10.09.1984

ARZNEIMITTELTherapeutischer Unsinn

Eine geheime Bonner Studie weist nach: Rentnern werden nicht nur zu viele, sondern auch zu teure und obendrein oft noch gefährliche Medikamente verschrieben. *
Den nächsten Verwandten war bekannt, daß die alte Dame seit Jahren fast wöchentlich zum Arzt ging. Als sie 83jährig starb, erstaunte der Nachlaß dennoch: Pillenschachteln und Tropfenflaschen füllten einen 120-Liter-Mülleimer. Arzt- und Apothekenrechnungen der privatversicherten Rentnerin wiesen aus, daß sie im Schnitt pro Monat 1800 Mark für Doktor und Medikamente ausgegeben hatte.
Die Statistiken der Krankenkassen zeigen, daß nicht nur privatversicherte Alte ärztliche Versorgung im Übermaß bekommen. Auch bei der Mehrheit der über zehn Millionen Rentner in den gesetzlichen Krankenversicherungen sind die Nachtschränkchen wohlgefüllt mit Produkten der Pharmaindustrie.
Über sieben Milliarden Mark jährlich geben die Kassen für Arznei-, Heil- und Hilfsmittel der Rentner aus. Ein Fünftel aller Versicherten verbraucht damit über die Hälfte der gesamten Arzneimittelausgaben. Diesen Umsatz ermöglichten die Ärzte, so die Zahlen von 1981, mit 166 Millionen Rezepten, auf denen 359 Millionen Verordnungen verzeichnet waren - rund 35 pro Rentner.
Ältere Menschen sind anfälliger, benötigen Arzt und Medikament mehr als junge, lautet eine beliebte Erklärung. Was tatsächlich hinter der Medikamentenschwemme steckt, enthüllen Pharmakologen und Mediziner in einem vertraulichen Bericht für den Bonner Arbeitsminister Norbert Blüm: Deutschlands Ärzte verschreiben ihren alten Patienten zu viel, sie verabreichen Wirkungsloses oder gar Schädliches, sie greifen meist - von intensiver Werbung der Pharmaindustrie beeinflußt - zu den teuren Packungen.
Von den rund 3,5 Milliarden Mark, die für die 50 meistverbrauchten Arzneimittel bei den Rentnern ausgegeben werden, so rechnete Peter Schönhöfer vom Berliner Institut für Arzneimittel des Bundesgesundheitsamtes aus, könnte mehr als die Hälfte - rund 1,8 Milliarden Mark - eingespart werden, wenn statt teurer Medikamente gleichwertige preiswerte Produkte verschrieben und auf wirkungslose Pillen verzichtet würde.
So kann es der Gießener Pharmakologe und Mitautor Ernst Richard Habermann "kaum verstehen", warum die Kollegen einen Tranquilizer wie Lexotanil für 10,45 Mark pro 20 Tabletten verordnen (mit 109 Millionen Mark Umsatz der Spitzenreiter dieser Therapiegruppe), während das wirkungsgleiche Diazepam der Firma Ratiopharm für 1,90 Mark erst auf Platz 40 der Verordnungsliste folgt.
"Für das Gesamtbild", zog Habermann Bilanz, "ist ''erschütternd'' der treffende Ausdruck." Den Kollegen in der Praxis bescheinigte er "erhebliche Sorglosigkeit in finanziellen Angelegenheiten" und "Kritiklosigkeit", was die Wirkung der von ihnen verschriebenen Medikamente angeht.
Ein besonders drastisches Beispiel sorgloser Verschreibungspraxis liefern deutsche Ärzte, wenn Alte mit dem Beschwer zu ihnen kommen, ihr Kopf arbeite nicht mehr so wie einst. Dann verordnet der Doktor ein Mittel, das die Hirndurchblutung fördern soll.
Für rund 800 Millionen Mark verbrauchten Rentner im Untersuchungsjahr 1981 durchblutungsfördernde Mittel. Die Spitzenreiter: Trental (118 Millionen) und Dusodril (76 Millionen). Rund 13,5 Millionen Verordnungen schrieben die Mediziner nur für diesen Bereich, zehn Prozent der Alten schlucken täglich durchblutungsfördernde Mittel.
