04.02.1985

WIRTSHÄUSERHalbscharige Typen

Der Münchner Donisl-Prozeß läuft ab wie ein Stück aus dem königlichbayrischen Amtsgericht. Nach Gaunereien geht es jetzt um Millionenschwindel mit Weißwürsten und Leberkäs. *
Im Sitzungssaal B 277 des Landgerichts München I geht es familiär zu. Justizbeamte ratschen mit den Zuschauern, die nach neun Verhandlungstagen längst zu Stammgästen geworden sind: "Schau her, da hint'' hobt''s an scheena Platz."
Die Wachtmeister kümmern sich um die Garderobe der Journalisten ("Daß eich fei net z''warm weard da herin"), die gerade eintreffende Protokollführerin des Gerichts wird auf die bevorstehende Sitzung eingestimmt: "Griaß di, Spatzerl!", und: "Vui Spaß!"
Locker lief auch das Verfahren ab, das erste von rund 30, die noch anstehen, in denen aufgeklärt werden soll, wie in der Münchner Traditionswirtschaft "Donisl" mit Gästen umgesprungen wurde. Angeklagt war der ehemalige Schankkellner Rudolf Limmer - wegen Raubes, Diebstahls und Hehlerei. Die Richter sahen sich "höchsten Anforderungen" ausgesetzt (Vorsitzender Ferdinand Müller), weil fast alle Zeugen "aus dem Dunstkreis dieser Schwemme" stammten und sich "wie eine Phalanx mit Nichtwissen entlastend vor den Angeklagten" stellten.
Das half dem Limmer Rudi letztlich auch nicht viel. Vorigen Freitag, just zu seinem 41. Geburtstag, verurteilte ihn die Strafkammer zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, weil er "in dem Dreckloch" (so Rudis Bruder Hans) nicht immer sauber gearbeitet hat.
Die Beweiswürdigung fiel den Richtern schwer, weil die Zeugen der Staatsanwaltschaft im Gerichtssaal etwa so auftraten, wie sie der Angeklagte als Kunden des "Donisl" beschrieb: "Ab hoibe elfe is ''s Gschwerl daherkumma."
Da waren der "gschiaglate Willi" und der "Standesbeamte", die "Noagerl-Sonja" und die "fette Ruth", Stammgäste, die laut Limmer regelmäßig "zu 95 Prozent voll" gewesen seien, wie auch andere "halbscharige Typen", "Grattler", "Raben" oder "Leberkas-Zuhälter" (Limmer). Die Ex-Kellnerin Erika ("I bin trinkfest bis fünf Maß") hielt dem Donisl auch noch die Treue, nachdem sie, nach eigenen Angaben, selbst bestohlen worden war - "weil''s doch a gmüatliche Wirtschaft war", und: "''s Prinzenpaar is ja aa neiganga."
Andere Zeugen kamen direkt aus der Untersuchungshaft und gaben sich verschlossen: "Mei, da ist sovui gredt worn, aba nix Genaues woaß ma net." Der Zeuge Paul, seit fünf Jahren entmündigt und Trinker, wurde aus einer Nervenheilanstalt zwangsvorgeführt. Den obdachlosen Josef, genannt der "einarmige Sepp", hatte die Kripo zur polizeilichen Vernehmung auf einer Parkbank aufgestöbert. Noch vor Gericht glaubte er, ihn hätte sich Münchens pennerfeindlicher Kreisverwaltungsreferent Peter Gauweiler persönlich geschnappt.
Der erste Donisl-Prozeß bekam "allmählich Schmierencharakter" ("Süddeutsche Zeitung"), denn zu den Hauptanklagepunkten - bandenmäßig organisierter Diebstahl unter Limmers Regie, Beraubung schlafender Gäste nach Anwendung sogenannter K.o.-Tropfen - konnten oder wollten die Zeugen wenig sagen. "Erst wissen Sie gar nichts", stöhnte Richter Müller, "dann wissen Sie nur kurz was, dann wieder gar nichts."
Daß Kellner Rudi eine Truppe von 15 bis 20 "Ziagern" kommandiert haben soll, blieb unbewiesen, auch wenn vereinzelt "gezogen" wurde und er einmal beim Auftauchen eines Kripo-Fahnders ausgerufen haben soll: "Heit werd net zogn, die Schmier is da!" Das habe er, so der pfiffige Angeklagte, doch "nur aus Spaß" gesagt.
Und die ominösen K.o.-Tropfen, zu denen ein rechtsmedizinischer Gutachter lediglich eine theoretische Expertise ("möglich und denkbar ist es") liefern konnte, weil ihm jedwede Materialprobe oder Patientenbeobachtung fehlte, vermochten Limmer nicht zu erschüttern: Wenn er wirklich mal mit einem Fläschchen gesehen wurde, in dem sich laut Anklage ein "Betäubungsmittel unbekannter Konsistenz" befand, dann war es, will Limmer weismachen, entweder das "Haarausfallmittel eines Kollegen" oder Tabasco-Pfeffersauce, mit der er "Tiefschläfer und Superschläfer aufgeweckt" habe.
So blieben am Ende des ersten Donisl-Verfahrens, das sich ausnahm wie ein Stück vom königlich-bayrischen Amtsgericht, von ursprünglich 16 Anklagepunkten nur noch zwei Diebstähle, eine Hehlerei _(Am 23. Mai 1984 bei der Schließung durch ) _(die Polizei. )
und ein Betrug übrig. Doch nach den Gaunereien in der Schwemme und dem Tabasco-Theater ist die Donisl-Affäre noch lange nicht ausgestanden. Es folgen mehr als zwei Dutzend Verfahren gegen Kellner und andere "Ziager", und vom Dienstag dieser Woche an geht''s auch um härtere Sachen: Angeklagt sind der ehemalige Donisl-Geschäftsführer Engelbert Mayrhofer, 54, und die frühere Buffetfrau Margot Gärtner, 46, die sich durch fortgesetzte Untreue zu Lasten der Donisl-Pächterin Paula Baader rund 1,5 Millionen Mark ergaunert haben sollen.
Mit einem simplen Trick: Sie überließen dem eingeweihten Bedienungspersonal Weißwürste und Leberkäs ohne Bonierung oder zum halben "Personaltarif", diese kassierten bei der Kundschaft jedoch den vollen Speisekarten-Preis, der schließlich wiederum entweder gar nicht oder nur zur Hälfte rückboniert wurde.
Das Angeklagtenpaar zeigte sich weitgehend geständig. Allerdings behaupten beide zu ihrem Schutz, sie seien zu dem Millionenschwindel mit Weißwürsten und Leberkäs von der Donisl-Pächterin angestiftet worden.
Wie auch immer, die ramponierte "Reale Bierwirtschaft zu alten Hauptwache" am Münchner Marienplatz hat schon wieder einen neuen Pächter: Toni Gartner aus Otterfing will das Donisl im Mai eröffnen und "wieder eine gute, solide Gaststätte" daraus machen. Das Risiko kennt er: Gartner war eifriger Beobachter im ersten Donisl-Prozeß.
[Grafiktext]
Donisl-Deutsch Gschwerl - Pack, Gesindel gschiaglat - schielend Noagerl - Rest, Neige Grattler - Vagabund Ziager - Taschendieb Schmier - Polizei
[GrafiktextEnde]
Am 23. Mai 1984 bei der Schließung durch die Polizei.

DER SPIEGEL 6/1985
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