17.09.1984

Weiße Kreuze, schwarze Kreuze

SPIEGEL-Redakteur Romain Leick über Kohls Verdun-Visite _____“ Alle kamen nach Verdun, als sollten sie dort ich weiß „ _____“ nicht welche Weihe empfangen. Der französische Dichter „ _____“ Paul Valery „ *
Schreinermeister Alfred Valazza ist seit 14 Jahren Dorfvorsteher in Consenvoye an der Straße von Verdun nach Sedan. Das ist ein ruhiger Job, der Ort hat nur 300 Einwohner, meist Bauern und kleine Handwerker. Aber am Samstag dieser Woche wird Valazza etwas erleben, was er schon seit Wochen als "glücklichen Höhepunkt" seiner Bürgermeister-Karriere empfindet. Exakt um 16.30 Uhr sollen dann nämlich, von Metz mit dem Hubschrauber kommend, der Präsident der Französischen Republik und der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland auf der Straße am Dorfeingang landen. Am deutschen Soldaten-Friedhof, der dort liegt, wird Valazza mit dem Präfekten auf den hohen Besuch warten und Francois Mitterrand und Helmut Kohl schweigend begrüßen. Eine Ansprache darf er, wofür er dankbar ist, nicht halten. Ergriffenheit ist das Gebot der Stunde.
Allein werden dann der Kanzler und der Präsident den von Gärtnern extra zweifach gemähten Rasen zwischen den schwarzen Kreuzen hinaufschreiten und oben an den Grabplatten Blumen niederlegen. Sieben Minuten werde es dauern, länger bestimmt nicht, hat man Valazza gesagt, "und wir müssen alle ganz still sein, niemand darf ein Wort sagen, um die Andacht nicht zu stören". Damit der Auftritt auch photogen wirkt, muß ein Mauerstück herausgebrochen werden - Staatsoberhäupter können offenbar nicht ordinäre Friedhofswege im Zickzack begehen.
Die stumme Theatralik, die Mitterrand als Stilmittel für seinen Auftritt mit Helmut Kohl auf dem ehemaligen Schlachtfeld von Verdun ausgewählt hat, mutet zunächst übertrieben an: Schließlich finden sich die ehemaligen Erbfeinde schon seit Jahrzehnten auf Veteranentreffen bei Verdun in andächtiger Versöhnung zusammen.
Die Touristen-Führer, die in den beiden legendären Forts von Douaumont und Vaux die Massen der Schlachtenbummler durch die schaurigen Katakomben geleiten, lassen schon lange an keiner Stelle ihres Vortrags mehr auch nur ein böses Wort gegen die Deutschen fallen. Die sind jetzt Kunden.
Dennoch ist die Einladung Mitterrands nach Verdun für den deutschen Kanzler eine einmalige Auszeichnung. Noch 1966 hatte Charles de Gaulle, als er in der alten Festungsstadt die 50-Jahr-Feier zur Erinnerung an die große Schlacht inszenierte, weder Deutsche, Briten oder Amerikaner dazugebeten.
Der Präsident und seine Nation wollten allein sein beim Gedenken an einen
der glorreichsten Siege ihrer Geschichte.
Und auch wenn an den Denkmälern und in den Museen nirgendwo mehr Kriegsschuld verteilt wird, auch wenn das massenhafte Sterben der Deutschen und Franzosen scheinbar unparteiisch dokumentiert wird - die Unterscheidung zwischen Guten und Bösen, Gerechten und Ungerechten bleibt überall sichtbar.
Den französischen Gefallenen bleiben weiße Grabkreuze vorbehalten. Auf dem Nationalfriedhof von Douaumont, wo 15 000 stehen, wächst vor jedem einzelnen ein Rosenstock, unter jedem Namen steht die Inschrift "Mort pour la France".
Die deutschen Kreuze dagegen sind schwarz. So bestimmte es eigens eine Klausel im Versailler Vertrag. Die düstere Farbe sollte auch für die Gefallenen noch ein Zeichen der Schmach sein. Im Tod waren keineswegs alle gleich.
Hier, wo 1916 pro Quadratkilometer 1000 Soldaten fielen, war es nicht einfach, die Toten zu identifizieren. Die französischen Behörden haben nach Kriegsende trotzdem versucht, auch in den Massengräbern deutsche und französische Tote zu trennen: Unbekannte Deutsche wurden in großen Haufen verscharrt, mutmaßlich französische Knochen kamen ins sogenannte "Beinhaus", ein Denkmal von gigantischen Ausmaßen. Über ein langgestrecktes Gewölbe erhebt sich ein Turm in Form einer Granate.