Nur, da sind sich alle Gutachter einig: "Bei dieser Arzneimittelgruppe ist ein Nutzen für den Patienten bisher nicht nachweisbar" (Schönhöfer). In den seltensten Fällen sei Mangeldurchblutung die Ursache für Funktionsstörungen des Hirns im Alter. Habermann sagt es noch deutlicher: In Anbetracht des sehr geringen Nutzens seien die Ausgaben für diese Mittel "nicht vertretbar". Das viele Geld sollte besser "für die Sozialisation der Alten" verwendet werden.
Durchblutungsfördernde Mittel sind eine Pharmaspezialität der Deutschen. In den USA, in Großbritannien oder Schweden befindet sich die Mehrheit dieser Medikamente gar nicht auf dem Markt. Schönhöfer vermutet denn auch, daß hier ein besonders drastisches Beispiel der Beeinflussung von Ärzten durch "Meinungsbildner" vorliegt, die "häufig über Forschungsaufträge und Weiterbildungsveranstaltungen der Industrie finanziert werden".
"In erheblichem Maße irrational überladen" nennt Eberhard Hackenthal vom Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg einen weiteren Medikamentenrenner für Rentner: die Schmerz- und Rheumamittel. Nicht nur, daß auch hier durch wirtschaftliche Auswahl die Ausgaben von rund 750 Millionen Mark im Jahr mehr als halbiert werden könnten, die meisten Schmerzmittel sind obendrein noch problematisch.
Von den 276 in der sogenannten Roten Liste der Medikamente aufgeführten Analgetika firmieren 249 als Kombipräparate, das heißt, der schmerzstillende Wirkstoff wird nur mit Beigabe verkauft. Diese Mischungen haben, so der Pharmakologe Hackenthal, nicht nur keinen therapeutischen Vorteil, sie sind "schlichtweg als gefährlich oder unsinnig anzusehen".
Hackenthal begründet seine Vorwürfe: Barbiturate etwa, die 54 Schmerzmitteln untergemengt werden, führen leicht zur Abhängigkeit - ebenso wie der Zusatz Phenacetin, der "eine zentral euphorisierende Eigenschaft" (Hackenthal) hat. Immerhin enthalten unter den neun meistverkauften Mischpräparaten zur Schmerzbekämpfung vier diesen Stoff, der in anderen Industrieländern gar nicht verkauft werden darf: _(In der Hamburger Sammelstelle für ) _(unbrauchbare Medikamente. )
Phenacetin, das in 30 Prozent aller von deutschen Ärzten für Alte verschriebenen schmerzstillenden Präparate enthalten ist, greift die Nieren an und erzeugt wahrscheinlich Krebs. 3000 der 15 000 Deutschen, die sich einer ständigen Dialyse unterziehen müssen, so Schönhöfer, sind wegen der Einnahme schmerzstillender, phenacetinhaltiger Mittel an den Apparat gekommen.
Der Mißbrauch solcher Stoffe, die - völlig unnötig - den Rentnern in Massen verabreicht werden, habe wahrscheinlich eine "weit größere Bedeutung als der Mißbrauch von Heroin, Morphium und anderen Opioiden", so Hackenthal.
Als "groben Unfug" bezeichnet es sein Kollege Klaus Dietrich Bock, Nierenspezialist an der Medizinischen Klinik und Poliklinik Essen, wenn den Analgetika auch noch Vitamine beigemischt werden. Dazu gehören solche Bestseller wie Dolo-Neurobion (1,8 Millionen Verordnungen pro Jahr), "denen kaum ein Ischiaspatient entgeht" (Bock).
Die Aufsichtsbehörden, die für die Zulassung solcher Medikamente verantwortlich sind, kümmert das alles, so klagen die Gutachter, nicht. Sie haben gerade in jüngster Zeit Nachschub genehmigt, etwa mit Vivimed oder Vivipur.
Fast schon unbedeutend erscheint da der Hinweis, daß dieser "therapeutische Unsinn" (Schönhöfer) auch noch unsinnig teuer ist. Allein bei den 15 am häufigsten verordneten Schmerzmitteln (das Spitzentrio: Gelonida, Novalgin und Spasmo-Cibalgin) ließen sich die Gesamtkosten von 200 Millionen auf 60 Millionen Mark pro Jahr verringern, wenn therapeutisch gleichwertige andere Medikamente verschrieben würden.
