11.03.1985

BANKENLeichte Hand

Eine Hamburger Tochter der Deutschen Bank hat sich in Asien verhoben - zwei Vorstandsmitglieder müssen gehen. *
Von Friedrich Wilhelm Christians, einem Sprecher der Deutschen Bank, ist überliefert, wie Deutschlands größtes Kreditinstitut mit strauchelnden Kollegen verfährt: "Wer einmal einen Fehler macht, wird freundschaftlich am Ohr gezupft."
Bei zwei leitenden Herren eines Tochterunternehmens in Hamburg hat die Frankfurter Zentrale offenkundig alle Hoffnung auf einen Erfolg der sanften Methode fahrenlassen: Michael Böhm und Nikolaus Korsch, beide Vorstandsmitglieder der European Asian Bank (Eurasbank), müssen ihre Posten verlassen. Nach Ansicht der Muttergesellschaft haben die beiden Banker vor allem bei Krediten in Taiwan und Hongkong das nötige Augenmaß vermissen lassen. Statt auf riskante Geschäfte zu verzichten und in guter Ruhe den Gewinn zu mehren, setzte die Bankspitze voll auf den Wirtschafts-Boom im Pazifik - bis in Frankfurt die Alarmglocken schrillten.
Als gegen Ende vergangenen Jahres ein größerer Kredit in Taiwan zu wackeln begann, reisten Experten von Frankfurt nach Hamburg, um die Geschäfte in Asien auf weitere Risiken abzuklopfen. Der Deutschen Bank gehören zwar lediglich sechzig Prozent des hanseatischen Bankhauses, _(Die österreichische ) _(Creditanstalt-Bankverein hält 22 ) _(Prozent, jeweils neun Prozent gehören ) _(der holländischen Amsterdam-Rotterdam ) _(Bank sowie der belgischen Societe ) _(General de Banque. )
doch der Gang der Geschäfte wird nahezu ausschließlich von Frankfurt aus dirigiert.
Jahrelang waren die Konzernlenker mit der Tochter in Hamburg äußerst zufrieden gewesen. Noch vor einem Jahrzehnt lag das Geschäftsvolumen der Eurasbank bei knapp 800 Millionen Mark, 1980 war es bereits mehr als das Sechsfache - gut 5,1 Milliarden Mark.
Dann, mit Beginn der achtziger Jahre, gab es kein Halten mehr. Das Geschäftsvolumen wurde noch einmal, auf inzwischen über zehn Milliarden Mark, verdoppelt. Marge geht vor Volumen - dieser Grundsatz, an dem die Deutsche Bank sich so gern orientiert, schien in der Eurasbank an Bedeutung zu verlieren. "Da waren", sagt ein Eingeweihter, "Wachstumsfetischisten am Werk."
Heute ist die Bank mit 27 Niederlassungen im asiatisch-pazifischen Raum vertreten - von Hongkong, Taiwan und Japan bis Australien und Pakistan. Der Mann, der Mitte der siebziger Jahre das starke Wachstum der Bank mit angeschoben hatte, rückte 1981 in den Vorstand der Deutschen Bank auf: Ulrich Cartellieri, Sohn eines Staatssekretärs unter Adenauer.
Cartellieri, der heute den Aufsichtsrat der Eurasbank leitet, hat offenbar die Risiken der starken Expansion in Asien allzu wohlwollend bewertet. Als die Revisoren aus Frankfurt die Zahlen näher untersuchten, staunten sie über die leichte Hand, mit der in Asien vielfach die Kreditkunden ausgewählt wurden. Was die Deutsche Bank hierzulande sorgsam vermeidet, hatten die Kollegen im Fernen Osten getan: Sie hatten Kredite allzuoft an mittelständische Firmen ohne ausreichende Sicherheiten vergeben.
Als besonders schmerzlich erwiesen sich derlei Geschäftsverbindungen in Taiwans Hauptstadt Taipeh. Während die großen Firmen ihren Banken üblicherweise eine erstrangige Absicherung im Grundbuch gewähren, verließ sich die Eurasbank häufig allein auf die testierten Bilanzen ihrer Kreditnehmer.
Das aber, weiß ein Taiwan-Kenner, sei deshalb überaus gefährlich, weil die Phantasie der Buchhalter im kapitalistischen China besonders ausgeprägt sei. Es gäbe stets drei Bilanzen - eine für den Hausgebrauch, eine für die Steuer und eine für die ahnungslose ausländische Bank.
Die Erkenntnis, daß die Geschäfte in Asien sich immer - wie ein Frankfurter Bankier meint - "zwischen Hallelujah und Weltuntergang" bewegen, wird die Euras-Banker und ihren Aufsichtsrat Cartellieri kaum trösten.
Denn die Muttergesellschaft will die Probleme rasch gelöst sehen, um Rufschaden zu vermeiden. Die erforderlichen Abschreibungen für 1983 erreichten bereits die Eigenmittel der Eurasbank in Höhe von 410 Millionen Mark.
So haben die Deutsche Bank und die übrigen Aktionäre der Eurasbank zunächst einmal die wackligen Forderungen und damit die für das relativ kleine Institut gefährlichen Risiken abgenommen. Der Zweck der kosmetischen Operation: Der nächsten Hauptversammlung wird eine ausgeglichene Bilanz vorgelegt, wenn auch von Dividende keine Rede sein kann.
Doch mit der geschönten Bilanz sind die internen Probleme längst nicht erledigt. Faule Kredite müssen abgeschrieben, Reserven lockergemacht werden. Da bleibt für den neuen Vorstand noch reichlich aufzuräumen.
Für die abgeschobenen Vorstandsmitglieder Böhm und Korsch, die bei der Muttergesellschaft unterkommen, steht schon Ersatz bereit: Henning Offen von der hauseigenen Handelsbank in Lübeck und Alfred Steffen von der Deutschen Bank Essen. Kleinere Probleme erledigt das Haus sofort. _(Mit Vorstandskollege Tjark H. Woydt, der ) _(auf seinem Posten bleibt. )
Die österreichische Creditanstalt-Bankverein hält 22 Prozent, jeweils neun Prozent gehören der holländischen Amsterdam-Rotterdam Bank sowie der belgischen Societe General de Banque. Mit Vorstandskollege Tjark H. Woydt, der auf seinem Posten bleibt.

DER SPIEGEL 11/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BANKEN:
Leichte Hand

  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris