11.03.1985

TERRORISMUSDie Totengräber

Ein Bombenattentat auf ein Dortmunder Kaufhaus gab den Ermittlern Rätsel auf: Hat die RAF ihre Strategie geändert - oder waren ganz andere Terroristen am Werk? *
Der Sprengsatz lag, versteckt in einer schwarzen Plastiktüte mit der Aufschrift "Life - Treffpunkt für den Musikfreund", unter einer Vitrine im Dortmunder Kaufhaus Hertie. Als die 30 Zentimeter lange Rohrbombe detonierte, am Donnerstag letzter Woche um 15.32 Uhr, wurden nicht nur acht Menschen verletzt, politische Querschläger trafen auch die Grünen in Bonn.
Schon einen Tag nach der Tat - die Polizei hatte kaum Spuren gesichert - ließ die "Bild"-Zeitung in einem Kommentar erkennen, wer ihrer Meinung nach politische Mitverantwortung für den von Unbekannten verübten Anschlag trägt: die Bonner Grünen-Abgeordneten Christa Nickels und Antje Vollmer, die fünf Wochen zuvor, während des RAF-Hungerstreiks, einen Brief an den "lieben (Terroristen) Christian Klar" ("Bild") geschrieben hatten, um ihn um einen Gesprächstermin zu bitten.
Wie "Bild" nutzten, zwei Tage vor den Wahlen an der Saar, in Hessen und Berlin, vor allem Unionspolitiker den Anschlag von Dortmund zu einer Attacke auf die Grünen. CSU-Generalsekretär Gerold Tandler forderte, von nun an dürfe "keine demokratische Partei" mehr mit "offensichtlich mit Terroristen sympathisierenden Grünen" zusammenarbeiten. Auch der Düsseldorfer CDU-Oppositionsführer Bernhard Worms, der bei der NRW-Wahl am 12. Mai Ministerpräsident werden will, sah eine "geistige Verbindung zwischen grüner Politik und politisch motivierter Gewalt" dokumentiert.
"Bild"-Kommentator wie CDU-Wahlkämpfer gingen davon aus, daß die Dortmunder Bombe von der Roten Armee Fraktion gelegt worden war - eine Version, für die ein Umstand spricht: ein Anruf, der laut "Bild" kurz nach der Tat in der "Bild"-Redaktion einging und in dem ein Anonymus behauptete, er spreche für eine "Aktion Christian Klar", die sich zu dem Attentat bekenne.
Fahndungsbehörden und Verfassungsschützer hielten sich dagegen zurück. Vorsichtig erklärte ein Sprecher des Innenministeriums, falls Terroristen den Anschlag verübt haben sollten, wäre dies "als Versuch zu werten, Massenterror unmittelbar gegen die Bevölkerung zu richten". Alexander Prechtel, Sprecher der Bundesanwaltschaft, zog sich auf die Formel zurück: "Jedes Denkmodell ist möglich."
Wenn in Dortmund tatsächlich die RAF gebombt haben sollte, dann gilt im westdeutschen Untergrund offenbar nichts mehr von dem, was jahrelang die Strategie der Baader/Meinhof-Nachfolger ausmachte - die Hertie-RAF wäre eine Terrorvereinigung, die mit der alten RAF nur noch den Namen gemein hat.
Die RAF der Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe hatte - etwa 1975 in einem Brief an den SPIEGEL - jede Tat verurteilt, die sich "nicht gegen einen Angehörigen der herrschenden Klasse, sondern gezielt gegen das Volk" richtet.
Eigenartig auch, daß der Anrufer bei "Bild" nur erklärte: "Wir haben vor einer halben Stunde im Kaufhaus Hertie in Dortmund eine Bombe hochgehen lassen" - keine weiteren Erläuterungen. Die Bombenleger müßten mithin einer RAF angehören, die auf eine ideologische Begründung von Anschlägen keinen Wert mehr legt - eine Eigenart, die bislang eher Rechtsradikale kennzeichnete, die 1980 auf dem Bahnhof in Bologna
85 Reisende und in München 12 Oktoberfestbesucher zersprengten.
