30.04.1984

In und außer uns: Der „kleine Goethe“

Rudolf Augstein über die psychoanalytische Goethe-Studie von Kurt R. Eissler _____“ Die Psychoanalyse kann manche Aufschlüsse bringen, „ _____“ die auf anderen Wegen nicht zu erhalten sind, und so neue „ _____“ Zusammenhänge aufzeigen in dem Webermeisterstück, das „ _____“ sich zwischen den Triebanlagen, den Erlebnissen und den „ _____“ Werken eines Künstlers ausbreitet. „ _____“ Sigmund Freud, Rede zur Verleihung des Goethe-Preises „ _____“ der Stadt Frankfurt 1930 „ _____“ Goethes Sinnlichkeit oder Sinnenfreudigkeit ist seine „ _____“ Stärke. Sie gibt seinen Werken erst die unvergleichliche „ _____“ Spannweite. „ _____“ Richard Friedenthal, „Goethe“, 1963 „ *
Hat Goethe, oder hat er nicht, mit Frau von Stein? Dies war ehedem eine Preisfrage unter Goethe-Pennälern und auch Goethe-Paukern. Eine Un-Frage, so wollte es lange scheinen. In Wahrheit jedoch eine allumfassende Frage, nur zu eng gepreßt. Unterstellt man nämlich, wie Sigmund Freud behauptet, daß die "intime Persönlichkeit des Künstlers sich hinter seinem Werk verbirgt", daß sie mit Hilfe der Psychoanalyse "erraten" werden könne, und zwar "mit größerer oder geringerer Treffsicherheit": So muß man dem allen nur noch hinzusetzen, daß des Dichters Werk, so er heute noch gelesen wird, aus der "intimen Persönlichkeit" erschlossen werden kann.
Erlaubt ist dann die Frage, ob die Psychoanalyse uns am Beispiel Goethes, eines genialen Menschen schlechthin, den Menschen als solchen vorstellen kann, den auch pathologischen Menschen, den krank-gesunden Menschen, den, wie Walter Benjamin 1932 anläßlich des 100. Todesjahres abschätzig meinte, kleinen Goethe in uns.
Ja, gewiß, dieser "kleine Goethe in uns" könnte das Werk des in New York praktizierenden und forschenden Freud-Schülers Kurt Eissler zu einem Bildungserlebnis machen, zumindest bei all jenen, die noch nicht völlig verkabelt sind. Der aus Wien stammende Direktor des Sigmund-Freud-Archivs in New York, 1908 geboren, 1938 emigriert, hat Goethes Psychopathologie in zwei Bänden, 1540 Seiten in englischer Sprache, zu ergründen gesucht. Wer noch lesen kann, wird sich selbst wiederfinden.
Eisslers zwei Bände erschienen 1963 in einer Auflage von 2300 Exemplaren. Die Gesamtkosten betrugen 16 820 Dollar. 1962 Exemplare wurden verkauft, der Rest eingestampft. Seit 1974 ist die Auflage vergriffen.
Der erste Band _(Kurt Robert Eissler: "Goethe. Eine ) _(psychoanalytische Studie 1775-1786". ) _(Stroemfeld/Roter Stern, Basel und ) _(Frankfurt am Main; 1983; 792 Seiten; 49 ) _(Mark. )
in deutsch ist jetzt erst, unter abenteuerlichen Bedingungen, erschienen, am zweiten wird gearbeitet. Ihn auf englisch in einer Bibliothek zu ergattern, ist ein purer Glücksfall. Vom Autor gibt es kein Photo.
Eisslers psychoanalytische Sicht bietet uns einen neuen Goethe, wie wir ihn zu sehen nicht gewohnt waren. Er legt gleichzeitig das Freudsche Instrumentarium neu aus. Meinte Freud noch, der große Mann werde durch solch ein Verfahren niedrig gemacht, die hohe Distanz werde verringert, so beweist uns Eissler das Gegenteil. Dieser Riese muß nicht die Zehen recken, um sein Maß zu erreichen.
Plötzlich gewinnt Bedeutung, ob Goethe, laut eigenem Zeugnis "der Frauen Günstling" (Brief an Charlotte von Stein 1781), ob er, der Herr von hundert "Misels" und tausend "Äuglichen", erst in seinem 39. Lebensjahr, während seiner Römischen Reise, sexuellen Verkehr gehabt hat; ob er sich bis dahin "des entscheidenden genitalen Vollzugs" enthielt. Eissler kann angesichts aller "Frauen um Goethe"-Geschichten naturgemäß auch nichts beweisen. Er knüpft die Indizienkette aber so dicht, daß sie in sich glaubhaft scheinen kann.
Dies wäre, dies ist denn doch eine Neuigkeit. Goethes Flucht nach Italien 1786 bis 1788 hätte ihm dann nicht nur sein entscheidendes, sein klassisches Bildungserlebnis eingetragen, nein, sie hätte ihn erst zum vollen Manne gemacht.
Vieles, was er bis dahin und von da an geschrieben hat, erschiene in einer tieferen und interessanteren Bedeutung, die marmornkalte "Iphigenie" beispielsweise als ein Drama der "Geschwisterliebe", und nicht so sehr des Muttermords.
Hier, auf dem ureigenen Gebiet der Psychoanalyse, knüpft Eissler an. Goethe hatte, so meinte auch schon der Freud-Schüler Rank, eine inzestuöse Bindung zu seiner 15 Monate jüngeren Schwester Cornelia, die, unglücklich verheiratet und nach Ansicht ihres Mannes frigide, im Alter von 26 starb.
Von solchen präpubertär geprägten Verhältnissen behauptet die Psychoanalyse, sie erzeugten die Unfähigkeit zur nachpubertären körperlichen Intimität. Goethe hätte demgemäß bis zu seiner Römischen Reise der Schwester "die Treue gehalten", unbewußt, versteht sich, weil ein "Treuebruch" Schuld erzeugt und ihn in seelische Konflikte gestürzt hätte.
Daß zwischen Schwester und Bruder "bekannter- oder unbekannterweise" (heute würden wir sagen "bewußt oder unbewußt") "die sinnlichste Neigung" statthaben könne: Goethe hat es seinem Eckermann anvertraut, auch dies natürlich kein Beweis.
