23.05.2015

NS-KunstBraune Meister

Seit Monaten jagen ein niederländischer Detektiv und die Berliner Polizei nach Hitlers Skulpturen, die 1945 den Sowjets in die Hände gefallen waren. Bei einer spektakulären Aktion stellten sie jetzt tonnenweise Naziwerke sicher. Von Konstantin von Hammerstein
Moss hat Geld, einen falschen Picasso und keinen Vornamen. Er heißt einfach Moss. Er ist Anfang sechzig und wohnt in der Nähe von Dallas. Bei Bedarf bestätigt eine amerikanische Großkanzlei, dass Moss jederzeit über 250 Millionen Dollar verfügen kann. Wo sein Vermögen herkommt? Man weiß es nicht.
Der Amerikaner sammelt Objekte, die mit einer ungewöhnlichen Geschichte verbunden sind. Dann ist er bereit, jede Summe hinzulegen.
Im Januar hat sich Moss verliebt, in zwei bronzene Pferde, die ein Liebling Adolf Hitlers gestaltet hat, der Bildhauer Josef Thorak. Sie waren lange verschwunden, aber plötzlich gibt es da das Angebot eines Kunstvermittlers, von dem Moss erfährt: acht Millionen für die Pferde. Kein Problem für Moss.
Kein Problem für Moss, würde es ihn geben. Aber es gibt ihn nicht. Moss ist die Erfindung des niederländischen Kunstdetektivs Arthur Brand. Er hat ihn erfunden, um scheinbar auf das Angebot des Kunstvermittlers eingehen zu können: Thoraks Pferde und noch andere Nazidevotionalien.
Mit Moss' Hilfe gelingt schließlich die Sensation: Am Mittwoch durchsuchten Fahnder des Berliner Landeskriminalamts bei einer bundesweiten Razzia Wohnungen und Häuser von sieben Verdächtigen und fanden einen wichtigen Teil des verschollenen Kunstschatzes der Nazis.
Bei einem Sammler in der Nähe Kiels entdecken die Polizisten einen gewaltigen nackten Recken aus Bronze mit Schwert in der ausgestreckten Hand. Es ist womöglich "Die Wehrmacht", eine der beiden Skulpturen, die der Bildhauerstar der Nazis, Arno Breker, 1939 für den Ehrenhof von Adolf Hitlers Neuer Reichskanzlei schuf. Seit dem Krieg galt sie als verschollen.
In Bad Dürkheim stießen die Beamten im Freien neben einer Lagerhalle auf drei gigantische Granitreliefs, die Breker für den Triumphbogen von Hitlers geplanter "Welthauptstadt Germania" angefertigt hatte: "Der Rächer", "Der Wächter" und "Kameraden", jeweils zehn Meter hoch, fünf Meter breit, 40 Tonnen schwer und in 49 Teile zerlegt. Sie waren nach dem Krieg sowjetischen Truppen in die Hände gefallen.
Die Reliefs sammelte der Unternehmer Rainer Wolf, auf dessen weitläufigen Grundstücken die Fahnder sechs weitere Großbronzen entdecken: zwei Frauenakte von Fritz Klimsch, "Olympia" und "Galathea", Brekers "Der Künder" und "Berufung" sowie zwei gewaltige Rösser, die Josef Thorak 1939 für die Neue Reichskanzlei hatte gießen lassen.
Sie gehen nun nicht an Herrn Moss aus Dallas, sondern an die Bundesrepublik Deutschland, der die Skulpturen wahrscheinlich heute gehören. Der Handel damit ist deshalb illegal. Ein paar Leute haben jetzt mächtig Ärger mit der Staatsanwaltschaft. Das eine oder andere Museum wird sich freuen, dass es nun mit Originalen an ein fanatisches und millionenfach tödliches Heldendenken erinnern kann. Der künstlerische Wert der schwülstigen Statuen ist umstritten. Um es vorsichtig zu formulieren.
Die Jagd nach dem Kunstschatz der Nazis aber ist ein besonderes Kriminalstück, das der SPIEGEL seit Monaten begleitet. Es begann mit Thoraks Pferden.
Die ganze Welt kenne Edeltraud Immel-Sauer nur als die Kunsthändlerin Traude Sauer, sagt Edeltraud Immel-Sauer, die aus Geldmangel ihren Namen nicht ändern will, weil sie erstens vor langer Zeit von ihrem reichen Mann im Stich gelassen wurde und zweitens in den Neunzigern von einem falschen indischen Prinzen in London um den Rest ihres Vermögens geprellt wurde, sodass sie nun mit ihren Bücherbergen in einer winzigen Wohnung in Berlin-Moabit leben muss.
Also – die ganze Welt kennt die alte Dame aus Berlin. Das heißt, wer? Na ja, das Getty-Museum in Los Angeles, die Neue Galerie New York, die großen Sammlungen in Europa und ein Berliner Exautohändler. Der vor allem.
Der Mann hat ein paarmal wegen Insolvenzverschleppung, Bankrotts und Geldwäsche vor Gericht gestanden, preist sich inzwischen als Kunstberater an und vermittelt "interessante Anlagemöglichkeiten (auch mündelsicher) ab € 50.000. Diverse Handelsgüter einfach mal anfragen". Bei Bedarf bietet er zudem Hilfe bei "infektionären Krankheiten (offenen Wunden)".
Im September 2013 meldet er sich bei Sauer und will wissen, ob sie Interesse an zwei riesigen Pferdeskulpturen des Nazibildhauers Josef Thorak habe. In einer späteren E-Mail verlangt er 3,1 Millionen Euro, "Transport mit Flugzeug zum Wunsch-Flughafen des Käufers" inklusive. Als Sauer nach dem Besitzer der Bronzen fragt, deutet er an, dass bei dem Deal ein "Großmeister des Templerordens" eine Rolle spiele. Mehr will er nicht sagen.
Sauer vergräbt sich in der Berliner Kunstbibliothek. Schnell findet sie heraus, dass es sich bei den beiden Pferden um die Skulpturen von Hitlers Neuer Reichskanzlei handeln muss, die seit Jahrzehnten verschwunden sind.
In den folgenden Monaten melden sich weitere Anbieter. Der eine behauptet, die Skulpturen stammten "aus dem Besitz einer der reichsten deutschen Familien", der andere bricht die Verhandlungen ab, weil er keine Leute mag, "die zu viele Fragen stellen".
Was die Anbieter nicht wissen: Die alte Dame ist seit Jahren Informantin der Polizei. Sie meldet sich im September 2013 bei René Allonge, dem Chefkunstfahnder des Berliner Landeskriminalamts.
Allonge ist ein Verlierer der Wende. Dachte er einmal. Mit 17 war er auf dem Weg, Matrose auf einem Hochseefischkutter der DDR zu werden. Die Mauer fiel, und er wurde entlassen. Allonge musste sich einen neuen Beruf suchen und wurde Polizist, ein ziemlich erfolgreicher.
Über dem Waschbecken in seinem Büro hängt ein echter Wolfgang Beltracchi. "Landschaft mit zwei Figuren" im Stil von Heinrich Campendonk. 2010 überführte er mit seinem Team den Kunstfälscher, es war sein spektakulärster Fall.
Mit den Pferden von Thorak kommt er zunächst nicht weiter. Er hat alle Anbieter abgecheckt, ein paar Vorstrafen, ein paar Hinweise auf Ermittlungen in anderen Bundesländern, nichts, was Allonge wirklich weitergebracht hätte. In den Mails von Traude Sauer bleibt er immer wieder an zwei Passagen hängen.
Da schreibt Anbieter Nummer eins: "Der damalige Verkäufer hieß Rainer Wolf, der die Bronzen vermutlich im Besitz mit einem Herrn B. hatte." Bei Anbieter Nummer zwei hingegen ist von einer "der reichsten Familien Deutschlands" die Rede, der die Pferde angeblich gehören sollen. Wer, zum Teufel, könnte damit gemeint sein?
Was Allonge ebenfalls nicht weiß, ist, dass am 13. Januar 2014 bei Michel van Rijn das Telefon klingelt.
Ausgerechnet van Rijn. Die internationale Kunstszene ist reich an schillernden Typen, aber Michel van Rijn belegt in dieser Kategorie seit Langem einen Spitzenplatz. In den Sechzigern schmuggelt der Holländer mit seinen armenischen Mafia-Freunden Fabergé-Ikonen aus der Sowjetunion nach Beirut, in den Siebzigern handelt er mit gestohlenen Fresken und Ikonen aus Zypern.
In den Achtzigern zahlt er in Italien 700 000 Dollar für eine Mädchenzeichnung von Leonardo da Vinci und verkauft sie nach einem Jahr für 14,5 Millionen Dollar an ein japanisches Museum. Die italienischen Behörden wollen ihn festnehmen, weil er nationales Kulturgut illegal ausgeführt habe, doch dann stellt sich heraus: Die Zeichnung ist eine Fälschung.
In Marbella sitzt er im Gefängnis, in Amsterdam lobt die jugoslawische Mafia ein Kopfgeld auf ihn aus, Killer feuern aus einem fahrenden Auto auf van Rijn, treffen aber nur sein Bein, Interpol fahndet nach ihm, aber dann, in den Neunzigern, wechselt er plötzlich die Seiten und arbeitet für das FBI und Scotland Yard. Jetzt lebt er in Norditalien.
Dort erreicht ihn Mitte Januar 2014 der Kunstvermittler Steven de Fries(*), ein alter Bekannter aus Antwerpen. De Fries will wissen, ob van Rijn an Ware aus dem "Dritten Reich" interessiert sei. Er habe da etwas Schönes im Angebot. Van Rijn zeigt Interesse.
Am folgenden Morgen fasst de Fries in einer Mail nach: "Hallo Michel, ich habe den direkten Kontakt. Mein Kunde hat abgesagt, weil die Sache zu belastet ist. Ich denke aber, dass es für dich genau das Richtige ist. Wir müssen 1,5 Millionen Euro bezahlen, Discount ist nicht möglich. [...] Wir müssen schnell sein. Ruf mich an. S."
In der Anlage mailt de Fries einen 14-seitigen Prospekt. Die dritte Seite zeigt ein großes Farbfoto, das in einer modernen Lagerhalle aufgenommen wurde. Vor einer Sichtblende stehen auf zwei Europaletten die beiden verschwundenen Pferde von Thorak. Neben ihnen sieht van Rijn zwei Männer, einen alten im Anzug, einen jungen in Jeans.
Ob er direkten Kontakt mit dem Eigentümer habe, fragt van Rijn am frühen Morgen des 15. Januar nach: "Sehr wichtig ... Du musst wissen, wer der Besitzer ist, und hundertprozentig sicher sein."
Zwei Stunden später antwortet der Belgier: "Hi Michel, ich verfüge schon seit einiger Zeit exklusiv darüber. Ich hatte einen Käufer in den USA, der sie dem Museum in Baltimore schenken wollte, aber der Vorstand hat abgelehnt. Der Eigentümer ist eine sehr bekannte Familie (Flick) in Deutschland, sehr belastet im Krieg, Friedrich Flick ist im Nürnberger Prozess verurteilt worden, aber war schnell wieder einer der reichsten Menschen in Deutschland. Die Familie hat beschlossen, alles, was an diese Zeit erinnert, zu verkaufen, auch die Pferde."
Der Deal werde durch eine Vertrauensperson der Familie vermittelt, mit der er im direkten Kontakt stehe. Viel Zeit bleibe
nicht. Die Verkäufer wollten die Pferde "so schnell wie möglich weghaben wegen der politischen Umstände. Ruf mich an, um die Details zu besprechen".
