17.09.1984

„Wir werden hingerichtet“

Eine ehemalige Gefangene über Chomeinis Folter-Regime / Von Colin Smith _(The Observer ) *
Jedesmal wenn "Elizabeth" - diesen Namen hatten ihre Gefängniswärter ihr gegeben - ein besonders schreckliches Erlebnis erinnerte, zog sie an ihrer Zigarette, oder sie starrte auf die Tätowierung am Hals eines Punker-Mädchens, das am Tisch gegenüber saß: Für Elizabeth war das so absolut "westliche" Mädchen wohl der beste Beweis dafür, daß sie ihre Heimat Iran, das Gefängnis in Teheran tatsächlich verlassen hatte, daß sie in Westeuropa angekommen war. Zusammen mit anderen Häftlingen war Elizabeth von einer merkwürdigen Gestalt, einem buckeligen Gnom, der immer wieder in ein verrücktes, hysterisches Lachen ausbrach, vor Monaten aus dem Evin-Zuchthaus geführt worden. Der Mann hatte ihnen versprochen, daß er sie freilassen würde. So gingen im Gänsemarsch lauter Frauen, die meisten von ihnen noch jung, in die versprochene Freiheit. Ihre Augen hatte man nur lose verbunden, und sie alle beherrschten den Trick, die Gesichtsmuskeln zu bewegen, die Nase zu verziehen, um ein bißchen sehen zu können, wenn sie den Kopf nach hinten neigten.
Der Gnom rief ihnen zu: "Schreit 'Tod den Mudschahidin'."
"Soll ich das tun?" fragte sich Elizabeth. Sie war zwar keine von den Mudschahidin, sie hegte aber auch keinerlei Sympathien für den Ajatollah Chomeini. Jemand in den hinteren Reihen begann, die Parole zu rufen. Sobald sie das erste Stichwort vernahmen, fielen einige andere in den Verfluchungschor ein. Die übrigen stimmten gellendes Geschrei an, das den Rhythmus der Parole wiedergab, nicht aber die Worte.
So marschierten sie, bis der Gnom befahl, stehenzubleiben. Sie durften ihre Augenbinden abnehmen. Elizabeth starrte auf einen Galgen, an dem fünf gehenkte Männer mit heraushängender Zunge sich langsam im Winde drehten. Auf ihrer Brust verkündeten Plakate die Verbrechen, die sie angeblich gegen Gott begangen hatten.
Der Gnom ordnete an, die Augenbinden wieder anzulegen. Dann wurden die Frauen ins Gefängnis zurückgeführt.
Schon bald nach ihrer ursprünglichen Einlieferung in das Evin-Gefängnis wurde sie Elizabeth genannt. Für die Revolutionswächter war sie ebenso ausländisch wie der Name, den sie ihr anhängten - eine "Taghuti", eine im Westen erzogene Iranerin der Oberschicht, eine jener Unpersonen also, die anscheinend kaum richtig Persisch konnten.
Nach über sechsmonatiger Haft wurde sie aus dem Evin-Gefängnis entlassen. Ihre Haftzeit fiel mit der blutigsten Periode des Machtkampfes zwischen dem theokratischen Regime und den linksgerichteten Mudschahidin zusammen. Es war die Zeit der bewaffneten Straßendemonstrationen gegen die Revolutionswächter und der gezielten Attentate auf die Hierarchie. Am Ende erwies sich das Regime als der bessere Terrorist.
Revolutionswächter nahmen Elizabeth fest, als sie in Teheran eine Straßendemonstration beobachtete. Sie verbrachte vier Tage im Hauptquartier eines "komiteh", bevor man sie ins Evin-Gefängnis sperrte. Schon im Hauptquartier wurden einige Gefangene zusammengeschlagen, darunter eine temperamentvolle, mutige junge Frau namens Schirin, die unter einer Bettdecke einen Stift fand, mit dem sie prompt "Tod Chomeini" an eine Wand schrieb.