Wie sah diese Schwester, Goethes einziges die Kinderjahre überlebendes Geschwister, aus? Goethe hat sie gezeichnet, nicht eben vorteilhaft, und in "Dichtung und Wahrheit" gibt er uns folgendes Bild: Sie habe vielleicht deutlicher als billig gewußt, "daß sie hinter ihren Gespielinnen an äußerer Schönheit sehr weit zurückstehe": _____" Die Züge ihres Gesichts, weder bedeutend noch schön, " _____" sprachen von einem Wesen, das weder mit sich einig war, " _____" noch werden konnte. Ihre Augen waren nicht die schönsten, " _____" die ich jemals sah, aber die tiefsten, hinter denen man " _____" am meisten erwartete, und, wenn sie irgend eine Neigung, " _____" eine Liebe ausdrückten, einen Glanz hatten ohnegleichen; " _____" und doch war dieser Ausdruck eigentlich nicht zärtlich, " _____" wie der, der aus dem Herzen kommt und zugleich etwas " _____" Sehnsüchtiges und Verlangendes mit sich führt; dieser " _____" Ausdruck kam aus der Seele, er war voll und reich, er " _____" schien nur geben zu wollen, nicht des Empfangens zu " _____" bedürfen. " _____" Was ihr Gesicht aber ganz eigentlich entstellte, so " _____" daß sie manchmal wirklich häßlich aussehen konnte, war " _____" die Mode jener Zeit, welche nicht allein die Stirn " _____" entblößte, sondern auch alles tat, um sie scheinbar oder " _____" wirklich, zufällig oder vorsätzlich zu vergrößern. Da sie " _____" nun die weiblichste reingewölbteste Stirn hatte und dabei " _____" ein Paar starke schwarze Augenbrauen und vorliegende " _____" Augen, so entstand aus diesen " _____" Verhältnissen ein Kontrast, der einen jeden Fremden " _____" für den ersten Augenblick, wo nicht abstieß, doch " _____" wenigstens nicht anzog. "
Und wie sah Cornelia sich selbst? So: "Ich würde alles darum geben, schön zu sein." Da fällt einem denn Goethes Vorliebe für die Nicht-Schönen ein, für die von ihm auch so genannten "Äbtissinnen", die "Über-Ich-Typen", für Frauen, die ihm physisch unerreichbar waren, oder für die Zwei-in-eins-Frauen, die schon durch ihre Zweisamkeit den intimen Verkehr ebenso anheizen wie unmöglich machen.
"Äbtissinnen" waren die Frau von Stein und die Romanfigur Ottilie aus Goethes "Wahlverwandtschaften". Unerreichbar war die "Suleika" Marianne von Willemer, die am "West-östlichen Divan" mitgewoben hat. "Schön" hingegen war die Edel-Schauspielerin Corona Schröter, die seinem Weimarer Herzog, nun nicht wegzunehmen, sondern auszureden Goethe eifrig, wenn auch mit zweifelhaftem Erfolg, bemüht war.
Wie muß das Liebesleben eines Mannes ausgesehen haben, der ganz zum Schluß bekennt, seine einzige Verlobte Lili Schönemann, vor der er 1775 in Panik floh wie später vor Frau von Stein, sie damals 16 Jahre alt und aus feinem, wenn nicht gar feinerem Frankfurter Hause, sei "die letzte gewesen", die er jemals geliebt habe, wo sie die erste im Vollsinne gewiß nicht geworden ist? Wer hat den jungen Goethe so eindringlich gewarnt, diese seine "letzte Liebe" zu "heurathen"? Nun, eben die Schwester Cornelia.
Und war er denn nicht 28 Jahre mit seinem "Betthasen" Christiane Vulpius (der "Vulpia", Vulga, Vulva) herzlich beisammen, zehn Jahre davon im Ehebett? Hat sie ihm nicht fünf Kinder geboren, von denen nur eines überlebte, und hat sie seinen "Herrn Schönfuß" mindestens bis zu beider Hochzeit nicht zu schätzen gewußt?
Jene Frau, die ihren zwei Tage währenden schrecklichen Todeskampf ohne seine tröstende Hand, ohne tröstendes Wort, ja, ohne ein tröstendes Billett bestehen mußte, dieweil der Herr Gemahl leicht verschnupft im Nachbarzimmer lag? Oh, er hat ihr zwei Fanfaren-Zeilen hinterhergeschickt. _____" Der ganze Gewinn meines Lebens Ist, ihren Verlust zu " _____" beweinen. "
Nur schade, sie starb am 6. Juni 1816, fast auf den Tag wie die Schwester Cornelia, 8. Juni 1777, auch sie von dem angebeteten Bruder ungetröstet. Goethe, man weiß es, haßte Beerdigungen. Und gefeiert wurde Christianes Geburtstag willkürlich am Todestag der Schwester.
Ihren, der Cornelia Todestag, hatte Goethe, Eissler meint bewußt oder unterbewußt, stets im Kopf, und so ist denn die Vermutung Eisslers nicht abwegig, er habe mit seinen Trauerversen zwei Personen, und wenn eine, dann nicht die morgens um vier Uhr ohne seine Präsenz zum Friedhof gekarrte Vulpia gemeint. Größe und Elend, wie oft sind sie verschwistert. Man muß nicht gleich den Goethe für einen der unglücklichsten Menschen erklären, die es je gegeben hat, wie es der junge Otto Weininger 1903 kurz vor seinem Selbstmord tat, um ihm jene Probleme, jene Psychopathologie zu konzedieren, die er mit dem türkischen Gastarbeitersohn teilt.
Was Lotte, Friederike, Lili, was die Herzlieb, Marianne und endlich Ulrike anlangt, so hat er sie alle platterdings niemals "besessen", so wenig wie Frau von Stein, das hat Thomas Mann schon 1921 behauptet, man kann ihm da nur zustimmen. Aber bis 1788 gar nichts?
Seine flüchtigen Karlsbader Liebchen später, seine "Äuglichen", wurden nicht bekannt, seine, wie er sie nannte, "Wahlverwandtschaften", sein großes Buch einmal kleinmacherisch verratend.
Er habe, schreibt Thomas Mann, um seiner Freiheit willen oder aus sittlichen Gründen - was ist da Sitte? - in allen ihm wichtigen Fällen zu resignieren gehabt, "meistens floh er" (nicht wie Tolstoi in die Kalmückensteppe, um dort Stutenmilch zu trinken, sondern nach Italien, Jena, Karlsbad). Lili war in der Tat, wie er sagt, "die letzte", die er hätte haben können und wollen. Aber die "Willensfreiheit" ließ der große Naturmensch ohnehin nicht gelten.
Warum dann nun eigentlich über Goethe phantasieren, der nicht auf der Couch, sondern bei den Würmern liegt? Warum nicht dann auch über Bismarck oder Beethoven oder irgendeinen anderen Großen? Da gibt''es Gründe, auch wenn man weder die Freudsche Analyse noch den Meister Goethe schätzen mag, noch die Schülergemeinden dieser beiden.