Van Rijn lässt die Angelegenheit ein paar Tage sacken, dann greift er zum Telefon. Aber es ist nicht der Mann aus Antwerpen, den er anruft. Er wählt eine Nummer in Amsterdam. Die des Kunstdetektivs Arthur Brand, auch ein Könner auf diesem Gebiet. Er enthüllte 2014, dass Juliana, die frühere Königin der Niederlande, in den Siebzigern Naziraubkunst gekauft haben soll. Ein Riesenskandal.
"Ich hab was für dich", sagt van Rijn. "Ich weiß, dass du so etwas aufklärst. Ich mach das nicht mehr."
Nun ermitteln zwei Männer, Allonge in Berlin und Brand in Amsterdam. Sie wissen nicht, was der jeweils andere tut. Aber sie haben dasselbe Ziel: Thoraks Pferde finden und vielleicht noch andere verschollene Werke aus dem schaurigen Kunstschatz der Nazis.
"Der Himmel über Berlin erhebt sich blutrot in einer schaurigen Schönheit", notiert Joseph Goebbels am Samstag, dem 27. November 1943, in sein Tagebuch, "ich kann das Bild schon gar nicht mehr sehen." In der Wilhelmstraße hat in den vergangenen Tagen das Regierungsviertel gebrannt, im Westen die Gedächtniskirche und der Zoo, der dritte Großangriff britischer Bomber innerhalb einer Woche.
In der Hauptstadt mögen die Menschen krepieren, doch seine geliebten Bronzestatuen weiß Adolf Hitler in Sicherheit. Rüstungsminister Albert Speer hat sie ins märkische Städtchen Wriezen im Oderbruch schaffen lassen.
Dort, eine Autostunde nordöstlich von Berlin, hat Hitler seinem Lieblingsbildhauer auf Staatskosten die reichseigenen "Steinbildhauerwerkstätten Arno Breker" einrichten lassen. Auf dem weitläufigen Gelände am Oder-Havel-Kanal mit eigenem Hafen und Gleisanschluss ist innerhalb kürzester Zeit ein riesiges Atelier errichtet worden. 145 Meter lang ist das Gebäude, in dem in drei Hallen ab Juni 1942 mehrere Dutzend Zwangsarbeiter und Bildhauer die gigantischen Aktplastiken und zehn Meter hohen Reliefs für Hitlers geplante "Welthauptstadt Germania" produzieren.
Das ganze Gelände steht voll mit monumentalem Nazikitsch. Auch den beiden Pferden von der Reichskanzlei wird hier Asyl gewährt, 1943 sind sie in einem Bestandsverzeichnis von Wriezen aufgelistet.
Thorak hatte die Pferde im Auftrag Albert Speers als Modell für die "Bekrönungsgruppe" des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes entworfen. Dort sollte sie mit einer riesigen Siegesgöttin, Waffenträgern und zwei Rosselenkern die "Führertribüne" des Märzfeldes schmücken. Die beiden Modelle, in Bronze gegossen, landeten als herrisch posierende Tiere auf der Terrasse vor Hitlers Arbeitszimmer, möglicherweise als Geschenk des Künstlers. Der will wie sein großer Konkurrent Breker unbedingt am Prestigebau des Diktators vertreten sein.
"Thorak ist unsere stärkste plastische Begabung. Dem muss man Aufträge geben", schreibt Goebbels am 11. Februar 1937 in sein Tagebuch. 1933 hat sich der Bildhauer von seiner jüdischen Frau scheiden lassen, um seine Karriere nicht zu gefährden. 1937 wird er zum Professor an der Münchner Kunstakademie ernannt, er bekommt einen der begehrten Plätze auf der "Gottbegnadeten-Liste" und wird auch auf die Liste der zwölf "unersetzlichen" bildenden Künstler des Reichs gesetzt.
Doch Ende der Dreißigerjahre zieht Arno Breker in Hitlers Gunst an ihm vorbei. Er geht nun in der Reichskanzlei ein und aus. Thorak ist zwar bis zuletzt gut im Geschäft, aber in Künstlerkreisen wird kolportiert, Hitler habe sich missbilligend geäußert: Seine Frauenfiguren hätten "Ärsche wie Bräugäule".
