11.03.1985

„Alles ist völlig irrational abgelaufen“

SPIEGEL-Interview mit BMW-Chef Eberhard von Kuenheim über die Katalysatorpolitik der Bundesregierung *
SPIEGEL: Die Bonner Pläne für eine schnelle Einführung von Katalysatorfahrzeugen sind am Widerstand der EG-Partner gescheitert. Die deutsche Autoindustrie hatte sich auch gegen diese Pläne gewehrt. Freuen Sie sich jetzt?
VON KUENHEIM: Ganz und gar nicht. Den Schaden haben ja nicht nur die Bundesregierung im allgemeinen und Innenminister Zimmermann im besonderen, sondern darüber hinaus auch die Bürger und nicht zuletzt wir in der Automobilindustrie. Wir haben die gleichen Ziele wie die Bundesregierung, auch wir wollen die Schadstoffe im Autoabgas noch weiter senken. Wir sehen alle ein, daß wir umweltfreundliche Autos bauen müssen. Aber wir brauchen endlich Klarheit. Jede Lösung von Bestand, egal wie sie aussieht, ist besser als die Fortdauer dieser Ungewißheit.
SPIEGEL: Sie glauben, die Verunsicherung der deutschen Kundschaft wird nun womöglich noch vertieft?
VON KUENHEIM: Allerdings. Was gestern noch galt, wie die steuerliche Begünstigung von umweltfreundlichen Automobilen, ist heute schon wieder ganz anders zu sehen. Die deutsche Autoindustrie hat inzwischen schon zig Millionen Mark in Entwicklungsarbeiten gesteckt, die möglicherweise völlig umsonst waren. Das geht doch nun schon seit zwei Jahren ständig hin und her. Die europäische Autoindustrie bietet jetzt Autos an, die für jede denkbare gesetzliche Lösung tauglich sind. Ich nenne das schlicht eine große volkswirtschaftliche Verschwendung. Eine Zumutung für die Bürger und für unsere Unternehmen.
SPIEGEL: Sie meinen, die Regierung ist dilettantisch vorgegangen?
VON KUENHEIM: Alles ist völlig irrational abgelaufen. Das ist eine Arbeitsweise, wie wir sie in unseren Unternehmen nicht kennen. Wir können nur hoffen, daß andere politische Felder in der Innen- und Außenpolitik nicht in gleicher Weise angegangen werden.
SPIEGEL: Was ist schiefgelaufen?
VON KUENHEIM: Die Bundesregierung scheint am Anfang einen Konsens in Europa nicht für notwendig gehalten zu haben, obwohl sie die deutsche Automobilindustrie nachdrücklich darauf hingewiesen hatte. Statt dessen wurden gleich Maximalforderungen aufgestellt.
SPIEGEL: Mußte Zimmermann nicht so handeln? Es gehört doch zum politischen Spiel, alles zu fordern.
VON KUENHEIM: Hier handelt es sich um wirtschaftliche und technische Fragen in einem politischen Umfeld. Das kann dann kein Gegenstand mehr sein für ein politisches Spiel. Eine gewisse Verunsicherung für eine gewisse Zeit mag ja unvermeidlich gewesen sein, aber was wir erleben, beginnt ja, jedes erträgliche Maß zu übersteigen. Bevor man Forderungen stellt, muß man doch prüfen, was sich davon realisieren läßt.
SPIEGEL: Was war denn so irrational an den Zimmermann-Plänen?
VON KUENHEIM: Zu glauben, daß die französische, italienische und britische Regierung ihren nationalen Autoherstellern, die ja bekanntlich teilweise ums nackte Überleben ringen, weitere schwere Belastungen aufbürden würden, nur weil die Deutschen um ihren Wald bangen. Im Ausland gelten ganz andere Prioritäten; außerdem wird andernorts energisch bestritten, daß die Waldschäden primär durch die Schadstoffe im Abgas verursacht werden. Wir dürfen nicht verkennen, daß wir in die anderen europäischen Länder sehr viel mehr Autos exportieren, als wir umgekehrt von dort beziehen. Die Gefahr kommender nichttarifärer Handelshemmnisse nehmen wir sehr ernst.
SPIEGEL: Die Bonner Regierung hat also Interessen und Positionen der EG-Partner völlig falsch beurteilt?
VON KUENHEIM: Man kann sich doch nicht gegenüber der Öffentlichkeit festlegen, den Markt in eine bestimmte Richtung dirigieren und dann die anderen Regierungen auf seine Linie zwingen _(Mit Katalysatormodell. )
wollen. Es ist nicht glücklich, wenn vor dem Treffen am vergangenen Donnerstag wieder erklärt wurde, notfalls werde eben ein nationaler Alleingang gewagt. Das muß es doch anderen Regierungen schwermachen zu folgen. Unsere Regierung tritt zu deutsch auf. Dem Ziel einer noch weiteren Entlastung der Umwelt werden wir auf diese Weise nicht näherkommen. Dieses Ziel, das muß noch einmal deutlich gesagt werden, ist auch unser Ziel. Wir waren ihm vor fast einem Jahr sogar schon sehr nahe. Damals hatten sich die europäischen Autofirmen auf besondere Initiative der deutschen Automobilindustrie bereit erklärt, bis dahin undenkbar strenge Abgasnormen zu akzeptieren. Wären diese Pläne Gesetz geworden, wären wir heute weiter, als wir sind - mit positiven Folgen für die Umwelt.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, daß bei einem deutschen Alleingang die Briten, Franzosen und Italiener die Grenzen dichtmachen für deutsche Autos?
VON KUENHEIM: In Brüssel wird befürchtet, daß dann der einheitliche europäische Automarkt auseinanderbrechen würde. Von französischer Seite wurde mir bedeutet, daß dann unter Umständen die deutsche allgemeine Betriebserlaubnis für deutsche Fahrzeuge nicht mehr überall in Europa anerkannt würde.
SPIEGEL: Wird das Gerangel um den Katalysator dazu führen, daß die deutsche Autoindustrie dieses Jahr kurzarbeitet?
VON KUENHEIM: Wenn die deutsche Autoindustrie ausschließlich vom deutschen Markt abhängig wäre, hätten wir schon längst Kurzarbeit. Die Unternehmen, die ihren Hauptabsatz im Inland haben, kommen sehr bald in diese Gefahr.
SPIEGEL: Herr von Kuenheim, könnte es sein, daß Ihr Weltbild in Unordnung geraten ist? Nicht sozialistische Weltverbesserer haben Sie in die Bredouille gebracht, sondern eine konservative, unternehmerfreundliche Regierung.
VON KUENHEIM: Also davon, daß die Regierung unternehmerfreundlich sein soll, merken wir Automobilunternehmen derzeit doch sehr wenig. Aber wenn es ihr gelingt, im März noch eine endgültige Lösung zustande zu bringen, wäre sie zumindest arbeitnehmerfreundlich.
Mit Katalysatormodell.

DER SPIEGEL 11/1985
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