11.03.1985

„Und wem gehört ein Kultbuch?“

SPIEGEL-Interview mit dem Raubdruck-Verbreiter Manfred Jung _(Der Name des 29jährigen Berliner ) _(Arbeitslosen wurde von der Redaktion ) _(geändert. ) *
SPIEGEL: Sie sind im Schwarzdruckgeschäft tätig, kopieren Bücher, an denen Sie keine Rechte besitzen. JUNG: Wir werden verfolgt, egal ob der Satz oder nur der Text geklaut wird, sogar, wenn eine eigene, nur eben unlizensierte Übersetzung erstellt wird. Wir werden auch verfolgt, wenn wir einen Text herausbringen, der nirgends vorliegt, von dessen Autor aber ein Verlag sich die Gesamtrechte unter den Nagel gerissen hat.
SPIEGEL: Vor allem suchen Sie sich eingeführte Bestseller aus.
JUNG: Ich habe zu einem Viertel aktuell vorhandene Literatur in der Tasche, zu einem Viertel vergriffene, zu einem Viertel alte und vielleicht schon freie und zu einem Viertel Eigenproduktionen der Szene.
SPIEGEL: Sieben von zehn Bestsellern der letzten Jahre sind bereits als Raubdruck erhältlich.
JUNG: Aber eben nicht nur Bestseller. Der Fischer Verlag hat sich erst dann dazu bequemt, Wilhelm Reichs "Rede an den kleinen Mann" herauszubringen, als sie schon durch einen Radiovortrag in Berlin und ein Theaterstück in Tübingen auf der Basis eines Schwarzdrucks bekannt war. Die Schwarzdrucker hatten sich den Text selbst erst aus dem Archiv besorgen müssen.
SPIEGEL: Woraus leiten Sie das Recht her, Bücher nachzudrucken?
JUNG: Da gibt es zum Beispiel eine Übersetzung russischer Satiren des Oppositionellen Daniil Charms von 1970. Die soll nicht mehr erscheinen, weil sich ein Würzburger Klein-Verlag nachträglich die Weltrechte angemaßt hat. Er machte sich an die Witwe heran, die es nach Venezuela verschlagen hatte, die ihrerseits nichts für das Werk ihres Mannes getan hat.
SPIEGEL: Mit Vorliebe aber picken sich Raubdrucker aus den Programmen etablierter Verlage die Bestseller und die Kultbücher.
JUNG: Und wem gehört ein Kultbuch? Sämtliche Ideen in der "Unendlichen Geschichte" hat Michael Ende von Jorge Luis Borges geklaut. Diese Quelle hat zum Beispiel auch der SPIEGEL-Rezensent nicht entdeckt, aber der Zeitgeist und die Schwarzdrucke haben sie verbreitet. Ohnehin: Was Ende an Tantiemen verloren hat, hat er durch unsere Werbung gewonnen. Thienemanns hat trotz "zig Millionen Verluste" noch andere Verlage aufkaufen können. Endes Buch ist schließlich jahrelang "trotz" aller Billigausgaben an der Spitze der Bestsellerliste geblieben. Bestimmte Leserschichten hätten es sonst nur im Laden geklaut.
SPIEGEL: Das sind Ihre Kunden?
JUNG: Beim Kneipenverkauf höre ich: "Sonst klaue ich mir die Bücher im Laden, aber bei deinem Preis kann ich mir das Buch auch kaufen." Das Volumen intellektueller Interessen deckt sich nicht mit dem des Geldbeutels. Manche Leute betreten fast nie mehr einen Buchladen, ich aber kann beim Handverkauf Bücher nahebringen, die im Laden untergehen.
SPIEGEL: Diese Kunden könnten doch in die Bibliothek gehen.
JUNG: Gerade jetzt werden ja auch die Bibliotheken ausgetrocknet.
SPIEGEL: Sie können nicht bestreiten, daß die Raubdrucker den Verlagen Schaden zufügen.
JUNG: Da gibt es auch eine Gegenrechnung. Rowohlt wagte erst das höchstrichterliche Verbot von Klaus Manns "Mephisto" mit einer Riesenauflage zu mißachten, nachdem ein Schwarzdruck erfolgreich war und so den Markt erst freigeschaufelt hat. Castaneda ist nur durch Schwarzdrucke bekanntgeworden, anfangs sogar mit eigenen Übersetzungen.
SPIEGEL: Den Autoren bleibt nur die fragwürdige Ehre, ihre Werke per Schwarzdruck verbreitet zu sehen, honorarfrei, versteht sich.
JUNG: Wenn der Autor selbst noch lebt, kann er vielleicht unter einem Raubdruck leiden, wenn er nicht schon vom Verlag gelinkt wurde: Peter Paul Zahl wurde für seinen Erzählband "Wie im Frieden" von seinem Verlag ums Honorar geprellt und erhielt nur von den Nachdruckern 300 Mark, wie auch andere Autoren vereinzelt kontaktiert wurden. Wallraff hat sich für seine "Bild"-Reportage Nachdrucke der unzensierten Ausgabe zur Verbreitung gewünscht.
SPIEGEL: Die Verleger werfen Ihnen vor, daß Sie längst keine politischen Motive mehr haben, sondern nur noch Geld machen wollen.
JUNG: Meinen Sie die verlogene Pressekampagne, bei der immer vom Börsenblatt abgeschrieben wird? Der Staatsschutz jedenfalls wittert immer auch politische Gefahren in unseren Kanälen und kommt bei den Razzien der Gewerbepolizei gern mit.
Der Name des 29jährigen Berliner Arbeitslosen wurde von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 11/1985
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DER SPIEGEL 11/1985
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