In 52 Gruften unter dem Gewölbe liegen, für den Besucher durch kleine Glasscheiben sichtbar gemacht, die Knochen und Schädel von angeblich 130 000 unbekannten Franzosen. Dreimal täglich läutet die Glocke über dem Schlachtfeld, nachts strahlen Scheinwerfer von der Spitze des Turmes herab die Farben der Trikolore auf die Wälder ringsum.
Das melancholische Verdun-Pathos der Franzosen, das sich bis heute ungebrochen gehalten hat, ist verständlich. Verdun 1916 - das war ihre Schlacht und ihr Sieg. Kein einziger Alliierter kämpfte dort mit. Verdun, so sah es der Dichter Paul Valery, war "eine Art Duell vor den Augen der ganzen Welt, ein seltsamer und beinahe symbolischer Kampf auf einem Turnierplatz".
Es war zugleich der Kopfsturz Europas in die unvorhergesehenen Widerlichkeiten des modernen Massenmordes, genannt "Abnutzungskrieg". Die vielbeschworene Würde der Opfer wurde erst später entdeckt.
Dem deutschen Generalstabschef Erich von Falkenhayn kam es nicht so sehr auf den Fall von Verdun an. Er plante den Angriff vielmehr als "Probe auf die moralische Durchhaltekraft des Gegners" (so der Verdun-Chronist German Werth), dem an diesem Angelpunkt seines Verteidigungssystems die Lust zum Weitermachen verleidet werden sollte.
Falkenhayn wollte den Gegner "verbluten" lassen. Aber trotz der 1200 Geschütze, die am 21. Februar 1916 um 8.15 Uhr das Feuer eröffneten, bluteten die Deutschen ebenso wie die Franzosen. Der Kampf der Verteidiger von
Verdun richtete ganz Frankreich moralisch auf.
Auf die nationale Verdun-Tradition ist Mitterrand nicht weniger bedacht als einst Charles de Gaulle. So gesehen, ist die Einladung an den deutschen Kanzler auf das Schlachtfeld fast sensationell.
Kohl verdankt die Ehre dem Schuldgefühl seines Partners in Paris. Als die Alliierten des Zweiten Weltkrieges im Juni die Erinnerungen an die erfolgreiche Landung in der Normandie feierten, wurde der Bonner Regierungschef, obwohl er sich dezent um eine Einladung bemüht hatte, nicht dazugebeten. Die Sieger blieben unter sich. Kohls Ausschluß war den Franzosen peinlicher als dem Deutschen. Deshalb gewährt Mitterrand dem Kanzler jetzt die höchste symbolische Entschädigung, die er an einen Deutschen zu vergeben hat.
Der Mythos von Verdun scheint auch fast 70 Jahre nach der Schlacht nicht verflogen: Jahr für Jahr kommen an die 500 000 Gäste in die Stadt. "Reklamefahrten in die Hölle", höhnte der Wiener Satiriker Karl Kraus über den Grusel-Tourismus schon wenige Jahre nach Kriegsende.
Obwohl die Zahl der Veteranen rapide schrumpft - die jüngsten sind 86, in Frankreich gibt es nur noch 100 000 alte Verdun-Kämpfer, in Deutschland noch ein paar tausend -, nimmt die Besucherzahl nicht ab.
Bürgermeister Jacques Barat-Dupont registriert das ungebrochene Interesse mit Genugtuung. Schließlich lebt die Stadt nicht nur mit den Toten, sie lebt auch von ihnen.
Die Fremdenführer verkünden faszinierten Touristen die Superlative des Grauens: Eine Granate pro Quadratzentimeter! Zehn Tote pro Quadratmeter! Neun Dörfer von der Landkarte verschwunden! Auf Schildern und Hinweistafeln werden die Besucher nicht einfach Besucher genannt, sondern mit "Liebe Pilger" angeredet.
Aber wohin pilgert man da? Zu den Toten? Zum Helden-Gedenken? Zu einer Demonstration gegen die Absurdität des Krieges? Gewiß - doch am meisten lockt wohl der ferne Schlachten-Schrecken. Zwar sind Elend des Grabenkrieges und das Massensterben der Soldaten noch nahe genug, um nicht abstrakte Geschichte zu sein, andererseits aber auch entlegen genug, um in gefühliger Dosierung ertragen werden zu können.
