10.09.1984

MAROKKOLiebes Volk

Die Idee zur „Union“ mit Gaddafis Libyen kam von König Hassan II. Er hofft, den für ihn ruinösen Krieg um die Westsahara beenden zu können. *
Die Emissäre aus Libyen, die im Sommerpalast von Casablanca dem König Hassan II. von Marokko gegenübersaßen, vernahmen Ungeahntes.
Eben hatten sie die Routineklage ihres Herrn Muammar el-Gaddafi über die ständig größer werdende Uneinigkeit der Araber vorgetragen, da kam dem König, offenbar "ganz spontan", die Idee: "Fangen wir doch mit der Einheit an."
Einen Monat später erfuhr die Welt, daß beide Länder - die westlich orientierte,
bettelarme, konservative Monarchie Marokko und das antiwestliche, ölreiche, revolutionssüchtige Libyen - sich in einer "Arabisch-Afrikanischen Union" miteinander vereint hätten.
Nicht nur er, sondern auch Gaddafi, so berichtete König Hassan im marokkanischen Fernsehen seinem "lieben Volk", sei "vor Glück und Aufregung" ganz ergriffen gewesen. Kein Wunder: Bis vor kurzem noch waren beide Herrscher unter allen miteinander verfeindeten arabischen Brüdern die verbissensten Gegner. Und das Gebiet des neuen Staatenbundes ist durch 2000 Kilometer Algerien getrennt - ihre "Union" schien eine arabische Fantasia sondergleichen.
So widernatürlich der Bund zwischen den Ex-Erzfeinden Gaddafi und Hassan auch ist, er erregte in West und Ost, am meisten aber im arabischen Lager selbst, Verwirrung: Man hatte wohl dem unruhigen Revolutionsprediger Gaddafi, nicht aber dem konservativen Autokraten Hassan eine solche Idee zugetraut.
Dabei lag der Schachzug für Hassan nahe: Er hofft, sich dadurch aus innenpolitischer Not wie außenpolitischer Isolierung zu befreien.
Erleichtert konnte er feststellen, daß das "Herz seines Volkes und sein eigenes unisono schlagen", so Innenminister Driss Basri: Mit Ostblock-Einmütigkeit hatten 99,97 Prozent der Marokkaner per Volksabstimmung ja gesagt zu der seltsamen Union mit Libyen.
Ähnlich wie vor neun Jahren beim "grünen Marsch" in die Westsahara - 350 000 Marokkaner hatten damals die ehemalige spanische Kolonie durch Fußmarsch friedlich besetzt - war die Bevölkerung auch diesmal in einen nationalen Begeisterungstaumel verfallen.
Unter ihrer "Union" mit Gaddafi können sich die armen Marokkaner bislang nur eins vorstellen: Teilhabe am Wohlstand des Ölstaates Libyen. Viele von ihnen waren vor neun Jahren mit auf den "grünen Marsch" gezogen. Doch die Hoffnung, durch diese nationale Tat auch Brot und Arbeit zu finden, trog.
Der nach der Rückgewinnung der Sahara für Marokko erhoffte Wirtschaftsaufschwung blieb bislang aus. 1975 noch hatten königliche Planer euphorisch errechnet, daß die menschenleere, aber rohstoffreiche Wüste dank der dort lagernden Phosphatvorräte jedem Marokkaner monatlich bald 1000 Dirham (320 Mark) einbringen können.
Das Gegenteil trat ein: Seit neun Jahren wendet das Königreich ein Drittel seines Staatshaushaltes allein zur Verteidigung der Wüste gegen die von Algerien und Libyen unterstützte Befreiungsbewegung Frente Polisario auf. Wegen des Krieges konnten die Phosphatvorräte von Bu-Kraa bislang nur sporadisch abgebaut werden.
Eine Bevölkerungsexplosion wie kaum sonstwo auf der Welt - in zehn Jahren stieg die Zahl der Marokkaner von 16 auf 22 Millionen - und eine drei Jahre lange Dürre ruinierten Marokkos Wirtschaft vollends. 9,4 Millionen Marokkaner erreichen nach einer Studie der Weltbank nicht einmal das Überlebens-Minimum, das für Marokko auf täglich 1,14 Mark pro Familie festgesetzt ist.
40 Prozent der Marokkaner sind arbeitslos. Da fiel es den Politikern des Königs leicht, den Menschen während der Kampagne für das Referendum zu erläutern: "Die brauchen jetzt Arbeitskräfte in Libyen." Die ersten 15 000 Gastarbeiter sollen schon in den nächsten Wochen abreisen.
20 Prozent der Marokkaner leben in Slums, die meisten rings um die Industriestadt Casablanca. Inzwischen aber drängen sich die Wellblechbuden sogar schon bis dicht an den königlichen Golfplatz in Rabat, der laut Prospekt "der erregendste Golf-Platz der Welt" ist.
Der Anblick dieser Armen muß den Monarchen dann wohl mal gestört haben. Denn in einem Ausbruch von Selbstkritik klagte Hassan öffentlich, in keinem Land der Welt sei die soziale Ungerechtigkeit so groß wie in Marocko, und nur noch die Finanzhilfe reicher Freunde wie Saudi-Arabien und der USA könne Katastrophen verhindern.
Gegen spontanen Sozialprotest weiß sich die Regierung nur noch mit Hilfe der Armee zu wehren. Die schießt dann auf hungrige Demonstranten, wie 1981 in Casablanca oder im Januar 1984 in Nador.
