01.10.1984

PANAMAWunderbare Zeit

Ohne militärischen Pomp schlossen die USA ein langjähriges Kapitel ihrer Lateinamerika-Politik: die U.S. Army School of the Americas in Panama. *
Die nächste Vorführung des Film-Musicals "Top secret" sollte erst wieder abends auf dem Programm stehen. Um acht Uhr morgens schmückte nur ein Plakat mit dem von Alexandre Dumas entlehnten Leitspruch der Schule die Bühne des Filmtheaters "Gulick": "Einer für alle und alle für einen."
Im Auditorium waren 149 Kadetten der salvadorianischen Armee sowie 28 Offiziere aus Costa Rica, Ecuador, Panama und Paraguay angetreten, um vom Kommandeur der Militärschule, Oberst Michael Sierra, ihr Diplom für den erfolgreichen Abschluß eines dreimonatigen Kurses über Patrouillentätigkeit, Nachrichtenwesen und Anti-Guerilla-Taktik in Empfang zu nehmen.
Es war eine schlichte Feier ohne Fahnen, keine Militärmusik untermalte die kurze Ansprache, in welcher der US-Oberst seinen Schülern versicherte, sie könnten im doppelten Sinne stolz sein: "Sie sind die Repräsentanten des Endes einer historischen Epoche dieser Schule. Und außerdem können Sie stolz darauf sein, diesen Tempel militärischen Wissens durchlaufen zu haben."
Die Offiziere stimmten in das Hohelied ihres Lehrers ein: "Nicht jeder hat das Glück gehabt, hier gewesen zu sein. Wir, die Lateinamerikaner, verlieren beinahe einen Teil von uns."
Stolz und besorgt äußerten sich die Salvadorianer, deren Kameraden in der Heimat seit fünf Jahren sieglos linke Rebellen bekämpfen: "Es war eine wunderbare Zeit hier", schwärmte ein 18jähriger Kadett, "aber morgen sind wir vielleicht schon in Morazan oder Chalatenango", zwei Guerilla-Hochburgen im Norden seines Landes.
Noch einmal versammelten sich die Offiziere, zum Erinnerungsphoto. Dann war die Feier zu Ende. Weggetreten!
Zum letzten Mal entließ die berüchtigte "Escuela de las Americas" in Panama am 21. September Absolventen der verschiedensten Länder zu ihren Heimatkommandos. 45 331 Soldaten aus allen Staaten Lateinamerikas haben diese Militärakademie seit ihrer Gründung 1946 besucht. "Fort Gulick", wie die Amerikaner die Schule nennen, war das Zentrum eines Kameraden-Netzwerks von Boston bis Buenos Aires.
General Rios Montt, Guatemalas bigotter und blutrünstiger Ex-Diktator, hatte hier sein Handwerk ebenso gelernt wie Jorge Videla, der argentinische Militärdiktator _(Schriftzug auf dem Wappen der Schule: ) _(Einer für alle und alle für einen. )
der siebziger Jahre, oder Leopoldo Galtieri, der vor zwei Jahren die Falklandinseln besetzte und erst von Margaret Thatchers Flotte besiegt wurde; aber auch Panamas Omar Torrijos, der 1977 mit Jimmy Carter die Verträge aushandelte, die auch die Schließung dieser "Universität der Mörder" (so die panamaische Zeitung "La Prensa") vorsahen.
Am 30. September ging Fort Gulick mitsamt Inventar in den Besitz Panamas über. Schon Wochen zuvor hatten die Amerikaner ihren Auszug vorbereitet. Elektriker schraubten die Glühbirnen aus, Lastwagen rollten auf den stillen Straßen aus Fort Gulick. Sie transportierten Mobiliar und technisches Gerät von der Schule nach Fort Davis, dem nur acht Kilometer entfernten Trainingszentrum der US-Streitkräfte, das vorläufig noch in amerikanischem Besitz bleibt.
Die große Zeremonie der Schließungsfeierlichkeiten war auf den 21. September, 16.00 Uhr, angesetzt. "Eine traurige Angelegenheit", so Oberst Sierra über 38 Jahre Militärtradition. Der Vietnam-Veteran mexikanischer Abstammung sah seine Aufgabe in Panama beinahe als Strafe an: "Ich bin nur gekommen, um die Schule zu schließen." Erst am 25. Juni hatte er die Leitung Fort Gulicks übernommen.
Das Wetter paßte sich der trüben Stimmung des Militärs an. Um 16.00 Uhr verwandelte ein tropischer Regenschauer den Exerzierplatz in eine große Pfütze, das Wasser stand knöcheltief, die Fahnen klebten schwer an den Masten.
Erst eine halbe Stunde später riß die schwarze Wolkendecke über Panama auf, und vor dem Gebäude 400, dem Hauptquartier der Schule, traten die Teilnehmer der letzten Veranstaltung an: die 180. US-Headquarter''s Company, der 25. Zug der panamaischen Streitkräfte, die Ehrenwachen, die Militärkapelle der 193. US-Infanterie-Brigade und die letzten 357 Absolventen der Escuela de las Americas.
Von den einstigen Schülern, die inzwischen Präsidenten, Minister oder Oberbefehlshaber in ihren Ländern geworden sind, kam trotz Einladung keiner. Selbst Panamas Oberbefehlshaber ließ sich an diesem Tag entschuldigen. So blieben die Amerikaner mit ihren letzten Schülern unter sich.
General Fred Woerner, Kommandeur der 193. Infanterie-Brigade, rühmte noch einmal die Erfolge der Schule, den "hervorragenden militärischen Professionalismus", der den lateinamerikanischen Armeen angeblich hier vermittelt wurde. Die Kapelle spielte einen Abschiedsmarsch.
Begleitet von Haubitzensalven wurden die Flaggen aller lateinamerikanischen Staaten eingeholt, die Soldaten an dieser Militärakademie ausbilden ließen. Nur zwei Fahnen fehlten: die Kubas und Nicaraguas.
Schriftzug auf dem Wappen der Schule: Einer für alle und alle für einen.

DER SPIEGEL 40/1984
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