Doch so unverkennbar das Bestreben ist, die Besucher von heute mit dem Schrecken von früher zu fesseln, so deutlich ist auch der Wandel in der Selbstdarstellung von Verdun. Nirgendwo werden die Schlacht und der Abwehrkampf gegen die Deutschen verherrlicht.
Die Führer berichten heute ohne Schnörkel von Begebenheiten, die man früher als Heldentaten gerühmt hätte. Inzwischen ließen noch nicht einmal die ganz Alten solche Vokabeln durchgehen.
Manche Franzosen genieren sich gar einiger Denkmäler mitsamt ihres überholten, sechs Jahrzehnte alten Pathos. Dazu gehört vor allem der legendäre "Bajonettgraben" ("La Tranchee des Baionnettes"), eines der ersten Denkmäler, die nach Kriegsende der Öffentlichkeit übergeben wurden.
Ein amerikanischer Bankier, George T. Rand, hatte 1920 den Bau finanziert: Eine kolossale Betondecke auf Stummelsäulen schützt einen Graben, in dem Soldaten des 137. Infanterieregiments durch deutsche Artillerieeinschläge angeblich lebendig verschüttet wurden. Nur die Bajonettspitzen der aufrecht erstickten Soldaten, so die Sage, hätten noch aus dem Boden herausgeragt.
Von den Bajonetten ist nichts mehr zu sehen. Weil sie immer wieder von Souvenirjägern entwendet wurden, waren es die Franzosen am Ende leid, ständig neue Seitengewehre in die Erde zu stecken. Von den Schlachtfeld-Führern will sich keiner mehr für die Legende des "Bajonettgrabens" verbürgen: Das Denkmal, so die Erklärung, sei "ein Symbol, sonst nichts".
Auch die Verlustzahlen werden nicht mehr so gigantisch übertrieben, seit die Historiker vorsichtiger schätzen: Statt von 700 000 und noch mehr Toten gehen die Experten heute von 120 000 bis 130 000 Soldaten aus, die in den zehn Monaten der Schlacht von Februar bis Dezember 1916 auf beiden Seiten fielen.
Einen stärkeren Eindruck als Mahnmale und Kriegsgräber hinterläßt der Anblick der Erde um Verdun. Ende der zwanziger Jahre hatten die Franzosen begonnen, den umgewühlten Boden aufzuforsten. Als Ackerland war er nicht mehr zu verwenden, weil die Giftgasgeschosse ihn verseucht hatten. In manchen Mulden und Senken wächst erst seit zehn Jahren wieder etwas Gras.
Und selbst der Wald, der jetzt überall dicht wuchert, kann die Spuren des Artilleriefeuers noch immer nicht verbergen: Der Boden ist übersät mit Granattrichtern, 13 000 Hektar weit.
Wegen der unzähligen Blindgänger zögern die französischen Behörden noch, Präsident Mitterrand und Kanzler Kohl am Samstag einen Baum beim alten Befestigungswerk Thiaumont pflanzen zu lassen. Damit die beiden Staatsmänner nicht einen Spatenstich an der falschen Stelle tun, inspizierten Sprengstoffspezialisten der französischen Armee letzte Woche das Terrain.
Verdun selbst wird Kohl nicht betreten. Zum Ärger von Bürgermeister Jacques Barat-Dupont, der sich von der Visite Prestige und Publicity versprach, sparten die Planer in Paris die Besichtigung der Stadt aus. Der Bürgermeister, der kein Sozialist ist, vermutet darin eine Ranküne aus Paris, zumindest aber eine grobe Unhöflichkeit. Zu gerne hätte er Kohls Namen im Goldenen Buch der Stadt gehabt, das seit 1966 "Friedensbuch" heißt und in das sich als erster Charles de Gaulle eintrug.
Doch die Wahrheit ist einfacher. Mitterrand, der große Symbolist, geht mit Kohl nur bis dorthin, wohin 1916 auch deutsche Truppen vordrangen - nach Consenvoye, Douaumont und Fleury.
Nach Verdun kamen sie nicht.
Alle kamen nach Verdun, als sollten sie dort ich weiß nicht welche
Weihe empfangen. Der französische Dichter Paul Valery
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 38/1984
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