14.01.1985

TV-FILMSchotten dicht

Auch nach einer vermurksten Roman-Verfilmung hält der NDR seinem Konsalik die Treue. *
Das "ausgezeichnete" Drehbuch hatte den Meister noch sehr entzückt. Hier entstehe, so notierte Heinz G. Konsalik, "einer der doch eher seltenen Filme, auf die sich der Autor freuen kann".
Ein Konsalik-Roman, "Liebe läßt alle Blumen blühen", sollte verfilmt werden, einer der 100 Bestseller, die der fleißige Trivialist weltweit in 65 Millionen Exemplaren verkauft hat. Der NDR war Auftraggeber des TV-Projekts; das Drehbuch verfaßte der Schweizer Regisseur Nicolas Gessner ("Das Mädchen am Ende der Straße"). Die Inszenierung besorgte ein aufkeimendes Talent, der junge Marco Serafini. Er verhieß der Konsalik-Gemeinde einen "richtig schönen Unterhaltungsfilm". Der NDR träumte von einer "heiteren, etwas verrückten Liebesgeschichte".
Doch als das blumige Erotikon vorletzte Woche, fast zwei Stunden lang, zur Sendung kam, erschien - statt ausgelassener Liebesleute - eine Gruppe lebhafter Vollidioten auf dem ARD-Schirm: Eine rehäugige Erfolgsarchitektin, die sich mit einem lustbetonten Designer für Angler-Fliegen zu einer Reise nach Frankreich aufrafft und dort auf allerlei undurchsichtige Gestalten trifft, die im Rauschgifthandel tätig sind. Diese Herrschaften irrten, unbehelligt von der ordnenden Hand eines Spielleiters, durch die malerische Camargue - getreu der Einsicht eines Filmteam-Mitglieds: "Wer Konsalik liest, glaubt alles." Das TV-Werk war total debil, sogar Konsaliks genialer Arzt von Stalingrad hätte entmutigt das Skalpell beiseite gelegt.
"Schwachsinn", protestierten die unterschätzten Konsalik-Zuschauer. "Seit 20 Jahren ist eine solche Unverfrorenheit nicht über deutsche Antennen gegangen", schrieb ein Kritiker. Zerknirscht sprachen auch NDR-Leitende von "schrecklichem Pfusch"; ein Spaßvogel müsse dem Regisseur wohl geraten haben: "Mensch, nimm doch den Konsalik mal auf den Arm!"
Es war jedenfalls eine dunkle Stunde für den NDR-Chef Friedrich Wilhelm Räuker, der schon lange danach trachtet, die ARD-"Unterhaltung zu verbessern", und seine Mitarbeiter gelegentlich mit heftigen kreativen Schüben überrascht. "Wir haben genügend pralle Themen vor der Haustür", sprach Räuker. Als er mit dem blutvollen Konsalik im Sender hausieren ging, stieß er auf blanken Widerwillen.
TV-Spielchef Dieter Meichsner, Experte für höhere Literatur, machte unverzüglich die Schotten dicht. Dann schickte der Intendant den (nächst zuständigen) Unterhaltungschef Harald Vock ins Konsalik-Fegefeuer. Vock vertiefte sich pflichtgemäß in Drehbuchentwürfe und beschied aufsässig, aus den Romanen ließe sich nichts machen. Die
Herren verzankten sich furchtbar. Schließlich erbot sich ein Subalterner, der Serienredakteur Wolfgang Buresch, die konsaliksche Kaktusblüte (Kosten: 2,5 Millionen Mark) zu verwalten.
Das Unheil, das dann folgte, hatte allerdings noch nicht genügend Abschreckungskraft, um die Anstalt an neuen Konsalik-Streichen zu hindern. "Mit Sicherheit kommt ein zweiter Konsalik, ein dritter wird in Aussicht genommen", annonciert NDR-Pressechef Ulrich Schnappauff. Und jetzt blinzelt auch abenteuerlustig der bislang so verschlossene Meichsner aus seinem Literaturbetrieb. Möglicherweise werde er sich einer neuen Verfilmung annehmen, dann allerdings "in aller Sorgfalt und mit der denkbar wuchtigsten Betreuung".
Einer der anvisierten Romane heißt, allen Freunden des Norddeutschen Rundfunks zum Trost, "Und das Leben geht doch weiter" - mitunter, sagt Karl Kraus, weiter als erlaubt.

DER SPIEGEL 3/1985
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