10.09.1984

„So weit die Armeen kommen ...“

Wie Osteuropa nach Jalta kommunistisch wurde (III) / Von SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz *
König Michael I. von Rumänien aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen, ein hochgewachsener, etwas fülliger Jüngling von knapp 23 Jahren mit einem offenen Gesicht, spielte am 23. August 1944 eine Rolle, die ihm keiner zugetraut hatte: die eines gefährlichen Verschwörers wie in einem Shakespeare-Drama.
In seiner "Casa Noua", einer weißen Stuckvilla auf dem Gelände des Königspalastes von Bukarest, hatte der junge Monarch eine Falle für den mächtigsten Mann im Staate vorbereitet: Rumäniens selbsternannten faschistischen Führer Marschall Ion Antonescu, der das Land drei Jahre zuvor an Hitlers Seite in den Krieg mit Rußland gezogen hatte, den "Conducatorul" (ein Titel, den heute der Kommunist Ceausescu führt).
Nun, da der Krieg fast verloren schien und elf sowjetische Armeen die Grenzen Rumäniens erreicht hatten, wollte der König in letzter Stunde sein Land retten - und dazu mußte er erst einmal den allmächtigen Diktator und besonderen Günstling Hitlers loswerden.
In den Räumen neben seinem Empfangszimmer hatte er Offiziere und Vertraute postiert, die geladene Revolver in den Taschen trugen. Auf dem Gang wartete ein Hauptmann der Palastwache mit drei Unteroffizieren.
Michael hatte den Marschall Antonescu und dessen Namensvetter und Vertrauten, Außenminister Michael Antonescu, für 16 Uhr zu einer Erörterung der bedrohlichen Kriegslage bestellt.
Der Außenminister erschien beflissen eine Viertelstunde vor dem Termin. Da der Marschall selbst immer eine Show daraus machte, zu königlichen Audienzen zu spät zu kommen, um zu zeigen, wer der wahre Herr im Lande sei, mußte der König den "kleinen Antonescu" fast eine halbe Stunde lang mühsam mit Salongeplauder unterhalten.
Endlich trat auch der große Antonescu ein. "Ich habe von dem Durchbruch an der russischen Front gehört", begann der König, "ich würde gern wissen, was Sie vorschlagen, nun zu tun."
Antonescu behauptete, von einem Durchbruch nichts zu wissen. Es habe einen russischen Vorstoß gegeben, gewiß, aber den werde man bremsen. Die Karpatenfestung könnten die Sowjets "niemals überwinden".
Der König zeigte sich unbeeindruckt. Er verlangte einen Waffenstillstand - was Antonescu ablehnte. Darauf Michael: "Wenn Sie das nicht wollen, wäre es das beste für Sie, zurückzutreten!"
Da ging es mit dem Marschall durch: "Ich werde nicht zurücktreten! Wer könnte denn wohl Antonescus Platz einnehmen? Denken Sie, ich würde das Land in Ihre Hände legen - die eines Kindes?"
Michael schwieg einige Augenblicke lang. Dann verließ er den Raum: "Es ist heiß, ich brauche ein Glas Wasser."
Draußen wandte er sich an die Wartenden: "Da müssen wir jetzt durch!"
Als er den Raum wieder betrat, forderte er den Marschall auf, seine Entscheidung zu überdenken. Der antwortete, da gebe es nichts zu überdenken. Michael: "Dann bleibt nur eine Lösung." Er gab einen Wink, worauf der Garde-Hauptmann eintrat.
"Sie stehen unter Arrest", teilte der Offizier dem bis zu dieser Minute allmächtigen Führer Rumäniens mit und faßte an seine Pistolentasche. Er hatte Befehl, sofort zu schießen, falls der Marschall Widerstand leistete.
Doch der hatte keine Pistole mitgebracht. "Der Marschall Antonescu trägt niemals eine Waffe bei sich", brüllte er, als ihn ein Wachsoldat abtastete. "Seine Autorität beruht nicht auf einem Revolver!"
Dann spuckte er aus und sagte: "Das werdet ihr bereuen, ihr alle! Morgen früh werdet ihr alle erschossen!"
Die beiden Antonescus - dem kleinen hatte es die Sprache verschlagen - wurden in einen Raum im Oberstock eingesperrt, in dem Michaels Vater, der zurückgetretene König Carol II., seine kostbare Briefmarkensammlung aufzubewahren pflegte. Der Marschall und sein Außenminister wurden am 1. Juni 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet.
Palastwachen nahmen Antonescus Begleiter und seine Leibwache fest, die im Hof im und um einen gepanzerten Mercedes gewartet hatten, der ein persönliches Geschenk Hitlers an seinen rumänischen Vasallen war. "Dabei ging es zu wie in einem Gangsterfilm", erzählte ein Augenzeuge später.
Doch mitten in die Beratung über eine neue Regierung unter Führung des Hofmarschalls General Constatin Sanatescu _(1941 an der russischen Front am Pruth. )
platzte der deutsche Botschafter, Baron Manfred von Killinger.
Hitlers Mann in Bukarest war ein ehemaliger SA-Führer, der bei der Röhm-Affäre nur knapp der Hinrichtung entgangen war. In Bukarest hatte der Baron einen Namen als Saufbold, Weiberheld und Gold-Liebhaber. Er kaufte im Auftrag des Reiches alle erreichbaren Goldmünzen zusammen und zweigte seinen persönlichen Zehnt davon ab.
Um Politik kümmerte er sich kaum. Oft trieb er sich wochenlang auf Bärenjagd in den Karpaten herum. Über Berliner Mißtrauen gegen die Verläßlichkeit des rumänischen Verbündeten pflegte er zu lachen. Noch am 10. August, zwei Wochen vor dem Coup des Königs, hatte er telegraphiert: "Lage völlig sicher. König Michael Garant des Bündnisses mit Deutschland."
Berlin glaubte Killinger: Erst am 5. August hatte der "Eiserne Marschall" Antonescu seinen großen Gönner Hitler in der "Wolfsschanze" besucht und versichert, Rumäniens Armee und Bevölkerung stünden fest hinter ihm: "Kein einziger Offizier oder Soldat wird jemals von mir abfallen."
Als Killinger am Abend dieses 23. August von Antonescus Verhaftung erfuhr, hielt er das denn auch für "Quatsch". Als der König ihm dann mitteilte, daß Antonescu "zurückgetreten" sei, fuhr Killinger die Majestät an: "Sie spielen ein gefährliches Spiel. Ohne unsere Hilfe werden die Russen Ihr Land in ein paar Tagen überrennen!"
Michael: "Das ist ab jetzt unsere Angelegenheit. Als Hohenzoller bedaure ich die Entwicklung der Dinge, muß Sie aber bitten, die Situation zu akzeptieren und die Reichsregierung zu veranlassen, die deutschen Truppen unverzüglich aus Rumänien abzuziehen, um der bisherigen Waffenbrüderschaft der beiden Armeen das Ärgste zu ersparen."
Wortlos stürmte Killinger davon. Er suchte in Rumänien stationierte deutsche Truppen für einen Gegenschlag zu organisieren. Hatte doch der "Deutsche General des rumänischen Erdölgebietes", General Gerstenberg, erst wenige Wochen zuvor geprahlt, im Falle von Unruhen "genügt eine einzige deutsche Flakbatterie, um jeden Putsch in Bukarest niederzuschlagen".
Auch ein vom Abfall Rumäniens aufs äußerste erregter Adolf Hitler befahl, "diese Verräterclique sofort zu beseitigen und eine neue Regierung einzusetzen". Der König sollte gefangengenommen, sein Hofstaat erschossen werden.
Der Befehl konnte jedoch nicht durchgeführt werden. Flak-Einheiten, die versuchten, Bukarest zu besetzen, wurden von der hauptstädtischen Garnison unter General Teodorescu mit Hilfe eilends gegründeter "patriotischer Garden" zurückgeschlagen. So reichte es nur noch zur Rache: Vom nahen Luftwaffenstützpunkt Baneasa stiegen Stukas auf und bombardierten Bukarest. _(Botschafter von Killinger erschoß seine ) _(Sekretärin und Geliebte Hella Petersen ) _(und sich selbst nach dem Einzug der ) _(Russen in Bukarest vor einem ) _(lebensgroßen Hitlerbild in der ) _(Botschaft. )
Doch dies empörte nur die Bevölkerung gegen die bisherigen Waffenbrüder und gab Michael den Vorwand, Deutschland den Krieg zu erklären.
Die Folgen waren, wie der Schweizer Historiker Peter Gosztony in seinem Buch "Endkampf an der Donau" schildert, für die deutsche Kriegsführung katastrophal. Die Front brach, da die Rumänen auf Befehl des Königs den Kampf gegen die Rote Armee einstellten, auf Hunderten Kilometer Breite völlig zusammen. Ungehindert strömten die sowjetischen Armeen durch die von den Rumänen gerissene Lücke und zerschlugen binnen vier Tagen die gesamte, 21 Divisionen starke deutsche Heeresgruppe Südukraine. Von den mehr als 600 000 deutschen Soldaten entkamen nur einige zehntausend dem rumänischen Desaster. Die 6. Armee wurde zum zweiten Male nach Stalingrad völlig aufgerieben.