Die Union mit Libyen hat den Hungernden neue Hoffnung gegeben, und Hassan II. ist wieder der Größte. Auf Volksfesten wird seine Weisheit gefeiert - wegen der Dürrekatastrophe meist ohne das übliche Hammel-Opfer.
Seit die Marokkaner Gaddafi auf ihrer Seite wissen, ist auch die Hoffnung auf Frieden im ruinösen Krieg um die Sahara gewachsen. Bislang nämlich war Gaddafi der Einpeitscher der Polisario-Guerilla gegen Marokko und ihr Waffenlieferant. Nunmehr mit Marokko verbündet, ermahnt der wetterwendische Gaddafi seine früheren Schützlinge an die arabische Einheit: nicht gegen Hassan marschieren, sondern mit ihm gegen das ferne Israel.
Gaddafi hat seinen Abfall von der Polisario noch nicht öffentlich erklärt. Klar aber ist, daß ihm andere Rebellen längst wichtiger geworden sind: die seines Günstlings Gukuni Weddei im Tschad, die mit seiner Hilfe die derzeitige Tschad-Regierung bekämpfen.
Was Hassan die Polisario, ist Gaddafi der Tschad. Der Marokkaner, der in Afrika schon öfters die Rolle der Feuerwehr des Westens spielte, weigerte sich diesmal, dem Wunsch Frankreichs und der USA zu folgen und Truppen zur Stützung der Tschad-Regierung gegen Gaddafis Rebellen zu schicken.
Umgehend bedankte sich Gaddafi, indem er der Polisario seine Unterstützung entzog - auf einem so klaren Interessenausgleich hat noch niemals eine Staatenfusion unter Arabern basiert.
Unruhe und Hektik an der Peripherie waren die Folge. Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterrand maß der veränderten Situation in Nordafrika so große Bedeutung bei, daß er seinen Außenminister Cheysson nach Algerien und Tunesien, seinen Verteidigungsminister Hernu in den Tschad entsandte, wo Frankreich 3300 Soldaten stationiert hat, um Gaddafi Paroli zu bieten. Mitterrand selbst wurde zweimal in aller Heimlichkeit bei König Hassan vorstellig.
Und Frankreichs Alliierte fanden noch keine Antwort auf die Frage, ob nur der bisherige West-Freund Hassan Einfluß
auf Gaddafi ausüben und ihn, etwa in der Tschad-Frage, mäßigen werde oder ob umgekehrt Gaddafi den bislang maßvollen Hassan zu einer schärferen Außenpolitik, etwa im Nahostkonflikt, überreden könne.
Diese Frage stellt man sich vor allem in Washington, wo zumal Artikel 12 des Unionsvertrages für Aufregung sorgte: Käme es beispielsweise zu einem bewaffneten Konflikt zwischen den USA und Libyen, wie er bei dem Flugzeug-Zwischenfall 1981 über der Großen Syrte drohte, müßte sich das von den USA bislang so gehätschelte Marokko ebenfalls von Washington angegriffen fühlen.
Und bei einem etwaigen neuen Krieg im Nahen Osten hat Washington bislang voll auf das Militärabkommen mit Marokko von 1960 gesetzt. Danach dürfen US-Truppen jederzeit auf jeder marockanischen Basis landen.
Daß durch die Staatenunion im Maghreb trotz aller Unberechenbarkeit Gaddafis ein neuer Machtschwerpunkt entstehen könnte, alarmierte sogar das ferne Syrien. Dessen Präsident Assad, der sein eigenes Land für die Führungsmacht Arabiens hält, flog, obschon erst vor kurzem von schwerer Krankheit genesen, nach Algier und sagte den Polisario-Rebellen vorsorglich an Libyens Stelle Unterstützung und Waffen zu.
Algerien, Marokkos traditioneller Konkurrent um die Vormachtstellung im Maghreb, zeigte sich über den spektakulären Pakt besonders entsetzt - vor allem über den Anspruch Marokkos und Libyens, mit ihrer "Union" den ersten Schritt zu einem "großen Maghreb" getan zu haben.
Denn zuvor schon hatten Algerien, Tunesien und Mauretanien ein Kooperationsabkommen mit demselben Ziel unterzeichnet. Statt Einheit droht nun erst einmal die Spaltung des Maghreb in zwei Lager - und wieder einmal ist Gaddafi dabei.
Vieles deutet darauf hin, daß Algerien und Syrien die Polisario-Rebellen jetzt neu ausrüsten werden, um Marokko, das sich in der annektierten West-Sahara inzwischen durch drei gewaltige Erd- und Steinwälle erfolgreich gegen die von Mauretanien aus operierenden Guerrilleros wehrt, nicht zur Ruhe kommen zu lassen.
Marokko aber glaubt im Jubel über die Vereinigung mit dem mächtigen Gaddafi vorerst an Frieden - und geht wählen: König Hassan hat die seit 1981 wegen dem Sahara-Krieg immer wieder verschobenen Parlamentswahlen auf kommenden Freitag angesetzt und versprochen, persönlich zu garantieren, daß sie nicht gefälscht würden.
Das Versprechen war wohl nötig: Dank massivster, kaum verhüllter Fälschungen waren bei den letzten Wahlen 1977 die Anhänger des Königs glänzende Sieger geworden.
[Grafiktext]
MAROKKO TUNESIEN ALGERIEN Westsahara LIBYEN MAURE-TANIEN MALI NIGER TSCHAD 1000 km
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 37/1984
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