30.01.1984

FILMWie im Leben

„Auf Liebe und Tod.“ Spielfilm von Francois Truffaut. Frankreich 1983; 111 Minuten; Schwarzweiß. *
Eine Frau und ein Mann steigen auf einen nächtlichen Hügel bei ihrer Heimatstadt. Obwohl der Mann unter Mordverdacht steht und die Frau alle Hände voll zu tun hat, ihn vor der Polizei zu verstecken, stehen sie da in der nächtlichen Idylle, blicken hinab und preisen gerührt, den Blick ins geliebte Tal gerichtet, ihre Heimat.
Die zeigt der Film gleich darauf, und was man sieht, ist ein ödes Planquadrat, von Straßenlaternen beleuchtet: Los Angeles könnte bei Nacht so aussehen, aber auch jede x-beliebige Neubauwüste von Marseille bis Kiel.
Die Szene, ebenso rührend wie albern, verrät Truffauts Programm für seinen neuen Film: Er ist, wie schon "Die Frau nebenan", eine Eloge auf das kleinkarierte Leben in der Provinz; und er ist eine Parodie auf die Filme der "Schwarzen Serie" und deren Sujet vom unschuldigen Hauptverdächtigen und der treu ihm durch dick und dünn folgenden Frau, die er erst übersieht, dann verabscheut und schließlich heiratet.
Truffaut hat seinen Film daher in anachronistischem Schwarzweiß gedreht, und die Geschichte ist so hanebüchen
und so außer Atem erzählt, daß die Leichen nur so aus ihr hervorpurzeln.
Der Held geht zur Entenjagd - und, bums, schon liegt der Galan seiner Ehefrau tot am Boden. Der Ehemann der Untreuen wird verdächtigt, patsch, schon ist sie tot. Einer zwielichtigen Filmtheaterkassiererin steckt ein Messer im Rücken, als hätte sie im schönsten Hitchcock gelebt, der Mörder schließlich richtet sich am Ende selbst, und das in dunkler Nacht in einer hell erleuchteten Telephonzelle. Nur Kino ist schöner!
So rasant die Handlung, so provinziell die Besetzung. Der Held betreibt ein Maklerbüro im Souterrain, die Heldin glänzt in ihrer Freizeit in Laientheateraufführungen (man spielt Victor Hugo), die Eifersucht kreist um ein blondes Gift, die keine großen Seitensprünge machen kann: Auch da tut''s ein Provinzhotel, durch das Provinz-Privatdetektive tapsen.
Und erst die Polizei. Wenn der Kommissar sich beim Verhör zwischendurch routiniert die Hände waschen will, wie es seine großen Kollegen im amerikanischen Kino cool tun, dann platzt die Wasserleitung - unfreiwillige Komik lauert überall.
Für Cineasten ist das ein Film voller Anspielungen, ein Büchmann geradezu, gespickt mit Zitaten aus Hitchcock, Hawks, Capra und - Truffaut. Da behauptet der Mann, sich hoffnungslos nur in Blondinen verlieben zu können (er wird von dem angeknitterten Jean-Louis Trintignant gespielt), und erliegt doch der bedingungs- und erbarmungslosen Zuneigung seiner schwarzhaarigen Sekretärin und Retterin (Fanny Ardant).
In Wahrheit, ob blond, ob braun, guckt der Beinfetischist, der er wie sein Regisseur Truffaut ist, aus seinem Kellerbüro nur nach hochhackigen Frauenbeinen - und das durch eine Milchglasscheibe. Wer will, kann auch darin ein Zitat sehen: Truffaut, der sich selbst zitiert, seinen "Mann, der die Frauen liebte".
So ist der Film schnell, lieb, liebevoll, spöttisch und witzig - vielleicht auch ein bißchen niedlich und ein wenig nichtig. Einer, der Blondinen bevorzugt, heiratet eine Schwarzhaarige. In Schwarz-Weiß. Ein vermeintlicher Mörder ist unschuldig, sein Freund und Helfer ein Mörder. Hitchcock in der Provinz. Parodiert Truffaut das Leben oder doch nur das Kino?
Hellmuth Karasek _(Fanny Ardant und Jean-Louis Trintignant. )
Fanny Ardant und Jean-Louis Trintignant.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 5/1984
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