Noch mehr: Der Frontwechsel Rumäniens bescherte dem Sowjet-Marschall Malinowski und Armeegeneral Tolbuchin zusätzlich zu ihrer Million Rotarmisten noch eine halbe Million Soldaten - 28 rumänische Divisionen, die aufgrund des drei Wochen später in Moskau geschlossenen Waffenstillstandsvertrages dem früheren Todfeind als neuer Verbündeter dienten.
Beim letzten Sturm auf Hitler-Deutschland war die rumänische Armee, die vorher mit der Wehrmacht bis Stalingrad marschiert war, nach Russen, Amerikanern und Briten die viertgrößte Streitmacht. Sie rollte nun auf seiten der Sowjets tausend Kilometer weit nach Westen - bis Ungarn, in die Tschechoslowakei und nach Österreich. Obzwar von den Russen als feige und unzuverlässig verspottet, verlor sie 169 000 Mann an Toten und Verwundeten. 300 000 Rumänen erhielten sowjetische Auszeichnungen.
Rumäniens Abfall führte zum Zusammenbruch der deutschen Balkan-Front. Die Wehrmacht mußte, um nicht abgeschnitten zu werden, Griechenland, Albanien und große Teile Jugoslawiens überstürzt räumen. Nie hatte sie durch ein einziges Ereignis in so kurzer Zeit so viele Soldaten und so große Gebiete verloren wie durch die Kehrtwende König Michaels.
Der Königs-Coup hatte aber noch viel weiterreichende politische Folgen. Der
britische Historiker Hugh Seton-Watson in seinem Standardwerk "Die osteuropäische Revolution":
"Rumäniens Frontwechsel entschied, zusammen mit der Teheraner Vereinbarung der Westalliierten, keine eigene Balkanfront zu eröffnen, das Schicksal Ostmitteleuropas, ebnete den Weg zur sowjetischen Vorherrschaft in diesem Raum, ermöglichte dort die neue kommunistische Ordnung."
Das freilich wußten weder der König noch seine Vertrauten in jenen schicksalhaften Augusttagen, aber auch nicht die Westalliierten, vielleicht noch nicht einmal so genau die großen Sieger des Bukarester Dramas, die Russen.
Die taten freilich alles, um die für sie so günstige Wendung auf dem Balkan rasch zu nutzen. Um Rumänien und seinen südlichen Nachbarn Bulgarien begann ein dramatisches weltpolitisches Ringen, dessen Ausgang, obwohl es noch Jahre dauerte und noch brisante Höhepunkte lieferte, schon in den ersten Wochen entschieden wurde.
Wieder einmal hatten die Briten den Russen kräftig geholfen. Churchill war im Frühjahr 1944 durch Erfolge der kommunistischen Partisanen in Griechenland nervös geworden. Für ihn schien es eine "entscheidende realpolitische Frage", ob "wir die Kommunisierung des Balkans hinnehmen wollen".
Er wollte allenfalls teilen. Dabei sollten, wie sein Außenminister Eden dem sowjetischen Botschafter Gussew vorschlug, Rumänien sowjetische, Griechenland hingegen britische "Operationszone" werden. Als Zugabe winkte er noch mit Bulgarien für die Russen. Dafür sollte Jugoslawien - was zeigte, wie wenig er mit den Realitäten vertraut war - an die Briten fallen.
Den Sowjets gefiel das Angebot. Es schlug ihnen zwei Länder zu, an denen sie größtes, schon vor dem Krieg bekundetes Interesse hatten, in denen sie zu jener Zeit aber noch über keinerlei konkreten Einfluß verfügten. Doch Moskau wollte, daß die Amerikaner dem Deal zustimmen sollten. Die zierten sich, wie sich Churchill beklagte: "Außenminister Hull machte jede Anregung nervös, die den Anschein erweckte, als wolle man sich mit Interessensphären abfinden oder gar solche errichten."
Der Brite ließ aber nicht locker. Er schlug vor, die Abmachung sollte zunächst für drei Monate gelten, dann könne man ja weitersehen. Dem mochten sich die USA nicht mehr widersetzen. Am 19. Juni 1944 teilte die britische Regierung Moskau mit, sie sei einverstanden mit einer "generellen Teilung der Verantwortung für die begrenzte Zeit von drei Monaten".
Daraus wurden dann, wie der rumänische Diplomat Alexander Cretzianu bitter anmerkte, "die längsten drei Monate, welche die Geschichte je zu Protokoll gegeben hat". Sie dauern bis heute.
Nur kurze Zeit konnten Rumänien und die westlichen Alliierten glauben, was sie damals noch glauben wollten: daß die Sowjet-Union "nicht das Ziel verfolgt, sich irgendeinen Teil rumänischen Territoriums anzueignen oder die bestehende Gesellschaftsordnung Rumäniens zu ändern", wie der sowjetische Außenminister Molotow beteuerte, der dafür von Briten, Amerikanern und den Betroffenen laut gepriesen wurde.
Kurze Zeit hielten die Russen politisch tatsächlich still. Sie begnügten sich in der neuen, befreundeten rumänischen Regierung mit einem einzigen Kabinettsmitglied: Der Kommunist Lucretiu Patrascanu wurde zusammen mit den Führern dreier anderer Oppositionsparteien Staatsminister. Denn bevor sie ihre Macht im besetzten Rumänien festigen konnten, wollten die Sowjets noch den nächsten, von Churchill dargereichten Happen schlucken: Bulgarien.
Am 2. September 1944, neun Tage nach dem Frontwechsel Rumäniens, erreichten drei sowjetische Armeen der 3. Ukrainischen Front die Grenze des Königreichs Bulgarien. Grund für einen Einmarsch in Bulgarien gab es nicht.
Denn die Bulgaren gehörten zwar Hitlers Achse an, befanden sich aber nur mit den Westalliierten in theoretischem Kriegszustand. Eine Teilnahme am Rußlandfeldzug hatten die russophilen Bulgaren trotz Hitlers ständigem Drängen strikt abgelehnt. Zar Boris III. zu Hitler: "Das bulgarische Volk wird niemals gegen Rußland kämpfen, dem es seine Befreiung vom türkischen Joch verdankt."
Doch hatten sich die Bulgaren mit Hitlers Hilfe noch reichlicher als die Rumänen auf Kosten der Nachbarn bedient: Die Rumänen holten sich im Rußlandfeldzug an der Seite Hitlers die Nordbukowina sowie Bessarabien "zurück", die sie zunächst aufgrund der Hitler-Stalin-Abmachungen 1939 verloren hatten, und besetzten dabei gleich noch ein Stück ukrainischer Schwarzmeerküste mit Odessa.
Bulgarien rundete sein Gebiet durch die rumänische Süddobrudscha, das jugoslawische Westmazedonien und die griechischen Provinzen Ostmazedonien und Westthrazien ab. Endlich hatte sich damit der Traum vom "Großbulgarien" erfüllt, das von der Donau bis zum Mittelmeer und vom Ochridsee bis zum Schwarzen Meer reichte.
Am 15. August 1943 besprach Hitler mit dem auf den Obersalzberg zitierten Zar Boris III. die Kriegslage und teilte Bulgarien neue Aufgaben auf dem Balkan zu. Der König - der als Sproß des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha fließend Deutsch sprach - lehnte weitere Verpflichtungen ab. Zwei Wochen nach seiner Rückkehr starb Zar Boris III. an einer bis heute nicht aufgeklärten Krankheit.
Da sein Sohn Simeon damals erst sechs Jahre alt war, trat ein Regentschaftsrat unter dem Boris-Bruder Kirill die Thronfolge an.
Fortan mühten sich die Bulgaren ebenso wie die Rumänen, mit den Alliierten zu einer Abmachung zu gelangen, die es ihnen erlaubte, sich vom Kriegsverlierer Deutschland abzusetzen. Beider Bemühungen wurden von der Sowjet-Union sabotiert, die ihre westlichen Alliierten darauf verpflichtet hatte, daß nur die Großen Drei gemeinsam, nicht aber einzelne Alliierte auf Friedensfühler von Feind-Staaten eingehen sollten; _(2. v. l.: Außenminister Antonescu. )
also hatten die Alliierten rumänische Abgesandte so lange hingehalten, bis König Michael in letzter Minute seinen verzweifelten Frontwechsel wagte.
Deshalb blieben auch diverse bulgarische Angebote unbeantwortet. Als nun die Rote Armee jäh an der Grenze auftauchte, bildeten die Bulgaren eilig eine neue Regierung unter dem linksgerichteten Politiker Konstantin Murawieff, die nach rumänischem Vorbild beschloß, dem bisherigen Verbündeten Deutschland den Krieg zu erklären.
In der Regierung saß jedoch ein Vertrauter Moskaus, der Kriegsminister Iwan Marinoff. Und der sabotierte diese Absicht. Er behauptete, die Armee brauche mindestens fünf Tage, um sich umzugruppieren und auf die neue Lage einzustellen. Also erklärte Bulgarien erst einmal nur seine Neutralität und brach am 5. September seine Beziehungen zu Deutschland ab.
Dies sah jedoch wiederum die Sowjet-Union, wie ihr Geschäftsträger dem bulgarischen Außenminister am 5. September erklärte, als "unzureichend" an. Sie brach nun ihrerseits die Beziehungen zu Sofia ab - und erklärte am Nachmittag des gleichen Tages Bulgarien den Krieg.
