03.12.1984

„Wir haben Abschußbefehl“

U-Boot-Offiziere können einen Nuklearkrieg auslösen / Von Frank Barnaby Frank Barnaby war von 1971 bis 1981 Direktor des Internationalen Friedensforschungsinstituts in Stockholm. *
Eine Supermacht greift die andere aus heiterem Himmel an, und der nukleare Weltkrieg bricht aus - dieses Schreckensbild halten die meisten Strategie-Experten für unwahrscheinlich.
Ein weltweiter Atomkrieg, so ihr Argument, beginne höchstwahrscheinlich aus Versehen - vermutlich während einer schweren internationalen Krise. Und je störanfälliger die physische Kontrolle der Supermächte über ihre eigenen Nuklearwaffensysteme ist, desto wahrscheinlicher wird die Möglichkeit eines ungewollten Nuklearkrieges.
Bei Kernwaffen, die während des Flugs zurückbeordert, entschärft oder aber nur durch einen verschlüsselten Funkbefehl scharf gemacht werden können, scheint die Gefahr geringer, daß sie versehentlich oder gar ohne Befehl eingesetzt werden. Anders sieht die Sache bei solchen nuklearen Waffensystemen aus, die von den nationalen Kommandozentralen relativ unabhängig sind. Das strategische, atomgetriebene U-Boot mit seinen ballistischen Raketen (SLBM) scheint das autonomste System dieser Art.
Was hindert einzelne Besatzungsmitglieder eines strategischen U-Boots, die Raketen ohne Befehl des obersten Befehlshabers abzuschießen? Könnte ein Verrückter, ein Extremist oder ein Unzufriedener, allein oder in einer Verschwörung mit anderen, aus eigenem Antrieb einen nuklearen Holocaust auslösen?
Kapitän James Bush, der vor seiner Pensionierung ein strategisches Atom-U-Boot der U.S. Navy, die "Simon Bolivar" (SSBN 641), befehligte, sagt: "Ein kommandierender Offizier muß vor dem Abschuß seiner Raketen rein bürokratische Hindernisse überwinden. Mechanische Sperren gibt es für seinen Feuerbefehl nicht."
Haben die ballistischen Raketen vom U-Boot erst einmal abgehoben, können sie während des Flugs nicht mehr zerstört und ihre nuklearen Sprengköpfe nicht mehr entschärft werden.
Das offizielle Abschußverfahren wird im Ernstfall mit einem Befehl des nationalen Oberkommandos eröffnet: "Schießt eure Raketen ab." Der Befehl ist an ein Codewort geknüpft. Es wird dem diensthabenden Funker übermittelt, der allein in einem streng abgeschirmten Raum sitzt. Dieser Funker - und das ist wichtig - registriert als einziger Mann den Eingang des Befehls. Er nimmt mit dem Offizier vom Dienst Verbindung auf und meldet ihm: "Wir haben einen Abschußbefehl."
Dann werden zwei Offiziere in den Funkraum geschickt, die den Empfang der Abschußmeldung kontrollieren und das Codewort überprüfen müssen. Das offizielle Verfahren erfordert nicht, daß der Kapitän sich selbst in den Funkraum begibt, um die Abschußmeldung zu kontrollieren. Die meisten U-Boot-Kommandanten jedoch, glaubt Kapitän Bush, würden sich selbst vor Ort vergewissern.
Jeder der beiden Offiziere hat zu einem eigenen Safe Zugang, in dem Codebücher aufbewahrt werden. Das Codewort, mit dem die Richtigkeit des Befehls überprüft wird, ändert sich mit jeder Tageszeit und an jedem Tag des Jahres.
Haben die beiden Offiziere dem Kommandanten gemeldet, daß sie den Feuerbefehl geprüft haben und für gültig halten, beginnt das Verfahren für den Abschuß.
Der Kapitän unterrichtet die Besatzung über die Bordsprechanlage, daß sie sich im Krieg befänden und daß die
Raketen gestartet werden müßten. Der Raketenoffizier im Kontrollraum "dreht" dann, so erläutert Kapitän Bush, einen "Schlüssel" (praktisch schließt er einen Schalter), um sicherzustellen, daß die Waffen abschußbereit sind. Drei weitere Offiziere bedienen ebenfalls Schlüssel, wenn sie bereit sind, die Raketen abzufeuern: der Abschußoffizier im Abschußkontrollzentrum, der Navigator im Navigationskontrollzentrum und der stellvertretende Kommandant.
Diese Arbeitsgänge der vier Offiziere sind lediglich Signale, die bestätigen, daß die Raketen scharf sind. Die eigentliche Entscheidung liegt nun beim Kapitän. Er ist es, der den letzten Schlüssel dreht, und die Raketen werden auf den Weg zu ihren Zielen geschickt. Der Schlüssel des Kapitäns ist allerdings kein simples Instrument wie die anderen drei, sondern ein besonders geformtes Stück Metall, das in einen Schlitz geschoben und gedreht werden muß.
Im Ernstfall wären die Folgen furchtbar.
Ein einziges strategisches Atom-U-Boot der U.S. Navy führt etwa 160 Atomsprengköpfe mit sich - genug, um jede sowjetische Stadt mit mehr als 200 000 Einwohnern zu zerstören. Natürlich könnte ein sowjetisches strategisches Atom-U-Boot den Vereingten Staaten ähnlichen Schaden zufügen.
Die Raketen könnten also offensichtlich auch ohne Ermächtigung abgeschossen werden, wenn der Funker, die beiden Kontrolloffiziere und der Kapitän sich einig wären. Vielleicht würde es auch schon genügen, wenn nur zwei Leute, der Kapitän und der Funker, konspirierten.
Der Funker könnte dem Offizier vom Dienst zum Beispiel (wahrheitswidrig) mitteilen, daß ein Befehl zum Raketenabschuß eingegangen sei. Der Kapitän könnte dann die beiden Kontrolloffiziere auf ihrem Weg in den Funkraum abfangen und ihnen erklären, er habe den Abschußbefehl soeben überprüft, sie brauchten sich also nicht mehr zu bemühen.
Würden die beiden Offiziere ihrem Kapitän nicht widersprechen (und viele Offiziere wollen das nicht), könnte der Vorgesetzte das Abschußverfahren der Raketen einleiten, ohne irgend jemanden hinzuzuziehen.
Theoretisch besteht sogar die Chance, daß der Funker es im Alleingang schaffen könnte. Er müßte den Kapitän überzeugen, daß er über Funk gehört habe, der Nuklearkrieg sei ausgebrochen, die Vereinigten Staaten seien mit Kernwaffen angegriffen und die nationalen Kommandozentralen zerstört worden, bevor sie dem U-Boot einen Abschußbefehl übermitteln konnten.
Wenn der Kapitän dieses Märchen glaubt, könnte er durchaus entscheiden, seine Raketen freizugeben. Immerhin ist es die erklärte Aufgabe seines Schiffs, zum Vergeltungsschlag gegen die Sowjet-Union auszuholen, falls die Sowjets einen Erstschlag gegen die Vereinigten Staaten führten.
Der Alleingang des Funkers jedoch ist nicht sehr wahrscheinlich. Viel größer scheint die Möglichkeit, daß Funker und Kapitän, miteinander verschworen, ihrer Besatzung das Märchen aufbinden, die Vereinigten Staaten seien in einem sowjetischen Nuklearangriff verglüht, und es läge nun an ihnen, zurückzuschlagen.
Dieses Szenario, so Kapitän Bush, sei am glaubwürdigsten - zumal in Zeiten einer schweren internationalen Krise.
Die Kernwaffen-Mächte unterhalten etwa 100 strategische Atom-U-Boote. Im Schnitt sind jeweils ungefähr 40 dieser U-Boote auf See. Daß sich ein Funker und ein Kapitän auf einem dieser Schiffe verabreden könnten, um eine Katastrophe heraufzubeschwören, die in dem Ruin der ganzen nördlichen Hemisphäre endet - das ist ein aberwitziges Risiko.
Es könnte sehr wohl vermieden werden. Wenn die U-Boot-gestützten ballistischen Raketen wirklich jene Zweitschlag-Waffen sind, als die sie immer ausgegeben werden, wird es niemals notwendig werden, sie in großer Hast abzufeuern. Die Wahrscheinlichkeit, daß alle strategischen Atom-U-Boote lange Zeit, selbst nach einem Nuklearangriff auf die Heimat, ohne Verbindung sind, ist sehr gering.
Der gesunde Menschenverstand gebietet daher, daß es unmöglich gemacht werden sollte, eine U-Boot-Interkontinentalrakete abzuschießen, ohne daß von einer Befehlsstelle außerhalb des U-Boots ein verschlüsseltes Signal direkt an die Rakete gefunkt wird. Wenn das nicht geschieht, werden sich über kurz oder lang ein Funker und ein Kapitän zusammentun - und der Alptraum von Kapitän Bush wird Wirklichkeit.
Von Frank Barnaby

DER SPIEGEL 49/1984
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