Allerdings paßten ungezielte Anschläge auf Passanten auch in das Repertoire einer ausländischen Organisation, der sich westdeutsche Linksterroristen ideologisch verbunden fühlen: der Irisch-Republikanischen Armee. IRA-Fighter waren es, die 1983 vor dem Londoner Kaufhaus Harrods einen mit Sprengstoff vollgepackten Wagen in die Luft jagten, 5 Passanten töteten und 91 verletzten.
Fahnder gehen davon aus, daß es eine unberechenbare "neue RAF" gibt, die unabhängig von ihren inhaftierten Genossen agiert. Doch außer der Tatsache, daß sich diese Terroristen mit Komplizen aus Belgien und Frankreich verbündet (SPIEGEL 6/1985) und nach dem Mord an dem Münchner Luftfahrt-Manager Ernst Zimmermann den Namen des im Hungerstreik gestorbenen IRA-Aktivisten Patrick O'Hara reklamiert haben, ist über Struktur und Mitglieder dieser Organisation kaum etwas bekannt.
Daß in dem Telephonat mit "Bild" - wenn es denn echt war - der Name Christian Klar fiel, läßt eine Reihe von Vermutungen zu. Als Anrufer könnte durchaus auch jemand in Frage kommen, der kurz vor den Wahlen Stimmung gegen Grüne und Linke machen wollte - zumal "Bild" just am Tage des Bombenanschlags den fünf Wochen alten Grünen-Brief an Christian Klar als "Dokument des Kniefalls vor Terroristen und Mördern" abgedruckt hatte.
Bombenleger und/oder Anrufer könnten aber auch, wie ein hoher Verfassungsschützer letzte Woche vermutete, "unbedarfte junge Leute gewesen sein, die die ganze RAF-Geschichte falsch verstanden haben und nun einfach den Namen Christian Klar benutzen".
Doch ganz gleich, wer in Dortmund gebombt hat, ob RAF, Rechtsextremisten oder Halbstarke - die Detonation im Kaufhaus ist ein weiteres Indiz dafür, daß die westdeutsche Gewaltszene eine Qualitätsveränderung erfahren hat. Fast zwei Jahrzehnte nach den ersten politisch motivierten Anschlägen ist die Schwelle zur Gewalt so weit herabgesunken, daß kaum überschaubar ist, wer sie wann und weshalb überschreitet.
Zu RAF und Revolutionären Zellen (RZ) hat sich eine Vielzahl von Grüppchen gesellt, für die die Gewaltfrage keine Frage mehr ist. Mit Brandsätzen und Bomben hantieren fanatische Tierschützer und verbissene Kernkraftgegner, gewalttätige Autonome und frustrierte Ökokämpfer (siehe Seite 82).
Immer seltener sind Terroristen-Fahnder sicher, wem welche Tat zuzuordnen ist. So tappten Hamburger Kriminalbeamte und Staatsschützer letzte Woche auch bei der Einschätzung eines Anschlags im dunkeln, der am Gebäude von Schiffsmaklern im Stadtteil Altona für 50 000 Mark Sachschaden anrichtete. Polizei und Verfassungsschutz vermuteten zunächst übereinstimmend, die Tat
habe einen "privaten Hintergrund". Doch die Ermittler hatten geirrt: Der Anschlag zählte zu einer Serie von Taten, die in derselben Nacht an Gebäuden des Gesamtverbands des Deutschen Steinkohlenbergbaus in Essen und der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie in Bochum Sachschäden verursachten, aber niemanden verletzten.
Als dieser Zusammenhang deutlich geworden war, hatten die Ermittler keinen Zweifel mehr: Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Makler, die während des Streiks der britischen Bergarbeiter deutsche Kohle nach England verschifft hatten, waren offenbar zu Zielen der Revolutionären Zellen geworden.
Einen Bekennerbrief, den die RZ am Freitag an die Deutsche Presse-Agentur geschickt hatten, werteten die Fahnder als unzweifelhaft echt. Die Täter begründeten ihre Anschläge mit dem Hinweis, in den drei Gebäuden säßen "die Totengräber des Bergarbeiterstreiks".

DER SPIEGEL 11/1985
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