Die bulgarische Regierung war völlig verwirrt. Sie begriff nicht, warum Moskau, das zu der früheren, mit Hitler verbündeten Regierung diplomatische Beziehungen pflegte, dem armen Bulgarien nun, da es sich doch von Deutschland gelöst hatte, den Krieg erklärte.
Überstürzt erklärte Sofia doch noch am 8. September Deutschland den Krieg - und so war Bulgarien einen Tag lang in der absurden Situation, gleichzeitig mit beiden kriegführenden Seiten im Kriegszustand zu sein.
Das alles half nichts mehr. In wenigen Tagen besetzten die Russen das Land, ohne irgendwo auf Widerstand zu stoßen. Die Regierung Murawieff ersuchte um Waffenstillstand in einem Krieg, in dem nie geschossen worden war, und trat am 9. September zurück.
Die Macht in Sofia riß eine Clique von Offizieren an sich, die dem Geheimbund "Sweno" (Glied einer Kette) angehörten. Es war eine Sekte von Berufsputschisten aus Offiziers- und Intellektuellenkreisen, die sich in den 30er Jahren in gemeinsamem Haß auf die Monarchie zusammengefunden hatte und nach der Macht im Staate gierte.
Dieses Putschistenbundes bedienten sich die Kommunisten, die allein viel zu schwach waren, um die Macht zu übernehmen. Immerhin verfügten sie über einen sowjetisch kontrollierten Partisanensender, der zum Umsturz aufrief. Vor allem aber konnten sie mit Unterstützung der Roten Armee rechnen.
Die KP schloß sich mit den Sweno-Bündlern der Bauern- und der Sozialistischen Partei zu einer "Vaterländischen Front" zusammen. Von der hörten die überraschten Bulgaren zum ersten Male, als ihnen der Rundfunk am 9. September den unblutigen Staatsstreich und die Machtübernahme dieser Volksfront mitteilte.
Bei der Regierungsbildung hielt sich die KP zunächst bescheiden im Hintergrund. Während die Sweno-Führer Georgieff und Weltscheff Premier und Kriegsminister wurden, begnügten sich die Kommunisten mit zwei Ressorts: Innen- und Justizministerium.
Niemand in der Regierung, vor allem nicht die Sweno-Amateure, durchschaute damals offenbar die zentrale Bedeutung dieser Ressorts für die Erringung der Macht im Staate.
Der Spitzenkommunist Tscherwenkoff beteuerte feierlich: "Die ganze Welt soll wissen, daß Bulgarien nicht kommunistisch ist und daß die gegenwärtige Revolution keine sozialistische, sondern eine antifaschistische ist."
Da aber hatte sein Apparat längst mit einer genau geplanten Operation begonnen, die in den folgenden Monaten und Jahren das Strickmuster für die gezielte Machtübernahme durch kommunistische Kader in ganz Osteuropa abgab:
Aus kommunistischen Funktionären, Partisanen, befreiten Sträflingen, Deserteuren und opportunistischen Mitläufern organisierte Innenminister Anton Jugoff mit Unterstützung der Roten Armee binnen wenigen Wochen eine "Volksmiliz", die alsbald das Land terrorisierte.
Alle, die mit dem früheren Regime zu tun hatten, Intellektuelle und Besitzende, waren fortan als "Faschisten" Freiwild. Sie wurden oft auf der Straße oder am Ort ihrer Festnahme umgebracht, andere in Schauprozessen nach Stalinschem Muster abgeurteilt.
Bulgarien, das am Krieg aktiv kaum teilgenommen hatte, wimmelte plötzlich von "Kriegsverbrechern": Binnen eines halben Jahres wurden 2680 Menschen _(1943 auf dem Obersalzberg. )
zum Tode verurteilt und hingerichtet, mehr als in jedem anderen osteuropäischen Land.
In der gleichen Zeit vervielfachte sich die Zahl der KP-Mitglieder: Wo es vor dem Einmarsch der Roten Armee nur eine Handvoll Kommunisten gegeben hatte, besaßen plötzlich eine Viertelmillion Bulgaren das rote Mitgliedsbuch.
So verwandelte sich der militärische Sieg der Roten Armee, wie Stalin es später rühmte, zu einem "historischen Sieg unserer sowjetischen Gesellschaftsordnung". Damit es aber so weit kommen konnte, mußte jeder Einfluß der westlichen Alliierten von vornherein ausgeschaltet werden. Und dabei schlug Stalin mit äußerstem Geschick die Verbündeten mit deren eigenen Waffen.
Schon 1943 in Teheran hatte er den Anglo-Amerikanern den Gedanken einer eigenen alliierten Balkanfront ausgeredet. Dann verhinderte er separate Abmachungen, mit denen sowohl Rumänien wie Bulgarien ihren Frieden mit den Westalliierten machen wollten.
Rumänien und Bulgarien mußten Waffenstillstand mit den Russen in Moskau abschließen. Die westlichen Alliierten waren dort nicht viel mehr als Beobachter - und dafür hatten sie fatalerweise einen Präzedenzfall geschaffen.
Der Waffenstillstandsvertrag, der am 12. September 1944 zwischen der Sowjet-Union und Rumänien unterzeichnet wurde, gab den Russen praktisch freie Hand in dem Balkanstaat.
Dem westlichen, vor allem britischen Wunsch nach eigener Einflußnahme in Rumänien - wo die Anglo-Amerikaner gewichtige Öl-Interessen hatten - kamen die Sowjets nach zweiwöchigem Feilschen in Moskau mit einem Gebilde entgegen, das den Namen "Sowjetrussische (alliierte) Kontrollkommission" trug und nicht mehr als eine Filiale des sowjetischen Oberkommandos in Bukarest war.
Der sowjetische Chefunterhändler Molotow konnte immer wieder auf das Beispiel Italien verweisen. Dort hatten Briten und Amerikaner, ohne die Russen daran zu beteiligen, die bedingungslose Kapitulation des Marschalls Badoglio angenommen. Begründung: In Italien hätten die Sowjets nicht gekämpft. Stalin wollte aber die Rolle "eines passiven dritten Beobachters (in Italien) nicht spielen". Er verlangte eine "militärischpolitische Kommission der großen Drei", mit exekutiven Rechten. Dagegen war wiederum der Brite Churchill: "Es steht außer Frage, daß die Kommission nicht irgend etwas entscheiden oder selbständig handeln kann."
In einer nach monatelangem Taktieren berufenen Alliierten Kontrollkommission hatte der sowjetische Vertreter nichts zu bestellen, da, wie Roosevelt und Churchill übereinstimmten, "der Mittelmeerraum generell britische Operationszone" sei.
Nun war die Stunde der Russen gekommen. Auf dem Balkan stand ihre Armee, und jetzt diktierten sie die Bedingungen. Die Alliierte Kontrollkommission könne, so Molotow, "nur im Einvernehmen mit dem sowjetrussischen (alliierten) Oberkommando handeln". Den "anderen Vertretern" falle lediglich die Aufgabe von Verbindungsoffizieren zu ihren Regierungen zu. Sie dürften auch nur über die Sowjets mit der rumänischen Regierung Kontakt aufnehmen.
Fatal: Was die Sowjets da analog zu Italien für Rumänien durchsetzten, sollte später dann auch noch für Bulgarien und Ungarn gelten - der Balkan und der Donauraum wurden sowjetische Domäne.
Die Briten, am Balkan weit mehr interessiert als die Amerikaner, trotzten den Sowjets neben den machtlosen Kommissionsoffizieren zumindest noch einen politischen Repräsentanten ab, der direkt mit der rumänischen Regierung sprechen durfte.
Ohne Moskaus Zustimmung abzuwarten, schickten sie Ende September 1944 neben dem Vizeluftmarschall Donald F. Stevenson den Diplomaten John Le Rougetel nach Bukarest, der dort schon vor dem Krieg Erfahrungen gesammelt hatte.
Die Amerikaner folgten den Briten mit mehreren Wochen Verspätung: Anfang November entsandten sie den Generalkonsul in Istanbul, Burton Y. Berry, einen erfahrenen Balkan-Fachmann, als ihren politischen Vertreter nach Bukarest.
US-Mitglied der Alliierten Kontrollkommission wurde ein Militär, der bis dahin wohl kaum gewußt hatte, wo Rumänien überhaupt lag. Er brauchte aber Beschäftigung, da er als Flakoffizier an der amerikanischen Heimatfront kurz vor Kriegsende überflüssig war.
Einmal in Bukarest angelangt, setzte sich der Brigadegeneral Cortlandt Van R. Schuyler dann aber leidenschaftlich für die Erhaltung eines unabhängigen Rumäniens ein. Der Brigadier wurde zu einer Schlüsselfigur - zusammen mit dem jungen König und dem Kommissar, der zur gleichen Zeit wie Schuyler in der rumänischen Hauptstadt eintraf: Andrej Wyschinski, ehemaliger Hauptankläger in Stalins berüchtigten Schauprozessen, _(Rechts vom König die alliierten Generäle ) _(Stevenson, Sussaikow und Van Schuyler. )
damals Vizevolkskommissar für Auswärtiges, also stellvertretender Außenminister der UdSSR.
