04.03.1985

NATIONALCHARAKTERZwanghafte Neigung

Die Deutschen, berühmt für ihre Sauberkeit, sind analfixiert - so das Ergebnis einer amerikanischen Studie über den deutschen Volkscharakter. *
Wer in das Berliner Restaurant "Klo" will, muß einen Groschen in den Türschlitz werfen; erst dann läßt sich die Klinke niederdrücken - wie an der Kabinentür einer Bahnhofstoilette.
Drinnen, im Speiseraum des "Klo", kann sich der Gast auf einem Lokusbecken niederlassen und, zum Beispiel, "Rostbratwürstchen mit kaltem Kraut im Nachttopf" bestellen. Neben jedem Gedeck liegt anstelle einer Serviette eine Rolle Toilettenpapier.
Wohl nur in Deutschland, der Heimat des Ritters Götz von Berlichingen, so glaubt der amerikanische Wissenschaftler Alan Dundes, könne ein Gastwirt auf die Idee kommen, sein Lokal im WC-Stil einzurichten - denn nirgendwo sonst finde sich ein ähnlich breites Publikum mit soviel lustbetontem Interesse an allem, was mit Latrinen und Fäkalien, kurz: mit "Analität" zu tun habe.
In einer wissenschaftlich ernst gemeinten Studie mit dem Titel "Sie mich auch!" hat Dundes, Professor für Anthropologie und Völkerkunde an der University of California in Berkeley, die anrüchigen Winkel der deutschen Volksseele erforscht. Das Ergebnis der Untersuchung, die soeben im Weinheimer Beltz Verlag erschienen ist, dürfte zwischen Rhein und Oder kaum als Kompliment empfunden werden: Laut Dundes ist der deutsche Nationalcharakter, unverändert seit Jahrhunderten, ein ausgeprägter Analcharakter.
Seine These entwickelt der US-Professor anhand einer Fülle von "repräsentativen Beispielen", die aus der "Folklore", aber auch aus der deutschen Hochkultur stammen: Anale Charakterzüge manifestieren sich, wie Dundes darlegt, nicht nur in "Sprichwörtern, Rätseln, Witzen, Spielen und Volksliedern" der Deutschen, sondern ebenso deutlich in den Werken ihrer Dichter und Denker - eine, so Dundes, "skatologische Tradition", die von Martin Luther und Grimmelshausen bis zu Günter Graß und Heinrich Böll reiche. _(Skatologisch: Von dem griechischen Wort ) _(für Kot. )
Sie alle haben sich, literarisch, überraschend oft und intensiv etwa mit Fragen des Stuhlgangs beschäftigt, so Graß in seinem schwergewichtigen Roman "Der Butt": Gleich ein ganzes Kapitel (Überschrift: "Den Kot beschauen") ist dort den unterschiedlichen Aspekten der Darmentleerung gewidmet, wobei der Autor unter anderem einfühlsam schildert, wie sich einst zottige Steinzeitmenschen, gemütlich plaudernd, im Kreis zum geselligen "Hordenschiß" niederließen.
Einen besonders scharf profilierten Analcharakter glaubt Dundes im Reformator Luther zu erkennen, der, wie er selbst überlieferte, seine wichtigsten Eingebungen auf dem Klosterklo empfangen hatte. Luthers Schriften, Reden und Tischgespräche wimmeln von fäkalischen Anspielungen und analen Metaphern - so beschrieb er den Teufel als Mißgestalt mit einem Gesicht, das einem nackten Hintern gleiche.
Luther, der donnernde Polemiker, meint Dundes, habe seinen Landsleuten einzigartige und, zumal beim Schimpfen, seither verbindliche skatologische Maßstäbe gesetzt: Wo etwa ein Brite gotteslästerlich fluche oder - "fucking" - sexuelle Verwünschungen ausstoße, falle einem Deutschen stets nur Anal-Schelte ("Scheißkerl") ein.
Auch sonst allerdings, so urteilt der Völkerkundler, rangiere bei den Deutschen die Lust an der Analität oft noch vor dem Sex-Vergnügen: "Guat g''schissen", so behauptet ein bayrisches Sprichwort, sei zumindest soviel wert wie "halbat g''vögelt".
Auf die Frage nach dem Ursprung der deutschen Neigung zum Unflat weiß Dundes keine schlüssige Antwort. Er begnügt sich damit, skatologisches Beweismaterial anzuhäufen und die Befunde im Stil der klassischen Psychoanalyse zu interpretieren. Vielleicht, so spekuliert er, werde der Hang zur Analität durch die in Deutschland besonders früh und rigoros praktizierte "Reinlichkeitserziehung" gefördert - ein pädagogisches Trauma mit paradoxen Folgen: Es hinterläßt, laut Dundes, eine infantile Lust am Dreck und zugleich ein zwanghaftes Bedürfnis nach Sauberkeit.
Niemand, glaubt Dundes, habe die abgründige Doppelnatur des deutschen Wesens eindrucksvoller verkörpert als der Österreicher Adolf Hitler - ein Analcharakter, wie er bei Sigmund Freud im Buche stehen könnte. Zeitlebens war dem Nazi-Führer, der aus Furcht vor Blähungen stets eine Schachtel mit "Dr. Köster''s Anti-Gas-Pillen" bei sich trug, eine "zwanghafte Neigung zu übermäßiger Sauberkeit" eigen.
Zugleich aber blieb der fanatische Saubermann geradezu besessen von einer inbrünstigen, haßerfüllten Beziehung zum Dreck. Mit fast ritueller Regelmäßigkeit beschimpfte er seine Gegenspieler als notorische Schmutzfinken, vor allem die Juden: "Der Gestank dieser Kaftanträger", erklärte er, habe ihn "oft krank" gemacht; "wenn die Juden allein auf der Welt wären", schätzte er, "würden sie in Schmutz und Dreck ersticken".
Hitlers Vernichtungsaktionen gegen Juden, Homosexuelle und Geisteskranke deutet Dundes folgerichtig als eine Art Reinigungs-Raserei des analfixierten Diktators, der von "Entjudung" gesprochen habe wie ein Hygiene-Fachmann vom "Entlausen": Menschen wurden zu Dreck erklärt und mußten wie Unrat beseitigt werden. In Auschwitz oder Treblinka errichtete der entfesselte Säuberer Krematorien, in denen der Menschen-Müll verbrannt werden sollte.
Mit seinen skatologischen Charakterstudien löste Dundes, so etwa bei einem Vortrag vor der American Folklore Society, gemischte Reaktionen im Publikum aus. Deutschstämmige Landsleute dekorierten den Völkerkundler zu Beginn seines Referats mit Girlanden aus Klopapier; doch später schlug die ausgelassene Stimmung ins Gegenteil um.
"Nach dem Dinner unangebracht", "eine Beleidigung", mäkelten die einen; andere waren nach den Auschwitz-Passagen des Vortrags derart aufgebracht, daß sie, zitternd vor Zorn, bei der nachfolgenden Diskussion ins Stammeln gerieten.
Skatologisch: Von dem griechischen Wort für Kot.

DER SPIEGEL 10/1985
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