11.03.1985

RAUBDRUCKEBefördern di Cultur

Mit illegal gedruckten Bestsellern machen Schwarzhändler einträgliche Geschäfte. *
Im Asservatenraum der Berliner Kripo-Filiale in der Keithstraße, Dienststelle für "Verbrechen am Menschen, organisierte Kriminalität", staubte es. Spezialisten der Spurensicherung bepinselten auf der Suche nach brauchbaren Fingerabdrücken Hunderte von Päckchen mit einer schwarzen, mehligen Substanz.
Die Beamten ließen ihr Pulver auf beschlagnahmtem Gut mit Beschriftungen wie "Die heilige Pfeife", "Die
unendliche Geschichte", "Bittere Pillen" - 5000 Bücher, Literatur für den Staatsanwalt.
Der Lesestoff, den eine spezielle Ermittlungsgruppe kürzlich mit Hilfe von 100 Schutzpolizisten in 23 Wohnungen, Lagerräumen oder Kellergelassen aufgestöbert hatte, war für den schwarzen Markt bestimmt: illegal gefertigte Buch-Raubdrucke. Beschlagnahmt wurde brandneue Belletristik ebenso wie Literatur mit verquasten Anarcho-Titeln, teils in Folie verschweißt und abholfertig zum Handverkauf in Kneipen, auf Trödelmärkten oder auf dem Uni-Campus.
Aktenkundig wurden vorerst nur sechs ambulante Händler, nicht aber die Drucker oder die Verleger selber. Doch die Berliner Raubdruck-Szene, städtische Spezialität seit Apo-Zeiten, soll ausgetrocknet werden. Gegen diese "Berufsverbrecher", sagt der Leitende Kriminaldirektor Dieter Schenk, müßten nunmehr "eine Bremse und ein Block gesetzt werden".
Der Schatten-Branche, die sich Kosten für Satz und Lektorat, Autoren- wie Übersetzerhonorare ebenso erspart wie Steuerabgaben, wird von der etablierten Konkurrenz insbesondere für die letzten anderthalb Jahre eine geradezu inflationäre Entwicklung nachgesagt. In jüngerer Zeit, klagt Franz-Wilhelm Peter, Justitiar beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, seien vor allem Bücher zum Thema Ökologie und erfolgreiche Belletristik-Titel illegal nachgedruckt worden.
Nahezu die gesamten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste existieren als billige Schwarzdrucke. In der Regel kosten die Plagiate ein Viertel bis zur Hälfte der preisgebundenen Originale. Die Verlage beziffern ihre Verluste mit Summen in die "zig Millionen".
Auch qualitativ haben die Billigproduzenten zugelegt. Die Buchräuber setzen auf sauberen Offsetdruck und photomechanische Reprints, die den Text vorlagengetreu wiedergeben. Umberto Ecos "Name der Rose" etwa wird als dreimal geleimtes, stabiles Paperback in bester Papier- und Druckqualität feilgeboten.
Arno Schmidts "Zettels Traum", von linken Freibeutern 1970 noch auf DIN A3 verkleinert angeboten, gibt es seit 1982 als aufwendigen Raubdruck im Großformat des Originals. Als angeblicher Taiwan-Druck wird er sogar auf dem Versandwege offeriert, unter "The Dream of a Paperslip" von "A. Smith".
Als der zur Verlagsgruppe Bertelsmann zählende Goldmann Verlag ein schlechtgehendes Aerobic-Buch zurückrief, bekam er, so Vorstandsmitglied Ulrich Wechsler, mehr Remittenden zurück, als ursprünglich Bücher ausgeliefert worden waren. Als der Frankfurter Eichborn-Verlag ein Buch mit dem Titel "Schummeln - aber richtig!" auf den Markt brachte, empfahl der Rezensent eines Jungsozialisten-Blattes: "Bei dem zu teuren Buch (110 Seiten, Kleinformat) sollte man vielleicht auch einmal schummeln und das Ding billig nachdrucken oder kopieren."
Geschummelt wird offenbar in allen Kreisen. Beim Kieler Buchhändler und Regionalverbandschef Wolfgang Erichsen verlangte eine Stammkundin Samy Molchos "Körpersprache" (im Original für 38 Mark im Mosaik Verlag erschienen) "in der Ausgabe für 19,80 Mark". Die hätten kürzlich auch die Professoren auf einer psychologischen Fachtagung in Marburg benutzt.