Bei Rentnern besonders beliebt sind natürlich auch Herzmittel - Kardiaka, Antiarrhythmika, Koronarmittel. Für über eine Milliarde Mark verschreiben Ärzte den Alten solche Medikamente, leider, wie die Gutachter fanden, häufig auch unwirksame.
Von den 20 im Jahre 1981 am häufigsten verabreichten Medikamenten, urteilt Hasso Scholz von der Abteilung Allgemeine Pharmakologie des Hamburger Universitätskrankenhauses Eppendorf, ist der therapeutische Nutzen nur bei sieben gegeben: Digimerck, Novodigal, Lanitop, Lanicor, Digotab, Digacin und Talusin.
Daß die verschreibenden Ärzte zumindest in diesem Fall eine Ahnung davon haben, was hilft und was nicht, belegt Scholz mit dem Hinweis auf eine erstaunliche Verschreibungspraxis. Die Mediziner verordnen jene Herzmittel, deren Wirkung am meisten bezweifelt wird (Trommcardin sowie sechs Präparate mit Pflanzenauszügen) vornehmlich jüngeren Patienten, bei denen ein behandlungsbedürftiges Herzleiden noch nicht vorliegt.
Diese "kleine Herztherapie", so Scholz, werde vermutlich in der Annahme betrieben, "daß sie den Patienten möglicherweise zwar nicht hilft, aber wenigstens auch nicht schadet".
Bei den Rentnern ist der Doktor nicht so pingelig. Von 1000 Alten nehmen täglich 300 Kardiaka, 15mal mehr als in der Bevölkerungsgruppe unter 60. Da nicht davon auszugehen sei, so Schönhöfer, daß 30 Prozent der Bevölkerung über 60 an manifester Herzinsuffizienz leiden (Schätzungen rechnen mit fünf bis zehn Prozent), liege hier ein eindeutiger Fall von "Fehlgebrauch" vor.
Wenn alle verschriebenen Herzmittel, rechnet Pharmakologe Habermann vor, tatsächlich geschluckt werden, dann kämpfen über zweieinhalb Millionen Rentner ständig gegen chronische Herzmuskelschäden. Habermann: "Grotesk überzogen." Andererseits stellt gerade die Behandlung mit unwirksamen Mitteln - die rund 25 Prozent der Verordnungen und der Tagesdosen ausmachen - bei echten Herzkrankheiten eine besondere Gefahr dar: Ein Infarkt kann die Folge sein. Zum Schutze der Patienten fordert Schönhöfer deshalb, die Arzneimittel mit zweifelhafter Wirkung _(Zweifelhaft wirksame Koronarmittel: ) _(Segontin, Ildamen Sensit, Persantin, ) _(Intensain; zweifelhaft wirksame ) _(Kardiaka: Miroton, Crataegutt, Diacard, ) _(Korodin, Adenylocrat, Trommcardin, ) _(Orthangin. )
zumindest auf diesem Therapiegebiet aus dem Verkehr zu ziehen.
Über eine halbe Milliarde Mark kostet die Krankenkassen jährlich die medikamentöse Behandlung zuckerkranker Rentner. Wohl auf keinem Markt dominiert ein Medikament wie hier: Euglucon von den Firmen Boehringer Mannheim und Hoechst schafft allein einen Umsatz von über 300 Millionen Mark. Bei 213 Millionen Tagesdosen dieses Mittels, so errechnete Gutachter Habermann, stehen täglich 524 000 Versicherte unter Euglucon.
Die Krankenkassenstatistiken zeigen, daß zusammen mit den anderen Antidiabetika (zweiter Platz: Glutril mit 27 Millionen Mark Umsatz) die verschriebenen Mengen ausreichen, um fast jeden Alten mit erhöhten Zuckerwerten mit oralen Medikamenten zu versorgen.
Nach Ansicht der Deutschen Diabetes-Gesellschaft sollte aber nur ein Drittel orale Antidiabetika schlucken. Die führende Rolle von Euglucon im Vergleich zu den Insulinen beweist für Habermann, "daß der deutsche Arzt sich nicht sonderlich um die Empfehlungen der Deutschen Diabetes-Gesellschaft kümmert".
Der Verdienst der Pharmaindustrie an Euglucon jedenfalls stimmt: Das gleichwertige Ersatzpräparat Duraglucon 5 mg würde die Kassen statt 304 nur 130 Millionen Mark im Jahr kosten.
Besonders gut verdienen läßt sich auch an Beruhigungs- und Schlafpillen, die für Rentner pro Jahr im Wert von über 450 Millionen Mark abgerechnet werden. Alternativen würden, so rechnete Schönhöfer aus, nur 220 Millionen Mark kosten. Allein die beiden Marktführer, Adumbran und Lexotanil, bringen bei 11,7 Millionen Verordnungen pro Jahr 210 Millionen Mark in die Kassen der Industrie.
Das Geschäft mit der Schlaflosigkeit der Rentner geht gut - zu gut, meinen die Pharmakologen. Immerhin werden 13 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre täglich mit Pillen in den Schlaf befördert, eine "extrem hohe Belastung" (Schönhöfer). Denn auch diese Mittel sind nicht problemlos: Die schlaferzeugende Wirkung der Benzodiazepine und barbiturathaltigen Mittel nimmt schnell ab. Statt dessen werden die Alten abhängig von den Hypnotika - mit entsprechenden Schäden für die geistige und körperliche Beweglichkeit.
Zuviel, zu teuer, falsch bis gefährlich - das Urteil der Experten über die Verschreibepraxis deutscher Ärzte für zehn Millionen Rentner ist vernichtend. Wie,
so wollte der Bonner Auftraggeber auch noch wissen, könnte die Leistung der Ärzte verbessert und ihre Medikation verbilligt werden?
Das Arzneimittelgesetz, urteilt Bock, müsse endlich derart verschärft werden, daß Medikamente mit zweifelhafter Wirkung gar nicht erst auf den Markt kommen. Die zahlreichen unwirksamen oder unzweckmäßigen Präparate müßten vom Markt verschwinden.
Um den Ärzten den Weg durch den Pillendschungel mit über 60 000 Präparaten zu erleichtern, möchte der Essener Professor den Kollegen Hilfe an die Hand geben. Für die großen Volkskrankheiten wie zum Beispiel Rheumatismus, Diabetes oder Arteriosklerose sollten die zuständigen Fachgesellschaften "Behandlungsempfehlungen in stark vereinfachter Form herausgeben, die von jedem praktischen Arzt verstanden werden". Es gehe nicht länger an, daß für den Arzt der Pharmareferent der Industrie die "überwiegende Informationsquelle" (Hackenthal) bleibt, wenn es um Tausende von Medikamenten und Milliarden an Kassenbeiträgen geht.
Die Vorschläge der Professoren laufen letztlich auf eines hinaus: die Medikamentenschwemme der Industrie muß kanalisiert werden. Marktwirtschaft und freier Marktzugang dürfen auf dem Markt der Gesundheit nicht gelten.
Was die Ärzte anstellen, läßt man sie mit den Pharmaverkäufern der Industrie und der vielbeschworenen Therapiefreiheit allein, das zeigt nach Ansicht der Gutachter die Stopfmethode, nach der deutsche Rentner mit Medikamenten versorgt werden.
Pharmakologe Habermann sollte im Bonner Auftrag die Liste der 100 führenden Arzneimittel durchsehen. Nach der Hälfte verließ den Professor die Lust. Präparate auf Platz 51 bis 100, "welche ich wegen unzureichender Wirksamkeit oder besonderer Risiken als verzichtbar betrachte", schrieb er, habe er mit einem Häkchen gekennzeichnet.
Habermanns Zusatz: "Beachte, daß es sich dabei um die Hälfte der Präparate handelt."
[Grafiktext]
DER PILLENBERG Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherungen für Arzneimittel pro Versicherten in Mark Krankenversicherung der Rentner Allgemeine Krankenversicherung
[GrafiktextEnde]
In der Hamburger Sammelstelle für unbrauchbare Medikamente. Zweifelhaft wirksame Koronarmittel: Segontin, Ildamen Sensit, Persantin, Intensain; zweifelhaft wirksame Kardiaka: Miroton, Crataegutt, Diacard, Korodin, Adenylocrat, Trommcardin, Orthangin.

DER SPIEGEL 37/1984
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