27.08.1984

Nach dem Hochamt die Bayernhymne

Peter Brügge über den 70. Geburtstag des Sigi Sommer alias „Blasius“ *
Einst hat Münchens populärster Schreiber Siegfried (Sigi) Sommer, alias "Blasius, der Spaziergänger", für Handgeld mit einsamen Damen getanzt und sich mit der Mundharmonika in den Hinterhöfen etwas erspielt. Später mußte die "Süddeutsche Zeitung" den Vorabdruck seines Romans "Und keiner weint mir nach" wegen angeblicher Anstößigkeit einstellen.
Den hat, obwohl er mit dem Weimarer Schillerpreis ausgezeichnet worden ist, bislang kein deutscher Verlag in vollem Wortlaut gedruckt. Dann setzte die Justiz dem Sigi zu, weil er, als das noch ein Delikt war, seinen Wohnungsschlüssel an einen liebebedürftigen Chef verliehen hatte. Schließlich drohte ihm wirklich Gefängnis, nachdem er in der Münchner "Abendzeitung" ("AZ") Parlamente "Schwindelwerkstätten" genannt hatte.
Er dankt es noch heute einer Fürsprache von Franz Josef Strauß bei Adenauer, daß die Sache sich seinerzeit abwiegeln ließ. Einen Mann, der für München offenbar etwas sei wie "Tünnes und Schäl" für Köln, so fand der Alte, den lasse man "mal loofen". Und seitdem lief er unbehelligt; aber auch unpolitisch.
Vorige Woche hat ihn seine Stadt wie ein wandelndes Wahrzeichen gefeiert. Münchens größtes Sportartikel-Geschäft stellte sogar festlich Tennisschuhe aus, in denen er zehn Jahre lang spazierengegangen sein soll. Vom Hersteller eines Konkurrenz-Produktes bekam er danach 10 000 Mark, damit er eine Weile in dessen Schuhen gehe, ein "Spaziergänger-Schuh" soll dringend auf den Markt.
Zum Geburtstag sang die Polizei, mit der Sommer früher häufig Unannehmlichkeiten hatte. Mit Kopfstimme trug ihr Chor die Empfehlung vor: "Net einitappen" (Nicht erwischen lassen). Unbekannte Beamte der Münchner Stadtverwaltung haben parallel dazu den Namen Siegfried Sommer in die Fassadenmalerei an einem Münchner E-Werk einbeziehen lassen. Und Bayerns Ministerpräsident Strauß telegraphierte an Blasius aus dem Urlaub: "Wenn Sie nicht wären, gäbe es heuer keinen Sommer zu bejubeln."
Im Augustiner-Biergarten machte der Sigi dann vorigen Donnerstag auf Kosten der "AZ", für die er seit über drei Jahrzehnten als Blasius spaziert, ein mächtiges Faß auf. Auf einem Hügel, von dem er den Münchnern erfolgreich weisgemacht hat, daß dort früher die Galgenstätte gewesen sei, bot er 550 Spetzln, Reichen und Erfolgreichen, auf einer handgeschriebenen Speisekarte 23 kostenlose Spezialitäten der Landesküche samt unbegrenztem Freibier an. Es war wie die Sauf- und Stellprobe für einen bayrischen Himmel, in welchem dem abtrünnigen Katholiken Sommer von seinem Stammtischbruder Stadtpfarrer Fritz Betzwieser unverbindlich ein Platz verheißen worden ist. Zuhälter mit bedrohlichen Brillantringen und die Steilwand-Kitty vom Münchner Oktoberfest waren da ebenso am rechten Platz wie Alt-Bundespräsident Scheel, der Faustkampf-Veteran Max Schmeling und der in Lederhose anreisende Zimmermann-Vertraute Manfred Schreiber.
Es wimmelte von jenen Münchner Erfolgstypen, die auf Vornamen wie Burschi, Buele, Luggi oder Wiggerl hören. Die zu Füßen des Galgenberges zu Aberhunderten versammelten zahlenden Zaungäste applaudierten vorsorglich einem jeden, der von da oben kam und an ihnen vorbei zur Toilette mußte.
Was hier gefeiert wurde, ist schließlich ein Idol der kleinen Leute - und schon deswegen auch Magnet für Magnaten. Münchens Kleinbürgern hat Sommer stets aus dem Herzen geredet, an das er ihnen nun in einem selbst für diese Stadt bisher unerhörtem Maße gewachsen ist. Ihre Lebensart, ihre Kümmernisse und Kindheitsträume, Freuden und Schadenfreuden, _(Im Augustiner-Biergarten. )
ihre unterdrückten Begierden und Vorurteile hat er schreibend auf eine Ebene gehoben, auf der sie sich überwiegend sehen lassen können. Vieles aus dem anzüglich-bildkräftigen Wortgebrauch Sommers ist in den allgemeinen Sprach-Schatz eingegangen und von bayrischen Hochschul-Philologen der wissenschaftlichen Untersuchung und Sammlung für wert befunden worden.
