23.05.2015

DrogenDie Knall-Tüten

„Legal Highs“ werden als Kräutermischung oder Badesalz verkauft. Die Anbieter versprechen einen Rausch ohne Reue – doch das Grünzeug ist gefährlich.
Der Selbstversuch fand in der Raucherecke des Instituts statt, die Wirkung trat schon nach wenigen Minuten ein. "Unsere Augen waren komplett rot, der Puls hatte sich von 60 auf 120 Schläge verdoppelt", sagt Volker Auwärter, 44. Die Kräutermischung, die er zu einer Zigarette gedreht hatte, war angeblich harmlos. Aber ihm war sofort klar: "So etwas kommt nicht von irgendwelchen Kräutern, sondern da ist richtig Chemie drin."
Auwärter leitet das toxikologische Labor am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg. Den Stoff hatte er im Internet bestellt, eine Tüte mit dem Aufdruck "Spice Diamond". Kurz nach dem Experiment in der Raucherecke konnte Auwärter 2008 das Geheimnis um die psychoaktiven Kräutermischungen lüften, die damals auf dem Markt aufgetaucht waren und Drogenfahnder vor Rätsel gestellt hatten.
Auwärter brauchte noch einige Nachtschichten mit chemischen Analysen und ausgiebigen Datenbankrecherchen, dann wusste er: Die vermeintlich antörnenden Kräuter im "Spice" waren nur Staffage. Die Effekte erzeugte ein Stoff, der dem Grünzeug beigemischt wird. Es handelte sich um die leicht veränderte Form einer Chemikalie, die der US-Pharmahersteller Pfizer in den Achtzigerjahren entwickelt hatte: das Cannabinoid CP-47,497, eine Art synthetisches Hasch.
Die Substanz war bis dahin allenfalls in Fachkreisen bekannt, die Weiterentwicklung hatte die Pharmaindustrie längst aufgegeben. Doch seit Auwärters Entdeckung haben Stoffe wie CP-47,497 Karriere gemacht. Angeboten werden sie mittlerweile in einer kaum noch überschaubaren Vielfalt, häufig abgepackt in knallbunte, fantasievoll gestaltete Tütchen.
"Legal Highs" nennen Internetanbieter diese Knall-Tüten. Tituliert werden sie oft als "Räuchermischung", "Luftverbesserer" oder "Badesalz", wobei ergänzende Werbehinweise wenig Zweifel an der gewünschten Wirkung der Produkte lassen: "spacig", "lachflashig" oder "bewusstseinserweiternd". Die Verkäufer versprechen einen Rausch ohne Reue – und ohne Angst vor dem Staatsanwalt.
Ärzte und Drogenexperten hingegen warnen vor den Risiken durch unerforschte synthetische Cannabinoide und vergleichbare Stoffe. In Deutschland wurden diesen Substanzen im vorigen Jahr offiziell 25 Todesfälle zugeschrieben. "Legal Highs etablieren sich mehr und mehr in der Rauschgiftszene", sagte der Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, als er im April den Drogenbericht 2014 vorstellte.
So finden sich neben den Molekülen, die Auwärter identifizierte, schon jede Menge weiterer synthetischer Cannabinoide auf dem Markt. Darunter mehrere Wirkstoffe, die der US-Chemiker John W. Huffman vor etwa zwei Jahrzehnten in einem Universitätslabor zusammenbastelte – er betrieb Grundlagenforschung, die später in die Entwicklung von Medikamenten münden sollte.
Die Struktur einiger Cannabinoide weist Ähnlichkeiten mit THC auf, dem Wirkstoff aus der Cannabispflanze. "Aber sie sind pharmakologisch oft um ein Vielfaches potenter", sagt Auwärter. Und die Wirkstoffgehalte der Mischungen seien häufig so hoch, "dass es beim Konsum von Mengen, die bei Cannabisprodukten üblich sind, bereits zu schweren Vergiftungen kommen kann".
Wer aus Versehen eine Überdosis nimmt, muss Halluzinationen und Schwindelanfälle fürchten, dazu schwere Krämpfe, Lähmungen des Atemsystems, Bewusstlosigkeit, Erbrechen – eine potenziell tödliche Kombination, etwa wenn Erbrochenes die Atemwege verstopft.
Das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg weist für 2013/14 offiziell sechs Todesfälle durch Legal Highs in diesem Bundesland aus. Es könnten aber auch deutlich mehr gewesen sein, glauben die Ermittler. Im September 2013 starb ein 26-jähriger Spice-Konsument in Pforzheim, als er mit dem Kopf voran aus einem Fenster im ersten Stock der Wohnung seiner Eltern stürzte. Experten sagen, es sei im Nachhinein in solchen Fällen kaum möglich festzustellen, ob dahinter Halluzinationen durch Cannabinoide steckten.
Sorgen bereitet den Polizeibehörden, dass die Tütchen offenbar immer mehr sehr junge Konsumenten anlocken. Im schwäbischen Münsingen fand eine Mutter ihre 14 und 16 Jahre alten Söhne eines Abends mit Atemnot und schweren Krämpfen in deren Zimmer. Die beiden Schüler waren nicht mehr ansprechbar, sie hatten sich im Internet eine Kräutermischung bestellt. Erst nach einem Notarzteinsatz und einer Nacht im Krankenhaus war die Gefahr gebannt.