Offiziell kam Wyschinski, der sich schon 1940 beim Anschluß Lettlands an die UdSSR bewährt hatte, um dem König "die Glückwünsche der Sowjetregierung zur Befreiung Siebenbürgens von ungarischer Herrschaft" zu überbringen.
Doch das "befreite" Siebenbürgen wurde nicht, wie die Rumänen hofften, rumänischer Verwaltung unterstellt. Stalin behielt diesen ewigen Zankapfel zwischen Ungarn und Rumänien erst einmal als Faustpfand. Er hegte statt dessen allerlei Wünsche, die Wyschinski dem König der Rumänen überbrachte:
Moskau forderte den Rücktritt der erst zwei Monate alten Regierung Sanatescu. Der Premier, ein königstreuer Kavallerieoffizier, hatte am rumänischen Feldzug gegen die Sowjet-Union teilgenommen. Die Russen und die rumänischen Kommunisten beschuldigten ihn, er halte das Waffenstillstandsabkommen nicht ein.
Seine Regierung habe nicht, wie von Moskau verlangt, alle Volksdeutschen und Ungarn interniert. Sie sabotiere Reparationslieferungen an die Russen, und sie schütze "faschistische Elemente".
Damit spielten die Sowjets auf die wachsende antisowjetische Stimmung im Lande an, die sich nach schlimmen Ausschreitungen von Rotarmisten breitgemacht hatte. Die Bukarester tauften das Denkmal des unbekannten russischen Soldaten damals zeitgemäß in "Denkmal des unbekannten russischen Vergewaltigers" um.
Die rumänische KP hatte mit dem Umsturz in Bukarest, allein das Werk des Königs mit bürgerlichen Politikern und Generälen, kaum etwas zu tun (feierte jedoch vorigen Monat pompös seinen 40. Jahrestag als "Befreiung"). Sie organisierte aber binnen weniger Wochen mit heimgekehrten Moskau-Emigranten, gestützt von der Roten Armee, sogenannte "Schock-Truppen": bewaffnete Bürgerkriegsmilizen, die auf eigene Faust im Lande angebliche "Faschisten" verfolgten, Besitz beschlagnahmten und Unruhen provozierten.
Das Volk war empört über die als Helfershelfer der marodierenden Besatzungsmacht verschrienen Kommunisten und sah in drei der vier wichtigsten KP-Führer ohnehin nur Ausländer:
Vasile Luca stammte aus Siebenbürgen und war Ungar; er hieß eigentlich Luca Laszlo. Emil Bodnaras war Ukrainer, sein richtiger Name war vermutlich Bondarenko. Bekannteste Figur der Kommunisten war eine Frau - laut einem US-Geheimdienstdossier von 1947 "einer der fähigsten Köpfe Rumäniens": Ana Pauker.
Die Tochter eines Rabbiners hatte als junge Frau an einer Religionsschule Hebräisch gelehrt, sich dann der KP angeschlossen. Nach einem von ihr mitorganisierten Eisenbahnerstreik floh sie 1933 in die Sowjet-Union. 1935 wieder in Rumänien, wurde sie verurteilt und fünf Jahre später gegen einen rumänischen Spion ausgetauscht. Ihr Mann Marcel wurde als "Trotzkist" in Moskau erschossen.
Ana Pauker stieg, wie sie sich selbst rühmte, zur "engsten Vertrauten Stalins" auf, war "die einzige Frau, die ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen durfte". Stalin ernannte sie zum Oberst und übertrug ihr die Aufstellung einer aus rumänischen Stalingrad-Gefangenen rekrutierten Exil-Einheit, die als "Division Tudor Vladimirescu" (so benannt nach einem Bauernrebellen des 19. Jahrhunderts) mit der Roten Armee in Ungarn einmarschierte und später die Rolle _(Unter Porträts des Premiers Groza und ) _(König Michaels. )
einer kommunistischen Sturmabteilung in Rumänien übernahm.
Als einziger "echter" Rumäne in der KP-Führung galt der Gewerkschafter Gheorghiu-Dej, den der König im August 1944 aus dem Gefängnis geholt hatte.
Gegen die Provokationen der Kommunisten organisierte vor allem die Bauernpartei des populären Politikers Juliu-Maniu Demonstrationen, an denen Hunderttausende Rumänen teilnahmen - vergebens; denn Sanatescu beugte sich dem sowjetischen Druck und nahm noch zwei Kommunisten in seine Regierung auf: Gheorghiu-Dej wurde Verkehrsminister und bekam damit die wichtigen Eisenbahnen in die Hand.
Als Vizepremier agierte ein schillernder Condottiere, der kein KP-Mitglied war, aber fortan mehr für die Machtergreifung der KP in Rumänien tat als jeder lupenreine Kommunist: Petru Groza, ein Großgrundbesitzer aus Siebenbürgen, der im Krieg jüdische Firmen für sich "arisiert" hatte - eine Bank, eine Schnapsfabrik und eine Spinnerei.
Als junger Mann hatte er wie viele andere Politiker, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa hohe Machtpositionen erlangten, in der österreichischen k. u. k. Armee gedient und sprach fließend Deutsch.
Ein cholerischer Prahlhans, der stolz auf seinen Ruf als Frauenheld war und mit Leidenschaft schlüpfrige Witze zum besten gab, führte Groza eine obskure politische Gruppe an, die sogenannte "Pflüger-Front", die von den Rumänen gern als "Zwei-Mann-Partei" verspottet wurde, da sie außer dem Vorsitzenden allenfalls noch ein Mitglied zähle.
Allein viel zu schwach, stützte Groza sich auf die Kommunisten - und die wußten ihn außerordentlich geschickt einzusetzen.
Zunächst galt es, Sanatescu zu stürzen. Drei Wochen nach der Regierungsumbildung gab der General am 2. Dezember 1944 nach gewalttätigen Straßendemonstrationen in Bukarest und neuen Interventionen der Sowjets auf. Stalins Abgesandter Wyschinski hatte dem König klargemacht, daß Moskau den Regierungschef nicht länger dulden würde.
Michael reagierte schnell. Er beauftragte einen anderen General, Nicolae Radescu, mit der Bildung einer neuen Koalitionsregierung. Die Kommunisten aber weigerten sich, mit Radescu zusammenzuarbeiten.
Die Rumänen wandten sich an die britische Mission um Hilfe gegen den sowjetischen Druck. Die Briten erkannten zwar, "daß die Russen Rumänien kommunistisch machen und dies auch anderswo wiederholen wollten" (so ihr Missionschef Le Rougetel), doch London fühlte sich an Churchills Prozent-Vorgabe gebunden, die den Russen 90 Prozent "Einfluß" in Rumänien einräumte.
Winston Churchill selbst sprach seinen Außenminister Eden direkt darauf an: "Wenn wir in Rechnung stellen, wie die Russen uns bei allem unterstützt haben, was in Griechenland passierte, dürfen wir selbst in Rumänien wirklich nicht zu weit gehen. Denken Sie an die Prozente, die wir zu Papier gebracht haben."
Die Briten rieten dem König, eine Beamtenregierung einzusetzen, doch Michael hielt an Radescu fest, der als Antifaschist in einem deutschen Konzentrationslager gesessen hatte.
Wyschinski beteuerte dem König, er sei mit der neuen Regierung "sehr zufrieden". Er wiederholte Molotows Erklärung, Moskau habe "nicht die Absicht, Rumänien zu einem kommunistischen Staat zu machen", es wünsche lediglich einen "freundlich gesinnten Nachbarn".
Sechs Wochen später kehrten die KP-Führer Ana Pauker und Gheorghiu-Dej von einem Moskau-Besuch zurück. Dort hatten sie, so schrieb US-General Schuyler später in sein Tagebuch, Order erhalten, nun eine kommunistisch geführte Regierung an die Macht zu bringen. In einer Geheimsitzung in Ana Paukers Villa wurde am 16. Januar 1945 der Schlachtplan zur Machtergreifung entworfen. Rumänien sollte nach dem Motto "Alle zehn Tage eine neue Krise" ins Chaos gestürzt werden, damit Moskau einen Vorwand zum Eingreifen hätte.
Eine KP-Kampagne erklärte alle bürgerlichen Parteien pauschal zu "Faschisten" - voran die mächtige Bauernpartei Manius. Deren Zeitungen wurden von der sowjetischen Zensur verboten. Die Kommunisten forderten Radescus Rücktritt, da er "eine Militärdiktatur errichten und einen Bürgerkrieg provozieren" wolle.
Der konnte auf die Angriffe nicht antworten, da die Sowjets Presse wie Rundfunk kontrollierten. Also kündigte er eine Rede im Bukarester "Scala"-Kino an. Als er am Morgen des 11. Februar, einem Sonntag, dort eintraf, war der Saal bis zum letzten Platz mit tobenden Kommunisten besetzt. Der General fuhr zum "Aro"-Kino, das Anhänger der Regierung füllten, bevor die KP begriff, was geschah. Dort hielt Radescu eine Rede, in der er die Kommunisten scharf angriff und ihre Taktik enthüllte: Sie wollten das Chaos schaffen, weil das ihre Absichten begünstige.
Anlaß waren Betriebsratswahlen in den Malaxa-Werken, dem größten rumänischen Industriebetrieb. Dort hatten die Arbeiter mit Vierfünftelmehrheit einen antikommunistischen Betriebsrat gewählt. Da stürmten bewaffnete Stoßtruppen - 400 Mann, persönlich geführt vom kommunistischen Verkehrsminister Gheorghiu-Dej - das Werk. Es gab Tote und Verletzte. 300 Arbeiter wurden verschleppt.
