27.08.1984

POPMUSIKAuch Menschen

Mit seiner letzten Langspielplatte „Bochum“ hat Herbert Grönemeyer einen Hit gelandet. *
Männer", schreit es vom Plattenteller, "nehmen in den Arm, Männer geben Geborgenheit, Männer weinen heimlich, Männer brauchen viel Zärtlichkeit, Männer sind so verletzlich, Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich ..."
Die "griffige Männer-Anmache" ("Bravo") ist der erste echte Hit von Herbert Grönemeyer, einem sanften Blonden aus dem Ruhrgebiet, der einem breiteren Publikum eher als Filmschauspieler bekannt ist ("Das Boot", "Frühlingssinfonie") denn als Musiker. Erst "Bochum", seine fünfte LP mit dem "Männer"-Song, hat ihn hoch in die Hitlisten katapultiert. Da steht sie jetzt auf Platz zwei; zum ersten Mal hat eine Grönemeyer-Platte, so heißt das im Branchenjargon, die "Goldgrenze überschritten", sprich: Mehr als 250 000 Stück wurden verkauft.
Halb Satire, halb Eloge, teils Men's Lib, teils Chauvi-Restauration, scheint der Song den Nerv aller (emanzipationsgeschädigten?) Männer getroffen zu haben. Das ist parodistisch und klingt doch trotzig, das demonstriert Einsicht und zugleich Nachsicht mit den eigenen Defiziten.
Ohne seine langjährige Freundin, die Schauspielerin Anna Henkel, sagt "Herbie" vertrauensvoll und um gerechte Verteilung der Lorbeeren bemüht, wäre das Lied nicht zustande gekommen. Durch endlose Diskussionen, Vorwürfe und "Breitseiten" habe sie ihm erst richtig gezeigt, "welche Schwächen wir Männer wirklich haben". Und so nimmt er sich seine Geschlechtsgenossen mit liebevoller Unerbittlichkeit vor: "Männer haben Muskeln, ... sind furchtbar stark, ... können alles, kriegen 'n Herzinfarkt, ... sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter." Bis zum Krieg.
Den Überbleibseln nicht-reformierter Männlichkeit wie verstopften Arterien und emotionaler Verklemmtheit rückt Grönemeyer mit harten Rhythmen zuleibe und mit einer hellen, kehligen, sich manchmal überschlagenden Stimme.
Vom Titelsong über seine gar nicht liebliche Heimat Bochum ("bist 'ne ehrliche Haut, leider total verbaut"), über Schmachtendes - Lieder von enttäuschter Liebe oder grundloser Eifersucht - bis zur doppelbödigen Hymne auf den einsamen Tröster Alkohol reicht der Bogen. Fetzig sind diese Lieder (verlegt bei Grönland-Musikverlag, Kick/Grönland) und trotzdem melodisch; weniger vergrübelt als auf früheren LPs ("Gemischte Gefühle", "Total egal", "Grönemeyer"), scheint der Musiker hier seine Handschrift gefunden zu haben.
Leicht einzuordnen ist er trotzdem nicht. Rockmusiker will er sowenig sein wie "Liedermacher" (weil bei denen die Musik nur Transportmittel sei). Als Politsänger mag er sich auch nicht abstempeln lassen, obgleich er nicht ausschließlich die Privatheit kultiviert, in die manche seiner Mitbewerber auf den Hitlisten flüchten. Ein Friedenslied kam ihm zwar nicht aus der Feder - das war zu abstrakt. Als er aber in den USA das Videospiel "Germany '85" entdeckte, in dem Deutschland als Schlachtfeld eines Nuklearkrieges fungiert, schrieb er das Lied "Amerika": "Amerika, ich hab Angst vor deiner Phantasie, vor deinem Ehrgeiz." Politisch subtiler allerdings ist der Song "Jetzt oder nie", eine Anklage gegen das Stillhalten: "Wer ewig schluckt, stirbt von innen."
