04.02.1985

FERNSEHENFröhlich wie bei Ikea

Drei Medien-Giganten - Bertelsmann, Springer und Beta-Film - haben sich zusammengetan, um den Deutschen das Kino ins Wohnzimmer zu bringen. *
Die Bilanzen der westdeutschen Kinobesitzer sehen seit drei Jahrzehnten immer düsterer aus, die Leute gehen nicht mehr ins Kino. 1955 besuchten noch 770 Millionen Bundesbürger die Filmtheater, letztes Jahr waren es nur noch 120 Millionen.
Nun sollen die Deutschen auch hier eine Wende erleben: Spätestens ab
Herbst will das Kino zu den Leuten kommen.
Stapel mit Tausenden von Spielfilmen liegen schon bereit - in der Medienstadt München, wo ein freistaatliches Laisser-faire die Branche so recht gedeihen läßt.
Hinter den Stapeln verbergen sich Filmproduzenten von Weltrang und mit klangvollen Namen wie Columbia, Warner und 20th Century-Fox. Das TV-Filmgeschäft in Deutschland aber wollen drei Medienriesen einfädeln, die ihre ohnehin schon erdrückende Marktmacht nun auch noch gebündelt haben: *___der Bertelsmann-Konzern, der sich von Gütersloh aus zur ____weltgrößten Verlagsgruppe entwickelt hat, mit ____modernster Drucktechnik in Europa und den USA, den ____größten Buchklubs und dem international operierenden ____Verlag Gruner + Jahr; *___der Pressekonzern Axel Springer, der Europas größte ____Zeitung ("Bild") und Programmzeitschrift ("Hörzu") ____herausgibt und mit allen seinen Blättern auf fast 20 ____Millionen Auflage kommt; *___der Kaufmann Leo Kirch mit seinen überaus erfolgreichen ____Münchner Film-Handlungen Beta und Taurus, eine Art ____Howard Hughes der europäischen Filmbranche.
Das Trio will, wenn möglich, Deutschlands Wohnzimmer in Miniatur-Kinosäle verwandeln. Per Satellit und Kabel sollen die reichlichen Lichtspiel-Vorräte, flott aufgemischt mit den neuesten Kinohits, unter das Volk gebracht werden. Immer deutlicher zeigt sich, daß die teure neue Medientechnik nicht die von den Christdemokraten versprochene Anbietervielfalt bringt, sondern einen gewaltigen Schub für Konzern-Vereinigungen.
Alljährlich stehen 180 verschiedene Spielfilme auf dem Programm der neuen Anbieter, mit mehreren Ausstrahlungsterminen pro Tag - und das alles natürlich nicht umsonst. Vorgesehen ist eine Abonnementsgebühr von monatlich 25 bis 30 Mark, die zusätzlich zu den obligatorischen Fernseh- und Kabelgebühren fällig wird. Auf mehrere 100 Mark werden schließlich noch die Installationskosten geschätzt, die jeder Fernsehfilm-Kunde bezahlen muß.
Angesichts der "recht hohen Eingangsbelastung" und der durchaus "nennenswerten Dauerbelastung" erwartet Bertelsmann-Vorstandsmitglied Manfred Lahnstein, ehedem Bundesfinanzminister, "selbstverständlich keinen raschen Marktdurchbruch". Insider tippen auf mindestens sechs Jahre.
Bis dahin können die Partner, die sich eine geplante Vertriebsfirma namens "Neue Mediengesellschaft" zu je einem Drittel und die geplante Programmgesellschaft "Tele-Club" mit angloamerikanischen Partnern (bei insgesamt deutscher
51-Prozent-Mehrheit) teilen werden, ihre Medien-Muskeln spielen lassen.
Vor allem die Bertelsmänner, die sich in ihrer Frühzeit durch rabiate Drückermethoden ein Lesering-Imperium mit heute weltweit 16 Millionen Abonnenten erfochten haben, können wertvolle Vertriebserfahrungen einbringen. Zwar wollen sie von den "wilden Gründerjahren" (ein Manager) nicht mehr viel wissen. Aber bei der Abo-Werbung müssen sie aggressiv verkaufen.
Potentielle Konsumenten sollen mit Direct Mailing über alten Film-Glamour und bunten Cineasten-Schnickschnack präpariert und dann auf der "modernen Markenartikelschiene" (so Manfred Harnischfeger, Geschäftsführer der Bertelsmann-Firma Ufa) überrollt werden. Harnischfeger: "Da muß es fröhlich zugehen wie bei Ikea."
Damit die smarten Werber, die demnächst an den Wohnungstüren klingeln, ihren Auftraggebern nicht voll auf der Tasche liegen, planen die Filmverkäufer ein Koppelgeschäft mit der Post: Gegen entsprechende Prozente, die erst noch ausgehandelt werden müssen, wollen die Filmkanal-Arbeiter auch gleich noch Kabelkunden ködern.
Springer wird für den neuen Kanal in seinen Blättern Stimmung machen lassen. Sein Geschäftsführer Wolfgang Müller ist schon jetzt ganz sicher, daß dann das "Pay-TV der Reißer für die Wachstumsentwicklung" werden wird.
Dazu hat Bodo Scriba, Geschäftsführer von Beta und Taurus, der mit seinen Filmvorräten haushalten muß, ein verkaufsträchtiges Konzept entwickelt. Unter viel Ramsch will er immer ein paar Raritäten mengen. "Von den 15 Filmen im Monat sollen zwei oder drei so attraktiv sein", erläutert Scriba seinen Plan, "daß der Fernsehzuschauer erst einmal mietet." Mit Serien und den neuesten Hollywoodfilmen, aber auch Direkteinspielungen von Großereignissen, Fußballspielen und Konzerten, soll den Konsumenten die neue Ware schmackhaft gemacht werden.
Ob sich das Fernsehen in deutschen Wohnzimmern wirklich und endgültig in ein Pantoffelkino verwandelt, wird auch davon abhängen, ob bei jährlich 1500 öffentlich-rechtlichen Spielfilmen, also täglich vier, die Fernsehteilnehmer nicht schon hinreichend bedient sind. In vollverkabelten Ländern wie Belgien sehen sie allerdings fast nichts anderes mehr - "ein kulturelles Desaster", so eine TV-Kommission.
Bertelsmann-Manager Lahnstein gibt sich "zuversichtlich", auch wenn "keine schnelle Rendite zu machen" sei.
Vielleicht auch gar keine. Denn das Bundeskartellamt, das schon bei sehr viel kleineren Medien-Geschäften abweisend reagierte, hat über die neue Münchner Transaktion noch nicht entschieden.

DER SPIEGEL 6/1985
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