Goethe war, anders als Bismarck und Beethoven, ein Wortsager, er wurde mit seinem stattlichen Alter der deutsche Dichtertyp schlechthin. Vermutlich gibt es über ihn mehr Aussagen als über irgendeinen anderen Menschen. Er lebte davon, sich im Wort und nicht in Ton und Tat auszudrücken, doppelt interessant da, wo er der große Verhüller war, den Freud auch in ihm sieht.
Wo Bismarck und Beethoven nur träumten, um sich auf die andere Seite zu wälzen, springt Goethe aus dem Bett und benutzt nicht das gewohnte umständliche Tintenwerkzeug, sondern den eigens zurechtgelegten Bleistift, um die Eindrücke des Traums frisch zu Papier zu bringen. Eissler meint denn auch, "daß er Gedichte träumte". Goethe selbst meinte in seinen frühen Mannesjahren, er schaffe nacht- und traumwandlerisch; später, sehr viel später erinnerte er sich, er habe zu anderen Zeiten seine Gedichte auf der Stelle instinktmäßig und traumartig niedergeschrieben: sehr wohl ein Fall für den Autor der "Traumdeutung".
Freud nun wieder hielt es für keinen Zufall, daß Goethe in den "Wahlverwandtschaften" (die der Autor sein bestes Buch genannt hat) "eine Idee aus dem Vorstellungskreis der Chemie auf _(Von Goethe 1773 in den Text seines ) _("Götz" gezeichnet. )
das Liebesleben anwendete", wo dann der Begriff der Analyse nicht fern liegt.
Eissler spricht von dem "Unbewußten" Goethes, das sich mit dem "Unbewußten" der Frau von Stein in Beziehung gesetzt habe, in eine Art chemische Beziehung vielleicht?
Goethe nennt gegenüber Eckermann die "elektrischen und magnetischen Kräfte in uns", er sieht eine "Dämonie des Liebeslebens", womit wohl nur gemeint sein kann, daß der einzelne Partner keine Macht habe. Nun wieder Freud, als er 1930 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhielt, in einer merkwürdig dürren, von der Tochter Anna Freud verlesenen Rede: _____" Von der stärksten Liebesanziehung, die er als reifer " _____" Mann erfuhr, gab er sich Rechenschaft, indem er der " _____" Geliebten zurief: "Ach, du warst in abgelebten Zeiten " _____" meine Schwester oder meine Frau." "
Hier irrte Freud. Goethe war kein reifer Mann, als er die körperlose Geliebte beschwor, am 6. Januar 1776, kurz nach seinem Eintreffen in Weimar, 26 Jahre alt. Wohl aber stimmt, daß er während der zehn Jahre seiner Liebesbeziehungen mit der fast sieben Jahre älteren Frau Charlotte von Stein zum reifen Mann wurde, bis er nach Italien (Eissler erlaubt sich den Ausrutscher "Genitalien") ausbrach. Und was hätte Freud wohl an Goethes ein wenig kokettem Altersbekenntnis auszusetzen: "Mein Werk stammt von einem kollektiven Wesen, das den Namen Goethe trägt."
Goethe wurde in Italien, so schreibt er an Charlotte, "ganz" ("auch der Geringste wenn er ganz ist kann glücklich und in seiner Art vollkommen seyn"). Eissler will diesem Prozeß des "Ganzwerdens", des "Heilwerdens" auf die Spur kommen. Er bevorzugt dabei, so sagt er, eine "Vorgehensweise fast ausschließlich klinischer Art". Jeder kann sich jetzt selbst ein Urteil bilden, ob Freuds Diktum aus dem Jahre 1930, die Psychoanalyse hätte es im Falle Goethe nicht weit gebracht, noch gilt. Weiter kann sie es jedenfalls nicht bringen.
"Darf" man das? Man darf, so man kann. Irgendwelche Prügel muß Eissler wohl doch bezogen haben, obgleich sein Buch sogar im englischen Sprachraum nahezu unbekannt blieb. In dem Vorwort zur deutschen Ausgabe 1982 erinnert er an Freuds Warnung, daß ein Psychoanalytiker, wenn er sein eigentliches Feld verläßt, um die Psychoanalyse auf einem anderen Gebiet anzuwenden, zum Dilettanten wird. Gott sei Dank, diese zwei Wälzer hat ein Dilettant geschrieben. Hier ist ein Steinbruch, wo jeder sich bedienen kann.
Hier wird keine Biographie versucht. Goethes mannigfaltige Erscheinungsformen leuchten wie Licht im Prisma, durch das analytische Instrumentarium gebrochen.
Die Staatsfigur Goethe? Sie kommt immer wieder vor, aber nicht als solche. Ja, die uns nicht zuletzt durch Martin Walser wohlbekannte Gravitätsperson Goethe kommt vor.
Es stimmt, er hat die Rekruten, die das Herzogtum Weimar dem Preußenkönig Friedrich ohne Rechtsgrundlage zu liefern hatte - Weimars reguläre Armee zählte 323 Mann -, als Präsident des "Kriegskollegii" selbst ausgehoben, hat diese "Menschenglauberey", Goethe war gebürtiger Frankfurter, überwacht, derweil an seiner "Iphigenie" geschrieben und den Vorgang der Musterung in einer Zeichnung festgehalten.
Es stimmt, er hat eine Kindsmörderin, die nicht Gretchen hieß, vom Leben zum Tode befördern lassen, obwohl sein Souverän und Freund, der Herzog Karl August, einer Begnadigung zuneigte. Das Schmarotzertum der Adelskaste, von dem er jahrzehntelang lebte, hat er wie andere Schmarotzer unter der Hand kritisiert, nicht fanatisch, wie man zugeben muß, und auch nicht allzu heuchlerisch.
Jener Mann kommt vor, der nach den Napoleonischen Kriegen mit dem Reichsfreiherrn vom und zum Stein in einer Kutsche sitzt, auf dem Wege zu den ihrer Vollendung entgegendämmernden Baustümpfen des Kölner Doms, und über den der Reichsfreiherr zu den übrigen Reisegenossen sagt: _____" Lieben Kinder, still, still, nur nichts Politisches, " _____" das mag er nicht; wir können ihn da freilich nicht loben, " _____" aber er ist doch zu groß. "
Es ist ja niemals, diese Überzeugung äußert er im "Wilhelm Meister", "die Anmaßung der Edelleute und die Nachgiebigkeit der Bürger" schuld. Nein, es ist "die Verfassung der Gesellschaft selbst schuld", hier bleibt er dem 17. Jahrhundert verhaftet, ein Anti-Aufklärer, ein "Strukturalist" von heute. Und einen Menschen mit Brille hätte er schwerlich empfangen, allenfalls einen mit Lorgnon. _(Als man ihm sagte, auch er würde, wie ) _(der alte Bentham, der Rolle eines ) _(Kämpfers gegen Mißbräuche kaum entgangen ) _(sein, wäre er Engländer, entgegnete er, ) _(leicht komisch aufgebracht: "Wofür ) _(halten Sie mich? Ich hätte sollen ) _(Mißbräuchen nachspüren und noch ) _(obendrein sie aufdecken und sie namhaft ) _(machen, ich, der ich in England von ) _(Mißbräuchen würde gelebt haben? In ) _(England geboren, wäre ich ein reicher ) _(Herzog gewesen oder vielmehr ein Bischof ) _(mit jährlichen 30 000 Pfund Sterling ) _(Einkünften." )
Jener Goethe kommt vor, dem die Schweiz, das Reisen in die und in der Schweiz, geradezu ein Synonym ist für, laut Eissler, eigene, wenn auch vermutlich unausgelebte Homosexualität (Freunde Behrisch, Merck, Lavater, Herzog Karl August etc.). Wird''s hier
kitzlig? Nein, nichts da. Der Kießling-Wörner-Ausschuß könnte was lernen, das ist alles.
Der in Italien "ganz" gewordene und aus Italien zurückgekehrte Goethe hat sich dann, meist fein, mal derb, als, nach den Maßstäben von 1968, Pornograph bewährt; aber, wie immer vornehm, alles bei der Durchsicht des Jahres 1824 in den Nachlaß verbannt.
Gegen den Vorwurf, ein Schwuler zu sein, könnte er sich mit dem folgenden Epigramm abgesichert haben: _____" Knaben liebt'' ich wohl auch, doch lieber sind mir die " _____" Mädchen, Hab'' ich als Mädchen sie satt, dient sie als " _____" Knabe mir noch. "
Dem entspricht nicht ganz, daß Goethe sich in einem nachgelassenen Epigramm über das deutsche Wort "Schwanz" beschwert: _____" Gieb mir statt "Der Sch ..." ein ander Wort o Priapus " _____" Denn ich Deutscher bin übel als Dichter geplagt. " _____" Griechisch nennt ich dich phallos, das klänge doch " _____" prächtig den Ohren, Und lateinisch ist auch Mentula " _____" leidlich ein Wort. " _____" Mentula käme von Mens, der Sch ... ist etwas von " _____" hinten, Und nach hinten war mir niemals ein froher Genuß. "
Nein, wir haben, wieder mal, nichts, was wir nach Hause tragen können. Aber wer hätte schon gewußt - Eissler schreibt das gar nicht -, daß Goethe eine ansehnliche Sammlung pornographischer Gemmen besaß? Wer würde ihm die folgenden authentischen Zeilen zuschreiben? _____" Hättest du Mädchen wie deine Kanäle, Venedig und " _____" F(ötzchen) Wie die Gäßchen in dir, wärst du die " _____" herrlichste Stadt. "
Und reichlich derbe treiben sie es im "nachgelassenen", für die Bühne nicht restlos freigegebenen "Faust II" auf dem Blocksberg.
Eissler zeigt uns einen "ganzen" Goethe, der uns Gewöhnliche auch als Pornograph himmelhoch überragt. Viele von Eisslers Schlußfolgerungen scheinen gut begründet, viele schwach, manche gar nicht. Die Unarten der Freudschen Schule finden sich zuhauf.
Es muß einem nicht das Menstruationsblut der Frau ins Subgehirn steigen, wenn man roten Wein trinkt; aber, wie die Religionsgeschichte zeigt, es kann, es kann. Es bedeutet nicht nur, es ist.
Naschen in der Speisekammer bezeugt nicht unbedingt "orale Neugier", ein gutes Essen ist nicht immer gleichbedeutend mit einer "oralen Regression" oder einer "oralen Prahlerei"; aber es gibt dergleichen, man sehe die stärkste, nachhaltigste Szene in dem Film nach Fieldings "Tom Jones". Auch bloßes Zeichnen und Aquarellieren ist laut Eissler "ein Abkömmling oder die Befriedigung eines oralen Wunsches", vielleicht purer Unfug.
Der Psychoanalyse ist mit diesem waghalsigen Buch womöglich kein Dienst geschehen. Sagt Faust über Gretchen _____" Wie sonderbar muß diesen schönen Hals Ein einzig " _____" rothes Schnürchen schmücken, Nicht breiter als ein " _____" Messerrücken! "
so folgert Eissler, das Schnürchen sei "das Symbol der Menstruation" - und hat vielleicht sogar recht.
Auch im "Sommernachtstraum" ersticht sich Pyramus nicht, wie Ovid, Shakespeare, Goethe und wir dachten, weil er irrigerweise annimmt, eine Löwin habe seine geliebte Thisbe gerissen. Nein, er sticht sich tot aus Ekel vor dem Menstruationsblut, das er an Thisbes Schleier zu erblicken meint. Eissler: "Die Furcht und der Ekel des Mannes vor dem Menstruationsblut ist der unbewußte Kern des antiken Mythos." Man lache nicht!
Oder man lache doch? Die Freudianer waren kaum je skrupulös, wenn es galt, Unterbewußtes ans Licht der Sonne zu zerren. Aber sie haben ja nicht nur geschürft, sie haben auch gefunden. Um überhaupt zu finden, mußten sie suchen, unter vielem Schutt gelegentlich pures Gold. Man kann sehr vieles einzelne bezweifeln, aber eines eben doch nicht: Die Menstruation hat in der Männerkultur sehr wohl eine verdrängende und verdrängte Macht.
Will Goethe geadelt werden - und seine Ordenssucht in alle Himmelsrichtungen entbehrt ja nicht der Komik -, so wird Eissler die "infantilen Quellen" _(Gemälde von Angelika Kauffmann, im Bild ) _(links, daneben die Geschwister Riggi, ) _(links von Goethe seine "anmutige ) _(Mailänderin" Maddalena Riggi. )
aufdecken. Aber warum, wozu? Dieser adelssüchtige Geheimrat wollte bei Tische oben sitzen, nicht unten; wenn Affen tafeln könnten, wären sie nicht anders. Das Wort "infantil" hat hier seinen Stellplatz bei Darwin.
Rudert Goethe mit seiner von ihm erst adorierten, dann ruinierten Friederike Brion - die meisten Frauenspersonen seiner Werke werden ruiniert - zu den Rheininseln und beschwert er sich hinterher bei dem Pastor Brion über die Schnaken: Eissler wird den Schluß ziehen, daß der junge Liebhaber in Gegenwart einer Frau die Schöpfung, die Natur nicht genießen könne.
Hilft Goethe, auch dies muß angesichts seines viel gerühmten Egoismus erwähnt werden, über viele Jahre einem Mann, der Krafft genannt wird oder auch heißt, und schreibt er diesem Krafft, er, Goethe, komme sich vor wie einer, der am Ufer steht und einem Ertrinkenden ein Brett zuwirft: Eissler wird eine Geburtssituation phantasieren. Die Freudsche Psychoanalyse erscheint in ihrer ganzen Pracht und Nacht. Aber Eissler dekretiert ja nichts, er bietet an. Wir können uns mit dem Angebot beschäftigen, Gewinn genug, und es dann annehmen oder verwerfen.
Das liest sich dann etwa so: "Ich bin mir darüber klar, daß meine These sehr anfechtbar ist" - "... hoffen, daß eine annähernde Interpretation möglich sein wird" - "Ein weiterer Faktor muß erwähnt werden, wenngleich man an seiner Bedeutung zweifeln kann" - "Immer vorausgesetzt, meine Rekonstruktion ist korrekt" - "Auf die Gefahr hin, daß ich mich lächerlich mache"; oder auch: "Wenn die Behauptung stimmt, daß Karl der Große zu Goethes Vorfahren gehört", da wäre man denn neugierig.
Er besteht nicht darauf, recht zu haben. Er sagt "Spekulation", wenn er spekuliert. Er weist den Leser darauf hin, daß er mit einer Schlußfolgerung möglicherweise zu weit gegangen ist, ganz Liebhaber, ganz Amateur, ganz Dilettant.
Man muß sich auch eingewöhnen. Die Schwester Cornelia ausgenommen, mit der Eisslers These steht und fällt: Haben Vater und Mutter jenen Stellenwert in Goethes Leben, den Eissler in seiner Sucht nach Superlativen ihnen zuweist?
Woher weiß er, daß Frau Aja, die Frau des Kaiserlichen Rates, die den 1742 in Frankfurt gekrönten Übergangskaiser Karl VII. aus dem Hause Wittelsbach liebte und niemanden sonst, "eine der beiden wichtigsten Frauen in Goethes Leben" war? _(Goethes Fähigkeit, unliebsame Tatsachen ) _(zu verschieben, bewußt oder unbewußt, ) _(zeigt sich auch hier. Er findet diese ) _(platonische Liebe seiner Mutter ) _(befremdlich, überschreibt aber seine ) _(sarkastischen Bemerkungen auf die ) _(Schwestern seiner Mutter: diese Tanten, ) _(nicht etwa die Mutter, hatten den Kaiser ) _(geliebt. Und auch diese Bemerkungen läßt ) _(er dann aus der Endfassung von "Dichtung ) _(und Wahrheit" lieber heraus. )
Cornelia, gut, das war nach seiner grundlegenden Theorie die andere wichtige Frau. Und ohne Eltern hat noch niemand das Licht der Welt erblickt, ohne Mutter folglich auch nicht, soviel ist ja richtig. Was aber war mit Goethes Vormünderin Frau von Stein, was mit seiner Frau Christiane Vulpius? Friedenthal, der beste Populärbiograph Goethes, meint etwas säuerlich, Goethe habe seiner Mutter gegenüber, "nachdem er Frankfurt verlassen hatte, eine kaum begreifliche Kühle bewahrt". Dem ist nichts hinzuzufügen.
Goethe hat sich, so Friedenthal, um seine Frankfurter Verwandtschaft "so gut wie gar nicht gekümmert". Wenn nun gegenüber Frau Aja keine Verdrängung im Spiel gewesen ist, gegenüber einer Mutter, der Goethe niemals jene selbständige "Natur" zuerkannt hat, die sie doch war und die ihr innewohnte, dann vielleicht angesichts des Vaters?
Hier gerät Eissler echt in die Klemme, weil Freud dekretiert hat, das "bedeutsamste Ereignis, der einschneidendste Verlust im Leben eines Mannes" sei der Tod des Vaters. Hier wandelt Eissler auf brüchigem Eis, aber er wandelt.
Der Tod des Vaters am 25. Mai 1782 kommt in Goethes Briefen, Gedichten, Tagebüchern und sonstigen Bekundungen schlicht nicht vor zu jener Zeit, als er passierte. Da der Kaiserliche Rat lange Zeit gelähmt war, hat der Sohn, voller ambivalenter Vorbehalte ohnehin, sicher eine narzißtische Kränkung erfahren.
Eissler aber will demonstrieren, daß der Tod den Sohn zu schöpferischem Tun entbunden habe, zur intensiven Arbeit am "Wilhelm Meister", wo die Schwierigkeiten des Sohnes Wilhelm (gleich Goethe) mit seinem Vater zu
Anfang, wenn auch keinesfalls mit Schwerpunkt, abgehandelt werden.
Johann Wolfgang, inzwischen "von" und Wirklicher Geheimer Rat und wichtigster Freund des Herzogs, sieht in Italien Städte, die sein Vater ihm beschrieben, vollzieht Erlebnisse nach, die der andere ihm vorgezeichnet hatte. Er, kurz gesagt, "identifiziert" sich, jedenfalls in der Rückschau. Aber was sagt das?
Da der Vater ihn vor den Fürsten gewarnt hatte, von denen der Sohn doch lebte: Wie sollte Goethe, nach stolzem Muster, den etwas steif-schwächlichen, etwas entadelten Vater nach dessen Tod nicht erhöhen? In "Dichtung und Wahrheit" kommt er gar nicht so gut davon.
Ich kann die Schwächen von Eisslers Argumentation hier nicht ausbreiten, weil er immerfort so sorgfältig näht. Freuds Psychoanalyse arbeitet nun einmal in der Sucht, Erklärungen zu geben, die sie nicht gefunden, sondern gesucht hat.
Daß Goethe schon bei jedem Zungenkuß eine vorzeitige Ejakulation bekommen habe, wird zwar von Eissler sorgfältig erörtert, auch mit Belegen versehen, bringt aber keine nennenswerte Erkenntnis. Zu denken gibt, daß Goethe Sexus und Eros nie zusammengebracht hat, in seinem bürgerlichen Leben auf nennenswerte Dauer jedenfalls nicht.
Man teilt durchaus mit Eissler das Gefühl, Goethe und Christiane hätten jeweils für sich die rechte Wahl getroffen. Eine Lili Schönemann, mit der er sich hätte sehen lassen können, war für ihn nicht im Topf; für ihn, der laut eigenen Scherzen "nie die Sottise begangen haben würde, auf eine Niete zu fallen". Seine Natur - oder wie Eissler postuliert, die Schwester Cornelia - stand dagegen.
Gleichwohl wird man Schillers Außensicht verstehen, der von "elenden häuslichen Verhältnissen" sprach, die zu ändern Goethe zu schwach sei. Jahrelang saß die Demoiselle Vulpius nicht mit zu Tisch. Sie sollte "treu" sein. Goethe aber kam und ging, wie es ihm behagte, "eingedenk des großen Dichterzwecks" (aus der Schule des Schulmeisters Biedermeierlein).
Aber wieder kann Eissler einen Punkt buchen. Goethe hat nämlich 1782 nach dem Tod seines Vaters der gerade irgendwohin abreisenden Charlotte von Stein denselben Vierzeiler geschickt, den er ihr unmittelbar nach dem Tod seiner (ihm inzestuös verbundenen?!) Schwester Cornelia 1777 übermittelt hatte: _____" Von mehr als einer Seite verwaist, Klag'' ich um " _____" deinen Abschied hier. Nicht allein meine Liebe verreist, " _____" Meine Tugend verreist mit dir. "
Man sieht, im Unterbewußtsein, sind dann Schwester und Vater, Frau und Schwester irgendwie austauschbar, wie im Traum. Sogar für seinen Abstieg zu den Müttern, was immer diese dunklen Gestalten bedeuten sollen, bedient sich Faust eines Schlüssels, jenes "kleinen Dings", das "wächst", des "Herrn Schönfuß" eben, laut Christiane, von Goethe "halbfußlang die prächtige Rute" gepriesen.
Eissler zieht den weiter nicht kommentierbaren, den richtigen oder falschen Schluß, ein Großteil von Goethes narzißhaft-homosexuellen Strebungen sei in den Beziehungen zu Charlotte von Stein nach des Vaters Tod zu künstlerischem Schaffen entbunden worden; vielleicht so, vielleicht auch nicht, die Formel liest sich in jedem Fall zu glatt.
Ins Abstruse begibt sich Eissler, allerdings auf den Spuren von Freud und Wilhelm Fließ, wenn er den geheimnisvollen Höhepunkt der Beziehungen zwischen Goethe und Charlotte mathematisch zu ermitteln sucht: Nach 130 Monaten in Weimar floh Goethe. Stracks auf der Hälfte, im 65. Monat, liegt der emotionale Höhepunkt zwischen den beiden.
Das kann man einfacher oder auch gar nicht ausmitteln. Goethe floh, so sagt es uns Eissler, nicht in erster Linie vor Charlotte. Er floh aber doch, so wieder Eissler, "wie der biblische Joseph vor Potiphars Weib".
Uns bleibt genug Leseanstrengung und genug Lesevergnügen. Ich wüßte nicht, wo die Kletten zwischen Frau und Mann subtiler geschildert worden wären als in Eisslers Schilderung der Potiphar-Ehe zwischen Goethe und seiner frigiden, ihm an Lebensklugheit weit überlegenen Charlotte. Dies ist mehr als ein Roman.
Traurig nur das Ergebnis, aus der Sicht des zu den Müttern abgestiegenen Psychoanalytikers: Durch Charlotte hat Goethes Kreativität "zum mindesten keinen Schaden erlitten", durch diese laut Thomas Mann "etwas seraphische Liebschaft", die "zur Sittigung des Titaniden zweifellos das Schönste beitrug". Hier lernt man nun wieder Eisslers Sicht schätzen.
Freuds Sublimierungsidee (die zielgehemmte Liebe ist noch immer die beständigste) erfährt eine tolle Ambivalenz, die man auch nicht widerlegen kann: Nicht anders als wir Landser, wenn wir uns verdrückten, hatte Goethe bei Charlotte eine "schöpferische Pause", so Eissler wörtlich.
Seine Kreativität wurde "eher durch die Verminderung der Konflikte begünstigt als durch ihr Anwachsen" - eine Art Anti-Sublimierung demnach. Und die unbeständige Zeit, beständig mahlend, setzte auch dieser "zielgehemmten Liebe" ein Ende.
Eissler phantasiert viel, aber er bringt auch Beweise. Wer würde wohl auf die Idee kommen, in dem etwas bläßlichsentimentalen Klärchen aus dem "Egmont" eine "Dirne" zu sehen? Nun, der Dichter selbst ist auf die Idee gekommen. Er hat sein Drama am 5. September 1787 in Rom fertiggestellt und schickt es an die Freunde in Weimar.
Charlotte (die ihre Briefe an Goethe ja später zurückverlangt und verbrannt hat, wir kennen sie nicht) muß gegen dies Mädchen, das den Grafen Egmont sinnlich und überirdisch liebt, Einwände
geltend gemacht haben, Klärchen war ein Mädchen aus dem Volk. Goethe antwortet ihr unter dem 3. November 1787: _____" Was Du von Klärchen sagst, verstehe ich nicht ganz " _____" und erwarte Deinen nächsten Brief. Ich sehe wohl, daß Dir " _____" eine Nuance zwischen der Dirne und der Göttin zu fehlen " _____" scheint. "
Das ist der neue Ton, den Charlotte nicht leiden kann, aber erleiden muß. Von der Dirne zur Göttin ist nur ein Schritt, eine Nuance. Lassen wir das ästhetische Problem außer acht, wie muß solch ein Satz die Göttin gekränkt haben. Es geht auch nicht mehr um eine Nuance, sondern am Schluß nur um eine "Zwischennuance", von der er nicht weiß, wo er sie hinsetzen soll. Zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen ist nun kein Schritt mehr, sondern nur noch ein Halbschritt.
Der klassische Biograph wird uns nicht erklären, warum Goethe bis dahin Schwierigkeiten hatte, sein Stück zu endigen, und auf einmal nicht mehr. In Italien wurde er frei, sein Klärchen der Charlotte vor Augen zu bringen und demnächst die ihm noch unbekannte Demoiselle Vulpius zu sich zu nehmen; in den Augen Charlottes gewiß keine Göttin, sondern eine Dirne.
Vorbereitet hat Goethe seine zurückgelassene Freundin, die für Zwischentöne Sinn hatte. Er schreibt ihr unter dem 19. Oktober 1786 aus Bologna: _____" Im Palast (Ranuzzi) hab'' ich eine St. Agatha von " _____" Raffael gefunden, die, wenngleich " _____" nicht ganz wohl erhalten, ein kostbares Bild ist. Er " _____" hat ihr eine gesunde, sichre Jungfräulichkeit gegeben " _____" ohne Reiz, doch ohne Kälte und Roheit. Ich habe sie mir " _____" wohl gemerkt und werde diesem Ideal meine Iphigenie " _____" vorlesen und meine Heldin nichts sagen lassen, was diese " _____" Heilige nicht sagen könnte. "
Charlotte, das Urbild der "Iphigenie", muß sich ihr Teil gedacht haben. Die "sexuelle Störung", an der Goethe laut Eissler litt, scheint um diese Zeit noch nicht beseitigt. Aber Goethe ist auf dem Wege und tut offenbar das Richtige - oder es wird ihm getan? -, sie zu beseitigen.
Bernd Nitzschke meint (in seinem Essay "Goethe ist tot, es lebe die Kultur" aus dem Jahre 1982), Goethe habe sich durch Schreiben der "Iphigenie" einer therapeutischen Katharsis, einer Reinigung, unterzogen. Dies mag rein äußerlich stimmen, man kann die "Iphigenie" als ein Hohelied auf geheiligte Frigidität ansehen. Von ihr strebte Goethe weg, suchte sich von ihr zu befreien, wie er denn auch seinen Entschluß, nach Italien auszubrechen, vor Charlotte geheimhielt.
Er wurde "ganz", indem er die Teilung erkannte, akzeptierte, sich bewußt machte. Er würde eine Frau für den Haushalt und sein Bett haben, samt ein paar Nebenbetthasen, und, je nach seinem poetischen Bedarf, Frauen, die er verehrte, bei denen er sich einbilden konnte, mit ihnen geistig zu kommunizieren. Das große Los? Vielleicht nicht. Aber eine, wenn nicht die einzige Lösung.
Wie war ihm all das möglich? Hier setzt der Psychoanalytiker an. Er sieht in der Frau von Stein einen (unbewußten) Quasi-Analytiker mit therapeutischer Funktion, der die Voraussetzung, sich selbst abzuschaffen, unwillentlich selber bewerkstelligt, so, wie die Psychoanalyse, laut dem Apercu von Karl Kraus, die Krankheit selber ist, die zu heilen sie vorgibt.
Charlotte, soviel dürfen wir sagen, übte bei Goethe psychotherapeutische Funktionen aus. Ohne Zweifel hat es zehn Jahre lang fast ohne Pause das gegeben, was die Psychoanalyse "Übertragung" nennt.
Den Unterschied kennen wir auch: Der Psychoanalytiker, nimmt er seine Arbeit ernst, will sich überflüssig machen. Charlotte wollte das nicht. Über so manche psychoanalytische Behandlung wird man sagen können, wie Eissler über Charlotte, daß Goethe durch sie "zum mindesten keinen Schaden" erlitt.
Seit Goethe in Italien ist, läßt er seinen Herzog an seinen amourösen Abenteuern teilhaben. Der erste Grund dafür ist einfach: Er hatte vorher keine. Der zweite überzeugt aber auch: Der Herzog war ambivalent eifersüchtig auf Goethes Frauen-Freundschaften. Er nannte sogar Charlotte von Stein einmal "kein großes Licht".
Goethe nun wieder könnte dem Höhergestellten dessen erfolgreiche Liebschaften geneidet haben. Zwischen Männern, die Konkurrenten auf mehrerlei Ebenen sind, wird immer ein gewisses Fluidum sein, dem Homoerotisches oder auch Homosexuelles beigemischt ist.
Erst recht auf Christiane reagierte der Herzog säuerlich, nicht weil er sie unbewußt begehrte, sondern weil sie ihm seinen Günstling wegnahm, indem sie ihn gesellschaftlich unmöglich machte.
Ließ Goethe ihn an seinem Liebesleben teilhaben, sei es direkt in seinen Briefen, sei es indirekt in seinen Römischen Elegien und Venezianischen Epigrammen, so besänftigte er ihn zumindest, stellte gleichsam eine geistige "Menage a trois" her. Oh, er war weltläufig. Die Dirne habe er gesucht, dichtet er mit Blick auf Christiane, und das Weib gefunden: _____" Lange sucht'' ich ein Weib mir; ich suchte, da fand " _____" ich nur Dirnen. Endlich erhascht'' ich dich mir, Dirnchen, " _____" da fand ich ein Weib. "
Keine Rede mehr von einer Göttin.
Verhält sich Goethe dem Herzog gegenüber anpassungsfähig und unterwürfig, so hatte er natürlich auch handfeste Gründe. Er brauchte den Herzog, der aber die Jagd und die Kriegspielerei vorzog. Goethe mahnt ihn im Verse ohne Kraft: "Mein Freund, lebe nur, dichte nur fort." Er braucht ihn nicht mehr so sehr als Liebesobjekt, sondern weil er den Weimarer Administrationskram nicht länger fortführen will, bei vollem Lohnausgleich, versteht sich.
Er wußte nun, wo seine Bestimmung lag und daß er kein bildender Künstler war. Dem Herzog teilt er mit, wann er nach einem Kindbett Christianes wieder mit ihr geschlafen hat; er rühmt auch, in seiner panischen Angst vor Geschlechtskrankheiten, "die Vorsicht und Genügsamkeit Ihres Häuslichen Rathes und
Dichters, der selten alleine schläft und dort penem purissimum erhält", den Schwanz absolut sauber. Dergleichen wolle sich "für die Lebensweise eines militärischen politischen Prinzen nicht schicken", oder besser, den Herzog erwischte es manchmal.
Goethe braucht den Fürsten und der seinen großen Dichter. Goethe: _____" Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren, " _____" Neigung, Muße, Vertraun, Felder und Garten und Haus. "
Und lebenslängliches Minister-Gehalt. Wenn Eissler der Ansicht ist, die homosexuelle Emotion habe auf Goethes Seite überwogen, und er habe bis zu seiner italienischen Reise damit zu tun gehabt, homosexuelle Neigungen abzuwehren, so sehe ich in dem von ihm vorgelegten Material keinen hinlänglichen Beweis.
Das "Genietreiben" zu Beginn hat sicher mit sich gebracht, daß etliche Landeskinder dem Herzog ähnlich sahen. Kein Beleg ist hingegen vorhanden dafür, daß der acht Jahre ältere Goethe die ländlichen Mägde mit ihm teilte.
Merkwürdig genug, Goethe teilt seine Eheschließung dem Freund erst dann mit, als er gleichzeitig melden kann, daß die Schauspielerin Karoline Jagemann am 25. Dezember 1806 dem Herzog den Sohn Carl Wolfgang geboren habe, so als wollte er ihn mit der Heirat versöhnen, wo doch andererseits klar war, daß der Herzog seinen Abkömmling nicht ehrlich werde machen können.
Beide waren übrigens angesichts der nach Jena und Auerstedt heranstürmenden Franzosen von ihren Frauen gerettet worden. Goethe im Schlafrock von Christiane, der Herzog von dem würdigen Auftreten der Herzogin, die den wütigen Napoleon besänftigte. Es war, als habe Goethe dem Herzog sagen wollen: "Du hast die Schlacht bei Jena verloren, die mich beinahe das Leben gekostet hätte, wenn Christiane nicht die Schlacht am Frauenplan gewonnen hätte."
