11.03.1985

Betr.: Harlem

Datum: 11. März 1985 Betr.: Harlem "Wenn Sie wieder mal in New York sind", schrieb Amerikas Star-Architekt Philip Johnson 1982 dem SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger nach Hamburg, "melden Sie sich doch bei uns" - nicht zum Streiten, war gemeint, sondern um Anerkennung für journalistische Arbeit entgegenzunehmen. Krüger hatte damals über den Bauboom, die Bodenspekulation und die neue Architektur in Midtown Manhattan berichtet, darunter auch über Johnsons "Chippendale-Wolkenkratzer" für AT & T.
Bei seinem jüngsten New-York-Besuch, letzten Monat, konzentrierte sich Krüger auf jenen Teil Manhattans, der noch immer der traurigste, deprimierendste ist: auf das Getto der Schwarzen in Central Harlem. Dort beginnt gerade - wie früher schon in anderen New-York-Quartieren - ein Prozeß der Wiederbelebung: Verwüstete Blocks werden wieder aufgebaut, gediegene alte Brownstone-Häuser aufgefrischt - erste Anzeichen einer beginnenden Sanierung und sogleich auch Spekulationsobjekte für New Yorks Immobilien-Mafia.
Krüger, der kontinuierlich über Architektur und Städtebau in den USA berichtet hat, nutzte seit Beginn der 60er Jahre jeden Amerika-Aufenthalt, die zumeist dramatischen Veränderungen Harlems in Augenschein zu nehmen, mit Schwierigkeiten unterschiedlichen Grades: 1961 war es leicht (Krüger wohnte bei einer befreundeten schwarzen Familie), 1963 fand er in Midtown keinen Taxifahrer, der ihn nach Harlem chauffieren wollte, 1977 wurde er auf der oberen Park Avenue von Schwarzen handgreiflich bedroht, 1978 wagte er sich erstmals wieder in die U-Bahn, 1985 meldete er nach seinen Erkundungsfahrten und -gängen: "Mürrische Gesichter, geringschätzige Blicke; keine besonderen Vorkommnisse." Krügers Bericht über Blüte, Zerfall und Wiederbelebung Harlems beginnt auf Seite 184 ("Oh, Baby. Scheiße. Wie ist das gekommen?").

DER SPIEGEL 11/1985
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