"Die Tütchen sind inzwischen auf vielen Schulhöfen präsent", sagt Joachim Lauer, Chef des Rauschgiftdezernats im rheinland-pfälzischen LKA. Comicfiguren wie die Simpsons und Fantasienamen wie "Monkees go Bananas", "Happy Slump" oder "Bonzai Summer Boost" zieren die Verpackungen. Harmlosigkeit suggeriert auch die Behauptung vieler Anbieter, ihre Produkte bestünden nur aus natürlichen "Kräutern und Extrakten".
Ihm sei noch so gut wie kein Legal-High-Päckchen untergekommen, in dem keine synthetischen Wirkstoffe nachzuweisen gewesen seien, sagt Siegfried Zörntlein, Chemiker und Toxikologe im LKA Rheinland-Pfalz. Und er hat viel zu untersuchen: Alle paar Wochen tauchten neue psychotrope Substanzen auf; manche würden nur einmal nachgewiesen, andere blieben über Monate am Markt.
Oft werde nur wenig in die Struktur bereits bekannter Moleküle eingegriffen, etwa indem an irgendeiner Stelle ein Wasserstoffatom durch ein Fluoratom ersetzt werde. Aber wie stark die neue Chemikalie dann im Körper wirke und welche Spätfolgen sie verursachen könne, wisse niemand genau. "Die Produzenten machen ihre Kunden zu Versuchskaninchen", sagt Zörntlein. Manche Ermittler vergleichen den Konsum der Legal Highs mit russischem Roulette.
Verhindern können sie die Geschäfte mit den chemischen Stoffen jedoch nicht. Jedes neu entdeckte Cannabinoid muss erst als verbotene Substanz in das Betäubungsmittelgesetz aufgenommen werden. Das dauere in der Regel viele Monate, mitunter auch länger als ein Jahr. "Bis dahin sind schon längst jede Menge neue Wirkstoffe auf dem Markt", so Zörntlein.
Bis vor knapp einem Jahr behalfen sich Polizei und Justiz oft damit, die Verbreitung der Cannabinoide als Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz zu verfolgen. Das ging ohne Wartezeit, doch im Juli 2014 beendete der Europäische Gerichtshof diese Praxis; Rauschmittel seien in der Regel keine Arzneien. "Seitdem sind uns die Hände gebunden", sagt der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Achim Brauneisen. Deutschland sei in Sachen Legal Highs nun "praktisch ein rechtsfreier Raum".
Der Generalstaatsanwalt fordert seit Langem ein Verbot ganzer Stoffgruppen, um möglichst viele künstliche Cannabinoide zu erfassen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, kündigte im April eine "mutige Lösung" in diese Richtung an. Doch ein Gesetzentwurf, für den das Bundesgesundheitsministerium zuständig wäre, ist nicht in Sicht. Der Teufel stecke im Detail, sagt ein Insider. Es sei kompliziert, die Stoffgruppen exakt zu definieren: Einerseits sollen keine Schlupflöcher bleiben, andererseits nicht unnötig viele völlig harmlose Chemikalien kriminalisiert werden.
Europaweit seien im vorigen Jahr 101 neue Drogensubstanzen gefunden worden, sagt Toxikologe Auwärter. Theoretisch möglich seien vermutlich mehrere Hunderttausend Cannabinoidvarianten. Die Anbieter könnten sich die Moleküle über spezielle Programme im Internet fast nach Belieben zusammenbauen und als legale Bestellung beispielsweise an Chemiefirmen in Ostasien schicken.
Diese Firmen, meist mit Sitz an der Ostküste Chinas, produzierten die Substanzen auf Wunsch gleich tonnenweise und schickten sie nach Europa. Dort würden sie beispielsweise auf Tabakersatzstoffe oder billige Kräuter gesprüht und bisweilen mit Duftstoffen angereichert, dann hübsch verpackt und übers Internet verkauft. Die Gewinnspanne sei enorm. "Der Materialwert der Cannabinoide in so einem Tütchen liegt im Cent-Bereich", sagt Auwärter.
Das führt zu einer paradoxen Situation: Wer natürliche Cannabisprodukte aus Hanf verkauft oder besitzt, macht sich in Deutschland grundsätzlich strafbar – während man viele wesentlich gefährlichere synthetische Cannabinoide ungehindert verbreiten und besitzen darf. Kein Wunder, dass viele Cannabiskonsumenten, die etwa nach Führerscheinkontrollen mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, auf Legal Highs umsteigen.
Eine umfassende Lösung könnte sein, den Gebrauch von Cannabis zu liberalisieren, doch dafür gibt es derzeit wohl keine politische Mehrheit. Die schwarz-grüne Koalition in Hessen und weitere Landesregierungen halten aber eine kleine Lösung für denkbar. In Modellversuchen, so haben es die Koalitionäre in Wiesbaden auf Druck der Grünen verabredet, könnten mobile oder feste Labors nahe Szenetreffpunkten getestet werden. Käufer sollen dort anonym untersuchen lassen können, was in ihren Legal Highs und anderen Produkten wirklich steckt.
Verhindern lasse sich die weitere Ausbreitung von Legal Highs damit zwar nicht, sagt Toxikologe Auwärter. "Aber wir können die Leute so wenigstens warnen, dass einige besonders potente Produkte nur mit ganz großer Vorsicht zu genießen sind." Das könne Leben retten.
Von Matthias Bartsch und Simone Salden

DER SPIEGEL 22/2015
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