27.08.1984

ERFINDERVom Schweiße befreit

Seit 60 Jahren gibt es die Klimaanlage; nun erst wird des Mannes gedacht, der sie ersann. *
Drei zivilisatorische Höchstleistungen verdankt die Welt den Amerikanern - das Telephon, den Revolver und die Klimaanlage.
Samuel Colt, der Konstrukteur des Schießgeräts, das den bleiernen Tod gleich sechsfach in seiner Trommel birgt, sowie Daniel Graham Bell, der für die Existenz des Fernsprechers verantwortlich
zu machen ist, gelten den Amerikanern als legendäre Erfindergestalten - zahllose Bücher existieren über die beiden, jedes Schulkind kennt ihre Namen.
Jenem Menschen jedoch, der als erster auf die Idee kam, Restaurants, Wohn- und Büroräume auf die Temperatur einer Leichenhalle hinunterzukühlen, hat die Nation kurioserweise bislang das ehrende Andenken versagt.
Doch nun, nachdem sich die Erfindung der Klimaanlage zum sechzigsten Male jährt, erfährt der Befreier des Menschen von Hitze und Schwüle unversehens die gebührende Anerkennung: Amerikanische Zeitungen feierten seinen "Durchbruch", Soziologen untersuchten in wortreichen Abhandlungen die Bedeutung der Klimaanlage für die US-Gesellschaft, Radiostationen vor allem im sogenannten Sonnengürtel zwischen Florida und Kalifornien widmeten dem bislang Vergessenen ganze Sendungen. Die Amerikaner räumen ihm, beobachtete die "Daily Mail", "endlich einen Platz in ihrem Gedächtnis" ein.
Willis Haviland Carrier hieß der Mann; 20 Jahre lang tüftelte er an seiner Erfindung herum - doch keiner wollte ihm eine jener Maschinen abkaufen, die warme Luft kühlte, mittels Filtern reinigte und befeuchtete. Erst 1924 gelang es ihm, den Besitzer des New Yorker Kinos "Rivoli Theatre" zum Einbau einer Klimaanlage zu überreden - es war die Geburtsstunde der "Air Condition".
Zur ersten kinematorgraphischen Vorstellung mit Tiefkühlung - welcher Film an diesem denkwürdigen Tag zur Aufführung gebracht wurde, ist nicht überliefert - kam Adolph Zukor höchstselbst; der mächtige Präsident der Paramount Pictures, vom Schweiße befreit, war vom Kunstklima ebenso begeistert wie alle anderen Premieren-Gäste: "Die Leute", prophezeite er, "werden es mögen."
Der Umsatz des "Rivoli" stieg sprunghaft, schon nach drei Monaten hatte sich die Installation der Anlage amortisiert. Innerhalb der nächsten fünf Jahre verwandelte Carrier 300 Kinos im ganzen Land in Kühlhäuser, dann nahm er sich Büros, Hotels und Geschäfte vor, schließlich konstruierte er einen Kühlkörper für Wohnräume. Daß ihn dieser Beitrag zur Kultur zum Millionär machte, versteht sich in Amerika von selbst.
1929 ließ der US-Präsident Herbert Hoover im Weißen Haus eine Klimaanlage installieren - ausgerechnet an jenem Ort, an dem 48 Jahre zuvor das technische Grundkonzept der Raumkühlung erstmals ausprobiert worden war. Damals lag, von der Kugel eines Attentäters getroffen, Präsident James Garfield auf den Tod. Um ihm Erleichterung zu verschaffen, spannten seine Betreuer vereiste Stoffbahnen auf und fächelten dem Sterbenden die gekühlte Luft per Ventilator zu - die Temperatur sank prompt um 20 Grad, der Eisverbrauch lag bei vier Tonnen pro Tag.
Inzwischen geben die Amerikaner jährlich 30 Milliarden Mark für die Ruhigstellung ihrer Schweißdrüsen aus: Zwei Drittel aller neugebauten Häuser sind klimatisiert, in 83 Prozent aller Autos bläst eine Air-condition Winde mit Polarqualität ins Wageninnere; kein Büro, vornehmlich im Süden der Staaten, in dem nicht eine Klimaanlage leise zischend ihr kühlendes Werk verrichtet.
Europäer und andere empfindliche Naturen, die an solch eisiges Arbeitsklima nicht gewöhnt sind, kommen in den häufig bis auf 18 Grad heruntergekühlten Räumen schon mal ins Zittern - nach Diktat vereist.
Seltsam freilich, daß sich die Alte Welt mit der Klimamaschine nie so recht befreunden konnte. Häufig klagen hierzulande etwa Arbeitnehmer, die dieser Segnung der modernen Technik ausgesetzt sind, über Störungen des Wohlbefindens.
Untersuchungen wie die des Wissenschaftlers Dr. Peter Kröling vom Institut für Medizinische Balneologie und Klimatologie der Universität München haben nachgewiesen, daß in vollklimatisierten Räumen Arbeitende wesentlich häufiger über "übermäßige Müdigkeit", "rasche Erschöpfbarkeit" und "Kreislaufstörungen" leiden. Das Kunstklima erhöht, so ein weiteres Ergebnis der Studie, überdies die Neigung zu Erkältungskrankheiten, verstopfter Nase, entzündeten Augen sowie Gelenk- und Gliederschmerzen - jeder dritte Befragte nahm deswegen regelmäßig Medikamente, auch der Tee- und Kaffeekonsum war im klimatisierten Bereich erheblich höher.
Im Unterschied zu Amerika freilich, wo die Büro-Hochhäuser gleichsam um die Air-condition herumgebaut werden, schenken europäische Architekten der Klimaanlage nur nebensächliche Beachtung. "Bei den Klimaanlagen gibt es Rolls-Royce und Volkswagen", so ein Hamburger Experte, "und besonders bei finanzstarken Unternehmen stößt man häufig auf Anlagen, die nicht einmal die Leistungsfähigkeit eines Mopeds haben."
Erst jetzt kommen die Amerikaner darauf, welch enorme Auswirkungen die Erfindung des Mister Carrier auf das Land hatte. "Die Klimaanlage hat eine gewaltige Bevölkerungswanderung ausgelöst", so der Journalist Dermot Purgavie, "und zu einer Verschiebung der traditionellen Zentren von Reichtum und Macht geführt."
Ohne die Klimaanlage wäre beispielsweise der Sonnengürtel, wo sich heute Geld und Einfluß konzentrieren,
noch weiterhin eine unbewohnte Ödnis. Houston wäre nicht die Welthauptstadt der Ölindustrie, Städte wie Atlanta oder Phoenix schlummerten nach wie vor provinzhaft vor sich hin, Dallas wäre nicht die reichste US-Stadt - und mithin auch J. R. wäre der Menschheit erspart geblieben.

DER SPIEGEL 35/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ERFINDER:
Vom Schweiße befreit

  • Computer-Cocktails: Einen Caipi, Mr. Robot!
  • Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten