30.07.1984

Bayrische Hintertür

Der Bayerische Rundfunk will sich am ARD-Einkauf bei Hollywoods MGM nicht beteiligen und selbst europäische Filme erwerben. Neues ARD-Entree für Filmkaufmann Kirch? *
Es war das größte Geschäft in der Geschichte des ARD-Fernsehens.
Für 80 Millionen Dollar hatten die TV-Deutschen bei der Hollywood-Company MGM 1350 Kinofilme - darunter dreizehn Bond-Thriller -, diverse Fernsehserien und Cartoons gekauft. Der gigantische Deal "mit Filmen von morgen zu Preisen von heute" (WDR-Intendant von Sell) soll langfristig die Versorgung der ARD mit attraktiven Spielfilmen sichern. Acht Anstalten hatten dem Handel zügig zugestimmt, nur der Bayerische Rundfunk zierte sich.
Ein halbes Jahr lang lag der Vertrag zur Prüfung im Münchner Sender. Kein schlechtes Geschäft, meinte der BR-Intendant Reinhold Vöth, allerdings fehle dem nunmehr US-gesättigten Filmfundus der Anstalten doch eine ausgeprägt "deutsche und europäische Komponente". Und um dieses zerrüttete "Mischungsverhältnis" wieder ins Lot zu bringen, hat sich der Sender zu einem seiner gefürchteten Soli entschlossen. Der BR beteiligt sich nicht am Kauf des MGM-Kraftpakets und erwirbt statt dessen - gemäß seinem 17-Prozent-Anteil am ARD-Gemeinschaftsprogramm - 310 Filme aus europäischer Produktion. Die bayrischen Ankäufe werden ebenso bundesweit ausgestrahlt wie der MGM-Bond. Knapp 14 Millionen Dollar, die Münchens Eurozentriker anteilig an MGM hätten zahlen müssen, werden nun auf die anderen Anstalten umgeschichtet. Widerspruchslos haben Vöths Kollegen den Alleingang akzeptiert.
Ein Fall von modischem Anti-Amerikanismus? Die Bayern, ausgerechnet, Verräter am atlantischen Geist? Unbehagen jedenfalls empfindet Wilhelm Fritz, Vorsitzender des BR-Rundfunkrats und enger Strauß-Freund, angesichts der "Überlagerung des deutschen Fernsehprogramms durch amerikanische Filme". Da, sagt er, "muß eine Grenze gesetzt werden". Und es hat Fritz samt der CSU-Fraktion im Rundfunkrat richtig glücklich gemacht, daß "Vöth in den Vertrag nicht eingestiegen ist", zumal die Konditionen noch lukrativer ausgefallen wären, hätten "reinrassige Profis" mit den Amerikanern gefeilscht.
Die getadelte Verhandlungskommission, fünf ARD-Hierarchen, war allerdings mit den besten Wünschen des damaligen ARD-Vorsitzenden Vöth nach Los Angeles geschickt worden. Und diese Herren hatten, clever genug, immerhin einen Geschäftsmann ausgebootet, ohne den das deutsche Fernsehen wohl nur den "Blauen Bock", Sand- und Mainzelmännchen zeigen könnte - den sagenumwobenen Münchner Filmkaufmann Leo Kirch, der das MGM-Lager - als Zwischenhändler - gern selbst an die ARD verkauft hätte.
Für den mächtigen Kirch, der unlängst 750 Filme ans ZDF veräußert hat, war das eine demütigende Schlappe. Aber womöglich sind jetzt die Bayern netter zu ihm. Denn dringlich stellt sich nun die Frage, woher der BR seine 310 hochwertigen europäischen Komponenten beziehen soll. Da liegt noch vieles im dunkeln, _("Man lebt nur zweimal". )
Vöth möchte noch "kein öffentliches Bekenntnis" zu seinen Lieferanten abgeben, aber sicher ist wohl, daß auch Kirch-Kreise von der Beschaffungsaktion profitieren werden. "Selbstverständlich", sagt Vöth, seien die Kirch-Firmen Beta/Taurus "eine Programmquelle, an der man nicht vorbeigehen kann". Kommt der Münchner Grossist also, durch die bayrische Hintertür, wieder auf den ARD-Hof?
Spötter in den Anstalten machen darüber seit langem wirklich dreiste Witze. "Paßt mal auf", hieß es, "die Bayern machen bei MGM nicht mit und kaufen selbst bei Kirch." Ernsthaft aber hatte kaum jemand damit gerechnet, daß TV-München tatsächlich ausschert.
Nun geht anstaltsweit die Furcht um, Kirch könne aus seinen "ganz erheblichen Vorräten" dem BR eben jene "Ladenhüter" andrehen, die ihm das ZDF nicht abnehmen wollte. Doch wird darüber die ARD-Einkaufsgesellschaft Degeto mitbefinden, die jeden Vorschlag "meiner Filmredaktion" (Vöth) genehmigen muß. "Große Dissonanzen", meint Vöth, "wird es nicht geben."
Notorische Schwarzseher, wie der für seine bösen Ahnungen bekannte Münchner SPD-Rundfunkrat Jürgen Böddrich, sehen in der Extratour sogar eine christlich-soziale Verschwörung gegen die Öffentlich-Rechtlichen, "die sollen kaputtgemacht werden und nicht mehr konkurrenzfähig mit den Privaten sein". Der CSU, sagt der Ratsherr, sei das "MGM-Paket außerdem ein Dorn im Auge, weil ihr Spezi Kirch ausgeschaltet wurde".
In der nächsten Sitzung des Gremiums will Böddrich den Intendanten bohrend fragen, "was in ihn gefahren ist und ob er sich dem Druck der CSU beugen mußte".
"Man lebt nur zweimal".

DER SPIEGEL 31/1984
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