01.04.1985

OLYMPIAWirklich tot

Die Olympia-Organisation in Los Angeles erwirtschaftete einen Rekordgewinn. Aber an die Gastmannschaften wollen die Kalifornier keinen Cent zurückvergüten. *
Ob der Gewinn 230 Millionen Dollar beträgt oder an 250 Millionen heranreichen wird, weiß beim Olympischen Organisations-Komitee (LAOOC) in Los Angeles keiner. Die Summe schwillt noch an: Jeden Monat kommen zwei Millionen Dollar Zinsen hinzu.
Doch die geizigen Olympia-Macher aus den USA denken überhaupt nicht daran, den Überschuß mit anderen Nationen zu teilen. Berthold Beitz, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), kritisierte: "Unfreundlich" und "eine schlechte Propaganda für die Olympische Idee" nannte er die Haltung der Amerikaner.
IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch bat vergebens, den Gastmannschaften Kosten zurückzuerstatten. Einige Länder hatten zusätzliche Belastungen auf sich genommen, damit nach dem Ostblock-Boykott überhaupt alle Wettbewerbe stattfinden konnten. "Ist denn vergessen", fragte Beitz, "daß einige Mannschaftswettbewerbe erst durch Nachmeldungen möglich wurden?" Die Bundesrepublik sprang etwa in den Sportarten Fußball, Handball und Volleyball ein.
Die Nationalen Olympischen Komitees mußten für jeden Athleten täglich 35 Dollar berappen. Unter dem Strich summierten sich Kosten für alle von knapp sieben Millionen Dollar, noch nicht einmal drei Prozent vom Überschuß oder dreieinhalb Monate Zinsen vom Olympia-Kapital. Aber die Idee einer Rückvergütung sei "wirklich tot", versicherte Ed Smith, amtierender Vizepräsident des LAOOC. Also bleibe alles Geld im Lande, faßte ein Kritiker nach. Smith: "Sie haben's kapiert."
Als 1978 eine Olympiastadt für 1984 zu wählen war, stand die Sportwelt noch unter dem Schock des finanziellen Debakels der Olympia-Organisatoren von Montreal 1976. Dort waren dilettantische Planer unter Zeitdruck geraten. Auf Montreal lasteten 995 Millionen Dollar Schulden.
Los Angeles war einziger Kandidat für 1984 und diktierte die Bedingungen. Mit einem Haushalt von ursprünglich 385 Millionen Dollar und Sponsorenhilfe wollten die Kalifornier Olympia erstmals privatwirtschaftlich und ohne Steuerzuschüsse ausrichten. Im IOC hatte niemand daran gedacht, über den Anteil an den TV-Lizenzgebühren hinaus eine Beteiligung am eventuellen Überschuß vertraglich zu verankern.
Wie knallharte Unternehmer stellten die LAOOC-Manager einen Sparhaushalt auf. Anders als die Amateure bei den Winterspielen 1980 in Lake Placid, die zwei Millionen Dollar Gewinn errechnet und dann acht Millionen Dollar Verlust gemacht hatten, nutzten die Macher in Los Angeles alle kalkulatorischen Tricks: Die Einnahmen setzten sie zu tief an, die Ausgaben zu hoch.
Aus dem Kartenverkauf erwarteten die Planer zwar 135 Millionen Dollar; sie veröffentlichen aber nur 90 Millionen
als voraussichtliches Ergebnis. Tatsächlich ergab die Abrechnung sogar 151 Millionen Dollar. Das Münzprogramm brachte, statt wie offiziell vorgegeben 16 Millionen, in Wirklichkeit 29 Millionen Dollar ein. Bei den Verpflegungskosten hingegen blieben die Ausgaben um vier Millionen Dollar (25 Prozent) unter dem Ansatz von Anfang 1984.
Nach dem Ostblock-Boykott stellten die Organisatoren zudem 70 Millionen Dollar als Reserve zurück: Soviel hätte der TV-Konzern ABC einbehalten können. Doch die Einschaltquoten erreichten Rekordhöhe; ABC zahlte ohne Abzug. Überdies bildete das LAOOC eine stille Reserve von 64 Millionen Dollar für unvorhergesehene Ausgaben. Aber "alles lief gut", bestätigte Smith, es gab "keinerlei unerwartete Kosten".
Das LAOOC gilt als gemeinnütziges Unternehmen, das Gewinne an andere, gemeinnützige Organisationen abgeben muß. Tut es das nicht, hat es Steuern zu zahlen. Doch der Kuchen ist schon verteilt, für ausländische Mannschaften bleibt kein Krümel übrig.
Vergebens warnte LAOOC-Präsident Peter Ueberroth, es schade Amerika "vor der Weltmeinung", wenn die Aufenthaltskosten der Olympiateilnehmer nicht aus dem Überschuß ersetzt würden. "Der Erfolg der Spiele", gab er zu bedenken, war "nicht unser, sondern der Erfolg der ganzen Welt".
Nicht einmal ihre freiwilligen Helfer beteiligten die Olympia-Gewinnler. 72 000 hatten während der Spiele mitgearbeitet, von denen nur etwa 8000 voll bezahlt wurden. "Einige gaben ihren Job auf", lobte Smith, um dabeizusein. Aber, so der Olympiamacher, nur "ein paar Freiwillige erhielten 500 Dollar". Ueberroth kassierte indessen einen Bonus von 475 000 Dollar, sein Vize Harry Usher 350 000 Dollar.
Das IOC hat von den Profis in Los Angeles gelernt. Künftige Verträge sollen die Olympiastädte binden, aus anfallenden Überschüssen den Gastmannschaften ihre Aufenthaltskosten zu erstatten. Ob auch Verluste übernommen werden müssen, davon sprach keiner.

DER SPIEGEL 14/1985
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