Briten und Amerikaner brachten den Fall vor die Kontrollkommission. US-General Schuyler forderte ein Einschreiten der Kommission, "um weiteres Blutvergießen zu verhindern". Sowjetgeneral Winogradow machte "Faschisten und Reaktionäre" für die Zusammenstöße verantwortlich, das "Volk" werde sie selbst bändigen. Es sei nicht Aufgabe der Kommission, sich in solche Auseinandersetzungen einzumischen.
Damit war der Weg frei für den Terror. Die KP veranstaltete eine Demonstration in Bukarest gegen den "Faschisten Radescu" und für eine "Regierung Groza". Plötzlich fielen Schüsse - es gab mehrere Tote und Dutzende Verwundete.
Kommunisten und Russen behaupteten, die Schüsse seien aus dem - von
Radescu geführten - Innenministerium gefallen. Der beschuldigte in einer Rundfunkrede, die er an der Zensur vorbeischmuggelte, "gottlose und vaterlandslose" Kommunisten, die Zwischenfälle absichtlich provoziert und selbst geschossen zu haben. Er sprach von "wilden Bestien", die "zahllose Verbrechen begangen haben", und forderte das Volk auf, "der Gefahr ins Auge zu sehen".
Die KP-Presse nannte den Generalspremier daraufhin ein "faschistisches Ungeheuer", einen "Massenmörder", der "den Tod verdient". Überall im Lande kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen - das von der KP gewünschte Chaos war da.
Drei Tage später kam der Feuerwehrmann: Andrej Wyschinski flog in Bukarest ein und fuhr vom Flugplatz um neun Uhr abends direkt zum König.
Dort kam er gleich zum Thema. Die Unruhen gefährdeten Sicherheit und Nachschub der noch in Ungarn kämpfenden Roten Armee. Radescu habe nicht das Vertrauen des Volkes, er lasse auf das Volk schießen, weil er es nicht kontrollieren könne.
Dann entwickelte sich eine siebentägige Auseinandersetzung zwischen König und Kommissar, von zwei Biographen des Hohenzollern - dem Briten Arthur Gould Lee sowie der Rumänin Nicolette Franck - aufgezeichnet. Ihr genauer Wortlaut ist aber auch in "streng geheim" klassifizierten amerikanischen Dokumenten festgehalten.
Wie niemals vorher und nie seither belegen diese Protokolle die Brutalität Stalins im Umgang mit seinen Satelliten. "Was", so fragte Wyschinski nach Vorbringen seiner Beschwerde, "wollen Eure Majestät tun, um diese Umstände zu ändern?"
Michael antwortete, in seiner Sicht tue die Regierung unter den Umständen ihre Pflicht, so gut sie könne.
Wyschinski wischte das beiseite: "Ich habe den Eindruck, daß weder Sie noch Ihre Umgebung sich über den Ernst der Lage im klaren sind. Meine Regierung befiehlt, daß Radescu gehen muß. Eine neue Regierung muß eingesetzt werden - eine, die das Vertrauen des Volkes hat."
Der König erwiderte, er müsse Rat bei seinen Mitarbeitern und den Parteiführern einholen.
Wyschinski: "Die Situation ist unhaltbar, Sie müssen sofort entscheiden."
Michael, der auf anglo-amerikanische Unterstützung hoffte, ließ sich nicht drängen: "Ich werde mir Ihre Wünsche überlegen."
Wyschinski verließ abrupt den Raum, um schon nächsten Nachmittag wiederzukommen. Seinen Kopf weit vorgestreckt, so daß er den König fast körperlich berührte, herrschte er Michael an: "Was ist bezüglich der Entlassung der Regierung geschehen?"
Michael: "Wie ich Ihnen sagte, muß ich noch mit meinen Ministern und Beratern die Situation erörtern."
Wyschinski: "Das ist nicht genug."
Daraufhin begehrte Außenminister Visoianu auf, ein Regierungswechsel sei keine Angelegenheit von wenigen Minuten.
Moskaus Vizeaußenminister fuhr hoch, er sei nicht gekommen, um sich mit dem Außenminister zu unterhalten, sondern mit dem König. Seinem Dolmetscher sagte er, auf Visoianu deutend: "Sag ihm, er soll das Maul halten!"
Als der König noch immer darauf bestand, er versuche das Beste für sein Land zu tun und müsse Zeit haben, sich zu beraten, schlug der Russe mit der Faust auf des Königs Schreibtisch, so daß ein Tintenfaß hochsprang, und brüllte:
"Sie müssen Radescu sofort entlassen! Ich gebe Ihnen zwei Tage, einen neuen Ministerpräsidenten zu ernennen. Anderenfalls werden die Folgen für Sie und Ihr Land außerordentlich unerfreulich sein."
Der König blieb, vom Benehmen des Kommissars zutiefst schockiert, still sitzen und starrte Wyschinski nur an. Das schien den Russen nur noch wütender zu machen. Schreiend verlangte er vom König, die Entlassung bestimmter "volksnaher" Offiziere rückgängig zu machen, und stürmte aus dem Raum. Dabei schlug er mit beiden Händen die Tür mit solcher Gewalt zu, daß Mörtel von der Mauer bröckelte und danach ein langer Riß an der Wand zu sehen war.
Der verstörte Monarch ließ die Westalliierten von Wyschinskis Benehmen und seinem Ultimatum wissen. Premier Radescu legte den Amerikanern Beweise dafür vor, daß die Opfer bei der Demonstration in Bukarest das Werk von Kommunisten seien, die Wunden stammten von russischen Kugeln. Dann fragte er den Vertreter General Schuylers, Oberstleutnant Farnsworth, was die Amerikaner unternehmen würden, wenn er verhaftet werde.
Farnsworth konnte außer einem Protest bei den Russen "keine Aktion" versprechen.
Radescu trat zurück und flüchtete in die britische Mission. Die Engländer brachten ihn später außer Landes.
König Michael beauftragte unterdessen den Prinzen Stirbey, der in Moskau den Waffenstillstand mit ausgehandelt hatte, eine neue Regierung zu bilden. Doch der war auch nicht nach Moskaus Geschmack.
Dann ließ Wyschinski den König wissen, Moskau wünsche Groza als Regierungschef: "Ich muß Ihnen mitteilen, daß ich von meiner Regierung beauftragt wurde zu erklären, daß Petru Groza der Mann ist, in den wir Vertrauen setzen."
Vor dem Palast demonstrierten bereits KP-Organisationen für Groza. Stalins Beauftragter trat zum Fenster und sagte zu Michael: "Hören Sie es? Vox populi
vox dei!" Die Stimme des Volkes, so der Atheist, sei die Stimme Gottes.
Dann forderte der Russe den König noch auf, den Westalliierten nichts von seinem Vorschlag zu erzählen, denn "das ist eine Sache zwischen uns. Sie haben die Souveränität auf Ihrer Seite, wir die Moral".
Michael, erregt darüber, daß ihn Stalins Vertreter nicht nur erpreßte, sondern auch noch zum Komplicen gegen seine Verbündeten machen wollte, fragte, wie denn dies alles zur Jalta-Deklaration passe, die das Recht auch kleiner Staaten auf Unabhängigkeit und eigene Wahl ihrer Regierungsform garantiere. Darauf Wyschinski: "Jalta, das bin ich!"
Doch der König hoffte immer noch auf die Westmächte, die ihn ermuntert hatten, durchzuhalten. In Moskau teilte US-Botschafter Harriman der sowjetischen Regierung mit, die USA bestünden auf Erfüllung des Waffenstillstandsvertrages und der Jalta-Abmachungen - und danach stünde Rumänien eine "repräsentative Regierung" zu.
Gleiches ließ der US-Vertreter Berry in Bukarest Wyschinski vortragen: Die Westalliierten würden eine rein KP-beherrschte Regierung nicht akzeptieren. Den gelernten Staatsanwalt beeindruckten diese Proteste wenig. Er ließ Berry antworten, eine repräsentative Regierung sei nicht Frage der Quantität, sondern der Qualität.
Britische Proteste wischte er bezeichnenderweise mit einem Seitenhieb auf Churchills Teilungsprozente vom Tisch: "Die sowjetische Regierung hat sich nicht in Griechenland eingemischt. In diesem Land erwartet die UdSSR von den Briten daher Unterstützung, nicht Quertreiberei."
Die USA verlangten von Moskau Drei-Mächte-Beratungen über die Lage in Rumänien. Molotow antwortete, da gebe es nichts zu beraten. Der Waffenstillstandsvertrag sehe keine Konsultierung, lediglich Informierung der Alliierten vor.
Von Wyschinski täglich bedrängt, von den Alliierten nur mit Worten aufgemuntert, hatte der König unterdessen Groza mit der Regierungsbildung beauftragt. Der war einfach ohne Einladung in den Palast gekommen, nachdem Wyschinski ihm gesagt hatte, "es ist alles in Ordnung".