Eisslers großartiges Werk ruht gleichwohl auf einem Irrtum, den zu verstecken der Autor sich nicht sonderlich müht. Wo der Analytiker dem lebenden Patienten die unterbewußten Erlebnisse aus dem "Reich der Mütter" heraus an die Oberfläche seines Gedächtnisses holen will, mit einem Schlüssel, jenem "klein Ding", das in Fausts Hand wächst, aus einer Vergangenheit, die, ob man sie nun erwischt oder nicht, als eine noch fortzusetzende vorliegt, muß der Spekulations-Historiker scheitern.
Gesetzt, Goethe wäre nicht auf die Frau von Stein und nicht auf den Herzog von Weimar gestoßen; gesetzt, er wäre, wie er es nennt, ein Mensch ohne "angeborene Verdienste" gewesen: Wer sagt uns, daß seine elementare Natur sich nicht anderer menschlicher Hilfsmittel bedient hätte, um sich kreativ durchzusetzen? So schrammt Eissler manchmal gefährlich am Rande der Komik entlang. Er schreibt etwa: _____" Ich möchte nicht behaupten, es sei unmöglich gewesen, " _____" den zweiten Teil des Faust in Frankfurt zu schreiben, " _____" aber ich denke doch, daß es keinen Zweifel daran gibt, " _____" daß Goethe ihn in Frankfurt nicht hätte schreiben können. "
Hier pfuscht Eissler dem lieben Gott ins Handwerk. Er hegt, so scheint mir, immer noch den Geniebegriff des 19. Jahrhunderts. Der depressive Mensch bringt sich um, der kreative Mensch schreibt den "Werther" und den "Tasso".
Eissler will buchstäblich den Gesetzmäßigkeiten des Genies nachforschen, er droht uns das an. Aber da wird er noch lange suchen müssen. Es tut mir leid, diesen fehlsamen Geniebegriff aus der Freudschen Schule an dem einzigen ins Erwachsenenalter gelangten Goethe-Kind August dartun zu sollen. Geboren wurde dieser Sohn 1789, legitimiert mit elf Jahren, "August von Goethe", schon vor der Eheschließung seiner Eltern 1806.
Schon als Kind trank er Wein, die Frau von Stein nahm sich seiner an. Beide Eltern, selbst starke Trinker, scheinen ihn daran nicht gehindert zu haben. 1813 durfte er sich nicht freiwillig melden, weil der Vater, der den Napoleon als den Vertreter des "Dämonischen" verehrte, ihm dies verbot. 1830 wurde er mit Eckermann nach Italien geschickt, wie zu einem Selbstmord. Eckermann verließ ihn unterwegs, August starb in Rom, und von den Deutsch-Römern wurde er nahe jener Cestius-Pyramide begraben, die Goethe mehrfach gezeichnet hatte. Seine beiden Söhne, Goethes Enkel, wurden 1859 in den Freiherrnstand erhoben, zu dem der Dichter-Großpapa nie aufgestiegen war.
Eissler meint, Goethe habe seinen Sohn mit einer Art unterirdischer Aggression fertiggemacht, habe ihn unterminiert, wie auch Beethoven die Persönlichkeit seines Neffen, ohne das gleiche traurige Ergebnis. Aber, ich übersetze hier aus dem zweiten Band: _____" Hätten wir im Ernst auf die Missa solemnis und die " _____" späten Streichquartette verzichten sollen, nur damit " _____" Beethovens Neffe in den Genuß einer glücklichen Kindheit " _____" und Jugend hätte kommen können? Hätte August von Goethe " _____" siebzig oder achtzig Jahre alt werden und von seinen " _____" Irrungen und Wirrungen ("torments") verschont bleiben " _____" sollen - und "Dichtung und Wahrheit" und "Faust II" wären " _____" ungeschrieben geblieben? "
"The genius therefore cannot be immoral", dekretiert Eissler, der doch auch Arzt ist, ferner Nachhall eines überlebten "The King can do no wrong".
Schon die Fragestellung ist, mit Verlaub, idiotisch. Man muß kein Genie sein, um seine Kinder zu ruinieren, und tut man das, so bedarf es vielleicht gar keiner Entschuldigung, aber bestimmt nicht des Nachweises, man sei doch halt ein Genie.
Es gibt Bücher, die leuchten, obwohl ihre Kernthese farblos bleibt. Eissler hält dafür, daß Goethe durch die zehn Jahre mit Charlotte "vor einer Katastrophe bewahrt (wurde), die seine Kreativität schwer beeinträchtigt hätte". Dies ist ebenso möglich wie unbeweisbar.
Wir verlassen nun unseren "größten Dichter deutscher Zunge" (oh, ihr Superlative!) und unseren Literatur-Analytiker. Leute, hört: Wer einen antiken Steinbruch plündert, hat nicht das zerstückelte Bauwerk im Sinn, sondern den künftigen Zweck des Gesteins. Wenn ihr Zeit und Geld habt und Interesse dazu, dann kauft und lest. Bereichert euch.
Kurt Robert Eissler: "Goethe. Eine psychoanalytische Studie 1775-1786". Stroemfeld/Roter Stern, Basel und Frankfurt am Main; 1983; 792 Seiten; 49 Mark. Von Goethe 1773 in den Text seines "Götz" gezeichnet. Als man ihm sagte, auch er würde, wie der alte Bentham, der Rolle eines Kämpfers gegen Mißbräuche kaum entgangen sein, wäre er Engländer, entgegnete er, leicht komisch aufgebracht: "Wofür halten Sie mich? Ich hätte sollen Mißbräuchen nachspüren und noch obendrein sie aufdecken und sie namhaft machen, ich, der ich in England von Mißbräuchen würde gelebt haben? In England geboren, wäre ich ein reicher Herzog gewesen oder vielmehr ein Bischof mit jährlichen 30 000 Pfund Sterling Einkünften." Gemälde von Angelika Kauffmann, im Bild links, daneben die Geschwister Riggi, links von Goethe seine "anmutige Mailänderin" Maddalena Riggi. Goethes Fähigkeit, unliebsame Tatsachen zu verschieben, bewußt oder unbewußt, zeigt sich auch hier. Er findet diese platonische Liebe seiner Mutter befremdlich, überschreibt aber seine sarkastischen Bemerkungen auf die Schwestern seiner Mutter: diese Tanten, nicht etwa die Mutter, hatten den Kaiser geliebt. Und auch diese Bemerkungen läßt er dann aus der Endfassung von "Dichtung und Wahrheit" lieber heraus.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 18/1984
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