Am 16. April 1945 marschiert die Rote Armee in Wriezen ein. Brekers Werkstätten und sein Schloss Jäckelsbruch, ein persönliches Geschenk Hitlers, werden dem Erdboden gleichgemacht. Dem Berliner Kunstfahnder Kurt Reutti bietet sich ein Bild der Verwüstung:
"Die Russen hatten alles, was brennbar war, angezündet. Vor dem Atelier lagen sechs weit überlebensgroße Bronzen. Hier lag auch das ca. 5 x 3,5 Meter große Bronzerelief ,Kameraden' und ein fast ebenso großes zerschlagenes Marmorrelief ,Daphne und Apoll'. [...] Auf einem Acker in der Nähe [...] lagen auf der Erde zwei Breker-Figuren von der Reichskanzlei."
Ende September notiert Oberamtmann Damerow, der Prokurist der Breker-Werke, in einem Vermerk an seine vorgesetzte Dienststelle in Berlin, "auf dem Gelände [befinden sich] noch zwei Bronzeplastiken – sitzende Frauen etwa Überlebensgröße von Prof. Klimsch –, ferner überlebensgroße Bronzepferde". Dann verliert sich ihre Spur. Wahrscheinlich gehen sie den gleichen Weg wie die beiden Brekers, die in einer Aktennotiz vom 17. Mai 1946 erwähnt werden. Es ist unklar, wer sie geschrieben hat, die Unterschrift ist unleserlich.
"Am 25. April vormittags erschien auf dem Gelände der Breker-Werke ein mit Russen besetztes Auto (Lkw) und hat [...] zwei Bronzefiguren aufgeladen, und zwar sind dies ,Die Berufung' auf Granitsockel, die völlig unbeschädigt war bis auf einen Gewehrschuss im Arm, und ferner eine ebenfalls unbeschädigte Figur den ,Wäger'. Wie wir durch Befragen feststellen konnten, sind die Figuren nach Freienwalde auf Anordnung des russischen Militärkommandanten gebracht worden. Über ihre weitere Bestimmung ist nichts bekannt."
Eine erste Spur taucht 1986 auf. In jenem Jahr reist Frank Lanzendörfer, der sich Flanzendörfer nennt, mit dem Moped und einer russischen Super-8-Kamera durch die DDR. Er stammt aus Dresden, ist Lyriker, Maler, Performance-Künstler und auf der Suche nach intensiven Bildern.
In Eberswalde, im Norden von Berlin, gelangt er über Umwege durch ein Waldstück auf den Sportplatz einer sowjetischen Kaserne. Dort findet er Bilder, wie er sie sucht.
Im Schnee, vor Betonwänden mit kyrillischen Propagandalosungen, stehen zwei überlebensgroße, nackte Bronze-Supermänner, "Der Künder" und "Berufung" von Arno Breker. Unter den Bäumen sitzen zwei schwülstige weibliche Bronzeakte von Fritz Klimsch. Die Kniescheibe der einen Figur ist durchschossen, sie diente den Rotarmisten offenbar als Zielscheibe. Am Rande der Aschenbahn stehen die gewaltigen Schlachtrösser Josef Thoraks. Alle sechs Skulpturen sind dick mit goldener Farbe angepinselt.
Flanzendörfer montiert seine Aufnahmen in den 49-Minuten-Film "Eisenschnäbelige Krähe" und unterlegt sie mit harter Punkmusik. Im August 1988 springt er von einem Feuerwachturm in der Schorfheide in den Tod. Er ist 25 Jahre alt.
Schon im Frühjahr 1988 hat sich die Geschichte von den Naziskulpturen auf dem sowjetischen Sportplatz zur jungen Kunsthistorikerin Magdalena Bushart im Westteil Berlins herumgesprochen. Mit Freunden fährt sie nach Eberswalde. Heimlich machen sie Fotos von den sechs Skulpturen, die Bushart Monate später, Anfang 1989, unter der Überschrift "Überraschende Begegnung mit alten Bekannten" in einem Artikel in einer Marburger Fachzeitschrift veröffentlicht. Die Kunsthistorikerin analysiert fasziniert, wie das obskure Freilichtensemble "die klare Trennungslinie zwischen nationalsozialistischer und sowjetischer Kunstauffassung verschwimmen lässt".