Vier kommunistisch dominierte Kabinettslisten Grozas lehnte Michael ab, um Zeit zu gewinnen. Das nahmen die Russen nicht hin. Wyschinski stellte ein neues Ultimatum: Wenn der König den sowjetischen Kandidaten Groza nicht binnen zwei Stunden als Regierungschef bestätige, könne "die Sowjet-Union nicht mehr die Verantwortung dafür übernehmen, daß Rumänien als unabhängiger Staat überleben werde".
Mit "Widerwillen, Abscheu und Scham" gab Michael, wie er dem britischen Missionschef Le Rougetel mitteilte, der offenen Erpressung nach, da "ein Rücktritt zwar eine eindrucksvolle Geste gewesen wäre, das Volk aber allein gelassen hätte". Die neue Regierung wurde voll von der Kommunistischen Partei und ihrer "Nationaldemokratischen Front" (NDF) beherrscht. 14 von 18 Ministern waren KP-Mitglieder oder gehörten der NDF an. Die KP selbst hatte Schlüsselposten besetzt: Innen-, Justiz-, Kriegs- und Wirtschaftsministerium.
Groza spielte sich vor westlichen Journalisten als Retter Rumäniens auf. Stalin belohnte die Rumänen mit der Rückgabe Nord-Siebenbürgens noch am Tag der Ernennung des neuen Premiers. Mit den Kommunisten, so Moskaus Marionette, werde er "spielend fertig werden". Und binnen eines halben Jahres werde er "Rumänien zum freiesten und glücklichsten Land Europas machen".
Doch da war, wie ein über die "Tatenlosigkeit der Amerikaner und Briten" erbitterter Bauernführer Maniu den _(Mit seiner Mutter Helene, US-Botschafter ) _(Harriman (l.), Vize-Außenminister ) _(Wyschinski (3. v. l.), ) _(Briten-Botschafter Clark-Kerr (2. v. ) _(r.). )
Westalliierten vorwarf, "Rumänien schon so gut wie an Rußland verloren".
Maniu hatte das Schicksal seiner politischen Freunde beim Nachbarn Bulgarien vor Augen. In Sofia waren die Sowjets und die bulgarischen Kommunisten ihren Genossen in Rumänien immer um einen Schritt voraus. Im Januar 1945 inszenierte Justizminister Jugoff einen "Kriegsverbrecherprozeß" mit der wohl prominentesten Anklagebank der Justizgeschichte: Dicht gedrängt saßen 162 Angeklagte vor dem Tribunal, drei Regenten, darunter ein königlicher Prinz, drei Ministerpräsidenten, 26 Minister und mehr als hundert Abgeordnete.
Boris'' Bruder, Prinz ("Kiki") Kirill, brachte Richter und Staatsanwalt mehrmals in Verlegenheit, wenn er höflich nach den Paragraphen fragte, die seine Handlungen strafbar machen sollten. Als der Richter ihm vorhielt, er schulde dem Staat 60 Millionen Lewa, antwortete Kirill: "Das mag schon sein, aber vielleicht wissen Sie auch, wieviel mir der Staat schuldet."
Vor dem Gericht tobte eine Menge: "Hängt die Faschisten." Das Gericht entsprach dem "Volkswillen". Es verurteilte 96 Angeklagte zum Tod, die übrigen zu Gefängnisstrafen zwischen einem Jahr und lebenslang.
Die 96, darunter Prinz Kirill, wurden in der Nacht zum 2. Februar 1945 auf dem Friedhof von Sofia mit Maschinengewehren niedergemäht, nachdem sie zuvor halbnackt ihr eigenes Massengrab in dem festgefrorenen Boden hatten schaufeln müssen.
In Bulgarien und bei seinen Nachbarn löste die "Blutjustiz" ("Neue Zürcher Zeitung") Entsetzen aus - sonst wurde das Massaker kaum beachtet. Der britische Außenminister Eden beantwortete eine Anfrage im Unterhaus knapp: "Der Prozeß gegen die bulgarischen Kriegsverbrecher ist eine Angelegenheit, die nur Bulgarien interessiert."
Nach der physischen Vernichtung der Vertreter des alten Regimes nahm sich die KP den Rest der Opposition vor. Die zahlenmäßig bei weitem stärkste politische Kraft im Lande war die Bauernpartei, an deren Führer Georgi Dimitroff ("Gemeto") allerdings der Makel haftete, daß er nicht wie sein berühmter kommunistischer Namensvetter, der Kominternchef Dimitroff, aus sowjetischer, sondern aus West-Emigration in die Heimat zurückgekehrt war.
Gemeto war auf dem Land außergewöhnlich populär. Wo er auftrat, versammelten sich Zehntausende. Die Bauern forderten von ihm Waffen, damit sie sich gegen den Terror bewaffneter KP-Stoßtrupps wehren könnten.
Doch Gemeto konnte ihnen keine Gewehre geben, er konnte nicht mal sich selbst schützen. Im Mai 1945 verhaftete die KP-Miliz Gemetos Sekretär und folterte ihn, als er Falschaussagen gegen seinen Chef verweigerte, zu Tode. Die Miliz hatte bereits sein Haus umzingelt, da gelang es Gemeto, durch ein Fenster zu entkommen und Zuflucht im Haus des US-Missionschefs Maynard B. Barnes zu finden.
Bulgarische Miliz umstellte Barnes'' Haus. Die Regierung verlangte von Generaloberst Birjusow, dem sowjetischen Vizechef der Alliierten Kontrollkommission, sie solle sicherstellen, daß Dimitroff nicht entkomme.
Eine Freundin des Bauernführers, Mara Ratschewa, starb noch am gleichen Tag während eines Verhörs durch die Miliz - sie sei aus dem Fenster gesprungen,
teilte das Innenministerium mit. Es erforderte drei Monate zähen Feilschens, bis die USA durchsetzten, daß Dimitroff das Land verlassen konnte.
Meist zankten die alliierten Diplomaten und Militärs in Sofia mit den Russen freilich um minder wichtige Themen: Viele Seiten füllen die Protokolle darüber, ob und welche amerikanischen Filme in Bulgarien gezeigt werden dürften. General Birjusow selbst teilte dem bulgarischen Außenminister per Brief vom 13. Oktober 1945 mit, daß ohne vorherige Zustimmung seines "Alliierten Oberkommandos", also Birjusows, "absolut kein Film nach Bulgarien importiert oder im Land gezeigt werden darf" - dies verstoße gegen Paragraph 8 des Waffenstillstandsvertrages.
Die allgemeine Situation im Lande im Sommer 1945 schildert eine von der US-Mission nach Washington weitergeleitete Lagebeurteilung eines ungenannten US-Agenten. Zitate: *___Bulgariens "Vaterländische Front" ist eine der ____aggressivsten kommunistischen Organisationen Europas; *___die Volksgerichtshöfe sind reine Lynch-Instrumente, die ____bereits Tausende Opfer forderten; *___Zehntausende politische Häftlinge werden in zwölf ____Konzentrationslagern gefangengehalten; *___es gibt Pläne, Bulgarien direkt der UdSSR ____anzuschließen.
Die unverhüllte Gewalt, mit der Stalin seine Ziele auf dem Balkan durchsetzte, alarmierte nun doch London und Washington. In Amerika regierte inzwischen der neue Präsident Truman, der in Stalin nicht mehr wie sein Vorgänger Roosevelt den guten Onkel Joe sah. Im Gegenteil, Trumans Berater bemerkten den sowjetischen Expansionsdrang, sie
forderten - erstmals - eine "Position der Stärke" gegenüber Stalin, da er "keine andere Sprache versteht".
Winston Churchill, der alles hatte kommen sehen, klagte fünf Tage nach dem Sieg in einer Rundfunkansprache: "Wofür hätten wir gekämpft, wenn an die Stelle der deutschen Invasionstruppen totalitäre oder Polizeiregime anderer Art träten?"
Er verlangte ein neues Dreiertreffen. Es kam Mitte Juli 1945 im Potsdamer Hohenzollernschloß Cäcilienhof zustande, doch Churchill war nur am Anfang dabei. Mitten in der Konferenz mußte er seinen Platz für den neugewählten Premier, den Sozialisten Clement Attlee, räumen.
So hatte Stalin leichtes Spiel. Der Diktator tat westliche Vorwürfe gegen seine Osteuropa-Politik als "Märchen" ab. Seinen angeprangerten Methoden auf dem Balkan setzte er "faschistische Methoden" der - von den Briten gestützten - griechischen Regierung entgegen. Außerdem seien die Regierungen in Rumänien und Bulgarien "mindestens so demokratisch" wie die Italiens.
Londons neuer Außenminister Ernest Bevin war davon so genervt, daß er den Russen vorschlug: "Wir haben hier Material über die Zustände in Rumänien und Bulgarien. Sie behaupten, Material über die Zustände in Griechenland zu besitzen. Wollen Sie unser Material ignorieren, wenn wir das gleiche mit Ihrem Material tun?" Stalin: "Mit größtem Vergnügen!"
Immerhin verweigerten die Westalliierten den moskauhörigen Regierungen in Sofia und Bukarest die Anerkennung. Und sie schmetterten neue Forderungen Stalins ab: Die Russen wünschten sich zwei Ostprovinzen der Türkei, Stützpunkte an den Dardanellen und die Treuhandschaft über "mindestens" eine der italienischen Kolonien in Afrika.
Auch die Repräsentanten der Alliierten in Rumänien und Bulgarien hielten
nicht still. General Schuyler flog nach Washington und bedrängte Truman, die beiden Balkanländer seien "Testfälle" einer globalen Kraftprobe mit den Sowjets.
Die Beschlüsse oder vielmehr Nichtbeschlüsse von Potsdam boten die Gelegenheit für ein amerikanisch-rumänisches Zusammenspiel, um Rumänien vielleicht noch zu retten.
Da in Potsdam beschlossen worden war, Friedensverträge nur mit "anerkannten demokratischen Regierungen" abzuschließen, die Westalliierten aber jene in Bukarest und Sofia nicht anerkannten, sah König Michael einen Ansatzpunkt, die Regierung Groza doch noch loszuwerden.
Die USA gaben ihm - was bis heute der Öffentlichkeit unbekannt geblieben ist - diplomatische Rückendeckung. Dabei mögen Berichte der US-Botschaft in Moskau mitgewirkt haben, wonach Groza bei Stalin in Ungnade gefallen sei. Der stellvertretende US-Gesandte Roy Melbourne teilte dem König offiziell mit, die US-Regierung "setzt ihre Hoffnung auf eine repräsentativere Regierung, mit der sie diplomatische Beziehungen aufnehmen kann".
Erschrocken kabelte ein britischer Diplomatenkollege nach London, die Amerikaner hätten "eine Verschwörung gegen eine von Rußlands Lieblings-Marionetten angezettelt".
Er hatte die Lage richtig erkannt: Der König und Melbourne berieten jeden Schritt im voraus. Die US-Mission hatte ein "streng geheimes" Szenarium ausgearbeitet, in dem die Rolle des Königs festgeschrieben wurde. Vor allem müsse er bei den Russen den Eindruck erwecken, er handle aus eigenem Willen.
Am 18. August 1945 forderte Michael den Ministerpräsidenten Groza auf, zurückzutreten. Der dachte nicht daran. Seine Regierung, so Groza zum König, genieße das Vertrauen der Sowjet-Union; ob die USA diese Regierung akzeptierten, sei für ihn ohne Bedeutung. Westliche Proteste, so Groza in seiner ihm eigenen Ausdrucksweise, "sind nicht mehr als Toilettenpapier". Und: "Ich werde nicht zurücktreten, basta!"
Michael kamen Bedenken - doch Melbourne zerstreute sie: Die Amerikaner stünden voll hinter ihm. Also forderte der König die Alliierte Kontrollkommission auf, ihm "im Geist der Beschlüsse von Potsdam" bei der Bildung einer repräsentativen Regierung zu helfen, damit endlich ein Friedensvertrag abgeschlossen werden könne.
Die Russen, offenbar überrascht, reagierten bestürzt. Erst im Juli hatten sie den König, den sie seit der Einsetzung der Groza-Regierung neutralisiert wähnten, mit der höchsten sowjetischen Auszeichnung geehrt: Sowjet-Staatschef Kalinin verlieh Michael als einem von insgesamt nur fünf Ausländern (darunter den alliierten Heerführern Eisenhower und Montgomery) für "den tapferen Akt der entschlossenen Umstellung der Politik Rumäniens im August 1944, der den Verlauf der rumänischen Geschichte änderte", den sowjetischen Siegesorden.
Zu der Zeremonie waren neben den zwei Marschällen Malinowski und Tolbuchin nicht weniger als 50 sowjetische Generäle in Galauniform angetreten. Als Zugabe erhielt Hobbypilot Michael zwei Sportflugzeuge.
Und nun dies. Ein brüllender Panzergeneral Sussaikow verlangte von Michael, die Botschaften an die Kontrollkommission "sofort zurückzuziehen und jedermann zu bestrafen, der dafür verantwortlich ist".
Der König antwortete, er selbst habe die Briefe veranlaßt, und er werde jeden Kontakt zur Groza-Regierung einstellen, bis sein Wunsch erfüllt sei.
Der Russengeneral mochte es nicht glauben. Er beschwor den Hofmarschall Negel, die Rumänen sollten doch bedenken, daß "Amerika Tausende Kilometer weit weg, Rußland aber so nah" sei. Und er redete auf den König ein, er solle "vernünftig" sein, so als hätte der Russe ein störrisches Kind vor sich. Die Anerkennung durch Amerika bedeute doch nichts. Auch die Sowjet-Union sei 16 Jahre lang nicht anerkannt worden und hätte trotzdem existiert.
Doch der König schöpfte aus der offensichtlichen Überraschung Sussaikows Selbstvertrauen und sagte, er werde auch nicht zur Feier des ersten Jahrestages des Putsches vom 23. August erscheinen. Der Sowjetgeneral nannte dies eine "Beleidigung" und stürmte hinaus, wie einst Wyschinski. Im Vorzimmer zischte er noch Hofbeamten zu: "Dafür werdet ihr mit Blut und Tränen zahlen!"
Der König blieb hart. Von diesem Tag an tat Michael etwas, was gewöhnlich nicht zum Repertoire von Majestäten gehört: Er trat in den Streik. Fünf Monate lang verweigerte er jeden Kontakt mit der Regierung, unterzeichnete kein Dekret, kein Gesetz. Das Volk zeigte ihm seine Sympathie. An seinem Namenstag am 8. November versammelte sich eine jubelnde Menge von über 50 000 Bukarestern vor seinem Palast.
Stoßtruppen und Soldaten der kommunistischen "Tudor-Vladimirescu-Division" schossen und schlugen auf die Demonstranten ein. Elf Menschen wurden getötet, 85 verwundet und über tausend verhaftet.
Die Amerikaner, die Michael zur Konfrontation mit Moskau ermuntert hatten, konnten nun nichts für ihn tun. General Sussaikow hatte die Forderung seiner alliierten Kameraden nach Rücktritt der Groza-Regierung brüsk abgelehnt: Moskau verweigerte eine Dreier-Konferenz über Rumänien mit der Begründung, sie halte "jede Einmischung in innerrumänische Angelegenheiten für unstatthaft".
Doch diesmal blieb Washington hart. Truman sperrte Stalin einen Sechs - Milliarden - Dollar - Kredit;
erst dann erklärten sich die Russen bereit, auf einer in Potsdam beschlossenen Außenministerkonferenz, die am 11. September in London zusammentrat, auch das Problem Rumänien zu erörtern.
Das sah dann in der Praxis so aus, daß Molotow spottete: "Die rumänische Regierung ist beim Volk beliebt, aber leider nicht bei der amerikanischen Regierung. Sollen wir sie deshalb absetzen?"
Im Dezember 1945 suchte US-Außenminister Byrnes Generalissimus Stalin in Moskau auf. Der warf dem Amerikaner einen Happen hin: Es wäre möglich, einige Änderungen in der Regierung Groza vorzunehmen. Byrnes biß sofort an. Es wurde beschlossen, eine Dreier-Abordnung nach Bukarest zu schicken, die dafür sorgen sollte, daß zwei Minister der "traditionellen Parteien" in die Groza-Regierung einträten und die Regierung so bald wie möglich "freie, geheime Wahlen" abhalte. Dafür würden die Alliierten die Groza-Regierung anerkennen.
Der Delegation gehörten der Rumänien-Veteran Vizeaußenminister Wyschinski sowie die Westbotschafter in Moskau, Harriman und Clark-Kerr, an.
Der Rußlandexperte George Kennan beschrieb den Kompromiß als "Feigenblatt", um die "Nacktheit der stalinistischen Diktatur zu verdecken". Und in Washington schimpfte Truman, er habe "es satt, die Sowjets zu hätscheln".
Die Dreier-Delegation flog nach Bukarest, beschloß nach ebenso langatmigen wie fruchtlosen Streitereien, deren Niederschrift Hunderte Seiten füllte, daß die - weithin unbekannten - Politiker Emil Hatieganu von der Bauernpartei und Michael Romniceanu von den Liberalen als Minister ohne Ressort in die Groza-Regierung eintreten sollten. Alle populären Politiker lehnte Wyschinski strikt ab: Sie hätten entweder "gegen die Sowjet-Union gekämpft" oder seien schlicht "Faschisten".
Bauernführer Maniu nannte das Ergebnis Harriman gegenüber einen "schlechten Witz", aber ein resignierter König Michael beendete seinen Streik und unterschrieb die Kabinettsliste. Die Alliierten erkannten am 6. Februar 1946 die Groza-Regierung an.
Die nützte ihre Chancen schnell und skrupellos. Die beiden demokratischen Parade-Minister nahmen in der Folge an ganzen sechs Kabinettssitzungen teil, in denen sie nichts zu sagen hatten. Ein neues Wahlgesetz sorgte von vornherein dafür, daß ein realistisch erwartetes Ergebnis für die Wahlen am 18. November 1946 von 20 Prozent für die Regierung und 80 Prozent für die Opposition umgekehrt wurde. Mehr als 20 Prozent, so Stalins Befehl, dürfe die Opposition nicht bekommen.
Die Amerikaner schickten einen Protest nach dem anderen, meist ohne auch nur eine Antwort zu erhalten. Kurz vor den Wahlen klärte Groza den protestierenden
Briten Berry auf, was Sache ist: "Als die Anglo-Amerikaner der Moskauer Vereinbarung zustimmten, dachten sie an freie Wahlen, wie sie in England stattfinden. Die Russen dachten an freie Wahlen wie in Rußland. Da die russische Armee in Rumänien ist, werden die Wahlen wohl nach russischer Interpretation ausfallen."