Elizabeth selbst wurde nie in dem Hauptquartier gefoltert und auch nicht dem demütigenden Terror einer Scheinexekution ausgesetzt. Nur einmal begann ein Vernehmungsbeamter sie zu schlagen. Ihm wurde jedoch sofort von einem anderen Mann Einhalt geboten, der ihm erklärte, so behandle man eine gebildete Frau nicht. Zu diesem Zeitpunkt, erinnert sich Elizabeth, habe sie sich noch nicht gefürchtet. Angst überfiel sie erst im Evin-Gefängnis.
Dorthin wurde sie, zusammen mit 70 anderen Häftlingen, in einem fensterlosen Bus mit Holzbänken gebracht. Als sie ausstieg, erkannte Elizabeth das Evin-Gefängnis sofort: ein Gebäude aus gelblichem Backstein und Stahlbeton, das die Schah-Regierung zwischen Hügeln am nordwestlichen Rand der Hauptstadt errichtet hatte. Ursprünglich sollte es 2000 Gefangene aufnehmen - in Zellenblocks, die in konzentrischen Kreisen angeordnet waren. Nach Schätzungen von Amnesty International aber sind dort im Schnitt ungefähr 6000 Häftlinge untergebracht.
Elizabeth betrat das Gefängnis etwa um 8.30 Uhr. Abgesehen von jenem Moment, in dem sie auf Befehl des Gnoms den Galgen anstarrte, blieben ihr fast zehn Stunden lang die Augen verbunden. In dieser Zeit hörte sie die Schreie der Menschen, die in den Zellen geprügelt und gefoltert wurden. Einige Schreie klangen so unmenschlich, daß sie Elizabeth an jenes Heulen von Wölfen erinnerten, das sie zuweilen auf Skiausflügen mit ihren Eltern im Elbrus-Gebirge gehört hatte. Es kam ihr vor, als würden wilde Tiere auf Menschen gehetzt.
Gegen 18 Uhr fragte ein Wächter sie, warum sie zittere. Elizabeth sagte, sie habe Angst. Der Wächter führte sie aus der Empfangshalle in einen Raum, in dem sie die Frauen stöhnen und seufzen hörte. Eine Frauenstimme sagte ihr, sie könne jetzt ihre Augenbinde abnehmen. Als Elizabeth wieder sehen konnte, erlitt sie einen Schock.
Es war der Anblick der Füße. Elizabeth hatte noch nie so große Füße gesehen. Die meisten waren in blutige Bandagen gewickelt und auf das Doppelte ihrer normalen Größe angeschwollen. Für Elizabeth war dies die erste Begegnung mit Opfern der üblichsten Form der Folter, die im Evin-Gefängnis angewandt wurde: die Bastonade, das Auspeitschen der Fußsohlen, das jeden Nerv des Körpers zu durchdringen scheint.
In dem ungefähr 4,50 Meter mal neun Meter großen Zimmer saßen und standen etwa 80 Frauen unter hohen Fenstern mit Holzläden. Außer Elizabeth und zwei Mitgefangenen, darunter eine in Tränen aufgelöste Frau mittleren Alters, die angeblich ihren eigenen Sohn verraten hatte, waren alle brutal geschlagen worden. Einige konnten kaum noch gehen. Elizabeth hörte, wie eine der Frauen eine vorbeigehende Aufseherin bat: "Schwester, helfen Sie mir bitte zur Toilette?"
"Willkommen im Hotel Evin", sagte die Wärterin und ging weiter. Über 40 der Frauen waren, nachdem "Geständnisse" aus ihnen herausgeprügelt waren, zum Tode verurteilt worden. Sie bereiteten sich jetzt auf ihre Hinrichtung durch das Erschießungskommando vor. Zu diesem Zweck hatten sie Filzschreiber mit der Anweisung erhalten, ihren Namen auf die rechte Hand und das linke Bein zu schreiben, damit ihre Leichen hinterher identifiziert werden konnten. Die Gnadenschüsse in den Kopf nämlich entstellten die Gesichter oft bis zur Unkenntlichkeit. Elizabeth hörte, wie einige der Männer in einem nahegelegenen, oberen Raum sangen. Zunächst konnte sie die Worte nicht verstehen, dann aber begriff sie, daß es das persische Hochzeitslied war.
"In dieser Nacht wird sich unser größter Wunsch erfüllen", sangen die Männer. Ein Wächter brüllte sie an, den Mund zu halten. Eine Stimme antwortete: "Warum sollten wir? Was könnt ihr uns schon noch antun? Wir werden hingerichtet!"
Die Revolutionswächter exekutieren nicht im Morgengrauen, sondern in der Abenddämmerung. Später erfuhr Elizabeth, daß an jenem Abend 150 Gefangene erschossen wurden. Die Männer, welche die Exekutionen besorgten, öffneten die Tür nur halb, damit ihr Gesicht nicht zu sehen war, und riefen dann die Namen der Verurteilten auf. Elizabeth erinnert sich, daß viele weinten - "aber nicht wie Kinder, sondern aus hilflosem Zorn".
Dann gingen sie ihrem Tod entgegen, bereitwillig, wie sie sagten, erfüllt von den gleichen Märtyrer-Visionen wie ihre Henker. Die G-3-Gewehre krachten wie Eisenstangen, die aufeinanderfallen. Dann folgten einzelne Schüsse, die jeweils letzte, tödliche Kugel. Die Exekutionen zogen sich gewöhnlich über etwa eine halbe Stunde hin. Am Ende des ersten Abends waren noch 37 Frauen in Elizabeths Zelle übriggeblieben.
Die Wächter verlegten Elizabeth mehrmals, und so landete sie schließlich in einem Schlafsaal, in dem etwa 150 Frauen so eng zusammengepfercht waren, daß sie nur auf der Seite schlafen konnten. Sie versuchten den Mitgefangenen, die gerade vom Verhör zurückgekehrt waren - vor allem den Bastonade-Fällen -, mehr Platz einzuräumen; denn diese armen Opfer mußten zuweilen auf dem Rücken liegen und ihre Beine hochhalten, um Blutgerinnsel zu vermeiden.
Bei den Folterungen wurden vier verschiedene Arten von Peitschen benutzt. Die üblichste war ein Stück Stahlkabel, das nach Aussagen der Gefangenen nicht so schlimm war, solange das Ende nicht zerfranst war; denn dann reißt es die Haut auf und führt fast unweigerlich zu Infektionen.
Die anderen Folterinstrumente: ein Gummischlauch, mit dem auf die Opfer eingeschlagen wurde, nachdem sie in einem Wasserbad förmlich vorgeweicht worden waren; eine Pferdepeitsche und ein Viehtreiber.
Die Folterknechte gaben zuweilen vor, einen hohen moralischen Zweck zu verfolgen. So erklärten sie einer Frau, sie werde zwar ohnehin getötet, man würde sie aber dennoch auspeitschen, um ihren Geist zu läutern. So sei sie besser darauf vorbereitet, vor ihren Schöpfer zu treten.
Die Gefangenen versuchten, das Schreien und Flehen ihrer Freunde mit Gesängen zu übertönen. Schirin, jene Frau, die heftig geschlagen worden war, weil sie "Tod Chomeini" an die Wand des "komiteh"-Hauptquartiers geschrieben hatte, hielt ihre Mitopfer bei Laune, indem sie Kinderspiele organisierte und den Ex-Präsidenten Banisadr und Chomeini imitierte. Das sollte ihr zum Verhängnis
werden. Sie wurde an die Revolutionswächter verraten und so heftig ausgepeitscht, daß sie drei Wochen im Gefängniskrankenhaus liegen mußte.
Verraten wurde sie von einer Mitgefangenen, einer Geologin. Durch ihre Denunziation hoffte sie, sich den "Reumütigen" anschließen zu können. Die "Reumütigen" leben in weniger beengten Verhältnissen und genießen besondere Privilegien, wobei ihnen vor allem weitere Folterungen erspart bleiben.
Denunziation allein aber gilt nicht immer als hinlänglicher Reue-Nachweis. Andere Gefangene glaubten, daß die Verräter selbst zuweilen die Gnadenschüsse für die Exekutionskommandos abgeben oder die Erhängten vom Galgen abschneiden müssen. Mehr noch: "Reue" rettet nicht zwangsläufig das Leben.
