01.04.1985

POPMUSIKEcht flippig

Barthold Albrecht, der Sohn des niedersächsischen Regierungschefs, will ins Showbusiness. *
Wegen seiner Frisur ist Barthold Albrecht, 18, schon häufig als Punk bezeichnet worden: An den Seiten seines Kopfs ist er fast kahl rasiert, und auf der Schädel-Platte stehen die Haare senkrecht, wobei sie durch ein Hilfsmittel moderner Frisierkunst gestützt werden.
Der Look, den Barthold favorisiert, stempelt ihn nicht gerade zum Außenseiter - so wie er laufen viele Jugendliche herum. Aber weil er der Sohn des niedersächsischen CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht ist, diesem lächelnden Sinnbild bürgerlich deutscher Biederkeit, hat das Punk-Etikett natürlich einen ganz speziellen Reiz.
Denn Barthold hört gerne, und nun macht er sie auch selber, Popmusik von der etwas härteren Sorte. In Hamburg hat er in der vergangenen Woche seine erste Single aufgenommen und dabei half, als Produzent und Mann mit Erfahrung, Drafi Deutscher, 38. Drafi ist ein "sozialdemokratischer" Sänger, der sich mit dem Lied "Marmor, Stein und Eisen bricht" längst einen Ehrenplatz in bundesdeutscher Popkultur gesichert hat, woran auch seine jüngsten Erfolge, beispielsweise der von Nino de Angelo
geschmalzte Schlager "Jenseits von Eden", nicht mehr rütteln können.
In seinem Platten-Debüt trägt Barthold Albrecht mit der zaghaften Stimme eines noch nicht sehr selbstbewußten Anfängers seine Meinung vor, der Mensch von heute, speziell in der Bundesrepublik, sei von einem lähmenden Sicherheitsstreben beherrscht, und dies sei "total groß".
"Schon viel zu lang alles mitgemacht, schon viel zu lang nicht mehr nachgedacht" - so startet der Albrecht-Song "Die Zeit ist reif". Dazu knallt ein enormer Funk-Baß, und die Schlagzeug-Maschine liefert einen hämmernden Tanzrhythmus. Zur heftig zupackenden Albrecht-Musik ertönt die Klage, daß Leute im besten Alter sozusagen als Frührentner "geile Sachen machen" wollen - "das Leben bis 100 verplant". Bartholds Fazit: "Muß denn das so sein? Ich sage - nein!"
An seine allererste Platte, vor sieben Jahren herausgebracht, erinnert sich der Junior nicht mehr gern; das war eine Jugendsünde. Damals hatte die Familie Albrecht, für wohltätige Zwecke, Volkslieder aufgenommen, "Wohlauf in Gottes schöne Welt" und "Alle Birken grünen in Moor und Heid''". Den Spottnamen "Trapp-Familie" nahmen sie dafür in Kauf.
Wie die Eltern, die einen etwas bezopfteren musikalischen Background haben, seine Pop-Ambitionen einschätzen, will Barthold nicht rundheraus klarmachen. "Die fanden''s ganz gut" - damit ist alles gesagt.
Er selbst deutet an, er halte sich für "flippig" und fände es eigentlich komisch, daß er politisch einer Meinung mit dem Vater sei, aber der habe "in Sachargumenten mehr Ahnung". Dabei räumt er ein, daß er die Ansichten Ernst Albrechts möglicherweise auch teilen würde, wenn dieser - schrecklicher Gedanke - der SPD angehörte: "Denn der ist ja nicht dumm."
Über seine Zukunft will sich Barthold im Augenblick noch keine Sorgen machen. Im nächsten Jahr steht das Abitur auf dem Programm, und während er die ersten Schritte als Popmusiker stolpert, studiert er auch noch Oboe - klassisch.
Erst einmal "geb'' ich jetzt echt voll Power", sagt Barthold. Dabei weiß er genau, daß er bessere Startchancen "als meine Kumpels" hat und sein frühes Pop-Debüt dem Renommee des Vaters verdankt. Aber dieser Vorteil hat bekanntlich seine Tücken: "Wenn''s schlecht ist, kommt''s doppelt zurück." _(Am Klavier Barthold Albrecht. )
Am Klavier Barthold Albrecht.

DER SPIEGEL 14/1985
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