Im Trubel der Wendezeit verschwinden die sechs Bronzen. Im März 1991 fährt eine Reporterin der "Neuen Zeit" nach Eberswalde und will von dem Offizier Wladimir Mortjanow wissen, wo sie geblieben sind. "Wir sollten die Skulpturen beseitigen, weil sie aus der Zeit Hitler-Deutschlands waren", erzählt er, "sie wurden zu Schrott. Deutsche haben sie geholt." Nachdem eine westdeutsche Zeitung über die Sportplatzgalerie berichtete, habe man "Ende Sommer 1988" die Weisung aus Berlin, "vielleicht von der SED-Leitung", bekommen, die Plastiken zu entfernen.
Wo sind die Pferde? Während Allonge Ende 2014 mit seinen Ermittlungen in Berlin nicht weiterkommt, hat Brand eine konkrete Spur, seitdem ihm van Rijn von dem Angebot des Kunstvermittlers Steven de Fries berichtet hat.
Monatelang wartet er geduldig, um de Fries nicht misstrauisch werden zu lassen. Im Dezember 2014 schickt er ihm eine erste Mail. Er habe viele Kunden, die auf der Suche nach schönen Kunstgegenständen seien, ob er vielleicht zurückrufen könne, doch der Mann aus Antwerpen meldet sich nicht.
Erst am 12. Februar 2015 ist de Fries plötzlich am Telefon. Was suchst du? Nun, antwortet Brand, mein bester Kunde ist auf der Suche nach Dingen mit einer historisch interessanten Geschichte. Der beste Kunde, das ist jener Moss aus Dallas, Brands Erfindung, um mit de Fries ins Gespräch zu kommen.
Aha, sagt de Fries, da habe ich vielleicht was für dich. Zwei Tage später mailt er Brand den Prospekt mit den Pferden von Thorak. Deren Wert ist in der Zwischenzeit explodiert. De Fries will acht Millionen. Für Moss sind das eher Peanuts. Sie verabreden ein Treffen für den 21. Februar in Amsterdam.
Am Tag davor meldet sich Kriminalhauptkommissar Allonge aus Berlin bei Arthur Brand. Von Kollegen in Bayern weiß er, dass Brand den Kontakt zur deutschen Polizei sucht, weil er Informationen über verschwundene Nazikunst weitergeben will. "Geht es etwa um die Thorak-Pferde?", eröffnet Allonge das Gespräch. Ja. Die beiden Männer wollen nun zusammenarbeiten.
Samstag, 21. Februar 2015, zwölf Uhr. Es ist ein regnerischer Tag in Amsterdam, nur manchmal bricht die Sonne durch. Brands Mitarbeiter Alex Omhoff hat unauffällig seine Position im Museumsviertel bezogen. Brand und de Fries wollen sich im Restaurant George W.P.A. treffen, und Omhoff will heimlich fotografieren. Brand wartet auf der Straße, raucht nervös eine letzte Zigarette. Dann sieht er einen dunkelblauen Volvo mit einem rot-weißen Nummernschild, einem belgischen.
Während des Gesprächs im George W.P.A. trinkt Steven de Fries Wein und sieht den schönen Mädchen hinterher. Er ist abgelenkt, und so merkt er nicht, wie das Treffen von Brands Knopflochkamera aufgezeichnet wird. Bald kommt das Gespräch auf die Pferde.
De Fries: "Die Familie des Besitzers hat einen faschistischen Hintergrund. (Er lacht.) Der Großvater hat immer noch viele Nazimemorabilia. Es ist eine sehr bekannte Familie. Viel Industrie. [...] Der alte Mann hat bis zuletzt in Interviews gesagt, wie toll die Nazizeit war. Der Familie reicht's jetzt. Sie hat ihm gesagt, er soll das Nazizeug loswerden. [...] Der Verkauf sollte natürlich top secret sein."
