30.07.1984

MOSKAUSo tapfer

Die Kirche bekam ihr Danilow-Kloster wieder, der Patriarch eine neue Residenz. *
Auf der anderen Seite des Moskwa-Flusses, dem Kreml gegenüber, liegt ein altes Stadtviertel mit zweistöckigen gelben Häusern und roten Backsteinfabriken - Samoskworetschje.
Dort verkehrt noch eine Straßenbahn zwischen kleinen Läden und Werkstätten; niemand rennt, wie sonst in Moskau, hinter knappen Waren her: Man schwatzt und trinkt ein Bier nach der Arbeit. Moskaus Kaufleute wohnten einst hier, errichteten neben ihren Villen - heute Kulturhäuser der Arbeiter - ihre Manufakturen. Von hier aus brachen die proletarischen Revolutionen los.
Da liegt die Fabrik von Michelson, vor der 1918 die revolutionäre Sozialistin Fanny Kaplan auf Lenin schoß, und auch die große Bildergalerie, die noch immer den Namen ihres Gründers trägt, des Kapitalisten Tretjakow.
In diesem Quartier, Schauplatz der Dramen Ostrowskis, wird demnächst der Patriarch von Moskau und ganz Rußland Wohnstatt nehmen - im Danilow-Kloster, das mit seinen sieben Wehrtürmen zur Verteidigung Moskaus vor 700 Jahren errichtet wurde und dessen Mauern Iwan der Schreckliche bauen ließ.
Die noch vorhandenen vier Kloster-Kirchen aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind in schlechtem Zustand. Doch dem bietet die Sowjetregierung nun Einhalt: Sie werden renoviert. 1988 feiert Rußlands Orthodoxe Kirche ihr tausendjähriges Bestehen. Würdenträger aus der ganzen Welt und womöglich auch der Papst werden zum Patriarchen pilgern und sich vom Wohlergehen der Religion im Sowjetreich überzeugen wollen. Deshalb darf Patriarch Pimen eine neue Residenz und seine Russische Kirche ein Verwaltungszentrum, eben das Kloster, beziehen.
Bisher, sagt Alexij, der für die Restaurierung zuständige Metropolit von Tallin und Estland, "hatte der Patriarch kein respektables Domizil".
Zehn Mönche mit langen Bärten und schwarzen Kutten leben und beten schon jetzt in dem Klostergelände, angeführt vom Archimandriten Jewlogij. Unter seinen Brüdern sind Kunsthistoriker und Ingenieure, welche die Renovierungsarbeiten beaufsichtigen. Andere halten derzeit an den Eingängen Wache, um das gelagerte Baumaterial zu schützen.
Ein Wehrturm ist bereits vollständig wiederhergestellt, ebenso die Fassade der Kathedrale von 1833. Schwieriger, sagt Metropolit Alexij, sei die Restaurierung der Mauern, die zum Teil eingefallen, zum Teil im Erdreich versunken sind. In dem Mauerwerk ist ein von der Straße zugänglicher Betraum eingerichtet.
Die Ungläubigen von der Partei zeigen sich kooperativ, Moskauer Behörden stellen Bauarbeiter, Zement und Mörtel. Ein Werk in Jaroslawl liefert im Staatsplan nicht vorgesehene Ziegelsteine im mittelalterlichen Format. Denn, so Alexij: Die geplanten Neubauten - unter anderem ein Hotel - "sollen sich möglichst gut in das alte Ensemble einpassen".
Den Grund für das Entgegenkommen der Atheisten im Kreml sieht der Geistliche "in unserem Einsatz für den Frieden", genauer: Propagierung der Moskauer Außenpolitik in Aufsätzen und Reden sowie auf Kongressen im Westen.
Zur Nato-Nachrüstung verfaßte Patriarch Pimen für die Regierungszeitung "Iswestija" eine Philippika wider den unchristlichen Präsidenten Reagan, die er mit einer Kollektion friedfertiger Bibelzitate garnierte.
In Erwartung des Festivals, welches ein Jahrtausend Christentum in Rußland dokumentieren soll, renovieren allerorten in der Sowjethauptstadt Maurer, Maler, Zimmerleute und Stukkateure Gotteshäuser, in denen sich Turnhallen, Telephonzellen, Lagerhäuser und bestenfalls Museen befinden.
Es ist auch eine Erneuerung der russischen Vergangenheit. Hinter den Mauern des Danilow-Klosters verteidigten sich im 16. Jahrhundert, als die Krim-Tataren sie berannten, die Moskowiter so tapfer, daß sich die Eroberer deprimiert zurück gen Süden trollten (erst Stalin vertrieb ihre Nachkommen von der Krim nach Asien).
Das Kloster bot auch historischen Machtkämpfen die Kulisse: 1606 schlugen sich vor seinen Wällen aufrührerische Bauern mit den Truppen des Zaren Wassilij Schuiski; dessen unrechtmäßiger Nachfolger suchte bei den Mönchen Zuflucht, ehe er in Richtung Kaluga das Weite suchte (zuvor hatte er noch sein Asyl in Brand gesteckt).
Die polnischen Invasoren zerstörten es, später auch die Franzosen, nachdem sie die Ikonen eingesammelt hatten. Der Ort vielfältiger Wunderlegenden und des spukenden Geistes seines Gründers, des Fürsten Daniil, wurde stets wieder aufgebaut.
Die Sowjetregierung ließ den dort begrabenen Dichter Gogol umbetten (ins Nowodjewitschje-Kloster, wo heute auch Chruschtschow begraben liegt) und verwandelte 1927 die Heimstatt wertvoller Reliquien und einer exzellenten Bibliothek in ein Sammellager für "kriminelle Kinder", im Krieg in ein Waisenhaus, hernach wieder in eine Haftanstalt für Jugendliche. Auch eine Regenschirmfabrik und die Filiale des Kühlschrankwerks "Iskra" (Der Funke) fanden Obdach.
Dieses Nationaldenkmal wiederherzurüsten kostet Dutzende Millionen Rubel. Die Kirche muß das selbst bezahlen. Landauf, landab sammeln Popen dafür Spenden. "Mit dem Geld", sagt Metropolit Alexij, der es auszugeben hat, "kommen wir klar."
Ist das Prunkstück fertig, profitiert auch der Staatshaushalt: "Intourist" wird Devisenbringer mit Bus-Kolonnen in die Samoskworetschje lenken, und mit der Beschaulichkeit des Viertels ist es dann vorbei.

DER SPIEGEL 31/1984
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