23.05.2015

Zeitgeschichte„Deutscher Chinese“

Dem langjährigen DDR-Chef Erich Honecker (1912 bis 1994) hing zeitlebens der Ruf eines Apparatschiks und Langweilers an. Nicht allerdings beim Bundesnachrichtendienst (BND). 1967 notierte der Geheimdienst, angeblich sei Honecker "nach Kriegsende oft nach West-Berlin gefahren, wo in Berlin-Grunewald Orgien veranstaltet wurden". Sechs Jahre später meldete der BND, der Kommunist nehme insgeheim "Schauspiel- und Sprachunterricht". Seit 1950 hatten westdeutsche Agenten den DDR-Politiker im Visier. Das geht aus Akten zu Honecker hervor, die der BND auf Antrag des SPIEGEL freigegeben hat. Den Geheimdienstlern galt Honecker als "ein sehr harter Gegner des Westens", wenn auch "nicht so verschlagen" wie sein Vorgänger Walter Ulbricht. Über Jahrzehnte hinweg registrierten die Westdeutschen, wo Honecker beim Neujahrsempfang saß ("am Tisch von Walter Ulbricht"), seinen Urlaub verbrachte ("auf der Krim") und welche Ehrungen ihm zuteilwurden ("Großer Ehrenstern des Sozialistischen Äthiopiens"). Unter Diplomaten des Ostblocks trug Honecker nach BND-Erkenntnissen den Spitznamen "deutscher Chinese" – wohl eine Anspielung auf die hohen Wangenknochen und schmalen Augen des gebürtigen Saarländers. Es ist jetzt das zweite Mal, dass der BND Akten zu Honecker freigibt ( SPIEGEL 4/2012). Allerdings hält der Dienst noch immer Unterlagen zurück. Honecker ist zwar längst verstorben und die DDR vor Jahrzehnten untergegangen, doch der BND beruft sich für einige Papiere auf eine 30-Jahre-Sperrfrist. Manche Dokumente will der Geheimdienst sogar nie freigeben. Begründung: "Informantenschutz".
Von Klw

DER SPIEGEL 22/2015
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