Elizabeth erinnert sich, das tränenüberströmte Gesicht einer dicken Frau erblickt zu haben, die ihren alten Leidensgenossinnen angeblich den "Gnadenstoß" versetzte, als diese über den Gang hinter ihrem Schlafsaal zur Hinrichtung geführt wurden. Und weil die "Reumütigen" sich oft zu große Hoffnungen gemacht hatten, starben sie manchmal nicht so tapfer wie die anderen.
Wie Gefangene überall auf der Welt versuchten auch die Insassen des Evin-Gefängnisses, die Mauern zu durchbrechen, indem sie an andere Orte dachten. Es begann für gewöhnlich damit, daß jemand fragte: "In welchem Garten weilst du gerade?" Auf diese Weise dann reisten sie in Gedanken durch das Land und erzählten einander von den Orten, die sie besucht, und den Ausflügen, die sie genossen hatten. Elizabeth erzählte ihnen für gewöhnlich von Amerika. "New York gefiel ihnen besonders gut."
Tatsächliche Fluchtversuche dagegen waren seltener. Den einzigen "erfolgreichen Versuch", das Gefängnis zu verlassen, machte ein 19jähriges Mädchen, das sorgfältig seine Strickjacke aufribbelte und sich dann mit dem selbstgedrehten Strick im Waschraum erhängte. Diese junge Frau soll Mitglied einer marxistischen Gruppe gewesen sein, die von ihrem Bruder verraten wurde.
Eine andere junge Marxistin ließ sich überzeugen, daß Proletarier, die an neuen Gefängnisgebäuden arbeiteten, ihr bei der Flucht helfen würden. Sie übergaben jedoch die junge Frau den Revolutionswächtern, die sie erschossen.
Etwa einmal in der Woche wurden die Gefangenen in einem Minibus, dessen Fenster rot angestrichen waren, zu einem Versammlungssaal im nordöstlichen Teil des Gefängnisses gekarrt, wo Ajatollah Gilani, der religiöse Richter, ihnen mit pathetischen Worten ins Gewissen redete. Einmal krachten Explosionen in die Vorlesung - drei junge Männer waren bei dem Versuch, über ein Minenfeld zu fliehen, ums Leben gekommen.
Derselbe Ajatollah Gilani war es auch, der entschied, daß ein neunjähriges Mädchen die Pubertät erreicht habe und daher nach islamischem Recht hingerichtet werden könne. Er behauptet jedoch, das Regime habe niemanden unter 17 Jahren erschossen oder gehenkt. Elizabeth ist allerdings fest davon überzeugt, daß während ihrer Haftzeit im Evin-Gefängnis zwei 13jährige Mädchen hingerichtet wurden.
Manche der Verurteilten mußten nach dem Todesverdikt sechs Monate auf ihre Hinrichtung warten. Nur selten wußten sie, wann es geschehen würde. Jeder Sonnenaufgang drohte für sie der letzte zu sein. Im Gegensatz zu dem langwierigen Revolutionstheater, dem sich die angeklagten Minister und Generale des geflohenen Schah zu unterwerfen hatten, liefen die Prozesse gegen die Frauen schnell und oberflächlich ab.
"Ich bin dein Richter, Ankläger und Anwalt", erklärte ein Mann dem 18jährigen Mädchen Mihrdi, ehe er sie zum Tode verurteilte.
Elizabeth erinnert sich, daß Mihrdi sehr große Augen und eine dunkle Haut hatte. Ihr Vater hatte sie verstoßen, weil sie sich den Mudschahidin angeschlossen hatte. Monatelang schlief sie in Autos und auf Bahnhöfen.
Als Mihrdi auf das Exekutionskommando wartete - sie wurde mit zwölf weiteren Gefangenen hingerichtet -, schenkte ein Wächter ihr einen Apfel, den sie für ein letztes Abendmahl mit ihren Freunden sorgfältig in 80 Stücke zerteilte. "Du wirst hier herauskommen", sagte sie zu Elizabeth, "erzähle der Welt unsere Geschichte."
Von Colin Smith

DER SPIEGEL 38/1984
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