen.
Die Rückbesinnung auf das "Erbe der Väter", aus dem die erstrebte nationale Erneuerung hervorgehen könnte, hatte bereits Johann Gottfried Herder gepredigt. "Die Reste aller lebendigen Volksdenkart" sah der Geschichtsphilosoph "in den Abgrund der Vergessenheit hinabrollen".
Zur Rettung des nationalen Märchens machte sich, als Vorläufer der Brüder Grimm, Johann Karl August Musäus auf: Mit seinen "Volksmärchen der Deutschen" wollte Musäus 1782 "vaterländische Originale" darbieten. Dem deutschen Publikum ekele vor der "leidigen Sentimentalsucht in der modischen Büchermanufaktur". Dazu zählte der Schriftsteller auch die damals mittels billiger Kolportagehefte weitverbreiteten "Feereien" (contes de fees), denen er Leichtigkeit und Flachheit vorwarf.
Wie Musäus setzten sich später Jacob und Wilhelm Grimm zu den alten Frauen in die Spinnstuben. Was sie aufzeichneten, war jedoch keineswegs immer, wie sie annahmen, eine Treppe "in die Kindheitsgeschichte der Menschheit".
"Die Zahl der vermeintlich ''deutschen Volksmärchen'', die in Wirklichkeit auf französische Dichtungen zurückgingen, ist beträchtlich", weist Professor Moser nach. Von Hugenotten, die nach Hessen übergesiedelt waren, ließen sich die Grimms Märchen erzählen, die ausgerechnet
der modischen französischen Kunstpoesie entstammten:
Als Vorlage für "Hänsel und Gretel" hat beispielsweise "Le petit poucet" von Charles Perrault gedient, der 1696 eine Sammlung von Märchen veröffentlichte. Als "Cendrillon" war in den französischen Vorlagen "Aschenputtel" erschienen, als "Le petit chaperon rouge" das Grimmsche "Rotkäppchen", als "La belle au bois dormant" das "Dornröschen". "Rapunzel", so berichtet Moser im "Journal für Geschichte", sei identisch mit der 1698 veröffentlichten "Persinette" der Charlotte-Rose de Caumont de la Force, die ausdrücklich betonte, daß dieses Märchen "gänzlich meine Erfindung" sei.
Aus der französischen Feendichtung, die ihrerseits Inspiration aus den Märchen aus Tausendundeiner Nacht wie auch aus der älteren italienischen Literatur bezogen hatte, kam auch der "Gestiefelte Kater" (Le maitre chat). Die Zusammenhänge waren hier so deutlich, daß die Brüder Grimm dieses Märchen in die überarbeitete Ausgabe von 1819 nicht mehr hineinnahmen. Ansonsten sprachen sie den französischen Autoren eine schöpferische Eigenleistung ab.
Der kollektiven Volksseele, einem "Sichvonselbstmachen", verdankten nach Überzeugung der Grimms auch Märchen ihre Existenz, die in Wahrheit Produkte gegenreformatorischer Missionare waren.
Seit dem Konzil von Trient (1545 bis 1563) versuchte die katholische Kirche, verlorenes Terrain wiederzugewinnen: Luther hatte sowohl den Ablaß als auch das Bußsakrament verworfen. Auf Anregung des Kardinals Carlo Borromeo trugen deshalb Missionsorden christliche Erbauungsgeschichten in die Spinnstuben und aufs Feld. Nicht nur die Bibel selbst, auch Entscheidungen des römischen Episkopats wurden in eingängige Erzählungen umgesetzt.
Was von den romantischen Märchenforschern als "Gemütsfülle des Volkes" angesehen wurde, zeugte oftmals nur vom Geschick der Gegenreformer, etwa im "Marienkind". Die Geschichte vom Kind, das ein Gebot übertritt, die Tat leugnet und als Königin erst auf dem Scheiterhaufen sich zu dem Fehlverhalten bekennt, ist laut Moser "eine vorzüglich erdachte Beispielerzählung zur Lehre von der vollkommenen Reue".
Zu den "rein christlichen Erzählungen" rechnet der Wissenschaftler nicht nur weniger geläufige Märchen wie "Die ungleichen Kinder Evas", "Meister Pfriem" oder "Das junggeglühte Männlein". Auch so bekannte Märchen wie "Schneewittchen" - mit der bösen Königin sozusagen als Allegorie der Hoffart - seien von christlicher Überlieferung bestimmt.
Die "Kinder- und Hausmärchen" wurden von Wilhelm Grimm stilistisch gefeilt; altertümliche Redewendungen und Diminutive schufen den typischen, anheimelnden "Märchenton". Die so erzielte Einheitlichkeit verleitete Märchenforscher bis in unsere Tage, an eine mythische Vorvergangenheit der Märchen zu glauben.
Moser, der für eine historische Einordnung der Märchen plädiert, will dabei die Bedeutung der Brüder als Bearbeiter und Herausgeber einer einflußreichen Sammlung keineswegs schmälern: "Es ging ihnen ähnlich wie anderen Entdeckern, die eine Welt fanden, die sie eigentlich gar nicht gesucht hatten, damit aber etwas Bedeutendes erreichten." _(Dore-Illustration zum französischen ) _(Märchen "Le maitre chat" von Charles ) _(Perrault. )
Dore-Illustration zum französischen Märchen "Le maitre chat" von Charles Perrault.

DER SPIEGEL 35/1984
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