Er liest eine SMS vor, die er gerade empfangen hat: "Die Pferde sind noch im Stall."
"Es kann sein, dass es noch einen anderen Käufer gibt, einen Exgeneral der US-Armee. [...] Nächste Woche treffe ich ihn in Genf. [...] Bist du sicher, dass dein Kunde einverstanden ist, wenn wir die Kaufsumme über die Schweiz abwickeln?"
"Ja."
" Perfekt, dann können wir das über meine Schweizer Firma machen. [...] Ich glaube, der Besitzer der Pferde hat noch mehr, aber ich weiß nicht, was. Sie sind extrem vorsichtig. Wenn diese Sache in der deutschen Presse enthüllt wird, würde die ganze Geschichte dieser Familie wieder hochkommen. [...] Ich checke mal, was der Besitzer noch im Angebot hat. Ich weiß, dass er mal einen Mercedes von Hitler hatte."
"Hat er den schon verkauft?"
"Weiß ich nicht. Vielleicht hat er das Auto noch. Außerdem hat er Sachen von Göring."
Brand berichtet Allonge von dem Gespräch. Ihre Ermittlungen konzentrieren sich auf zwei Männer: In einer der Mails seiner Informantin Sauer wird der Bad Dürkheimer Unternehmer und Breker-Verehrer Rainer Wolf als Mittelsmann genannt. Der zweite Mann heißt Flick. Den Namen hatte de Fries in seiner Mail an van Rijn erwähnt. Aber welcher Flick? Einer aus jener berühmten Unternehmerfamilie, die sich eng mit den Nazis eingelassen hatte?
Die Spur Flick führt schließlich zu einem riesigen Grundstück an der Kieler Bucht. Der Besitzer hat bei NS-Devotionalien-Händlern einen exzellenten Ruf. Er ist alt, reich, und in einem unterirdischen Bunker steht ein Kampfpanzer "Panther" der Wehrmacht. Auf Luftbildern seines Grundstücks sieht man zwei Großbronzen, eine davon wahrscheinlich ein Breker. Aber ist dieser Flick tatsächlich ein Angehöriger einer der "reichsten Familien Deutschlands"?
Brand erzählt de Fries, dass Moss ungeduldig werde. Wann ist endlich die Besichtigung der Pferde? De Fries laviert, bietet weitere NS-Devotionalien an, darunter einen vergoldeten Füller mit Hakenkreuz, den Hitler Hermann Göring geschenkt haben soll. Für 300 000 Euro. Brand zeigt Interesse.
Weil es mit den Pferden schwierig zu sein scheint, bietet de Fries Arno Brekers 40-Tonnen-Relief "Der Wächter" an. Nach Kriegsende in Wriezen den Russen in die Hände gefallen, Preis: acht Millionen.
Am 8. Mai trifft sich Brand ein zweites Mal mit de Fries in Amsterdam. Wieder zeichnet er das Gespräch mit der Geheimkamera auf.
De Fries: "Moss will über die Schweiz zahlen?"
"Ja, so wie du es möchtest."
"Können wir über Monaco gehen? Ich verlege meine Geschäfte wegen der Steuer nach Monaco."
"Klar, alles ist möglich."
Sie sprechen über einen weiteren Mittelsmann des Eigentümers.
De Fries: "Er ist die rechte Hand des Besitzers."
Brand: "Ist er ein Anwalt?"
De Fries: "Kann sein. Er ist irgendein Doktor oder Professor."
Brand: "Tja, die meisten Deutschen haben so einen Titel."
De Fries: "Ja, wie Dr. Mengele." (Er bricht in Gelächter aus.)
Brand versucht, de Fries davon zu überzeugen, dass er die Skulpturen sehen darf, wird aber immer wieder vertröstet. Deshalb entscheidet sich Allonge für eine Razzia.