Daß jemand einen Blick habe "wie ein angeschnittener Räucheraal" oder einen Busen, als balle unter dem Pullover eine Maus die Fäuste, das sind Einfälle, wie sie in fast jeder seiner mittlerweile nahezu 10 000 Betrachtungen zu finden waren, die er sämtlich auf dem alten Münchner Südfriedhof geschrieben hat und alle mit der Hand.
Einen "Sexokrates" hat ihn das Münchner Kabarett genannt. Jahrzehntelang war dieser Blasius ein Garant für zitable Zwei- und Eindeutigkeiten, bei denen eine feinere Lebensart oft nicht Berücksichtigung fand.
Über einen "abendfüllenden Schleuderbusen" zu verfügen, das ließ sich zum Beispiel die Künstlerin Barbara Valentin von ihm nicht kommentarlos nachsagen. Wäre sie nicht verheiratet, so schrieb sie dem Spaziergänger, würde sie ihm ihren Busen gern mal zeigen. Zu seiner 70-Jahr-Feier auf dem Galgenberg ist sie dann noch gekommen.
Selbst der Kurien-Kardinal Ratzinger und der Moraltheologe Rahner haben sich nicht gescheut, Blasius ihr Wohlgefallen an seinen ja nicht durchweg schlüpfrigen Betrachtungen schriftlich zu bescheinigen. Und der Stadtpfarrer Betzwieser läßt auf Betreiben Sommers in der Münchner Herz-Jesu-Kirche nach dem Hochamt sogar die Bayernhymne singen.
Nachdem Sigi Sommer anno 69, animiert auch durch seinen damaligen sozialdemokratischen OB und Duzfreund Hans-Jochen Vogel, den Müncher Kammerspielen
mit der Sitten-Schnulze "Marile Kosemund" einen denkwürdigen Reinfall geliefert hatte, setzte in seinem Schaffen allmählich eine Art Zotenwende ein.
Seine Popularität erfuhr dabei keinen Abbruch. Sie kann längst von der grantigen Heimatliebe des Blasius leben. So war es kaum verwunderlich, daß Hans-Joachim Bomba, der einmal meistgefürchtete Sitten-Richter der bayrischen Justiz, zu Sommers Geburtstag sogar aus dem Urlaub angereist kam.
Der Jubilar haust allein in seinem Einzimmer-Appartement. Zu seinem Spielzeug gehören ein Sportcabriolet von Daimler, zwölf Maßanzüge vom Luxus-Schneider Dietl, seltene Goldmünzen und Souvenirs an den sagenhaften Ludwig II., an dessen Uniformbläue er sich nicht sattsehen kann.
Für seine 35 Stammtischbrüder hat Sommer in dieser Farbe Krawatten herstellen und sie in Gold mit dem Versprechen "In Treue fest" besticken lassen. Für den Bayerischen Verdienstorden revanchierte er sich damit bei Franz Josef Strauß. Auch Ratzinger, die Eminenz, hat so eine.
Für Mächtige hat Sigi so seine Schwäche: Er, ein Sohn aus der Vorstadt, bei dem es zu Hause derart arm herging, daß, wie er behauptet, "d''Mäus mit verweinte Aug''n ausm Brotkast''n rausgschaugt ham". Beim Schreiben folgt er der verläßlichen Devise: "Auf Kosten weniger viele zum Lachen bringen." Minderheiten wie Preußen, Homosexuelle oder Stadtstreicher müssen das verstehen.
Sogar um weitverbreitete Namen macht er lieber einen Bogen. Ärger gab es dann erst recht. Etwa wenn er für eine Dicke den Namen Zugsbradl erfand und ihr bescheinigte, sie sehe aus wie ein "abgebundener Preßsack". Prompt hatte er einen Anwalt im Nacken, der sich für die einzige Frau Zugsbradl stark machte, die es eben doch gab. Die legte Wert darauf, nicht wie ein Preßsack auszusehen.
Mittlerweile verkauft Sommer nicht nur den Inhalt seiner Manuskripte, sondern auch diese selbst: Pro Original-Blatt zahlen Liebhaber 500 Mark. Zudem ist der ehemalige Ministrant, Elektriker-Lehrling, Gigolo, Boxer und Oberfeldwebel (80 Prozent kriegsversehrt) wie ein Fernsehstar zum Werbeträger geworden. Münchner Pils, Sportartikel, Bonbons und Verlagsprogramme verkaufen sich mit seiner Hilfe. Im Namen des Verlegers Rolf S. Schulz spricht der alte Sigi alljährlich einem von ihm für förderungswürdig Erachteten einen Literaturpreis zu.
Die Jury besteht aus ihm, der Preis aus einer Bronze-Statuette, die ihn darstellt, und 10 000 Mark. 1984 wurde damit Kurt Wilhelm, 61, gefördert, dessen Epos "Der Brandner-Kaspar schaut ins Paradies" seit langem das erfolgreichste Bühnenstück Bayerns ist.
Im Augustiner-Biergarten.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 35/1984
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