Dem Berliner Verbandsgeschäftsführer Jochen L. Bräunlich, der monatelang mit Springer-Spaniel "Zicke" in Kreuzberger Kiezlokalen Pirsch auf Handverkäufer machte ("Meinen Leberschaden trage ich selber"), fiel auf: "Bei den Raubdruck-Käufern besteht nicht die Spur Unrechtsbewußtsein."
Der vergleichsweise geringe Strafrahmen - bis zu einem Jahr Haft - für die Macher, der bislang noch nie ausgeschöpft worden ist, wirkt offenbar keineswegs abschreckend.
Zu ahnden ist die "unerlaubte Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke", die von der Justiz nur auf Antrag verfolgt wird - wie etwa auch Beleidigung, einfache Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch.
Dabei haben die "kinderleichten Vervielfältigungsmethoden", so der Stuttgarter Urheberrechtsexperte Norbert Flechsig, in alle Verwertungsbereiche geistig-künstlerischen Schaffens Eingang gefunden: Die Magnetbandtechnik bei Film, Fernsehen und Musik reizt zum verbotenen Deal ebenso wie die Entwicklung billiger Druck- und Kopierverfahren für Bücher, Graphiken und Zeitschriften.
Auf diese Weise komme es, spottet einer der Berliner Köpfe der Raubdrucker-Branche (siehe Interview Seite 53),
zur "Krise des Eigentums im Zeitalter der Reproduzierbarkeit".
Nur selten noch rechnen es sich Literaten zur "Ehre" an, wenn ihre Werke im Schwarzdruck vervielfältigt werden. Der mögliche preisstabilisierende Effekt, den einst linke Politdrucker getreu dem Tucholsky-Wort "Macht unsere Bücher billiger" im Sinn gehabt haben mochten, ist zusehends von dem Bedürfnis der Macher überlagert worden, mit Tausender-Auflagen vornehmlich Kasse zu machen.
Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld jedenfalls hat im heutigen Raubgewerbe "knallharte Geschäftemacher" ausgemacht, "deren einzige Motivation der Profit" sei.
Laut Verleger Axel Matthes, vor allem betroffen durch den Klau seines Szene-Autors Georges Bataille, sind die Auswirkungen des Schwarzdrucks vor allem "mörderisch für kleine Verlage".
Der Berliner Linksverleger Klaus Wagenbach, der noch 1969 entschied, "daß kein sozialistischer Autor das Recht haben darf, seine Werke der Benutzung zu entziehen", hat heute mit den "Gangstern" nichts mehr am Hut.
Die Häufung der "mehr kommerziellen Drucke" beklagt auch der Freiburger Rechtsanwalt Albrecht Götz von Olenhusen, intimer Kenner der Szenerie. Der Urheberrechtsexperte, der bis 1973 in einem "Handbuch der Raubdrucke" 848 Titel zusammenfaßte und seitdem weitere 1100 erfaßt hat, sieht mit dem wachsenden Profit vor allem eine "Schrittmacherfunktion" in Gefahr, die er der Schwarzdrucker-Zunft von einst zubilligte.
Im Jahre 1792, als Raubdrucke in erster Linie noch der Volksaufklärung dienten, urteilte beispielsweise Adolf Freiherr von Knigge: "Die höchst wohlfeilen Nachdrucke bringen Bücher, die außerdem nur von reichen Leuten gekauft und gelesen werden, in die Hände ärmerer Classen und befördern also di Cultur".
Allerdings: Nicht selten ist es auch heute Raubdruckern zu verdanken, daß Großverlage kundenfreundliches Verhalten an den Tag legen - etwa wenn sie außerplanmäßig Taschenbuchausgaben für gängige Titel vorziehen. Gelegentlich auch hat die Arbeit von Schwarzdruckern interessante Qualitätsvergleiche ermöglicht.
Ein raubgedruckter "Asterix", verpflanzt in ein Hüttendorf der "Startbahn West", wurde in der Szene zum Renner. Noch vor den etablierten Verlagen holten Berliner Schwarzdrucker den Anarchismus-Forscher Max Nettlau ebenso aus dem bibliophilen Vergessen wie etwa einen Briefdialog zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud ("Warum Krieg?") oder Reichs "Rede an den kleinen Mann" - gerade neu aufgelegt in einem Verlag namens "Edition Freiheit und Glück".

DER SPIEGEL 11/1985
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