Am vergangenen Mittwoch schlägt er zu. Allonge lässt die Wohnungen und Häuser von sieben Verdächtigen im Bundesgebiet durchsuchen. Den Volltreffer landet er bei Rainer Wolf in Bad Dürkheim. Dort sind neben den drei Riesenreliefs alle sechs Statuen aufgetaucht, die in der Wendezeit aus Eberswalde verschwunden sind, die beiden Pferde, die beiden Brekers, die zwei nackten Frauen von Klimsch. Bei Flick in Kiel finden die Fahnder offenbar Brekers lange verschollene "Wehrmacht". Hitlers Skulpturen sind also wieder aufgetaucht.
Am Tag danach ist Flick bereit, mit dem SPIEGEL zu reden. Nein, er habe mit der Industriellenfamilie nichts zu tun. Und nein, er sei auch an dem Pferdeverkauf unbeteiligt, die vielen Vermittler kenne er überhaupt nicht. Nur Wolf. Den allerdings schon seit 30, 40 Jahren.
1996 habe er dem Mann aus Bad Dürkheim ein Darlehen über 300 000 Mark gegeben. Die Thorak-Rösser seien ihm dafür als Pfand übergeben worden. Als Wolf zwei Jahre später den Kredit zurückgezahlt habe, seien die Pferde wieder abtransportiert worden. Wolf war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Sein Anwalt erklärte am Donnerstag nur, die Skulpturen seien rechtmäßig erworben und seit über 20 Jahren in Familienbesitz.
Flick bestätigt, dass es sich bei dem nackten Riesen mit Schwert in seinem Garten um Brekers "Wehrmacht" handeln könnte. Irgendwann sei die Statue im Schrotthandel aufgetaucht und von einem westdeutschen Kunsthändler "aus der DDR" gekauft worden. Er könne sich nicht mehr daran erinnern, wie viel er für den angeblichen Breker bezahlt hat. Keine sechsstellige Mark-Summe, glaube er.
Die Figur trage keine Signatur Brekers, sei ursprünglich stark beschädigt gewesen und nachträglich wieder zusammengebaut worden. Aber Teile davon stammten offenbar aus der Originalskulptur.
Ja, sagt Flick, er habe eine große Sammlung ("aber keine Kunst") in einem unterirdischen Bunker auf seinem Grundstück. Dort stehe der Wehrmachtpanzer ("aber kein kompletter"), den er irgendwann einmal in England als "Schrott" gekauft habe, Puppen mit Uniformen und historische Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg, alle "ordnungsgemäß angemeldet".
Am Abend der Razzia meldet sich auch de Fries beim SPIEGEL. Er ist im Urlaub auf Kreta, hat nur wenig Zeit, muss gleich zu einem Dinner. Wolf? "Kenne ich nicht", sagt de Fries, "so heißt ein Freund von mir mit Vornamen." Nein, er habe die ganze Sache von Anfang an für unseriös gehalten. "Den Moss", fragt er, "gibt es doch gar nicht, oder?"
Einen Tag später schreibt er in einer Mail, in Wirklichkeit sei er es gewesen, der Brand an der "Nase herumgeführt" habe. Er sei neugierig gewesen, ob sich "so ein Trottel von Kunde" wohl auf die acht Millionen für die Pferde einlassen würde. Als Moss das getan und auch noch den "Wahnsinnspreis" für den Breker akzeptiert habe, habe er sich wie in einem schlechten Film gefühlt: "Ich bin sehr empört, in so eine Geschichte mit reingezogen zu werden."
Auch Allonge hat Stress. Die Razzia war ein so durchschlagender Erfolg, dass er nun ein Problem lösen muss. Wie, bitte schön, transportiert man tonnenweise Großskulpturen ab? Am Donnerstagabend meldet er, das Technische Hilfswerk, das er angefordert habe, müsse wohl noch die Transportstrecke abfahren. Der Nazischatz ist so gigantisch schwer, dass sicherheitshalber die Brücken getestet werden. ■
* Name von der Redaktion geändert.
Von Konstantin von Hammerstein

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