12.11.1984

OLYMPIAMorgens mehr

Nach dem Olympia-Boykott von Los Angeles arbeitet die Sowjet-Union nun gegen die Spiele 1988 in Seoul. Doch Opposition regt sich sogar im eigenen Lager. *
Seoul gibt Stunk", schwante Thomas Keller, dem Schweizer Präsidenten des Weltruderverbandes, am letzten Oktobertag. "Schon in den nächsten Tagen."
Sein Instinkt trog nicht. Fast um dieselbe Zeit druckten Rotationsmaschinen in Moskau schon die Zeitung "Sowjetski sport" an. Darin forderte der Staatstrainer der Ringer, Iwan Jarygin, Südkorea die Spiele von 1988 zu entziehen. "Es ist nicht zu spät."
Etwas später verlangte in der "Iswestija" Handball-Nationaltrainer Anatolij Jewtuschenko "einen entscheidenden Schritt in Richtung Europa" - weg von Seoul. "Kann Olympia in einem Land stattfinden, in dem eine Diktatur herrscht", fragte das Regierungsblatt im Lande der Diktatur des Proletariats.
Dann schaltete sich der Chef in die fließende Kombination ein, Marat Gramow, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK): "Die ganze Welt ist darüber besorgt, was gegenwärtig passiert", unterstellte er in Mexico City vor der Tagung der NOKs. "Viele Verletzungen der Olympischen Charta" seien zu beklagen.
Nach dem Boykott der Afrikaner (1976), der USA und einiger westlicher Verbündeter (1980) sowie des Ostblocks in Los Angeles, fruchtlos allesamt, haben die sowjetischen Sportführer ein neues Boykottspiel angepfiffen.
Doch außerhalb der Sowjet-Union fing nur ein einflußreicher Funktionär den Ball auf. Der italienische NOK-Präsident Franco Carraro empfahl, der Boykottgefahr vorzubeugen und die Spiele 1988 nicht in Seoul auszutragen. Unverzüglich pries das hochverschuldete Jugoslawien seine Hauptstadt Belgrad als Ersatz an. "Alles Folklore", ließ IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch dazu verlauten.
Noch niemals, seit sie sich 1951 der Olympischen Bewegung angeschlossen hatte, stand die Sowjet-Union so allein im olympischen Abseits.
Sogar im eigenen Lager regte sich Kritik. Beim Treffen der Ostblock-Sportführer im Oktober in Prag tönten zwar die Pflichtsprüche von "sportfeindlichen Bemühungen imperialistischer Kreise".
Aber DDR-Sportchef Manfred Ewald bekundete, Einigkeit herrsche darüber, Olympische Spiele als sportlichen Höhepunkt auch in Zukunft zu erhalten. Der fehlgeschlagene Los-Angeles-Boykott hat das Vertrauen in die sowjetische Sportführung erschüttert. DDR-Sportler und Funktionäre sprechen offen aus, daß sie einen wesentlichen Boykottgrund in der drohenden Niederlage des Sowjet-Kollektivs gegen ihre Mannschaft sehen.
Ostblock-Athleten fordern Klarheit, ob sie sich auf olympische Ziele vorbereiten oder unbedeutende Ersatzspiele. Ein abermaliger Boykott würde eine ganze Sportlergeneration ihrer Olympia-Chance und Motivation berauben. Dem auf Olympia ausgerichteten Leistungssport im Ostblock fehlte dann der vordringliche Daseinszweck.
Weltmeisterschaften im Schießen und im Frauen-Basketball in Seoul hatte der Ostblock noch geschlossen boykottiert. Doch zur Eröffnung des Olympiastadions im September erschienen in der südkoreanischen Hauptstadt neben dem rumänischen IOC-Vizepräsidenten Alexandru Siperco das ungarische IOC-Mitglied Pal Schmitt und der DDR-Judofunktionär Heinz Kempa.
Außerdem nahm eine chinesische Mannschaft teil. Schon in Los Angeles hatte der Reiz des chinesischen Olympia-Debuts die Abwesenheit der Sowjets vergessen lassen. Die Chinesen lassen bereits jetzt keine Zweifel daran, daß sie in Seoul antreten werden. "Sport ist die friedlichste Lösung bei der Völkerverständigung", erklärte der Pressesprecher des chinesischen NOK, Wu Zhongyuan.
So verfing sich der sowjetische Sport in einer tückischen Falle: Nehmen UdSSR-Athleten teil, obwohl ihr Land Südkorea diplomatisch ignoriert, kämpfen sie, vor allem nach dem Abschuß des koreanischen Jumbos 1983, in einer frostigen Umgebung.
Ein abermaliger Boykott könnte zudem zur Meuterei im eigenen Lager führen. Ungarn und die DDR hatten sich lange gegen einen Los-Angeles-Boykott gesträubt. Der Zumutung eines neuerlichen Verzichts würden sie allenfalls auf unverhüllten Druck nachgeben, sickerte aus Prag durch. Zusammen mit 35 anderen Ländern der Region sicherte Kuba seine Teilnahme in Seoul schon jetzt zu.
"Nur eine Weltkatastrophe kann die Austragung der Spiele in vier Jahren in Südkorea verhindern", erklärte IOC-Präsident Samaranch. Nach der Wahl Seouls beim Olympischen Kongreß 1981 in Baden-Baden schloß das IOC bindende Verträge mit den Veranstaltern. Seoul kann Schadenersatz einklagen, falls das IOC umfiele.
Doch in einem Punkt trifft die sowjetische Kritik ins Schwarze: Der US-TV-Konzern ABC bietet 750 Millionen Dollar Lizenzgebühren für die Übertragungsrechte - falls die wichtigsten Entscheidungen nach Ortszeit Seoul frühmorgens fallen. Bei 14 Stunden Zeitunterschied könnte Amerika die Spiele dann am voraufgehenden Abend konsumieren. Sollten die betroffenen Verbände (Basketball, Boxen, Leichtathletik, Fußball, Schwimmen, Turnen) Frühstücksspiele zulasten ihrer Athleten ablehnen, wäre ABC die Lizenz nur noch 250 Millionen Dollar wert.
Noch nicht endgültig entschieden ist sogar, ob die Athleten alle Olympia-Wettkämpfe in Südkorea austragen werden: In diskreten Gesprächen tasten Süd- und Nordkoreaner ab, ob doch eine gemeinsame Mannschaft starten kann. Ein Kompromißvorschlag läuft darauf hinaus, einige Wettkämpfe nach Nordkorea abzugeben.

DER SPIEGEL 46/1984
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