So war es. Die Regierung erhielt, wie von Stalin befohlen, vier Fünftel der Stimmen, die Opposition ein Fünftel. Ein empörter US-Vertreter Berry nannte die Wahlen einen "schamlosen Schwindel", mit dem die Regierung "einen neuen Standard für Balkanwahlen eingeführt" habe.
Er legte dafür Hunderte Beweise vor - etwa wie in einem Wahllokal aus 1150 Stimmen für die Opposition 1122 für die Regierung geworden waren, wie Oppositionskandidaten zu Krüppeln geschlagen wurden. Dann trat er zurück.
Der Balkan war verloren. Beim Nachbarn Bulgarien hatten drei Wochen vorher Wahlen stattgefunden, nachdem sie aufgrund westalliierter Proteste in einem dramatischen Ringen um drei Monate verschoben worden waren - was Briten und Amerikaner als großen Sieg werteten. Nun ergaben sie eine Vierfünftelmehrheit für die Regierung.
In Bulgarien hielten sich die Sowjets nicht mit Marionetten auf. Sie machten den endlich von Stalin aus Moskau heimgeschickten Georgi Dimitroff, den Helden des Leipziger Reichstagsbrand-Prozesses von 1933 und ehemaligen Chef der Komintern, zum Premier, den Sowjetbürger Damjanoff zum Kriegsminister.
Damit war die Zukunft des Landes entschieden. In beiden Balkanländern ging es danach nur noch um das große Aufräumen. Im Frühjahr 1947 zerschlug die Groza-Regierung die Reste der Opposition mit Massenverhaftungen und dem Verbot der beiden großen traditionellen politischen Gruppen, der Bauernpartei und der Liberalen. Bauernführer Maniu, 74, wurde am 11. November 1947 zu "lebenslänglich" verurteilt. Er starb acht Jahre später in der Haft. Das gleiche Schicksal erlitt der Liberalen-Führer Bratianu.
Solche Milde ließen die radikalen Bulgaren nicht walten. Dimitroff wollte härter mit dem Klassenfeind abrechnen, der ihm - in der Person des Bauernführers Nikola Petkoff - noch erbitterten Widerstand leistete.
Petkoff, dessen Vater und älterer Bruder als Vorkämpfer für die bulgarische Demokratie unter dem Zarenregime ihr Leben verloren hatten, widersetzte sich den Kommunisten und deren Star Dimitroff mit unerschrockener Härte. In der Sobranje, dem Parlament in Sofia, nahm er den KP-Chef Dimitroff direkt an.
"Du bist ja gar kein Bulgare, sondern ein Russe", rief er ihm vor vollem Haus zu. "Du hast erst wieder Bulgarisch lernen müssen, als Stalin dich nach Sofia
zurückschickte, und noch heute sprichst du es mit einem Moskauer Akzent!"
Dimitroff: "Paß auf, du wirst bald deinen Kopf verlieren!" Er hielt Wort. Im August 1947 wurde Petkoff wegen "Hochverrats" zum Tod durch den Strang verurteilt - "im Namen des bulgarischen Volkes". Da bäumte er sich noch mal auf: "Nein, nicht im Namen des bulgarischen Volkes, sondern im Auftrag eurer Herren im Kreml!" Am 24. September um 0.15 Uhr nachts wurde Nikola Petkoff im Hof des Zentralgefängnisses von Sofia gehenkt.
Schon ein Jahr vorher hatte Sofia per "Volksabstimmung" die Monarchie abgeschafft und die "Volksrepublik Bulgarien" ausgerufen. Der achtjährige Zar Simeon II. ging mit seiner Mutter ins Exil. Dies galt es in Rumänien noch nachzuvollziehen. Dort taten es die Sowjets und ihr Statthalter Groza allerdings lieber ohne Volk - bei dem war der junge König zu populär.
Michael hatte in der Politik seines Landes längst nichts mehr zu sagen. Die Regierung hatte ihn in seinem Palast isoliert, Besucher wurden von der kommunistischen Palastgarde gefiltert. Im November 1947 erlaubte ihm die Regierung, an der Hochzeitsfeier der Prinzessin und späteren Königin Elizabeth II. von England mit Philip Mountbatten, dem Cousin Michaels, teilzunehmen. Sie legte ihm aber nahe, nicht zurückzukehren. Doch Anfang Dezember kam der König wieder nach Bukarest, nachdem er sich mit Anne von Bourbon-Parma verlobt hatte.
In den Karpaten, wo er die Weihnachtsfeiertage verbrachte, erreichte ihn ein Anruf Grozas: Am nächsten Morgen, dem 30. Dezember, wolle der Premier den König in Bukarest sprechen.
Groza kam in Begleitung des KP-Generalsekretärs Gheorghiu-Dej, Michael brachte seine Mutter, Prinzessin Helene, mit. Groza, der eine rote Mappe dabei hatte, begann fröhlich: "Also, Eure Majestäten, die Zeit für eine freundliche Trennung ist gekommen." Michael fragte ihn, was er damit meinte.
Groza: "Es gibt für einen König keinen Platz mehr in Rumänien. Das Land steht vor großen Veränderungen, da wurde entschieden, die Monarchie abzuschaffen."
Der König und seine Mutter saßen stumm da. Dann raffte sich Michael auf: "Hat darüber nicht das Volk zu entscheiden?"
"Wir stehen unter Druck von außen", erwiderte Groza. "Sie", er zeigte mit dem Daumen in Richtung Moskau, "sagen uns, daß hinter dem Eisernen Vorhang kein Platz für einen König mehr ist. Sie wollen, daß Sie Rumänien verlassen."
Der König beharrte, er habe einen Eid abgelegt, die Nation zu schützen. Da mischte sich der KP-Generalsekretär ein: "Das ist genau der Grund, warum Sie gehen müssen. Solange Sie hier sind, wird es Unruhe geben. Jeder Reaktionär sieht in Ihnen ein Symbol für Widerstand. Und wir wissen, daß Sie mit diesen Leuten, mit Briten und Amerikanern, gegen uns konspiriert haben."
Dann schob Groza dem König ein Dokument hin, das er aus der roten Mappe nahm. Es war die Abdankungserklärung. Michael solle sie sofort unterschreiben. Der Palast war, wie der König aus dem Fenster sah, von schwerbewaffneten Einheiten der Division "Tudor Vladimirescu" und der "Siguranza", der Geheimpolizei, umstellt. Er fragte: "Was ist, wenn ich nicht unterschreibe?"
Groza: "Dann werden Tausende verhaftet werden, vielleicht gibt es Bürgerkrieg. Niemandes Sicherheit, auch Ihre nicht, könnte garantiert werden."
Michael unterschrieb.
Groza aber hatte noch eine Überraschung. Er faßte an die Tasche seiner Jacke und fragte den König: "Was, glauben Sie, habe ich hier?" Dann zog der Premier einen Browning aus der Tasche:
"Ich wollte kein Risiko eingehen. Sie sollten keine Gelegenheit haben, das gleiche mit mir zu tun, was Sie mit dem Marschall Antonescu getan haben."
Im nächsten Heft
Ungarn mißglückt der Absprung von der Achse - Budapest zur Plünderung freigegeben - Die einzigen freien Wahlen im Ostblock - Salamitaktik gegen die bürgerlichen Parteien - Rücktrittserklärung im Austausch gegen einen fünfjährigen Sohn
[Grafiktext]
DEUTSCHES REICH POLEN SOWJET-UNION CSSR Südslowakei: 1938 von Ungarn besetzt Karpato-Ukraine: 1939 von Ungarn besetzt Nordbukowina: 1941 von Rumänien besetzt Südwestukraine: 1941 von Rumänien besetzt ÖSTER-REICH UNGARN Batschka und Vojvodina: 1941 von Ungarn besetzt Nordsiebenbürgen: 1940 von Ungarn besetzt Odessa Bessarabien: 1941 von Rumänien besetzt RUMÄNIEN KROATIEN SERBIEN JUGOSLAWIEN Süddobrudscha: 1940 von Bulgarien besetzt BULGARIEN MONTENEGRO ITALIEN ALBANIEN Ostmazedonien: 1941 von Bulgarien besetzt Westmazedonien und Ostthrazien: 1941 von Bulgarien besetzt GRIECHEN-LAND TÜRKEI DER BALKAN IM KRIEG Staatsgrenzen von heute Grenzen im November 1942
[GrafiktextEnde]
1941 an der russischen Front am Pruth. Botschafter von Killinger erschoß seine Sekretärin und Geliebte Hella Petersen und sich selbst nach dem Einzug der Russen in Bukarest vor einem lebensgroßen Hitlerbild in der Botschaft. 2. v. l.: Außenminister Antonescu. 1943 auf dem Obersalzberg. Rechts vom König die alliierten Generäle Stevenson, Sussaikow und Van Schuyler. Unter Porträts des Premiers Groza und König Michaels. Mit seiner Mutter Helene, US-Botschafter Harriman (l.), Vize-Außenminister Wyschinski (3. v. l.), Briten-Botschafter Clark-Kerr (2. v. r.).
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 37/1984
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DER SPIEGEL 37/1984
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