Fürs erste dürfte damit die Doppel-Karriere, die Grönemeyer immer zu schaffen gemacht hat, zugunsten der Musik entschieden sein. Bisher hatte er das Pech - oder Glück -, wie er sagt, daß seine Platten oft mit dem Start eines neuen Fernseh- oder Kinofilms zusammenfielen. Die Lieder gingen dabei unter: Als Gesicht kannte man Herbert Grönemeyer, als Stimme nicht. Eine Synthese zwischen Schauspiel und Pop, wie Marius Müller-Westernhagen sie mit seiner "Theo"-Figur erreicht hat, gelang dem Bochumer Barden bisher nicht.
Aus der Rolle zu fallen war ihm, im Gegenteil, ein Bedürfnis: der hehre Blonde, den er im "Boot" als Leutnant Werner spielte und das Sensibelchen Schumann, das er in der "Frühlingssinfonie" neben der Kinski als Clara Wieck verkörperte, paßt in der Tat nicht zu seiner Identität als Komponist, Texter und Interpret, der rockige Elemente liebt und sich den sozialkritischen Liedermacher Randy Newman aus den USA zum Vorbild erkoren hat.
Dabei hatten ihm gerade die beiden Filmrollen überschwengliches Lob eingetragen. Über seinen "Schumann" schrieb die "NZZ": "Ein junger Robert Schumann von gewinnender Unmittelbarkeit und ausgeprägtem Temperament", und der "Stern" meinte sogar: "Wenn er am Klavier sitzt, ist er kein Schauspieler, der einen Musiker darstellt, sondern ein Musiker, der den Einblick in die Werkstatt seiner Phantasie, ins manische Musikmachen, ermöglicht". Monatelang hatte er zuvor seinen Schumann geprobt.
Ihren Ursprung hat Grönemeyers dualistische Karriere dort, wo er eigentlich gar nicht hin wollte: im Theater. Peter Zadek holte den am klassischen Klavier geschulten Abiturienten für eine Rolle in seinem "Beatles"-Musical auf die Bühne, und nach dem Abi - einem gerade begonnenen Studium der Rechts- und der Musikwissenschaft zum Trotz - engagierte er ihn als Bühnenmusiker ans Bochumer Schauspielhaus. Da war Herbie gerade 19.
Er schrieb und arrangierte die Musik für mehrere Zadek-Produktionen, und er spielte - obgleich er nie eine Schauspielschule besucht hat - unter anderem in "Frühlingserwachen", "Wintermärchen", "Kaufmann von Venedig", "Die Geisel". Im Gefolge Peter Zadeks kam er auch nach Hamburg und Berlin. Jürgen Flimm holte ihn ans Kölner Schauspiel.
Das ist Vergangenheit. Was aus der Schauspielerei wird, wer weiß es? Er ist 28 und will nun, begeistert von der Resonanz auf seine Platte, erst einmal seine Laufbahn als Popmusiker "voll ins Visier" nehmen. Mit einer Solotournee im Anschluß an einen Auftritt beim Open-Air-Festival in Würzburg am 8. September möchte der "deutsche Plattenabräumer dieses Sommers" ("Pop Rocky") seinen Erfolg untermauern und "zeigen, wie man die Fans auf die Stühle holt".
Die werden vor allem "Männer" hören wollen, diese trotz Spott und Hohn eindeutige Liebeserklärung ans starke Geschlecht: "Männer sind schon als Baby blau, ... Männer sind furchtbar schlau, ... Männer kriegen keine Kinder, Männer kriegen dünnes Haar, Männer sind auch Menschen, Männer sind etwas sonderbar ..."
Im Jahre 1913, bei Walter Kollo, hieß das anders: "Die Männer sind alle Verbrecher ..."

DER SPIEGEL 35/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POPMUSIK:
Auch Menschen

  • Der Bär und die Felswand: Schafft er's, oder schafft er's nicht?
  • "Aggressives Luftmanöver": Venezolanischer Kampfjet nähert sich US-Flugzeug
  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All